Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 35 (27.8.1926)
- Date
- 1926-08-27
- Page
- Seite 456 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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456 praktischer Antisemitismus. „Schaltet die Jaden aas." Wir haben schon des öfteren sestgestellt, wie die Völkischen es verstehen, ihre nationale Gesinnung geschäftlich zu verwerten. Nicht immer bedarf es dazu sy umfangreicher Organisationen, wie Herr Alexander Beythien sie mit seiner „Hansa" und feiner „Notbrüderschast" ins Leben zu rufen versuchte. Auch kleinere Kaufleute benutzen ihren Antisemitismus als Propaganda für ihr eigenes Geschäft und scheuen sich nicht, in ihren Anpreisungen den Boykott jüdischer Geschäfte ganz offen auszusprechen. Als Musterbeispiel sei hier einmal ein Prospekt wieder gegeben', wie sie dem „National- .sozialist" (Organ der Nationalsozialistischen Partei) beizuliegen pflegen. Da heißt es — nicht etwa in einem privaten Rundschreiben — sondern in aller Oefsentlichkeit: „Nationalisten! Antisemiten! Der allgemeinen wirtschaftlich schlechten Lage wegen gebe ich nach^ folgendes Son-er-Ausrüstungs-Angchot bekannt, um allen Ortsgruppen und Kameraden es möglich zu machen, die Einkleidung usw. zu angenehmen Preisen vorzunehmen. Infolge meiner nationalisozialistifchen offenen Geschästseinsteürmg von allen Seiten bekämpft und mit Kreditsperre verhängt, kann ich jedoch nur unter Nachnahme liefern. Unterstützt das einzige rein antisemitische Unternehmen! Macht S a m m e l b e st e l l u n g e n! Katalog mit 200 Abbildungen gratis. Werbt neue Kunden aus allen euch befreundeten Verbänden, datz der Bude überall geschäftlich ausgeschaltet wird, denn dann ist die Budenfrage gelöst. Wenn der Bude geschäftlich boykottiert wird, verläßt er von ganz allein das Land. Unterstützt daher nur deutsche Geschäfte! Mit treudeutfchem Gruß 1. Völkisches Versandhaus usw." Und dann folgt eine Liste, in der alles angeboten wird, was ein Nationalsozialist Zur Ausstattung braucht: vom Hitler-Hemd bis zum Bierzipfel; von der Propagandamarke bis zum Parteiabzeichen und dem Wafsenrock mit Orden; von der Stinkbombe aus Glas (unschädlicher, wüster Geruch garantiert) bis zum Schlagring mit und ohne Spitze — eine wahre Auslese von Waffen und Munition, natürlich alles „Nachbildungen". („Verlangt Sonderkatalog!") Die völkische Bücherecke zeigt schließlich noch an, wer die wahren Feinde sind, gegen die diese Rüstung dienen soll: Die Protokolle der „Weisen von Zion", „Adolf Hitlers Reden", „Dinkers Sünde wider Liebe, Geist, Blut" werden da angeboten und schließlich das Liederbuch der Nationalsozialisten, das sechzig Kampf- und Hitler-Lieder enthält, und von den: es — als besonderes Anziehungsmittel heißt: „im besetzten Gebiet verboten". # Am schlimmsten aber treibt es Herr Julius Streicher in seinem „Wochenblatt zum Kampfe um die Wahrheit" „D erstürme r". Er erläßt darin einen Aufruf, in dem er alle Leser aufsorderh niemals mehr bei Firmen zu kaufen, „die noch deutsche Namen tragen, hinter welchen aber der Jude als Inhaber sein Unwesen treibt", und ihm Zu helfen, ein Verzeichnis aller solcher Firmen auszustellen. Nur einige Stellen dieses Ausrufes seien hier wiedergegeben: „Wir haben kein Recht, über die Juden und ihren ergaunerten Reichtum zu schimpfen, so lange wir dem Juden das Geld freiwillig ins Haus tragen. So wie der Jude sich Zusammenschließt, um dem Nichtjuden das Fett über die