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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1926-08-20 · 5 (20.8.1926) · p. Seite 19

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
2 (1926)
Issue
5 (20.8.1926)
Date
1926-08-20
Page
Seite 19 (sequence 3)
Language
German
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19 Menschen leisten will, kann sich aber wohl, in Einzelfragen einer Entscheidung enthalten, in Grundfragen der menschlichen Persönlichkeit und seiner Entwicklung muß er sich aber eine für seine Arbeit mögliche Basis schassen. Mag die Lösung, die gewählt wird, dem einen als falsch, dem anderen als richtig erscheinen, das ist gleich, es muß nur überhaupt eine Grundlage vorhanden sein. Es kann deshalb keine Gemeinschaft zur Erziehung und Selbsterziehung von Menschen geben, ohne daß vorher .fcte. Grundfrage gelöst ist: woran erkennst d u V o l k und Vaterland, und w i e st e h st d u Z u V o l k u n d V a t e r l a n d? So muß auch jede jüdische Jugendbewegung, deren grundsätzliche Voraussetzung das Festhalten am Judentum ist, zu den Fragen der Kultur und Politik als der notwendigen Grundlage der Arbeit klare Stellung nehmen. Es muß deshalb von Herzen begrüßt werden, daß der Verband der jüdischen Jugendvereine jetzt die Pslege der Vaterlandsliebe in fernen Satzungen ganz deutlich festgelegt hat. Damit hat der Verband seine Neutralität in kluger, klarer Weife abgegrenzt. Jetzt weiß man, daß seine Aufgabe sein soll: die Erziehung deutscher jugendlicher M e n s ch e n jüdischen Glaubens und jüdischer Ab st a mmung zu guten Juden und zu guten Deutschen. Und wenn dagegen die jüdisch-nationalen Jugendvereine ihre Mib glieder zu guten Angehörigen des jüdischen Volkes erziehen wollen, ihre letzte Vollendung in der nationalen Heimstätte in Palästina und in der Schaffung einer hebräischen Kultur sehen, so ist dieser Standpunkt durchaus folgerichtig. Aber man wird zwischen den beiden Standpunkten wählen müssen. Für die Jugend selbst kommt es vor allem darauf an, daß Klarheit geschaffen wird; denn Klarheit zieht Wahrheit und wahrhaftes Handeln nach sich. Neutralität bei Gemeinschaftsarbeit öer Iugenö. Von Ernst Loewenthal (Frankfurt a. M.). In den Bünden der freien („autonomen") Jugendbewegung spielt die Frage der Neutralität kaum eine Nolle. Warum, davon später. Zunächst soll .den andern Vereinen unsere Aufmerksamkeit zugewandt werden. Diese „andern" sind meist entweder Bildungsvereine oder Jugendgruppen der jüdischen Parteien. Oft aber beides. Und gerade.hier liegt das Problem. Im ganzen jüdischen Leben spielt die Bildung eine besondere Nolle. Freilich nicht als sogenannte „Allgemeinbildung", die typisch deutsche Bildungsform. Wohl aber doch in dem Sinne, daß Erlerntes, lieber liesertes an Wissen, Bräuchen, Denkformen Boraussetzung jüdischen. Lebens ist, daß hingegen das bloß Vererbte und das, was die Zeit bietet, nie ausreichen, um Judentum zu vollem Leben zu bringen. Stand doch bis zu dem jüngsten starken Vordringen des Zionismus im jüdischen Parteikampf nichts anderes im Vordergründe, als das Verhältnis von Tradition und Zeitgeist, Hebräisch oder Deutsch, Bibel und Ritus oder Philosophie und Ethik. Jüdisches Wissen und seine Verbreitung hat für die Arbeit der jüdischen Parteien eine Bedeutung, wie wir aus der staatlichen Politik nichts Aehnliches kennen. Um wieviel mehr bei der Jugend, die in den Fragen der Gemeindepolitik weniger entscheiden als lernen will. Kein Wunder, daß die Hauptarbeit