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Central-Verein-Zeitung · 1926-08-27 · 35 (27.8.1926) · p. Seite 457

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
35 (27.8.1926)
Date
1926-08-27
Page
Seite 457 (sequence 5)
Language
German
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457 I cUnCere jQäkr (Bwewem Zue Soziologie der Berlinf 20. August 1926. An die Schristleitung der „C. V.-Zeitung". Es ist mir zwar bekannt, daß in dieser Zeitschrift, die parteipolitisch mit Recht neutr-at eingestellt ist, eigentlich eine parteipolitische Betrachtung feinen Platz finden kann. Aber trotzdem sei es, ohne das Prinzip dieser Zeitung damit zu berühren, doch einmal auch einem Marxist c n gestattet, als Marxist, d. h. nur vom Gesichtspunkt der sozialistischen Weltanschauung aus, nicht aber als Parteimann, etwas zu dem Problem der Soziologie der Deutschvölkifchen zu sagen. Wir können heute schon die Tatsache seststellen, daß d i e Deut sch völkische F reihe i t s p a r L e i überall im Reich wie in den Ländern im Abstieg begriffen ist. Dabei ist cs dem die gesellschaftlichen Vorgänge tiefer Betrachtenden klar, daß dies nicht aus der mangelnden Anziehungskraft des antisemitischen Schlachtrufes allein beruht, sondern daß andere Gründe dahinter stecken müssen. Und da ergibt sich folgendes: „Während wir zugeben müssen, daß auch ^hinter denen, die wir aufs schärfste bekämpfen, hinter den monarchischen Rechtsparteien, b e st i m m t e Machtgruppen stehen, daß diese Parteien Vertreter b e st i m m t e r Klassenanschauungen find — mögen wir diese Klassenanschauungen für noch so verkehrt halten — so zeigt sich im Gegensatz, daß die Deutschvölkische Freiheitspartei, soziologisch gewertet, völlig in der Luft schwebt- In ihr sammeln sich Desperados und Phantasten, Menschen, die aus Fanatismus oder aus Verworfenheit nichts darin finden, eine Minderheit durch das Mittel der Gewalt beseitigen zu wollen, aber — und das ist das Entscheidende — aus dem Reservoir einer Klasse strömen ihr keinerlei Kräfte zu. Mögen die Herren von -den Völkischen noch so stolz aus die Tatsache sein, daß ein paar von ihnen gekaufte Arbeiter in ihr antisemitisches Horn blasen, der A r b e i t e r, der sich seit Martz als klassenbewuß- „vir Würdelosigkeit unserer Berlin-Grunewald, 20. August 1926. An die Schriftleitung der „C. V.-Zeitung". Ich bin der Redaktion der „C. V.-Zeitung" dafür dankbar, daß sie mir für einige Worte der Aufklärung zu den Bemerkungen von L. H. in der Nummer vom 6. August Gastfreundschaft gewäihrt. L. H. knüpft dort eine kritische Betrachtung an die von mir in einem Aufsatz der „Weltbühne" gebrachte Formulierung, der Zionismus fei die Weltanschauung einer Generation, welche „die Würdelosigkeit ihrer lügenverstrickten Existenz in Europa durchschaut hat". Dieser Anschauung stellt L. H. „unser inneres deutsches Erlebnis" gegenüber. Es sei mir daher gestattet, kurz zu erklären, was mit der Zitierten Formel gemeint ist. Schon in jenem Aufsatz der „Weltbühne" heißt es im Anschluß an den von L. H. angeführten Satz weiter, das neue von den Zionisten erstrebte Leben werde „selbstverständlich nicht von allen Bosheiten des Menschenlebens frei Deutschvölkischen. ter Proletarier bezeichn e t, hat nichts mit i h n e n 3 ii schasse n. Er weist mit Verachtung die Zugehörigkeit zu einer Partei von sich, tbcxen