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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1926-08-20 · 5 (20.8.1926) · p. Seite 20

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
2 (1926)
Issue
5 (20.8.1926)
Date
1926-08-20
Page
Seite 20 (sequence 4)
Language
German
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20 Jugendherbergen und jüdische Ingen-. Von Otto Lindemarm, Leiter der Jugendherberge Lindenhof-Brieselnng. In diesen Blättern wurde kürzlich ein Ueberblick über die verschiedenen Richtungen der deutschen Jugendbewegung gegeben und auf die überbündischen Zusammenschlußbestrebungen hingewiesen. Dabei wurde eine Organisation nicht genannt, die heute im Jugendwerk mit an erster Stelle steht und gerade das Ergebnis Praktischer Gemeinschaftsarbeit aller Richtungen und Schichtungen in der Jugendbewegung und im Volke ist: das Jugendherbergswerk. Es wurde geboren aus dem Geiste des deutschen Wandervogels, der im Streben nach Erneuerung des Menschen an Körper und Geist sich abwandte von städtischer Unkultur, von Philistertum, Naturfremdheit und behäbiger, selbstzufriedener Bürgerlichkeit. Die Jugend wanderte hinaus in die freie Natur. Hier bildete sich der neue Gemeinschaftsgeist im Jungvolk, hier lernte man die Heimat wieder lieben, die man vorher gar nicht kannte, hier weitete sich das Blickfeld von Volk zu Volk. Es entstanden die ersten primitiven Nester in Stadttürmen und romantischen Winkeln, die Schutzhütten und Landheime als Vorläiifer unserer Herbergen. Als sich die Jugend von den blutigen Wunden des Krieges einigermaßen erholt hatte, ging sie wieder mit voller Kraft und Opfersreude an den Neubau des Gemeinschaftswerkes. Die Alten förderten es mit ihren Mitteln. So entstand das Jugendherbergsnetz, das heute mit 2500 Herbergen, Jugendburgen und Landheimen alle deutschen Gaue überzieht. In den Herbergen wird der Zusammenschluß gefördert, der unserem zerklüfteten Volke und seiner Jugend bitter nottut. Die Herberge ist neutraler Boden, alle Richtungen der Jugend finden sich auf ihm zusammen, und wer den Gesprächen der Jugend zuhört, wird meist feststellen, daß sich die Jugend langsam freimacht von Parteipolitik, religiösem Dogmatismus, Rassenfanatismus und anderen Vorurteilen. Der Gemeinschaftsgeist der Jugend überwindet alle zersetzenden Einflüsse. Auch die jüdische Jugend nahm von Anbeginn an Teil an diesem Werke. Das war nicht verwunderlich, denn ihr fehlte noch mehr als der deutschen Jugend die Verbundenheit mit der Natur und die körperliche Betätigung, weil sie, meist in den größeren Städten zusammengedrängt, besonders unter den schlechten Einflüssen der städtischen Unkultur zu leiden hatte. Hinzu kam die Aufhetzung des Volkes gegen alles Jüdische, das als Sündenbock für alles (schlechte herhalten sollte und die jüdische Jugend in ihrer Bewegungsfreiheit hemmte. Das ist heute besser geworden, und wird weiter besser werden, wenn deutsche und jüdische Jugend sich in den Herbergen kennen und verstehen lernen. Manche gute Kameradschaft ist da bereits geschlossen worden, manches Vorurteil gefallen. Und wenn z. B. in Brieselang Hakenkreuzwimpel und -jüdische Abzeichen austauchen, so führt das nie zu Reibereien. Man achtet sich gegenseitig, werl man sich verstehen lernt. Der Herbergsvater hilft nach, wo Aufklärung nottut. Auch das Lesezimmer ist diesem Zwecke dienstbar gemacht. Dort liegen neben völkischen, sozialistischen, religiösen und anderen Zeitungen und Zeitschriften bereits drei jüdische Blätter aus. Der gemeinsame Tagesraum, die gemeinsame Küche, die Körperpflege im Freien, am Brunnen und auf dem Jugendgelände bieten ein weites Feld, Verständnis, Achtung, Kameradschaft und Freundschaft zu erwecken. Die