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Central-Verein-Zeitung · 1926-08-13 · 33 (13.8.1926) · p. Seite 433

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
33 (13.8.1926)
Date
1926-08-13
Page
Seite 433 (sequence 5)
Language
German
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433 Die falsche Hansa. Von Ludwig Holländer. In der letzten Ausgabe unserer Zeitung wurde eine Nachricht der „Welt am Montag" über die Schaffung einer „Deutschen Notbrüderschaft gegen jüdische Solidarität" wiedergegeben. Diese Mitteilungen haben großes Aufsehen erregt, obwohl es sich hierbei um Vorgänge und Bestrebungen handelt, wie wir sie seit langem kennen, und die aufzuklären wir zwar nicht immer, aber häufig genug in der Lage waren. Allerdings legt dieser Fall wie selten einer die Methoden klar, mit denen eine große Reihe judenfeindlicher Organisationen vorzugehen Pflegt. Was liegt vor? Alexander B e y t h i e n, eine in Berlin zwar Polizeilich gemeldete, aber in ihrer Wohnung nie anzutressende völkische Persönlichkeit, beabsichtigt, eine neue Organisation zu gründen, die mit dem schönen Namen „Hansa. Deutsches Wirtschastsamt" ausgestattet werden soll. Zunächst wird gesammelt unter dem Motto: Wirtschaftskampf, das Gebot der Stunde. Der eigentliche Zweck, für den gesammelt wird, wird nicht überall angegeben; namentlich da nicht, wo man der Gesinnung dessen, den man um Geld angehen will, noch nicht sicher ist. Zunächst wandte man sich an die Vorsitzenden einer Reihe von Handwerkerinnungen und erhielt von ihnen die Adressen Tausender Handwerker, ging dann zu Anwälten und Aerzten, die man als besonders wichtig ansah, und endlich zu Industrie und Handel. Das Prinzip dieser falschen „Hansa" sollte darauf beruhen, daß man sich Zunächst durch Empfehlung von einem zum anderen möglichst viele Namen nichtjüdischer Firmeninhaber besorgte. Bevorzugt wurden solche, von denen man erfuhr, daß sie mit jüdischen Lieferanten, Anwälten u. a. m. arbeiteten. Diese Firmen werden nun einzeln dahin beeinflußt, daß sie ihre Verbindungen mit den Juden lösen und statt dessen neue Verbindungen mit christlichen Lieferanten anknüpsen, die ihnen als Mitglieder der „Hansa" besonders empfohlen werden. Diese werden gleichzeitig über die Lieferungsbedingungen unterrichtet und erhalten die Möglichkeit, vorliegende Angebote zu u n t e r b i e t e n. So hat man versucht, jüdischen Kohlen-, Papier-, Konfektionsfirmen, Banken usw. die Kunden wegzunehmen. Dieses Prinzip hat man auch entsprechend auf Anwälte, Aerzte usw. übertragen wollen, zum Teil auch bereits übertragen. Auch in Gastwirtschastskreisen hat man festen Fuß zu fassen begonnen. Mit der Werbung ging Geldsammlung Hand in Hand. Es scheint im wesentlichen, wie wir bereits [m der vorigen Nummer erwähnten, sicher Zu sein, daß der größte Teil dieser gesammelten Beträge von Herrn B e y t h i e n in ganz anderem Sinne verwandt worden ist, als es die Geldgeber gewünscht haben. Zweifellos ist in großem Umfange mit Schwindel vorgegangen worden, und die Geldgeber können sich ihre Beiträge in den Schornstein schreiben. Ob die Staatsanwaltschaft deshalb gegen Herrn Behthien einschreiten wird, welche weiteren Folgen die Gründung der „Hansa" überhaupt noch haben wird, kann heute dahingestellt bleiben. Alle diese Fragen sind völlig nebensächlich gegenüber der Tatsache, daß eine sehr große Reihe angesehener Firmen, nnter ihnen erste und bekannteste in Berlin, sich mit Herrn Behthien überhanpt eingelassen haben. Leider mutz auch hier festgestellt werden, daß Herr Behthien namentlich dort, wo ehemalige Offiziere Einfluß haben, besonderen