iales Programm eine einzige ge darsteltt'. Nicht anders steht es mit den völkische il Wählern aus bürgerlichem Lager, deren Klasseninteressen so heterogen sind, daß sie nie und nimmer unter einen Hut zu bringen sind, die, brächte man sie zu einer Diskussion zusammen, mit Naturnotwendigkeit klassenmäßig in verschiedene Parteien zerfallen müßten. Mit der Gesundung des wirtschaftlichen Lebens, mit der Beruhigung des politischen Geschehens werden in Deutschland die politischen Parteien sich fester fundieren, und die Labilität der Grenzen wird einer festen Grenzscheidung weichen. In diese in Augenblick wird sich zeigen, daß für die Völkischen nichts übrig bleibt. Im Deutschen Reichstag war nach den Neuwahlen im Dezember 1924 dne Diskussion über die Frage, ob man die Vertreter der völkischen Wähler rechts oder links placieren solle, entstanden. Man hätte sich den Streit sparen können, so charakteristisch er wan zeigte er doch das Unsichere, schwankende der Situation, zeigte er doch zur Evidenz, d a ß f ü r d re V öl k i - s ch e n e i n e E x i st e n z b e r e chtigung i m -Sinne einer geschloss cnen Partei nicht gegeben i st. Diese Tatsache soll und darf nicht zu einer Unterschätzung der völkischen Gefahr, die heute noch in gewissem Umfange vorhanden ist, führen. Aber sie ist vielleicht doch geeignet, allzu pessimistische Betrachtungen zu mildern. Denn ein Organismus, von dem man weiß, daß er feiner historischen, politischen, soziologischen Funktion nach, über kurz oder lang zu einem Zusammenbruch verurteilt ist, gleicht einem Lustgebilde, das nicht viel schreckenerregender ist als irgendein böser Traum, deu man mit einem kräftigen Schlafmittel bekämpft. Reg.-Rat H. Werner Perser. lügenverstrickten Existenz." sein, aber doch wenigstens nicht der Vergiftung durch die äußere und noch mehr innere Abhängigkeit des Judentums in der Diaspora unterliegen". Daß die Situation des Juden keineswegs die einer völligen äußeren und inneren Freiheit ist, bedarf gerade für die Leser der „C. V.-Zeitung" keines Beweises. Denn wiederholt wurde in der „C. V.-Zeitung" die -Lage der Juden richtig charakterisiert, zuletzt in dem Aussatz von Dr. Emil R o t h über den Magdeburger Jnstizskandal, wo ganz richtig darauf verwiesen wird, daß die beteiligten Justizbeamten durch eine nur noch pathologisch erklärbare Ansicht über jüdische Dinge zu ihrem Verhalten veranlaßt fein können. Es wirken hier irrationale Momente, die stärker sind als Argumente. Die Erlebnisse der letzten Zeit: M -a g d e b u r g, der Fall L e s - sing, die R i t u a l m o r d h >e tz e in B r e s I a u und die ganze Atmosphäre, in der das deutsche Judentum lebt, beweisen, daß der Glaube einer wirklichen Identität von Deutschen und Juden eine Illusion ist. Mit Recht hat auch kürzlich Dr. Gold m a n n in der „C. V.-Zeitung" festgestellt, daß ein fovtfch reitender Isolierungs- Prozeß der Juden stattfindet, den er allerdings nur als „Taktik" und nicht als „Prinzip" gutheißt. Die Gleichberechtigung der Juden ist eine Lüge; denn faktisch werden Juden überall zurückgesetzt, in der heutigen Republik ebenso wie im Kaiserreich. Dieses Verstricktsein in eine Situation, die nach a-ußenhin lügenhafterweise verdeckt wird, kann auf den Charakter und Seelenzustnnd der Juden nicht ohne Einfluß bleiben. Sie muß unvermeidlich eine seelische 'Abhängigkeit