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Central-Verein-Zeitung · 1926-08-27 · 35 (27.8.1926) · p. Seite 455

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
35 (27.8.1926)
Date
1926-08-27
Page
Seite 455 (sequence 3)
Language
German
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Wer ist der teste deutsche? / Jfniionaie Gesinnung ist nidti an die „Müsse“ gebunden. Im August-Heft der völkischen Zeitschrift „Deutschlands Erneuerung" veröffentlicht der Rektor der Universität Erlangen, Professor Dr. Robert Gradmann (Erlangen), die von ihm gehaltene RekLoratsrede über „Volkstum und Rasse in Süddeutschland". Aus dieser Rede sind folgende Gedankengänge von um so größerer Bedeutung, als sie in einer st r e n g völkischen, antisemitischen Zeitschrift veröffentlicht werden. Gradmann geht von der Tatsache aus, daß die Bevölkerung innerhalb des Reiches keineswegs als rein deutsch im Sinne der „Rassen"theorie angesprochen werden kann. „Wie stark die Beimischung von slawischem Blute sein muß, beweisen unmittelbar die Abertausende von slawischen Familiennamen, deren Träger sich übrigens an treudeutscher Gesinnung von niemand übertreffen lassen. Volkstum und gar nationale Gesinnung, um dies gleich vorwegzunehmen, sind überhaupt nicht an die Rasse gebunden*), nirgends kann man bessere Deutsche sinden als in Südtirol, Kärnten und Steiermark, und doch ist die dortige deutsche Bevölkerung außerordentlich stark mit rätoromanischem und slawischem Blute gemischt- Durch diesen Sachverhalt wird der Abstammungs- und Nassenfrage von vornherein die peinlichste Spitze abgebrochen; der gewiß nicht unedle Wettstreit um die Ehre, der beste Deutsche zu sein, muß auf anderein Vwden, durch den Talbeweis, entschieden werden*)." (<s>. 136.) Um zu zeigen, daß; SüdderrLschland nicht altes, reindentsches Kernland sei, wie früher allgemein angenommen wurde, weist Gradmann auf die anthropologischen Erhebungen hin, die auf Anregung K i r ch o w s seit 1874 vorgenommen wurden. „Entgegen aller Erwartung stellte sich heraus, daß die Prozentzahl der Blonden und Blauäugigen ihren Gipfelpunkt durchweg im Norden erreicht; davon schließt sich auch das ostelbische Tiefland nicht aus. In Mitteldeutschland sind schon mehr Brünette beigemischt, und iin einzelnen Teilen Deutschlands und noch mehr in der Schweiz und in den österreichischen Alpenländern sind sie bereits in der Ueberzahl. Wirchow zieht daraus den Schluß, die Rückwanderung -der Deutschen »ins ostelbische Tiefland sei so stark gewesen, daß das dunklere slawische Element dort fast ganz verdrängt wurde; umgekehrt sei die starke Vertretung des brünetteren Elements in Süddcutschland einer entsprechend reichlichen Beimischung altkeltischer und zum Teil auch slawischer Bevölkerung Zuzuschreiben. Die bisherige Anschauung wird geradezu aus den Kopf gestellt: rein deutsch ist setzt auf einmal der Norden, stark gemischt der Süden. . . . Die anthropologischen Beobachtungen, die jener Auffassung zugrunde liegen, erweisen sich als unwiderleglich: sie sind ^inzwischen durch mancherlei Stichproben bestätigt und bekräftigt worden. Anders ist es mit den Schlüssen, die daraus gezogen wurden. Diese ruhen offenbar aus zwei Voraussetzungen, die sich heute nicht mehr halten lassen. Der eine T r u g s ch l u ß i st leicht zu durchschauen; er besteht in der GLeichsetzung von Blond und D e u t s ch st ä m m i g*)- Darin steckt eine ganze Reihe von Gleich- .setzungen. Was dabei - vorschwebt, ist die Rasse, die jetzt als nordisch bezeichnet wird- Aber nicht alle blonden Menschen sind nordischer Rasse, nicht alle Nordrassifchen sind Germanen, und auch Germanisch und Deutsch ist durchaus nicht dasselbe *)." (S. 