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Central-Verein-Zeitung · 1926-08-20 · 34 (20.8.1926) · p. Seite 442

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
34 (20.8.1926)
Date
1926-08-20
Page
Seite 442 (sequence 2)
Language
German
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442 r Ich habe meine Auffassung und die vieler meiner Freunde noch einmal nüchtern dargelegt, — nicht etwa, um überzeugte Zionisten zu meiner Ansicht zu bekehren. Das halte ich für unmöglich: diese Bekehrung hat die hi st arische Entwickln n g d e r Z u k u ns t zu besorgen —; sondern um darzutun, daß nicht blinde Rechthaberei und nicht fanatische Voreingenommenheit uns Nichtzionisten veranlassen, an unserem bisherigen Standpunkt sestzuhalten. Wir wollen mit unserer sachlichen Kritik nur einem Vorbeugen: daß der Zusammenbruch überschwenglicher Hoffnungen zu einer Katastrophe für das gesamte Judentum wird und damit zu schlimmsten moralischen V e r w ü st ungen führt. Das sind die Gedanken, die meine Freunde und mich leiten. Ob. diese Gedanken richtig oder nicht richtig sind, darüber entscheidet endgültig nicht Druckerschwärze auf Papier, sondern die reale Zukunft, wenn sic Gegenwart geworden ist. Eine Entwicklung von etwa dreißig Jahren hat zwar ungeheure Wandlungen gebracht; aber wenngleich die Zahl der Juden seitdem in Palästina sich vermehrt hat — nicht einmal erheblich —, so haben jene drei Jahrzehnte doch in den entscheidenden Punkten die Zionisten ihrem Endziel gewiß nicht näher gebracht- Im Gegenteil! Ich bin der Ansicht, daß ein jüdisches Palästina mit relativer Autonomie unter Abdul Hamid noch eher eine ferne Möglichkeit gewesen wäre als im Rahmen des britischen Weltreiches mit seiner aufstrebenden mohammedanischen Riesenbevölkerung von Indien bis in das Innere Afrikas. Ich habe diesen Darlegungen nicht einen Tropfen verhetzender Schärfe beigemischt. Ob die obigen Ausführungen falsch, ob sie zutreffend sind, darüber entscheidet die Zukunft; aber die jüdische Gegenwart würde vergiftet werden durch eine Polemik voll Galle und Bösartigkeit. 4k Solche Vergiftung der Gegenwart, die ich als gefahrlos für das Judentum nicht bezeichnen kann, betreiben ohne Bedenken Organe des Zionismus. Man kann über die einzuschlagende Taktik solchen Erscheinungen gegenüber zweierlei Ansicht fein. Man kann diese Aeußerungen prinzipiell ignorieren, oder man kann sie zurückweisen und bekämpfen. Ich bin der Ansicht, daß es vom einzelnen Fall abhängt, was zu geschehen hat. Untergeordnete hämische Albernheiten kann man übersehen im Vertrauen auf die Urteilskraft, die natürlich sich auch bei Zionisten findet. Hingegen gibt es Anwürfe so bedenklicher und so widerwärtiger Art, die schon darum nicht mit Schweigen übergangen werden dürfen, weil doch die Hoffnung besteht, Laß auch führende zionistische Kreise es für notwendig erachten könnten, eine Besserung anzustreben — nicht in Rücksicht auf den Centralverein, wohl aber in Rücksicht auf das allgemein anzustrebende Niveau bei i n n e rjüd is ch en Auseinandersetzungen. Die Beschäftigung, die sich daraus ergibt, ist gewiß keine! angenehme; aber wer sich mit politischen, mit öffentlichen An-? gelegenheiten beschäftigt, kann freilich nicht beanspruchen, in s paradiesischen Gefilden zu wandeln. - f . *•!'., .. Also: Die Zionistische Vereinigung für Deutschland versandte einen Bericht an führende Mitglieder ihrer Bereinigung, und in diesem Bericht heißt es nach belanglosen, abfälligen Ausführungen zusammenfasfend: . . Der Centralverein ist desto notwendiger, je höher die antisemitische Welle steigt, und man kann ruhig sagen, er lebt von der Existenz seines Kampsobjektes." In etwas weniger verschwommenes Deutsch übersetzt, kann das nur heißen: Damit der Centralverein am Leben bleibt, muß es Antisemiten geben; und daher bekämpft der Centralverein den Antisemitismus lau, dumm, unwirksam; sonst hätte der Verein keine Daseinsberechtigung, und die will er sich nicht nehmen lassen. ,« , Und an anderer Stelle heißt es: .. „Man ist ausgezogen zum Kampf gegen Palast i n a, u n d man versucht, auf Kosten Palästinas Siege zu erringen, um ferne zahlreichen Niederlagen auf dem eigentlichen Gebiet seiner Tätigkeit zu verschleiern." Also weil der Centralverein ein Bankerotteur auf dem Gebiete feiner Vereinstätigkeit ist, wurde der Kampf gegen Palästina inszeniert. Sachliche Gründe bestehen