bewirken, die nicht nur ängstlich auf das Urteil der Nichtj-uden über jüdische Dinge achtet, sondern auch, um doch der verweigerten Gleichstellung teilhaftig zu werden, rinwillkürlich das jüdische Wesen verbergen läßt. Dieses Verbergen macht die Nichtjnden noch mißtrauischer und den Juden noch unsicherer, und führt den Juden schließlich in jene Schwierigkeit, die ich, ohne dadurch gegen irgendjemand einen ehrenrührigen Vorwurf erbeben zu wollen, o b jekti v gesehen als „Würdelosigkeit einer lügenverstvickten Existenz" bezeichnet habe. Leider verbietet mir der Mangel an Raum, diese These mit weiteren Beispielen ans dem Leben, aus der Literatur und aus der fall alltäglichen inneren Erfahrung jedes Juden zu illustrieren. Doch ist diese Lage der Juden überall in der Welt die gleiche, obwohl es in der Entwicklung des Verhältnisses zwischen Juden und Nichtjuden verschiedene Stadien gibt. Ich verweise auf die Bücher des bekannten amerikanischen jüdischen Schriftstellers Ludwig L e w i s o h n. dessen Buch „Gegen den Strom", das auch in deutscher Uoberfetzung erschienen ist, in der „C. V.-Zeitung" warm empfohlen wurde; schon „Gegen den Strom", noch mehr aber das jüngst in Amerika erschienene Buch „Israel" (New York, Boni & Liveright), worin er ausführlich die äußere und seelische Situation des amerikanischen Staatsbürgers jüdischen Glaubens analysiert, zeigt geradezu verblüffend die Uebereinstimmung der Judenfrage in allen Ländern. Dasselbe gilt für Oesterreich, so daß das gegen mich gebrachte Argument, ich könne als außerhalb Deutschlands geborener Jude nicht mitreden, um so weniger stichhaltig ist, als ich ja in meinem Aufsatz gar nicht von der spezifisch d e u t s ch e n Judensrage, sondern überhaupt von der Judensrage gesprochen habe. Meines Wissens anerkennt auch der C. V. die ö st e r r e i ch i f ch e n Juden im Sinne des Anschlußgedankens als zu ihm gehörig. Ich kann versichern, daß unsere in der A-eva des Liberalismus ausgewachsenen von uns verehrten Väter sich ebenso als Deutsche fühlten wie reichsdeutsche Juden, sofern, sie nicht später aus der Illusion eines nur noch in jüdischer Vorstellung existierenden Liberalismus erwachten und — die „Würdelosigkeit unserer lügenverstrickten Existenz" erkannten. Auch wir Zionisten sind nicht so blind, um nicht zu erkennen', daß auch in uns das Deutschtum, wirksam ist. Wir wissen, daß wir Juden mehr noch als andere Pünschen eine Mischung darstellen, aber wir wollen, wie Martin B über einmal sagte, nicht die Sklaven, fordern die Herren dieser Mischung sein. Wir sind überzeugt, daß in dem Augeng.t>. «Btolfe»! 3n der während des Neujahrsfestes aufliegenden Nr. 37 der L.V.-Zeitung vom 3.September d.Z. bietet die neue Rubrik für GlüÄwur»kcha«relae« die beste Gelegenheit, an Verwandte, Freunde, Bekannte, Kunden, Gäste usw. gelangen zu lassen. DeulahiMiiße und -aliickwünsche Da die Glückwunschanzeigen bei den über hunderttausend Lesern der C.B.-Zeilung besonders interessierte Beachtung finden werden, wird es sicherlich auch Ihr Wunsch sein, sich in dieser Rubrik vertreten zu sehen. Den Text Ihrer Anzeige, die zum ermäßigten Zeilenpreis von 45 Pfennig berechnet wird, wollen Sie uns freundlichst unter Benutzung des umseitigen Bestellscheines bis spätestens Freitag, den 3. September d. L., einsenden.

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