jüdische Jugend braucht nicht abseits zu stehen von der deutschen Jugend, ganz gleich, oh sie sich als deutsch-jüdisch oder als jüdisch-national betrachtet. Das sind Fragen, die jede jüdische Gruppe bei sich zu entscheiden hat. Beiden Gruppen ist fachlich ruhiger Meinungsaustausch und gegenseitige Toleranz zu wünschen, zu der sich auch die deutsche Jugend erzieht, und die den jüdischen Gruppen entschieden mehr Achtung einbringt, als ihre gegenseitige Anfeindung. * Der Führer der Deutsch-Jüdischen Jugendgemeinschaft Berlin schreibt uns hierzu: Lieber Otto Linde mann! Möchten alle Herbergsväter von dem Geiste beseelt sein, der Dein Tun und Handeln bestimmt. Du hast aus Deiner Jugendherberge eine Stätte der Gemeinschaftsarbeit der Jugend aller Richtungen geschaffen, ein Neuland, das uns in unbeirrbarer Liebe einer glücklichen Zukunft entgegenführt. Mit derselben Aufopferung hast Du am Tage der Sonnenwendfeier bei völlig überfüllter Jugendherberge für die Arbeiterjugend, den Pfadfinder und für uns gesorgt: rastlos hast Du Dich für Deine jungen Gäste eingesetzt, ohne nach ihrer Herkunft und ihrer Zugehörigkeit zu Religion und Partei zu fragen. Wenn auch vielleicht die wehenden Wimpel die Gruppen äußerlich schieden, innerlich waren sie von dem Geiste der Eintracht und Einigkeit, des Verbundenseins zu einem Volksganzen beseelt. Soll das Jugendherbergs- Werk den Grundstein zur heißersehnten Volksgemeinschaft legen — nur die Jugend kann hier Wegbereiter sein dann ist es endlich Zeit, daß im deutschen Reichsjugendherbergsverzeichnis bei den österreichischen Jugendherbergen der Zusatz „Nur fürArier" gestrichen wird; sonst wird eines Tages, wenn es vielleicht schon zu spät ist, der Glaube an das Gemeinschaftswerk vernichtet sein. Nur wenn alle Gruppen in der klaren Erkenntnis der Bedeutsamkeit des Jugendherbergswerk.es frei und gleichberechtigt an seiner Ausbreitung und Verwurzelung Mitarbeiten können, dann werden die Jugendherbergen, so habe ich es in das Gästebuch der Jugendburg Hohnstein eingezeichnet, ein Bollwerk des sittlichen und kulturellen A u f b a u e's unseres Vaterlandes sein. Heil! Martin Sobotker, Deutsch-Jüdische Jugendgemeinschast, Berlin., „ Jugendburg Hohnstein. Von Friedrich Borchardt, D. I. I. G. (Dresden). Es ist eine alte Feste, die hoch auf dem Berge, auf zerklüfteten Felsen steht, einstmals. grimmig, alle Feinde mahnend, vorbeizuziehen und nicht einen nutzlosen Kampf zu entfachen. — Mitten in der Sächsischen Schweiz steht sie, in wunderschöner Waldeslandschaft, in Hohnstein. Lange, lange Jahre war es nur eine Ruine, eine geschichtliche Sehenswürdigkeit, bis sie der Staat nutzbar machte und dort droben ein Gefängnis einrichtete. Doch sie erschien wohl dem Zwecke des Kerkers zu gut und wurde in eine Korrektionsanstalt umgewandelt. Neben der besonderen Erziehungsart sollten die wunderschöne Natur und Umgebung auf den einstmals gestrauchelten Menschen ernwirken. Das ist kurz die Geschichte der Burg. Die alten Ruinen und der unterhalb einer natürlichen, scharf abschüssigen Felsmauer gelegene Friedhof der Namenlosen zeugen hiervon. Doch noch eine Wandlung mußte die alte Burg erleben, und sie wird es nicht leicht ertragen haben, die nur Kampf und Not, also düsteren Ernst kennengelernt hatte: der fröhlichen Jugend, der strahlenden Lebensfreude nutzbar gemacht zu werden. Man muß wohl sagen, daß sie sich ausgezeichnet in ihr Schicksal gefunden hat, als sie der Verband für das Jugendherbergswesen in die Jugendburg verwandelte. Heut schaut sie nicht mehr grimmig in die Landschaft, heut mahnt sie nicht mehr zur Abkehr. Jetzt grüßt sie weit und leuchtend in die Ferne und ladet die jungen, Erholung suchenden Menschen zu sich, um ihnen