der Jugendgruppen jüdischer Parteien darin besteht, aus Geschichte, kanonischem und modernem Schrifttum erst einmal das Erlernbare des Judentums zu erlernen (und wieviel mehr als bei einem andern Volk und in einerandern Nel igio ns gerne in schas t ist da erlernbar!). So ist zum mindesten der wichtigste Stoff meist neutral, verschieden nur Auswahl, Behandlung, Kritik. Und der Unterschied der neutralen Jugeudvereine gegenüber den Junggruppen der Parteien besteht nur darin, ob man eine objektive B i l d u n g s a r b e i t für möglich und richtig hält oder glaubt, von vornherein die Jugend in einen: be - st i m m t e n Sinne erziehen zu sollen. Stellt man nun diese letztere Frage ganz allgemein^ theoretisch, so möchte ich dem neutralen Prinzip den Vorzug geben, obwohl ich rächt glaube, daß solche Objektivität über den guten Willen viel hinausgeht, wenn man wirklich sein Bestes gibt. Allein diese theoretische Fragestellung ist recht belanglos gegenüber der Wirklichkeit. Wesentlich ist allein, daß die jüdische Jugend an jüdischen Dingen Interesse nimmt; ob sie dabei die eine oder die andere Methode bevorzugt, fällt kaum ins Gewicht. Es wird hier alles aus örtliche und selbst persönliche Verhältnisse ankommen; der Verein, der die besten Persönlichkeiten und das regste Leben hat, ist jeweils der beste. Und wenn hier schon das Problem aufgeworfen wird, so sei auch der Wunsch ausgesprochen, daß m an unnötige Konkurrenzkämpfe vermeide. In großen Städten ist eine Vielzahl von Vereinen mitunter gut, weil jeder neue Kreise erfassen kann. Aber der Ehrgeiz sollte auf Höheres gehen, als sich gegenseitig Mitglieder wegzukapern. Und wo für zwei Vereine kein Raum ist, da mögen die höheren Instanzen durch Vereinbarungen die nötige Ruhe und Ungestörtheit für die Arbeit sicherstellen, wie es z. B. bei den Zionisten zwischen dem Blau-Weiß und dem Jungjüdisch-en Wandcrbund schon vor einiger Zeit geschehen ist. Ganz anders liegen die Fragen in der eigentlichen jüdischen Jugend b e w e g u n g. Ihre Bünde haben mit den Formen und dem Geist des Wandervogels, der Pfadfinder und ähnlicher Bewegungen von vornherein ein Gemeinsames, mit dem sie sich über alle Unterschiede der Ziele und Richtungen als Genossen einer Art grüßen. Und wie einst die deutsche Jugendbewegung begann, ihren Weg nach eigener Verantwortung zu suchen, nicht geleitet von Erwachsenen, so steht auch die jüdische ihrer alten Generation und deren Fragestellungen fremder, unberührter und darum auch unbefangener gegenüber. Mohr und mehr spüren wir, wie sehr der Gegensatz liberal-konservativ aus dem Geiste des 19. Jahrhunderts gedacht ist, und oft kann man von jungen Menschen, die niemand zur Orthodoxie rechnet, mit Entrüstung hören: „Ich bin doch nicht liberal!" Die Antithese bleibt zwar als Kategorie, als eine Denkform bestehen, aber ist nicht mehr von entscheidender Bedeutung. Ist so das Bedürfnis nach Neutralität in der Jugendbewegung geringer als anderwärts, weil die gemeinsamen Grundlagen weit stärker sind, so ist sie anderseits auch viel weniger möglich. Solange der Kampf um die Jugendbewegung selbst, die eigene Verantwortung, die innere Wahrhaftigkeit, den freien Stil und die Enthaltsamkeit, die Gemüter noch ausschließlich beschäftigte, war an Neutralität noch zu denken. Als aber das Nene zum errungenen und gemeinsamen Gut wurde, da gewannen die innerjüdischen Fragen an Bedeutung. Und diese Fragen blieben nicht im rein Politischen besangen, sondern erheischten jene Entscheidung