Ohren zu ziehen, so müssen wir Nichtjuden uns zur Selbsthilfe zusammenschließen. Wir muffen so weit kommen, daß es jeder Nichtjude als eine Schande empfindet, die Schwelle zn überschreiten, die ins jüdische Kanfhaus führt. Wenn es uns Nichtjuden gelingt, dem Juden wirtschaftlich Abbruch zu tun, dann treiben wir praktischen Antisemitismus. Im gleichen Maße, in welchem der Geldsack des Juden schwindet, wird die wirtschaftliche Kraft der Nichtjuden wachsen. Wir müssen endlich ansangen, uns für solches Denken nnd Handeln reis zu machen. Wir müssen uns gegenseitig dazu erziehen . . . Niemand sott fürderhin sagen: „Auf meine paar Pfennige kommt es nicht an!" Wer so spricht, ist ein Lump und hat keinen Anspruch darauf als Deutscher zu gelten . . Der Jude kennt die Gefahr, die ihm droht. Darum setzt er dort, wo er mit offenem Visier sich nicht zu zeigen wagt, eine Maske auf. Er segelt unter dem ehrlichen Namen irgendeines N i ch t j u d e n und läßt das Volk in dem Glauben, als mache es seine Einkäufe in einem deutschen Geschäft. Wir haben in Nürnberg eine große Anzahl von Firmen mit deutschen Namen,, hinter welchen sich irgend ein Jude versteckt. Es ist unsere Pflicht, daß wir solchen Juden die Maske endlich vom Gesicht reißen. Wir fordern hiermit die deutsche OeffentSichkeit auf, uns bei dieser Demaskierung behilflich zn sein. Insbesondere euch, deutsche Geschäftslente, die ihr um euer täglich Brot schwer zu ringen habt, fordern wir ans, uns in unserem Kampfe beiznftehen. Wir kämpfen für euch, nicht für uns. Wir ersuchen um Nennung aller Firmen, die noch deutsche Namen tragen, hinter welchem aber der Jude als Inhaber sein Unwesen treibt. An Hand eines Verzeichnisses solcher Geschäftshäuser ist es uns dann möglich, die Käufer zu warnen und vom Juden wegzuleiten. Die Namen derjenigen, di-e uns ihre Hilfe leihen, bleiben als Redaktionsgeheimnis verschwiegen. Also auf — an die Arbeit!" Reise in Hinterpommern. Von Sise Leibholz. Der Name des Pommernlandes östlich der Oder wird im deutschen Sprachgebrauch häufiger im übertragenen Sinne als in seiner geographischen Bedeutung angewandt. Zweck der sommerlichen Reise ist weniger die Propaganda in eigenen Reihen als der dringende Wunsch, die Umwelt unserer Freunde in Hinterpommern aus eigener Anschauung kennenzulernen, damit die Kenntnis der dortigen Verhältnisse unserer Winterarbeit Richtung und Ziel gebe. Meine erste Bekanntschaft mit einem Hinterpommer machte ich zwischen S ch i v e l b e i n und B e l g a r d. Er fühlte sich allen Ernstes verpflichtet, die Vergiftung meiner Seele durch die verderbte Lektüre unvaterläudischer Berliner „Judenzeitungen" abzuwenden, und er schien mir in seiner Mitteilsamkeit und Offenheit Vertreter nur eines kleinen Teiles der sonst so verschlossenen pommerschen Bevölkerung. Die neue Zeit verlangt einen neuen Geist. Alte, ehrsame Bürgerfeste und Kriegervereinsveranstaltungen sind vorsintflutliche Begriffe. Heute feiert jedes Dorf, jede Stadt ihren „Deutschen Tag". Fahnenweihen, Regimentsfeicrn, Denkmalsenthüllungen geben jeden: Hinterpommern Gelegenheit, das Abzeichen des „Bismarck-Bundes", des „Stahlhelm", des „Bundes Pommerntreue", des „Box- und Fechtklubs" und zahlreicher anderer Verbände stolz zur Schau zu trügen. Die „Pommersche Zeitung", das „Kolberger Tageblatt" und viele andere kleine Schwestern der großen „Deutschen Zeitung" füllen ihre Spalten mit Festberichten und säen Saat des Hasses und der Zwietracht. Selbst einen Vortrag im Kreise unserer C. V.