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Central-Verein-Zeitung · 1926-08-20 · 34 (20.8.1926) · p. Seite 443

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
34 (20.8.1926)
Date
1926-08-20
Page
Seite 443 (sequence 3)
Language
German
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mus durch nationale Kriecherei erhärten zu müssen. Diese meine Annahme gründet sich darauf, daß Herr K r a n o l d hervorhebt, ein vom Centralverein herausgegebenes Heftchen mit den Namen: „Deutschtum, Judentum, Zionismus und Palästina-Aufbau" trage aus Liebedienerei gegen die Vergangenheit die Farben Schwarz-Weiß-Rot statt Schwarz-Rot- Gold, die heutigen Farben der Republik. Auch ich würde solche Kriecherei verächtlich finden; aber sie ist nicht vorhanden. Das Heft hat einen Einband in Not, Schwarz, Weiß oder, wenn man will, in Weiß, Schwarz, Rot; aber die Farben der deutschen Vergangenheit in ihrer Reihenfolge kommen, wie man sich auch stellen mag, ganz und gar nicht, kommen niemals heraus. Herr K r a n o l d wird also zugeben müssen, daß er aus einem Irrtum, der ihm unterlaufen ist, unhaltbare Folgerungen gezogen hat. Ich meinerseits würde auch ganz gewiß nicht einer Organisation angehören, die versteckt oder offen die heutige deutsche Republik zum glorreichen kaiserlichen Zickzackkurs zurückzurevidieren wünscht. Ich meine: es ist Herr K r a n o l d sehr schlecht, sehr parteiisch informiert worden. Aber es ist gar nicht allein das Palästina-Problem, das neuestens den Zionisten, als freilich untaugliche Parole, zum Angriff auf den Centralverein dient. Die „Jüdische Rundschau" behandelt in ihrer Nummer 62 den „Fall Haas" und schämt sich nicht, das Folgende zu schreiben: „Man kann dem Justizminister keine Borwürfe machen. Er benimmt sich nicht anders als. etwa — der Centralverein. Auch dieser hat bisher Hemmungen und Bedenken gehabt. In einer kurzen Notiz hat die „C. V.-Zeitung" mitgeteilt, daß sie den Fall Haas aufmerksam verfolgt. Genau wie das Justizministerium. Sie soll bedankt sein! Nur kein Aufsehen erregen! Gott behüte nicht unvornehm werden! Man merkt's: dem Centralverein wäre es lieber, wenn Rudolf HaaS schuldig wäre. Seine Unschuld ist peinlich." „Seine Unschuld ist peinlich"; — solche Worte dürfen nicht vergessen werden. Gegen solche skrupellose Beschränktheit oder skrupellose Bösartigkeit polemisiert man nicht; sie wirkt auf jeden gesund Empfindenden — gleichgültig, ob Zionist oder Nichtzionist — genügend stark ohne jedes Unterstreichen. Die Behauptung der „Jüdischen Rundschau" sagt nicht mehr und nicht weniger, als daß der Centralverein es begrüßen würde, wenn Haas ein Mörder wäre oder doch der Auftraggeber für einen Mord. ES ist völlig unwahrscheinlich, daß der verrückteste Antisemit sich nicht durch solche Insinuation gegen eine große jüdische Organisation, der Zuchthäusler nicht angehören, als völlig geschlagen und im Handwerk der Verleumdung als übertroffen sollte erklären müssen. Daß es daS dümmste gewesen wäre, was geschehen konnte, wenn Juden versucht hätten, den Verlauf der Untersuchung in irgendeiner W e i s e zu beeinflussen; daß andere Instanzen die gegebenen sein mußten und gewesen sind, um zum Rechten zu sehen, daS liegt jenseits deS Gesichtskreises dieses weisen zionistischen Politikers, dem die „Vornehmheit" ebenso unangebracht wie dumm erscheint, und das gesteht dieser weise Thebaner sogar öffentlich ein. , * Was ergibt d i e Sachlage, wie sie sich z wische nZioni st enundCentra lvereinherausgebildet hat? Es kann sein, daß verständige, anständige Zionisten, deren es natürlich eine sehr große Anzahl gibt, den Willen und die Kraft haben, die Steuerung auf ihrem Schiff wieder in Ordnung zu bringen. Um so bester; dann wird man die Entwicklung in Palästina in Ruhe, mit Zurückhaltung auf der Seite der Nichtzionisten abwar t e n können. Oder es kann auch sein, daß die Richter über Vornehmheit und Nichtvornehmheit innerhalb der führenden Stellen des Zionismus ungehindert und unbeanstandet ihre Politik, die oben besprochen wurde, fortzuführen in der Lage sind; dann werden wir, der Centralverein, nicht nur die Antisemiten, sondern auch die wertvolle Hilfstruppe der Antisemiten, die Zionisten der oben erwähnten Observanz, im Interesse gesunder Entwicklung bei ihrer Betätigung in deutscher Politik, und nur bei dieser Betätigung, zu bekämpfen haben. 