mit der ganzen Person, wie sie in ihrer Grundsätzlichkeit und Schwere, ihrer Freiheit von allen Opportunitätsgründen und ihrer Allseitigkeit gerade der durch Krieg und Umsturz und Parteikampf hindurchgegangenen Generation der Jugendbewegung eigen ist. Mögen viele der Debatten in ihrer Unbeholsenheit den Aufwand von Worten nicht lohnen, — die Hochstimmung, der Ernst, die Wahrhaftigkeit sind unverloren, an welche Probleme sie auch verschwendet sein mögen. Diese stark persönliche Art, zu den Dingen Stellung zu nehmen, macht eine neutrale Jugendbewegung unmöglich. Die Gegensätze sind zwar anderer Art als unter den Parteien, aber nicht weniger scharf. Aber etwas anderes bahnt sich an, was bedeutsamer ist als Neutralität und Nicht-Stellungnehmen. Unbeschadet aller klaren Gegensätze spüren die Bünde der Jugendbewegung doch eine Verwandtschaft, die nun zwar nicht mehr auf gemeinsamen Dogmen und Kampf um gemeinsame neue Formen beruht, aber doch aus den: Bewußtsein der Verschiedenheit zur früheren Generation. Dies Bewußtsein erstreckt sich heute bis tief in die Politik. Bei aller Verschiedenheit der praktischen und auch der theoretischen Entscheidung sehen sich doch junge Zionisten und Deutschjuden vor gleiche Fragen gestellt; jene spüren, daß das Deutsche in ihnen Macht und Wert hatte, diese erkennen an, daß das Judentum sich im Religiösen nicht erschöpft, beide sehen sich — in welcher Weise immer — zwischen zwei Völker gestellt, was die „Alten" auf beiden Seiten meistens bestritten haben. Hier wie auf der ganzen Linie ahnen und wünschen sie eine Verlagerung des politischen Kampfes und sind sich deshalb bei aller Klarheit der Gegensätze bewußt, im Wichtigsten mehr gemein zu haben, als die heutigen Parteien. Dies Bewußtsein ist denn auch zugleich Ursache und Wirkung einer sich anbahnenden Zusammenarbeit. Die Bünde wollen sich gegenseitig befruchten und befruchten lassen, Wissen, Anschauungen. Erziehung tauschen sie aus, in Bildungs- und Berufsfragen verj suchen sie, Anregungen aufzunehmen und zu geben, es mag geschehen, daß Blauweiße und Kameraden zuzeiten den größeren Teil der Hörer des Freien jüdischen Lehrhauses stellen, wobei die Frage der Objektivität oder angeblichen Parteieinstellung des Lehrhauses gegenüber dem Wichtigsten: zu lernen, gar nicht aufkommt. Solche Zusammenarbeit der Bünde, bei der jeder sein eigenes Wesen wahren soll, ist dringend zu wünschen, und es hat den Anschein, als werde diese Annäherung allmählich Zunehmen. Damit aber' wäre weit mehr erreicht als mit Neutralität. Im öffentlichen Leben ist es heute auch in den jüdischen Genreinden und Gemeindeverbänden nicht möglich, den großen Fragen aus dem Wege zu gehen; aber wenn die Bünde beginnen, bei schärfster Ausbildung der Gegensätze doch aus der Erkenntnis des gemeinsamen Neuen Zusammenzuarbeiten, so ist dies vielleicht ein guter Schritt auf dem Wege, das in Gemeindestuben, Wahlversammlungen und Plakaten fast erstickte Gefühl des K’lal Jisroel wiederzuerwecken. „Organisation und Korporation." Herr Assessor Tr. Kurt Cohn, der Verfasser des Aussatzes „Organisation und Korporation" in der Jugendbeilage Nr. 1 („C. V.-Ztg." Nr. 3 vom 15. Januar 1926) legt Wert auf die Feststellung, daß die Ueberschrist des Aussatzes nicht von ihm gej wählt wurde. Wir bestätigen dies gern und bemerken, daß durch ein > technisches Versehen diese Worte, die den Untertitel bilden sollten, als ' eigentlicher Titel gesetzt wurden.

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