Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1926-08-13 · 33 (13.8.1926) · p. Seite 432

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
33 (13.8.1926)
Date
1926-08-13
Page
Seite 432 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2277622-2277655--03096-2283570
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

432 Kein Ende der RittralmordMürchen. Phantasien -es ,,Deutschen Tageblatts". Das „Deutsche Tageblatt" beachte in seiner Nummer 148 vom 27 Juni 1926 unter der Ueberschrist „Der Blutsüuser von Kaschau" Nachrichten über angeblich geheimnisvolle Mordfälle tn Kaschau, Eperjes, Leszoncs und Miskolsz. Die Notiz ließ durchblicken, daß es sich hierbei um Ritualmorde handle. Der Vorstand der Kaschauer israelitischen Kultusgeme i n de dersendet hierauf eine Richtigstellung, der wir folgende Erklärung der zuständigen PoliZeidirettion entnehmen: „Seit dem Bestehen der Polizeidirektion ist in ihrem ganzen Bereich niemals ein Kriminalsall vorgekommen, bei dem auch nur die leiseste Spur darauf Hinweisen könnte, daß die Recherchen in der Richtung eines Ritualmordverdachts geführt werden müßten." Private Nachforschungen haben ebenfalls ergeben, daß weder die vom „Deutschen Tageblatt" gemeldeten noch ähnliche Fälle in der dortigen Gegend vorgekommen sind. Irr den letzten sechs Wochen ist überhaupt rn der ganzen Slowakei kein einziger Fall von Mord oder Totschlag vorgekommen. Wäre auch nur eine einzige Bluttat dort geschehen, so würde die slowakische An» tisemitenprefse nicht verfehlt haben, sie ohne weiteres für ihre Zwecke arröznnrrtzen. — Das „Deutsche Tageblatt" hat also diese Meldungen glatt aus der Lust gegriffen. Wir brauchen nicht erst hinzuzufügen, daß es Ritualmorde von Juden überhaupt nicht gibt, daß diese Unterstellungen also auch ohne diese polizeiliche Beglaubigung von vornherein den -Stempel der Uu- Wahrheit trugen. Der neue Plato. 'Kaisers „Gaftmahl des Freiherrn von Artaria". Dr. Franz Hais er, ein- Autor, der sich bemüht, der Weltanschauung vom geborenen Herrentum des Ariers sozusagen eine philosophische Begründung. Zu geben, schreibt in der Art eines platonischeu Dialogs ein- Buch: „Das G a st m a h l de s Freist e rrn von Artaria", das er mit dem Untertitel „Ein KamPf zwischen Waffen aristokratischer u n d demokratischer Weltanschauung" bezeichnet. (Verlag F. Lehmann, München.) Nur eine Stichprobe aus dem krausen Durcheinander wollen wir an dieser Stelle veröffentlichen. Sie zeigt mit zynischer Offenheit die Verachtung der RasseuaristokraLen gegenüber allem, was sie „Volk" nennen. Der Dialog spielt sich zwischen sechs Personen ab-, von denen vier Arier, einer Mischling, und eine Frau Jüdin sind. Der Verfasser des Buches entschuldigt sich gleich in der Einleitung vor gnen Lesern, daß er ausgerechnet eine Jüdin in den ittelpunkt des dramatischen Aufbaues seines Werkes gestellt habe. Er habe gerade an einem Exemplar des äußersten Antipoden zur arischen Rasse, des Judentums, zeigen wollen, daß die Rassenvoruehmen verschiedener „Natiou-en", und seien diese in ihrer Verschiedenartigkeit noch so entgegengesetzt, sich gegenseitig eher ver st eh e n und v erständigen können, als es zwischen „Mischlingen" und „Rassenvornehmen" derselben Nation möglich sei. „Die Vornehmen der verschiedenen Nationen stehen sich also trotz der Rassengegensätze, die sie trennen, noch immer naher als Aristokrat und Unterschicht ein und desselben Volkes." (Seite 7.) Bravo! Das muß man sich merken! Das ist endlich einmal ein ehrliches Bekenntnis der völkischen Literatur. Hier gibt sich klar und unzweideutig die „soziale" und „nationale" Gesinnung der völkischen Rassenmenschen zu erkennen. Liebe zum V o l