Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 36 (3.9.1926)
- Date
- 1926-09-03
- Page
- Seite 466 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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der früher auf den Namen David soh n hörte und sich heute Dawes heißt." Darin gipfelt die Darstellung des internationalen Abkommens über die Verwaltung der deutschen Reichsbahn, eines Abkommens, dem bekanntlich sogar 51 deutschnationale Reichstagsabgeordnete zugestimmt haben. Kein Wort davon, daß der Generaldirektor und sonstige Sachwalter der Reichsbahn einwandfrei „arische" Männer sind, die für die Durchführung ihres fragwürdigen Abbausystems Riesengehälter beziehen. Kurz und bündig nur — Juden- Lttentat: „Die Schuldigen, aus deren Judengehirnen die Maßnahmen stammen^ die den Tod jener Unglücklichen verursachten, kümmern sich nicht darum. Ob an dem Gelde, bas in ihren Säckel sließt, der Schweiß der Arbeiter, das Blut der Opfer und der Fluch der Verwaisten klebt, das ist ihnen gleich." Neben dieser Höchstleistung gewissenloser Rassenhetze des genannten Organs verschwinden fast gleichzeitige Leistungen, wie die Umfälschung eines Zitats aus Dr. Beermanns letztem Artikel in der „Monatsausgabe der C. V.» Zeitung" durch willkürliche Auslassung eines Satzes, sowie hie Unwahrheit, daß, „wie wir hören", ein Staatsanwalt gegen zwei „jüdische Zeugen" des Gönninger-Holz-Prozesses ein Meineidsverfahren eröffnet habe,— kleine Schwindeleien, die halt so mit dreingehen. Beachtenswert ist aber, daß auch das Organ Adolf Hitlers, der „Völkische Beobachter", bezüglich der Eisenbahnkatastrophe in die gleiche Kerbe haut wie Streicher und Holz. In der Nummer dieses Blattes vom 24. August wird das Thema von den „Berliner Dawes- Juden" unter der Ueberschrift „Der Totentanz auf der Juden bahn" abgehandelt, und zwar mit dem charakteristischen Schlußsatz: „Laßt die Juden und Berliner Dawes-Brüder nur noch kurze Zeit weiterwirtschaften, und das Unglück für Deutschland ist nicht abzuseben. Wenn die Ausbentungswut eines Privatbetriebes zur öffentlichen Gefahr für Gut und Blut von Millionen von Bürgern wird, dann muß der Staat eingreifen. Wenn er es nicht tut, darf man sich nicht wundern, wenn das gepeinigte Volk sich einst selber hilft." (!) Es ist ein trostloses Faktum, daß die jüdischen Staatsbürger Deutschlands dieser verbrecherischen Hetze gegenüber recht- und schutzlos dastehen. Diese Hetze gegen ihre „Rasse", sie gefährdet sie als Bürger dauernd, indem sie persönliche Schädigung bis zur Auslösung von Gewaltakten gegen sie provoziert. Wo bleiben für sie die el e m e n t a r st e n Garantien des Rechtsstaates? Das deutsche Strafgesetz bietet keinen Schutz vor dieser Gefahr. Möglich, daß der Erobe-Unfug-Paragraph, von den Staatsanwälten des kaiserlichen Deutschlands gegen Sozialdemokraten oft genug mit Erfolg angewandt, hie und da gegen solche Rassenhetze vielleicht anzuwenden wäre, aber dieser Schutz wäre, selbst wenner in Funktion träte, ein Pappschild. Die antisemitische Hetze, wie sie einst Stöcker, Ahlwardt und Genossen im kaiserlichen Deutschland trieben, hat, wie gesagt, den gegenwärtigen Grad von Ruchlosigkeit nie erreicht. Bei der feigen Devotion, mit der damals diese antisemitischen Elemente „nach oben" schielten, genügte außerdem zeitweilig ein kleiner Wink aus den oberen Regionen, um diese Hetze einzudämmen und ihre irgendwie hervorragenden Vertreter zu isolieren. In der Republik fällt das weg. Trotzdem die Träger der Reaktion ihr von vornherein das Odium der „Judenrepublik" anhefteten, trieb und treibt sie ihre politische Duldsamkeit so weit, daß Mordhetze und Rassenhetze in ihr goldene Zeit haben. Man mag zu dieser Toleranz grundsätzlich stehen wie man will, so müßte man doch blind sein, wenn man die verhängnisvollen Folgen übersehen wollte, die aus ihrer Ausnutzung eitens einer Presse von u n g e h e m m t e r Unwahr- Lästigkeit und Roheit für das gesamte Volkseben e r w a ch s e n. Es darf ja dabei nicht außer Acht geästen werden, daß das deutsche Volk durch Weltkrieg, Zuämmenbruch, Inflation und schwerste wirtschaftliche Nöte in 'einen tiefsten Tiefen aufgewühlt und in anormaler Weise reizbar geworden ist; die gewalttätige Gesinnung bei den radikalen Gruppen rechts und links sind untrügliche Beweise dafür. Die Atmosphäre ist mit Zündstoff genug geladen. Die Vorgänge vor wenigen Jahren in Berlin, wo aus einem geringfügigen Anlaß am städtischen Arbeitsnachweis sich ein tagelang währender Tumult und eine förmliche Belagerung des „Scheunenviertels" durch eine politisch