137/38.) Ueber dre Entstehung der Raffen äußerte sich der Redner folgendermaßen: „Untersuchen wir das Gesamtphänomen der zonalen Anordnung der Menschenrassen nach der Methode der vergleichenden Geographie, so stellt sich bald heraus, daß weder geologisch-morphologische noch politisch- *) Von uns gesperrt. Die Schriftleitung. historische Linien irgendwie ähnliche Verbreitungsbilder und damit die Andeutung eines Kausalzusammenhanges ergeben; einzig die Klimatologie bietet, was wir suchen. Die Klimazonen (und die klimatisch bedingten Vegetationszonen) zeigen tatsächlich eine überraschend ähnliche - Anordnung; namentlich verlausen die Jntensitätsstusen der Sonnenstrahlung gleich den Pigmentierungsstufen der Menschenrassen in annähernd äquatorialen Gürteln. Man kommt damit einfach aus die alte landläufige Ansicht zurück, die das Dunkelwerden der Mensäzen gegen den Aeguator hin immer mit der kräftigeren Sonne des Südens in Verbindung gebracht hat. Die Beziehung ist ebenso klar und auffallend, daß sie überhaupt nicht übersehen werden kann." (S. 142.) _ „Es gibt keine Vererbung erworbener Eigenschaften; reine Nassen sind, soweit unsere Erfahrung reicht, im wesentlichen unveränderlich. Aber nicht das gleiche gilt von N a s s e n g e m r n g e n , wie sie in allen europäischen Völkern schon seit Jahrtausenden vorliegen; sie sind einer Umwandlung recht wohl fähig." (S. 141.) G r a d m a n n zieht die Folgerung daraus: „Die besonders st a r k e Zunahme der brünetten Rassen in Süddeutschland ist ebenfalls -aus eine Begünstigung d u r ch s ü d d e u t s ch e U m Welt, i n e r st e r Linie das Klima, zurückzuführen; eine Zeitlan 3 gewaltsam Zurückgedrängt, nehmen sie jetzt l a n g - s .a m, Schritt f ü r Schritt ihren natürlichen Erbanteil wieder in Besitz. Zu diesem Ergebnis zwingen uns die Tatsachen, nt03 es uns lieb sein oder leid. An der deutschen Art der Bevölkerung wird damit nichts geändert. Denn, um es noch einmal hervorztcheben, Deutsch i st nicht soviel wie G e r m a n i s ch , u n d Germanisch nicht wie Nordisch*). Manche spezifisch deutschen Züge, wie etwa die musikalische Begabung, die deutsche Gutmütigkeit, das ausfallende Zurückireten des nordischen .Herrenmenschentums, der unverdrossene Fleiß, die fanatische Ordnungsliebe, ein gewisses schwerfälliges, kleinbürgerliches Wesen, sie beruhen vielleicht zum Teil gerade auf der Rassenmischung." (S. 146.) Ueber die völkische Geschichtsauffassung führt Grad m a n n aus: „Ueberdies enthält jene Geschichtsauffassung, nach der alles Heil von der nordischen Rasse kommt, zwar ohne Zweifel einen gewichtigen Kern von Wahrheit, darf aber keinesfalls so einseitig auf die Spitze getrieben werden. Ueberhaupt wird man die Verhimmelung der Nordrasse, wie sie fast noch mehr bei französischen, englischen, amerikanischen als bei deutschen Schriftstellern gesunden wird, ruhig ablehnen dürfen, namentlich soweit sie aus Kosten anderer geschieht. (Wie .sehr das seelische Bild der nordischen Nasse idealisiert wird, geht am schlagendsten daraus hervor, daß ihr die Nassensorscher der verschiedenen Nationen jedesmal mit Vorliebe die Züge ihres eigenen nationalen Ideals leihen. Für den Engländer ist es der sportliebende Gentleman und königliche Kaufmann, für den De ick scheu bald der idealistische Gelehrte und Dichter, bald mehr der tapfere Offizier. Und weil jede Nation auch ihren Popanz und Prügelknabenthpus braucht, weil dem Achilleus ein Thersites gegenüberstehen muß, so hat man die Nundkopsrasse aus» gesucht, um ihr je nachdem die Züge des deutschen Proletariers und Emporkömmlings, des französischen, des englischen Snob anzuhängen.) Zweifellos hat jode Rasse ihre eigentümlichen