k ist die Sache der Gemeinen. Was geht den völkischen „Aristokraten" die Masse des Volkes an, die aus „Kötern und Mischlingen" besteht? Sie ist Nutz- und Ausbeutungsobjett für ihn und hat es ewig zu bleiben. „Das Emporkommen eines Angehörigen der unteren Stände in die oberen" ist sittlich unzulässig. „Die Geburt allein" bestimmt „die Standes- und Rangangehörigkeit". Tüchtigkeit ist ein unedler Begriff, eine jüdische Erfindung. Nicht Tüchtigkeit, sondern ausschließlich die Geburt bestimmt die Stellung in der menschlichen Gesellschaft, den „Rang." (Seite 16 bis 22.) Es sind nur A e u ß e r l i ch k e i t e n Platos, die Herr Haiser nachahmen kann. Er vergaß das platonische Wort, daß jeder Mensch gleichzeig von Königen und von Sklaven abstamme. Herr Haiser hat Plato überholt. „Israelit bevorzugt." Die „Deutsche Zeitung" entnimmt in ihrer Nummer von 20. Juli dem „Deutschen Vorwärts" unter der Uöberschrfft „Israelit bevorzugt" folgende Notiz: „Jüngerer Studienrat! (Neuphilologe, Bewerber i f r a c 111 i - s ch e r Religion b e v v r z u g t) -gesucht vom Reformrealgymncisium i. E. nebst Lyzeum und Frauenschule be§ Philanthrop ins <Oofferrtliche ftift. höhere Lehranstalt) in Frankfurt a. M. usw. Bewerbungen sind sofort zu richten an den Syndikus des Schulrats des Philanthropins, Dr. Ernst Goldschmidt, Frankfurt a. M., Eoethestraße 17." So lautet eine Anzeige des „Deutschen Philologenbl altes" Nr. 27 vom 7. Juli 1926. Das Ganze ist eine Frechheit, die kennzeichnend ist für das, was man heute schon dem deutschen Volke zu bieten wagen darf. An einer deutschen öffentlichen Lehranstalt werden Jude n b e vorzu g 11 Und das ^,D e u t f ch e Philologen-blatt" nimmt eine solche Stand alanzerge ans! Jeder gebildete deutsche Leser weiß, daß das Philanthropin in Frank» furt a. M. eine konfessionell jüdische Schule ist, an der nur jüdische Schüler UrÄ> Schülerinnen von jüdischen Lehrern -(mit wenigen Ausnahmen) unterrichtet werden. Von sachverständiger Seite ist die „Deutsche Zeitung' aus den Irrtum, dem sie zum Opfer gefallen ist, hingewiesen worden. Sie hat es bisher nicht für notwendig gehalten, eine Berichtigung M bringen. Es geht nun weiter in allen rechtsstehenden Blättern und von da aus in Parteiversammlungen die Mär um, daß an einer deutschen öffentlichen Lehranstalt jüdische Lehrer bevorzvagt werden. Die spanische presse über den Antisemitismus in Deutschland. Unter dem Titel: „Nassenproblern" bringt die Zeitung „DI stol" einen Artikel ihres deutschen Vertreters, in dem dieser den Fall Lessing zusammensassend darstellt und dann allgemein über den Antisemitismus und Deutschland spricht. Obschon wir nicht in allen Einzelheiten mit dem Verfasser übereinstimmen, geben wir seine Ausführungen im folgenden doch wieder, da es uns von Wichtigkeit scheint, daß eine ausländische Zeitung derartigen Ausführungen über den für Deutschland verderblichen Charakter des Antisemitismus Raum gewährt. Die S ch r i f t l e i t u n g. . Der erbitterte Antisemitismus bedeutet für die Mentalitiät eines der trübsten sozialen Phänomene Zentraleuropas. Wenn dieser Ingrimm einem exaltierten religiösen Gewissen entspräche, selbst unter Mißachtung der Prinzipien christlicher Toleranz, könnten'wir ihn uns ohne Schwierigkeit erklären; aber daß es sich nicht so verhält, wird durch die Tatsache bewiesen, daß aufrichtige Bekehrung den Haß nicht verringert und daß der Antisemitismus die germgste Ausnahme in den rein katholischen Kreisen findet. Auch wenn im Laus der Geschichte die Juden als Gesamtheit Deutschland schweres Unglück bereitet hätten, würde uns diese Bewegung nicht erstaunen. Aber als reine Manifestation eines Rassenhasses scheint er uns