indifferente, verhetzte Menge entwickelte, zeigen auch, in welche Richtung skrupellose Hetzer die Verheerung einer eventuellen Explosion zu lenken versuchen. Der Versuch wird freilich in den Großstädten an der politischen Schulung der Arbeitermassen scheitern. Anders aber steht es vielleicht in der Provinz, besonders aus dem flachen Lande. Dort finden ja auch die Blätter, die ihr Dasein auf antisemitische Hetze gründen, ihr eigentliches Publikum. Und dort muß schließlich die Gleichheit aller Staatsbürger, so stark sie verfassungsmäßig verankert scheint, im praktischen Leben zur Farce werden. Der Klassenhetze hat der Rechtsstaat Schranken gesetzt, nicht so der Rassenhetze. Kein Wort gegen das Palladium der Pressefreiheit. Aber es erhebt sich die Frage, ob ein Rechtsstaat Auswüchsen gegenüber, die die Gleichheit aller Staatsbürger auslöschen und die Ruhe und Sicherheit eines erheblichen Volksteils beeinträchtigen, auf die Dauer einspruchlos verharren kann, ohne sich selbst aufzugeben. vorbildliche Aufklärungsarbeit. Ein Vortrag über Das JuDentnnr vor Schulkindern. Kurz vor Den großen Ferien bat Professor Dr. Engen Wölbe einen Aufklärungsvortrag über die jüdische Religion im Kaiser-Friedrich-Realgymnasium Zu Neukölln gehalten. lieber Diesen Dortrag schickt jetzt ein Schüler der Klasse einen Bericht ein, den er aus Grund der Erinnerungen der Klasse zusammengestellt hat, und der ein wertvoller Beweis dafür ist, wie nachhaltig der Vortrag aus die Schüler gewirkt hat. Wir hvfsen, daß auch in anderen Schulen sich Lehrer finden werden, die im Nahmen des Religionsunterrichts ihre Schüler durch wirkliche Kenner des Judentums über Rasse und Geschichte der Juden ausklärcn lassen und dadurch gegen die Verhetzung Der Schulkinder wirken. Die Schriftleitung. Im Anschluß an eine mehrstündige Besprechung der jüdischen Religion im evangelischen Religionsunterricht der Unterprima des Kaiser-Friedrich-Realgymnastums zu Neukölln und einen Besuch der Synagoge am Kottbuser Ufer war Herr Professor Dr. Wölbe am 24. Juni so freundlich, dieser Klasse in einem Vortrag Aufklärung über die Lehren des Judentums zu geben. Der Vortrag befaßte sich zunächst mit der jüdischen Ethik, die zur Grundlage der Ethik aller Kulturvölker geworden ist. Es wurde auf die Ueberlegenheit der zehn Gebote gegenüber den sittlichen Anschauungen der nichtsemitischen Völker der biblischen Zeit besonders hingewiesen. Der Vortragende kam dann auf den reinen Monotheismus zu sprechen, wie wir ihn doch eigentlich nur im Judentum finden. Er betonte, daß schon im Interesse der Erhaltung dieses Monotheismus das Judentum jeden Mittlergedanken und jede Anerkennung einer Trinität ablehnen müsse. Aus eben diesen Gründen kann das Judentum Christus auch nur als Propheten, nie aber als göttlich anerkennen. Bei einer kurzen Besprechung des jüdischen Zeremonialkults, besonders der Feste und der Stznagogengebräuche, hob der Vortragende die hohe ethische Bedeutung des Sabbats als religiöser Familienfeier hervor. Er verteidigte das Judentum gegen Vorwürfe, die ihm hauptsächlich von antisemitischer Seite genracht werden. Das eigentümliche Z i n s g e b o t zum Beispiel (vom Nochri sollst du Zins nehmen!) ist eben nur aus der Zeit heraus zu verstehen, in der es entstand. Es ist klar, daß die Juden von den Nichtjuden Zinsen nehmen, da jene ja auch von ihnen Zinsen nahmen. Der Jude nahm jedoch keinen Zins vom Juden. Die oft fälschliche Auslegung des Ausspruchs „A u g e u m A u g e, Z a h n u m Z a h n" wurde widerlegt an der Tatsache, daß dies Zitat vollkommen aus dem Zusammenhang gerisien ist. Die auser w ä h 1 t e Stellung des jüdischen Volkes ist nicht, wie irrtümlich behauptet wird, eine Bevorzugung, sie hat ihm vielmehr besondere Verpflichtungen auferlegt. Der Messiasgedanke wurde als etwas spezifisch Jüdisches hingestellt. Gegenüber allen anderen mehr oder minder pessimistisch eingestellten Religionen glaubt das Judentum an eine Fortentwicklung der Menschheit. Zum Schluß kam der Vortragende noch auf die geschichtliche Entwicklung des Juden zum Geschäftsmann zu sprechen. Er wies darauf hin, wie die Juden durch den Ausschluß aus den Zünften usw. in diese Laufbahn gedrängt worden sind. Der Unternehmungsgeist des Juden wurde als aus ein dem Juden eigenes .starkes Gottvertrauen begründet erklärt. Die anschließende Diskussion ergab nicht viel, da die hauptsächlichsten Vorwürfe ja schon im voraus widerlegt waren, und da unter den Zuhörern kaum einer stark antisemitisch orientiert gewesen sein dürfte. Ein Schüler des Kaiser-Friedrich-Realgymnasiums (Neukölln).