443 Eine weitere Erschwerung der Lage, und gewiß keine angenehme Aufgabe — aber eine gebieterische Pflicht. * Nachschrift: In der neuesten Nummer der „Jüdischen Rundschau" fühlt Herr Moses Waldmann das Bedürfnis, die oben angeführte und entsprechend charakterisierte Ausführung über den Fall Haas und den Eentralverein zu erläutern, zu erklären, umznbiegen, und damit vollständig abzuschwächen. <Qui s'excuse, s’accuse. Aber Herr Moses Wald wann, von dem also die ungeheuerliche Entgleisung in bezug auf den Eentralverein und den Fall Haas stammt, ist natürlich eine durchaus gleichgültige Gestalt. Seine hinkende Entschuldigung hat nur Wert, insofern die führenden Personen des deutschen Zionismus jenen Angriff aus der Welt zu schaffen bemüht sind. Das nehmen wir in diesem Falle an, und damit ist eine augenblickliche Klärung der Lage, die nach unserer Ansicht zu wünschen war, tatsächlich eingetreten. vor neuen siiiörntiHm Kämpfen. Verschärfung des Berfafsungskonflikts / Vor neuen Kämpfen in Baden / Wandel in der Taktik? / Terror der Bayern und Oesterreicher/ Ein verhinderter antisemitischer Skandal / Burschen heraus! Die neunte große Tagung der Studentenschaften des deutschen Sprachgebietes ist vorüber. Es ist jetzt möglich, ihre Ergebnisse abschließend zu beurteilen. An dieser Stelle kann in eine eingehende Würdigung der in der Hauptsache nur für die rein studentische Arbeit wesentlichen Beschlüsse vom hochschulpolitischen Standpunkt aus nicht eingetreten werden, vielmehr ist hier nur die Frage zu Prüfen, ob die aus vielen Ereignissen der letzten Jahre bekannte völkisch-antisemitische Grundeinstellung der deutschen Studentenschaft irgendeine Aenderung erfahren hat. Die an dieser Stelle vor Bonn ausgesprochene Hoffnung, die „Deutsche Studentenschaft" werde völkische Wünsche um der großdeutschen Ziele willen zurückzustellen wissen, hat sich leider nicht erfüllt. Die Leitung der „Deutschen Studentenschaft" wußte jede Aussprache über die Verfassungsfragen mit Hilfe der ihr zur Verfügung stehenden kompakten Majorität durch „Uebergang zur Tagesordnung" oder „Schluß der Debatte" zu erdrosseln. Der Studententag scheute sogar vor einer Verschärfung des Verfafsuttgskonflirts nicht zurück. Er erklärte die auf dem Boden des national-kulturellen Prinzips stehenden neuen badischen Satzungen für unvereinbar mit der Verfassung der „Deutschen Studentenschaft" und forderte die badischen Studentenschaften auf, bis zum 1. Januar 1927 ihre Verfassungen im Sinne der völkischen Grundlagen der Würzburger Satzung zu ändern. Geschieht dies nicht, so soll automatisch der Ansschlutz der Studentenschaften von Karlsruhe und Heidelberg ans der „Deutschen Studentenschaft" erfolgen. Dieser Beschluß bedeutet praktisch eine neue Entfesselung des studentischen Verfassungskampfes in Baden, denn die Gruppen der studentischen Rechten werden sicherlich unter der zugkräftigen Parole „Für die Einheit der deutschen Studentenschaft" den Kamps um die Revision des badischen Studentenrechts wieder ausnehmen. Dem gleichen Geiste entstammen die scharfen Kampfansagen gegen das preußische Kultusministerium und Minister Becker, die nach Form und Inhalt eine gütliche Einigung mit dem Ministerium unmöglich zu machen scheinen. In diesen Blättern werden vor allem die persönlichen Erlebnisse des Schreibers dieser Zeilen interessieren, der unter 164 Delegierten der einzige jüdischen Glaubens war. Es waren keineswegs angenehme Gefühle, die ihn aus der Fahrt nach Bonn begleiteten. Er war sich bewußt, daß den Minderheiten ein wenig aussichtsreicher Kampf gegen eine erdrückende Uebermacht in der Hochburg der völkischen Idee selbst bevorstünde. Er mußte aber weiter 'auch mit persönlichen, namentlich antisemitischen Anrempelungen rechnen, wie sie auf studentischen Tagungen der letzten Jahre nicht eben selten waren. Erfreulicherweise muß festgestellt werden, daß man auf der anderen Seite sichtlich bemüht war, Zusammenstöße dieser Art zu vermeiden, so daß mit einer Ausnahme der Tagung jede antisemitische Note fehlte. Selbst die Behandlung des Falles L e s s i n g entbehrte völlig des sonst in der völkischen Presse so beliebten Beigeschmacks. Sowohl das „famose" Referat des Herrn P-oehlmann als die äußerst lebhafte Debatte, in der sehr scharfe Anträge des Kreises 7 (Bayern) gegen Lefsing und Becker zur Annahme gelangten, brachten scharfe Worte gegen Lessing als Hochschullehrer, als Philosophen, als Literaten, mit keinem Worte aber wurde er als Jude angegriffen. Trotzdem wurde mit Recht von Höher (Heidelberg), dem energischen und geschickten Wortführer der Minderheiten,

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