frohe Stunden und freudiges Erleben zu bereiten. So führt uns der Weg von Rathen durch die wild zerklüfteten Gegenden des Polenztakes hinauf nach Hohn stein. Das alte Burgtor fällt ins Schloß, und wir stehen in der Auffahrt, die traurige Welt des Alltages hinter uns lassend, unwillkürlich in die Zeit des Mittelalters verseht, der Kämpen gedenkend, die einstmals tapfer und treu hier zu ihrer Sache standen. Nun stehen wir auf dem Burghof, ein Zweites Portal wird geöffnet, und ein weiter, gewölbter Gang führt in dc^ Innere. — Da, jäh erwacht man aus seinem Traume, helle Stimmen von jungen, frischen Menschen sind es, die an das Ohr schlagen. Sie singen, tanzen und springen, denn es ist ja heute keine schützende Burg mehr, auf der kampfesfreudige und -erprobte Mannen auf das Nahen des Feindes lauern, es ist ja kein trauriges Gefängnis mehr, in dem Menschen in Kerkern sitzen, — es ja die Jugendburg, eine Besitzung lebensfroher Menschen. Und doch auch sie ringen, auch sie sind Kämpfer, wenn auch nicht für Hab und Gut, so doch für eine neue, für eine bessere Zeit. Auch sie sind Gefangene, gefangen durch Unklarheit und Unersahrenheit, doch sie dürfen heraus und sie wollen heraus, wollen zu Wahrheit und Recht. So betreten auch sie als Kämpen die Burg, sammeln hier neue Kräfte, um sie ihren Ideen nutzbar zu machen. Hier trifft sich alles/hier kennt man nicht den Kamps der Weltanschauungen, hier sitzt der Anarchist neben dem Nationalisten, der Jude neben dem Völkischen. Nur ein Gemeinsames gilt, deutsche Heimat, jugendliches Erleben und M e n s ch t u m. Diese ideale Plattform geschaffen zu haben, ist und bleibt das unvergängliche Verdienst des Verbandes für das deutsche Jugendherbergswesen. Wir haben indessen den Irmenhof betreten und stehen Zwischen den vier Häusern, die die eigentliche Jugendherberge bilden. Alles peinlich sauber und die Burgart gewahrt. Mit relativ wenig Mitteln ist eine zweckdienliche, architektonisch stilvoll gehaltene Stätte geschaffen worden. Tagesräume und Schlafsäle, „Einzel- und Doppelzellen" sind hell und luftig, jeglicher Zierrat ist vermieden. Und dann das Herrlichste: Man kann aus der Burg stehen, wo man will, überall hat man den gleichen wunderschönen Ausblick: auf die Gegenden der Sächsischen Schweiz, auf benachbarte Höhen und in das tiefe Tal. — Man fühlt sich so frei! Endlich bietet ein schmucker Burgladen noch die Möglichkeit, seinen Vorrat zu ergänzen, und gute Küche sorgt für Stimmlmg. Schwer fällt es, sich von der Burg zu trennen. Doch es muß sein. Der Alltag ruft zurück (und man soll die Wirklichkeit bald wieder merken). Das Burgtor öffnet sich, wir stehen auf dem Marktplatze — es ist ja heute Sonntag und auch der „moderne" Großstädter hat Naturbedürsnisse — und Verständnis — ein Auto dicht neben dem anderen steht vor der Jugendburg. So führte uns die Technik kraß in die Wirklichkeit zurück, wir eilen über den Marktplatz, schnell hinein in den Wald. Noch einen wehleidigen Blick zurück zur Jugendburg — da, Gesang, — hell und trotzig „Mit uns zieht die neue Zeit" singen sie, und es klingt wie ein Trost für die Zukunft, geschaffen durch Deutschlands Jugend. _ Die „DeuLschjüdische Jugend" bittet uns mitzuteilen, daß sie am 29. August am H i r t <c n 3 r a b e n bei N e u b a b e l s b e rg ein Treffen für die deutschsüdischen Jugendbünde veranstaltet. Näheres durch Willi Lew in skr, Berlin -Weißen fee, Streustraße 12. Der Berdarrd gesetzestreuer jüdischer Bugendvereine Bayerns rust seine Gruppen für den 2 9. August nach Ansbach zu einem Verbandstag auf. Verantwortlich für die Beilage „Von deutsch-jüdischer Jugend": Alfred . .. H i rschberg (Berlin-CharlottenbnrgX

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