nicht; sondern da der Verein schiffbrüchig ist, sucht er ein anderes ausgezeichnetes, ideales Unternehmen zu ruinieren. Ich muß sagen, daß diese Form der Polemik nur noch in der antisemitischen Preffe Deutschlands ihresgleichen hat. Und endlich: 1 '; „Im übrigen beginnt der C. V. erfreulicherweise doch, sich sehr intensiv mit Palästina zu beschäftigen. Sein Syndikus, Herr Dt. Wiener..., der vor wenigen Wochen entdeckt hat, daß Palästina zu den unbekannten Gefilden zählt, fährt nunmehr erfreulicherweise nach Palästina, um dieses Land, seine Lage und seine Wirtschaft zu erforschen und dem Centralvereinler klarzumachen, um was es sich handelt." Ob der Schreiber dieses Ergusses jemals in Palästina gewesen ist, weiß ich nicht. Herr Wiener kannte jedenfalls schon Palästina vor seiner letzten Reise, und meine eigene Einstellung zum Palästinaproblem beruht darauf, daß ich in zahlreichen Reisen das Land kennenzulernen mich bemüht habe. Daß seine Sachlichkeit den Centralverein veranlaßt hat, die Palästina-Frage nach dem Kriege nochmals durch einen Kenner des Landes mit den Zuständen vor dem Kriege und im Kriege vergleichen zu lassen, könnte man als Zeichen großer Gewissenhaftigkeit anerkennen; nach Sitten, wie sie innerhalb des Antisemitismus verbreitet sind, wird auch diese anerkennenswerte Absicht verdächtigt, umgedeutet, verächtlich gemacht. Wenn solche Tendenzen sich in Schriftstücken finden, die offiziell den Parteiführern zur Information, zur Aufklärung — eine niedliche Aufklärung! — zugehen, so kann man sich nicht darüber wundern, in welchem Geist neuerdings die Zionistische Presse von den nichtzionistischen Juden Deutschlands spricht. Auch dafür wenige Beispiele. Das offizielle zionistische Organ, die,, Jüdische Rundschau", übernimmt aus der zionistischen „Jüdischen Zeitung, für Ostdeutschland" in Breslau einen Artikel, auf dessen ersten Teil einzugehen gänzlich überflüssig ist. Ein kleiner Anonymus hebt wieder und wieder Steine auf und sucht mit diesen Steinen Fenster deS CentralvereinS einzuwersen unter der beständigen Versicherung: Wir wollen den Frieden; wirklich, wir wollen den Frieden. Diese Form der Friedfertigkeit mit schlecht gezielten Steinwürsen papriziert, kann man ignorieren. Da diese Ignorierung wohl berechtigterweise von dem Blatte vorausgesehen wurde, so hat man zur Verstärkung einen lebendigen kommissarischen Landrat in Sprottan, meinen Parteigenossen Herrn Hermann Kran old, herangezogen. Herr Kr an old verteidigt den Zionismus in einer Anzahl wohlgeordneter Abschnitte. Aus jede Einzelheit einzugehen, verbietet mir der mangelnde Raum. Aber aus ein en entscheidenden Punkt soll wenigstens hingewiesen werden. Es behauptet Herr Kranold, weil die Juden heute keine gemeinsame Heimat haben, darum muß ihnen solche Heimat beschafft werden. Eine schöne Entscheidung, voll Gerechtigkeitsgefühl; zweifellos. Aber kann man eine Heimat, die durch länger als zweitausend Jahre aufgehört hat, Heimat zu sein, plötzlich durch eine Improvisation wieder als Vaterland erstehen lassen? Gewiß nicht. Und ist jener Heimatboden heute freies, von niemandem bewohntes Land? Gewiß nicht. Und was soll aus jenen Arabern werden, die nunmehr seit Mohammeds Tode, also seit länger als zwölshundert Jahren, in Palästina siedeln, und was aus jenen Christen, die zum Teil seit den Kreuzzügen in Palästina leben? Ludwig XIV. hat Reunionen vorgenommen auf Grund sogenannter Rechtsansprüche, die völlig überaltert waren; sie sind stets angefochten worden; allein zweitausend Jahre reichten diese Rechtsansprüche nicht zurück. Und wohin käme die Welt, wenn die Gegenwart auf Jahrtausende zurückrevidiert werden sollte. Ferner sitz in Palästina England, und niemand sieht, daß das Vereinigte Königreich Miene macht, jene wirtschaftlich unwichtigen, strategisch sehr wichtigen Gebiete einer jüdischen Macht, die konstituiert gar nicht vorhanden ist, und sich voraussichtlich gegen Christen und Araber niemals halten könnte, ausguhändigen. ES scheint, daß die allerernstesten Schwierigkeiten vorliegen, und Herr Kranold kann nicht alle diese Bedenken beiseite schieben, als handelte es sich unsererseits nur um eine böswillige Marotte. Er steht in den NichtZionisten, wie man aus einer Aeußerung annehmen kann, eine vor der Reaktion schweifwedelnde jüdische Rotte, die glaubt, ihren deutschen Patriotis»

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