gegen d i e G r u n d g e s e tz e bei modernen Gesell s ch a f t Zu verstoßen,. Die Juden — stellen mix einige „Arier" vor, wenn ich von dieser Frage spreche — fühlen sich nicht als Deutsche, sind, in der Tiefe ihres Gewissens, keine guten Patrioten. Worauf ich ihnen erwidere: Selbst wenn man -diesen Vorwurf als streng wahrheitsgetreu hinnimmt, müßte man, damit er gerecht sei, damit aufhören, sie Zu beleidigen und zu erniedrigen. Erst nach einigen Jahren Waffenruhe könnte man über die deutschen Gefühle der Israeliten des Reiches urteilen. Wenn sie fortwährend gering geschätzt und beleidigt werden und wenn man unaufhörlich wiederholt, daß sie Eindringlinge einer hassenswerten Rasse seien, ist es nicht Zu verwundern, daß ein Teil von ihnen des Gefühls für deutsche Solidarität entbehrt. Bisweilen nimmt diese Bewegung Proportionen einer offenen Revolte an. Ich habe einen Intellektuellen (?) mit grotesker Bitterkeit sich über die degenerierten Eigenschaften des modernen Deutschland ergießen hören, des demokratischen, republikanischen Deutschlands, des Deutschlands der Einsteinsche n Relativitätstheorie, der F r e u d s ch e n Psychoanalyse und des C o h e n s ch e n Neokantismus. Und es gibt eine Gruppe von Professoren, in der Mehrzahl Laien bezüglich der Materie der Physik, die jubelnd Sturm läutet, sowie die Entdeckung eines Einwands gegen die Relativitätstheorie angekündigt wird, weil er in ihnen die Hoffnung nährt, daß „dieses jüdische Produkt" zusammeustürzt. ,Wenn ich Deutscher wäre* — sagte ich einem Antisemiten, — ,würde ich mich freuen, daß Einstein aus germanischem Boden geboren ist, deutsch schreibt und Reichsbürger ist, eine Sache, die trotz des Rassenursprungs des großen Physikers das Ansehen der „arischen" Kultur hebt? Anderseits erscheinen mir diese rassentechnischen Betrachtungen etwas übertrieben, wenn man die intensive Vermischung und Kreuzung der antropologischen Typen, die in Deutschland beobachtet wird, betrachtet; aber bei den Rationalisten findet, das Rassenkriterium, aus alle Sphären der Existenz angewandt, vorzügliche Ausnahme; besonders feit den „genialen" Theorien Mister Houston Ch a m b e r l a i n s , des abtrünnigen Engländers, der sich zum Pangermanismus bekehrte, unter denen wir fo sensationelle Entdeckungen finden, wie die, daß Christus vorherrschend der germanischen Raffe angehörte. Aus meine Einwürfe antwortet der besagte Nationalist: -Aber Sie werden sich der Tragödie Deutschlands nicht bewußt: Der größte Teil der Banken, die führenden Zeitungen, beinahe sämtliche Theater und Kinos, eine große Zahl von Verlagsanftalten und bedeutenden Unternehmen befinden sich in jüdischen Hauben? .Wenn es so ist, und es nicht hat vermieden werden können, scheint es mir vernünftiger, alle -gegnerischen Gefühle außer Spiel zu lassen und zu versuchen, sich materiell und geistig mit diesem semitischen Element zu verschmelzen, indem die derzeitigen Barrikaden der Separation niedergerissen werden. Und seien Sie gewiß*, — fügte er hinzu — paß ich physisch wie moralisch ganz abseits von der mosaischen Rasse stehe und mich keinerlei Band an sie knüpft? Im bürgerlichen Leben hat sich die Lage der Juden nach dem Kriege ungemein verbessert; es ist ihnen der Weg zu vielen öffentlichen Aemtern erschlossen worden, die ihnen unter dem Kaiserreich unzugänglich waren. Aber sozial hat sich der A n t i - s e m r tis mus als Reaktion des Hasses gegenüber diesen Vorteilen z u g e s p i h 1 und gewalttätigst e n Charakter angenommen. Der Fall Lesstng stellt im Grunde eine Explosion dieses Haffes, gemischt mit Faktoren von monarchistischem Fanatismus, bar."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.