Erfolg gehabt hat. Es ist erwiesen, daß Männer, die im Wirtschaftsleben etwas bedeuten, diesen Kampf mitzumachen gesonnen waren. Und das beweist, wie sehr die politische Verhetzung weiteste Kreise auch im Wirtschaftsleben erfaßt hat, nnd wie stark gefährdet der wirtschaftliche Aufbau dadurch ist. Wir haben die Erfahrung gemacht, daß sich die Beteiligten bei Rücksprachen immer leicht davon haben überzeugen lassen, wie wenig gerechtfertigt, ja, wie leichtfertig die Verbindung mit Herrn Behthien gewesen ist. Der ganze Vorgang beweist aber, wie unbedacht und gedankenlos bei der heutigen Wirtschaftskrise nach jedem Halm gegriffen wird, an dem man sich halten zu können glaubt. Die berufenen Berater unseres Handels und unserer Industrie werden einmal in ihren Kreisen aus die Gefahren, die Bestrebungen wie^diese „falsche Hansa" mit sich bringen, aufmerksam zu machen haben. Sie werden eindringlichst darauf hinzuweisen haben, daß Geschäftsverbindungen lediglich nach Würdigkeit und Leistungsfähigkeit, nicht aber nach Parteirücksichten anzuknüpfen sind, wenn man für sich und die deutsche Wirtschaft überhaupt etwas zu leisten in der Lage sein will. Wir wissen schon lange, daß sowohl im „Stahlhelm" als auch im „I u n g d o" Bohkottendenzen allcrschärsster Art vorhanden sind. Und die falsche „Hansa" des Herrn Behthien i st nichts anderes als der Versuch, die Bohkotteilorganisationen in einem Dach verbände aufzunehme n. Denn Herr Behthien hat bereits mit Herren vom „Stahlhelm" über gemeinsame Zusammenarbeit in der neuen „Hansa" beraten. Bei der mündlichen Verhandlung, die Behthien oder seine Mitarbeiter mit den einzelnen Firmen und Persönlichkeiten führten, wunde stets auf die Tatsache hingewiesen, welche Männer der Industrie und des Handels und welche Offiziere bei der Sache beteiligt seien, und es wurden Briese von im Lande zum Teil sehr geachteten Persönlichkeiten, die angeblich die Begründung dieser „Hansa" billigten und förderten, vorgelegt. Der Hinweis auf diese Namen verfehlte seinen Eindruck selten. Schlugen diese Mittel nicht ein/so wurde den Firmen mehr oder weniger deutlich mit Boykott von christlicher Seite gedroht. Im allgemeinen genügte aber schon selbst bei vernünftigen Menschen der Hinweis auf die Namen der „Förderer". Der Gedanke daran ist furchtbar, daß allmählich das individuelle Verantwortungsgefühl mehr und mehr schwindet und man sich nur noch aus angebliche Autoritäten verläßt. Die Lage ist ernst. Darüber find wir uns durchaus im klaren. Sie erheischt von uns entsprechende Gegenmaßnahmen. Heber sie ist lange beraten worden — zum Teil wurden sie bereits in die Wirklichkeit umgesetzt. Aber wir sind erst am Anfang. Gerade der Fall Behthien zeigt, wie die falsche „Hansa" letzten Endes nichts anderes will, als das deutsche Wirtschaftsleben vernichten. So weit werden wir es nicht kommen lassen. Dem ^rrgerst der „falschen Hansa" wird der wahre Geist der alten, bewahrten Hansa entgegengesetzt werden müssen. Israel Zangwill. Zum Gedächtnis. / Von Felix Goldrrrarm. Israel Zangwill ist nicht mehr! Am l. August ging er im Alter von Zweiundsechzig Jahren in dre Ewigkeit hinüber, und in aufrichtiger Trauer stehckdie gesamte Judenheit an der Bahre eines rhrer Söhne, der Zeit seines Lebens in echter Herzenstreue zu seinen Brüdern stand, dessen literarisches Wirken ihm Weltruhm eintrug. Zangwills Lebenswerk muß nach zwei Richtungen gewertet werden. Er war Dichter, und er wollte — mochte er es auch selber bestreiten — Politiker sein! Bein: Politiker Zangwill mag man wohl den reinen Willen ehren nnd die Leidenschaftlichkeit seines Fuhlens, seinen