-Mitglieder glaubte das ,-Kolberger TagebstUt" als „Verjuduug" der Ostseestadt buchen zn muffen. .Aber es soll nicht unerwähnt bleiben, daß die Forderung vieler Ostseebadeverwaltungen: „Politisiere zu Hause und ruhe aus am Strande", verständnisvollen Widerhall gesunden hat. Im Gegensatz zu vergangenen Jahren werden heute politische Meinungsverschiedenheiten und Flaggenstreite nicht mehr am Strande ausgetragen. Die Badeverwaltungen ordnen ausdrücklich an, daß bei Nn:zügen politischer Verbände die Kur- und Badeanlagen nicht betreten w e r'd e n dürf e n. Ueber solche erfreuliche Objektivität läßt sich leider nicht aus vielen Orten Hinterpommerns berichten. Die vereinzelten jüdischen Schüler an höheren Lehranstalten Hinterpommerns müssen im allgemeinen erst durch wiederholte Faustkämpfe den anderen Mitschülern gegenüber ihre Daseinsberechtigung behaupten.. Das Leid der einzelnen soll nicht unerwähnt bleiben, die gemeinsam mit zehn bis zwölf anderen Mitschülern vom Lande in die nahe Kreisstadt zun: Unterricht fahren: wehe dem echt pommerschen christlichen Jungen, der zu dem jungen Inden ins Abteil steigt, und dreimal wehe dem, der gar mit dem Juden spricht. Bei Ausflügen interkonfessioneller, von den Schulen geförderter Sportvereine, weigern sich gar zwölfjährige Jungen, mit den reizenden blonden Töchtern einer hochangesehenen jüdischen Familie zu tanzen, einer Familie, die seit Generationen das blühende Genuündewesen der Heimatstadt entscheidend beinslußt. Und ein Schildbürgerstückchen! In wo die Verfasserngsseier, dank der freisinnigen Zeitung, die seit hundert Jahren in einer alten Demokratensamilie beheimatet ist, mehr begeisterte Anhänger als in jeder anderen pommerschen Stadt fand, wurde sie von der Stadtverwaltung abgelehnt. Der Grund? Der vorgeschlagene christliche demokratische Reichstagsabgeordnete, der die Festrede halten sollte, war den Herren von der Rechten im Stadtparlament zu jung an Jahren, zu wenig reif an Lebenserfahrung. Die Feier wurde ohne die Stadtverwaltung würdig vorbereitet und mit dem „jungen Redner", der zwölf Jahre früher alt genug war, sich freiwillig znm Heeresdienst zu melden, und der vor zehn Jahren nicht zu jung war, um als deutscher Offizier seine Kompagnie vor den Feind zu führen, begangen. Das Vertrauen seiner politischen Freunde gab ihm schon vor zwei Jahren das schwere und verantwortungsvolle Amt des Reichstagsabgeordneten. Die Entwicklung der Wirtschaft hat auch in Pommern im letzten Jahre notwendigerweise politische und konfessionelle Einflüsse in den Hintergrund gedrängt. Es wäre falscher Optimismus, zu glauben, daß Wirtschaftlichkeit und gesunder Menschenverstand den in aller Oefsentlichkeit geübten Boykott des „Landbundes" und vieler Rechtsverbünde vollkommen überwunden hätten. In zäher Arbeit versuchen alteingesessene, angesehene jüdische Kaufleute durch das Beispiel vorbildlicher Pflichterfüllung und größter T r e ue in Handel u n d Wandel alte Kundschaft wiederzu gewinnen, die einer fanatischen, einseitigen, politischen Verhetzung vielfach erlegen ist. Für den C e n t r a l v e r e i h bleibt die Aussicht auf ein weites Betätigungsfeld, aus unermüdliche Arbeit, damit auch in Hinterpommern nicht länger der Anschein bestehe, als ob wahres Deutschtum einer bestimmten politischen Kaste in Erbpacht gegeben sei, und als ob Angehörige anderer Parteien und Konfessionen rechtlose Bürger Zweiter Klasse seien.