Vorzüge. Einem etwaigen R a.s s e n d ü n k e l gegenüber ist es vielleicht nicht überflüssig, auch daran immer wieder zu erinnern, daß nach einem Worte Luschans der Unterschied Zwischen den verschiedenen Rassen, besonders in bezug aus ethische und intellektuelle Eigenschaften, nicht .entfernt so groß ist wie der zwischen einzelnen Individuen der einzelnen Rasse. Auch unter den Vertretern der nordischen Rasse gibt es Verbrechernaturen und Stumpfsinnige, die von einem intelligenten Neger an Mutterwitz Übertrossen werden, ttnb jeder kennt in seiner Umgebung Beispiele von geistig außerordentlich hochstehenden und durch edle Gesinnung ausgezeichneten Menschen, die unverkennbare Merkmale der vielgeschmähten Nundkopsrasse in sich tragen." (S. 147/48.) schäften" der bösen Juden .und Freimaurer ausgedeckt wurden. Eine der ersten und wichtigsten Veröffentlichungen war „D i e Judenorbnun g", jener menschenfreundliche Entwurf für ein Grund- Wsetz, daß uns in politischer, rechtlicher, wirtschaftlicher, religiöser Beziehung zu Bürgern zweiter Klasse stempeln sollte. Wer diese Judenordnung las, findet nicht einmal in der sogenannten „N o t - Verfassung" vom Mai dieses Jahres das geringste an Schärfe und Bedrohung. Herr Müller hatte ganz anders vorgesorgt. Als der Krieg ausbrach, meldete sich der schon recht alte Herr Müller zu den Waffen. Bald jedoch gab er fein Frontkommando auf, weil, wie er selbst erklärte, in der Heimat für ihn wichtigere Arbeit gegen die inneren Feinde des Vaterlandes zu tun fei. Welcher Art diese „Arbeit" war, ergab sich, als kurz nach Kriegsende Herr Müller, diesmal unter dem .romantischen Pseudonym Gottfried Zur Beck die erste UebErsetzung der berüchtigten „Pro-tokolle der Weisen von Zion" aus dem russischen Original des Nilus herausgab. Man erinnert sich, daß damals ein Adelskonsortium mit Fürst Salm au der Spitze die Mittel für die ungeheure Verbreitung der Fälschung aufbrachte. Müllers Tat -ist, wenn man so sagen will, von historischer Bedeutung; denn die übrigen Kulturstaaten nahmen die „Protokolle" erst ernst, als das ob seiner philologischen Gewissenhaftigkeit bek a n n t e D e u t s chl a nd sich die Fälschung hatte vorsetzen lassen- So traten die „Protokolle" ihren traurigen Siegeszug durch die Welt an. Ein stolzes Gefühl mag es dann für Herrn M ü l l e r gewesen sein, als nach der Ermordnung Walter Rathen aus vom Staatsgerichtshos die „Weisen von Zion" als die „Bibel der R a t h e n a u m ö r d e r" bezeichnet wurden. Der kleine Herr Müller hatte so, auf seine Art, weltpolitische Bedeutung gewonnen. Neun Auflagen der „Protokolle" gingen seitdem ins deutsche Publiktlm, und erst Segels „Erledigung" hat ihren Fälschercharakter restlos zu enthüllen vermocht. Und damit das Satprspiel nicht fehle: Herr Müller hat den Kollegen Fritsch und Alfred Rose n b e r g. m i t dem Richter gedroht, weil sie gleichfalls Uebersehungen der Nilus-Fülschung Herausgaben. Nur er habe das Recht dazu! In den letzten Jahren hörte man wenig von Herrn Müller. Nur wenn er vor die Schranken des Gerichtes trat, beschäftigte er die Presse. Man denke z. B. an jene die Psychiater interessierende Behauptung von den abgeschnittenen F ü r st e n k ö p se n am Hause Rathenaus und die Auseinanders etzungen mit Dr. Stanjek, die leider durch die Amnestie von 1925 ein unerwünschtes Ende fanden. War es doch beabsichtigt, hier zum ersten Male vor Gericht die Fälschung feststellen zu lassen. Ein Gutachten Ulrich Kahr st edts, das diese Feststellung ermöglicht e,.lag vor. Müller starb nach Erfüllung der Mission, die er sich gesetzt hatte. Er wird als „v. Hausen" in die Geschichte eingehen.

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