ehrlichen Haß gegen das Kompromiß bewundern. Leidenschaftliche Menschen sind aber selten erfolgreiche Staatsmänner, und auch von ihm bleibt nur die Erinnerung an einen Standpunkt und nicht der Segen, der Taten entströmt. Was aber seine Feder schrieb, die ein kluger Geist und ein warmes Fühlen führten, das trägt den Abglanz der Ewigkeit in sich, das wird bleiben. Der Dichter war ein im Londoner Judenviertel geborenes Kind eines russischen Juden. Engländer in seiner Denkart und seiner Kultur — auch die englische Literatur hat er um manches vortreffliche Werk, bereichert — bewahrte er doch ein warmes, natürliches Gefühl für seine geistige Heimat, das Judentum des Ostens. Ihre Schicksale, aber mehr noch ihre Lebensauffassungen und Hoffnungen wurden der Stoff jener Dichtungen, von denen viele („Träumer des Ghetto", „Der König der Schnorrer", „Kinder des Ghetto", „Tragödien des Ghetto", „Komödien des Ghetto") in eine große Menge von Kultursprachen übersetzt wurden und den Namen Zangwills weithin berühmt machten. In der Ghettodichtung bedeutet der Dichter eine einzigartige Erscheinung. Biel zu geistreich, um als Volksdichter gelten zu können, unterscheidet er sich natürlich ungeheuerlich von den wirklichen Dichtern des Ostens, von M endete Moicher S e f o r i m , von Perez und ihrer Richtung, von denen, die nicht nur über das Ostjudentum schreiben, sondern die auch in feinem Milien nnd seinen Gestalten leben. Zangwill hat diese frische Ursprünglichkeit nicht mehr, er sieht Menschen und Dinge m i i den A u g e n des Europäers; jedes Wort, das er schreibt, ist eine gewiß liebevolle und verständnisinnige, aber doch eine Kritik. Seine Ironie besitzt nicht mehr den liebenswürdigen Reiz, der aus der Selbstderspottung klingt. Er steht über dem Geschehen, und sein Milieu ist für ihn überwunden. Das mag freilich auch der Grund sein, warum er im Westen weit mehr zu packen und zu interessieren weiß als die großen Dichter, die im Osten wurzeln. Die Kultur des Westens spürte in seiner Seele ihr eigenes Ich und fand so bei ihm 'einen freien, leichten Weg in das Judenschickstrl, zu seinem Verstehen und zuweilen sogar zu seinem Miterleben. Und das ist Zangwills Bedeutung! Er reicht an innerer Größe an Mendele oder Perez nicht entfernt heran, und trotzdem wird er für die Welt der Dichter des Ghettos sein und bleiben! Was den Politiker Zangwill anbetrifft, so darf man ihm getrost der Zahl derer anreihen, die er selber Träumer des Ghetto nannte. Ein Freund Herzls, für seine Person absolut assimiliert — lebte er doch sogar in Mischehe — war das Juden Problem für ihn ein rein politisches. Me wenig er vom nationalen nnd kulturellen Zionismus berührt war, beweist der Umstand, daß keiner schärfer als er den nivellierenden, assimilierenden Einfluß Amerikas auch für die russischen Inden erkannt und betont hat, und der Ausdruck „Schmelztiegel" (als Uebersetzung des englischen „melting pot") wurde von ihm geprägt. Er trat mit einer an Hartnäckigkeit grenzenden Konsequenz nur für den Judenstaat ein, von der Ueberzeugung durchdrungen, daß — so lauten seine Worte — das Volk das Land mache und nicht umgekehrt. Nach dein 7. Kongreß, im Jahre 1905, der das Uganda-Anerbieten der englischen Negierung ablehnte, verließ er den Zionismus und gründete die J. T. 0. (Jewish Territorial Organisation), die eine Heimstätte für die Juden auch außerhalb Palästinas erstrebte. Nach der Balfour-Deklaration fand er den Weg Zurück, um sich sofort dem radikalen Flügel der „Imperialisten", wenn man sie so nennen darf, anzuschließen, die

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