Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 32 (6.8.1926)
- Date
- 1926-08-06
- Page
- Seite 422 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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422 .Vom Sterbebett der deutschen Seele" Doli Betty Foerder (Breslau). Die deutsche Seele stirbt, der Jude ist ihr Mörder — das ist nicht weiter verwunderlich. Wohl aber ist es verwunderlich, daß es gerade V ö r r i e s v, Münchhausen Vorbehalten war, zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Gerade Vörries v. Münchhausen (und der Jude ist doch pessimistisch). Münchhausen weiß, daß in seinen Vorträgen „die Juden in einem hundertfach über ihren Prozentsatz im Volke hinausgehenden Prozentteil sitzen". — Diese Feststellung sei noch ergänzt: eine kleine Rundfrage, ganz willkürlich, ganz wahllos an mir Begegnende gestellt, ergab, daß in der Bibliothek fast jedes nur irgendwie literarisch interessierten Juden ein Band von Münchhausens Balladen steht; daß alle seine Balladen kennen; daß alle seine Balladen lieben. Dies, um die Stellung des Juden zu Münchhausen Zu charakterisieren. Wie sieht die Münchhausens Zu den Juden aus? Zunächst: wie sah sie bisher aus? Man denke sich aus dem Werk Münchhausens jene Teile fort, die Stoffe des Alten Testaments, die jüdische Gestalten, jüdisches Erleben zeichnen — lind ein Schmuckstück bleibt Zurück, das seiner köstlichen Steine mit Kennerblick frech beraubt rst. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachte man den Gedichtzyklus „Die drei Hemden" (aus der Sammlung „Die Balladen und ritterlichen Lieder"): es ist kein Zufall, daß „Rabbi Manasse Cohen" — das Gedicht mit dem jüdischen Helden — den Zyklus 'beschließt, ihn krönt. Ter eigenen Erkenntnis vom Werte seiner jüdischen Dichtungen mag Münchhausen gefolgt sein, als er, durch den Maler Lilien angeregt, die jüdischen Balladen gesondert im „Buch Juda" erscheinen ließ. Lilien hat dies Buch illustriert, und so ist es zur gemeinsamen Schöpfung, zum gemeinsamen Besitz geworden — des Deutschen und des Inden. Wie konnte das geschehen? Die Antwort gibt Münchhausen selbst in einer Skizze, deren Abdruck er der „C. V.-Zeitung" (4. Jahrgang, Nr. 35 vom 28. August 1925) kurz nach dem Tode Liliens gestattete, um den toten Freund zu ehren: „Wir haben zusammen gelebt und allmählich, ganz allmählich den andern verstanden — der Deutsche den Juden, der Jude den Deutschen verstanden! Tiefes Verstehen wurde gemeinsames Denken und Empfinden, .schuf ein gemeinsames Kunstwerk, da Wort und Bild in Harmonie sich vereinigen." So dachte Börries von Münchhausen im Jahre 1905, als er die Skizze „Lilien und ich" im „Generalanzeiger für die Interessen des Judentums" erscheinen ließ. Im Jahre 1926 schreibt Münchhausen für die Monatsschrift „Deutschlands Erneuerung" den Aufsatz „Vom Sterbebett der deutschen Seele". Anlaß zu diesem Aufsatz gibt eine Rundfrage, die „Das Tagebuch" an eine Reihe von Buchhändlern ergehen läßt. Da stellt sich nämlich heraus, daß die am meisten begehrten, am meisten verkauften Bücher von Juden und Ausländern verfaßt sind. Die Gefahr, die der deutschen Seele auf diese Weise von den Ausländern droht — es handelt sich wohl um die Namen Dostojewski), Balzac, Rolland —, muß Münchhausen nur unbedeutend Vorkommen. Denn ihr widmet er einen so geringen Teil seiner Aufmerksamkeit, daß sie mit Nech't im Nahmen dieser Ausführungen ohne Beachtung bleiben kann. Um so eingehender beschäftigt er sich mit den Juden als den Totengräbern der deutschen Seele. „Das deutsche Volk kauft mehr als doppelt so viele jüdische und ausländische Schriftsteller als deutsche! Die 60 Millionen Deutsche kaufen mehr Bücher, die geschrieben sind von der halben Million Juden, als Bücher von ihren 59% Millionen Landsleuten. Nehmen wir annähernde Gleichheit der Produktion an, so bedeutet das, daß 120 Deutsche lieber das eine Buch des Wien Juden unter sich kaufen, als die 120 Bücher, die ihre Nassebrüder verfaßten." Das erweckt zunächst den Anschein, als ob die Deutschen selbst der deutschen Seele das Sterbebett bereiteten. Münchhausen betont auch ausdrücklich, er wolle „nichts zu tun haben mit dem Antisemitismus, dessen Vater der Neid und dessen Bruder der Mord ist"! Er räumt den Juden ohne weiteres das Recht ein, Bücher zu schreiben, sogar das Recht, bessere Bücher zu.schreiben als die Deutschen. Aber er letzt dem Produktions g e b i e t der Juden Grenzen, — der Dichter Münchhausen will der Kunst Grenzen vorschreiben! — die zu Grenzen seines eigenen logischen Denkens werden. „Es gibt Bücher," sagt er, „bei denen es durchaus wichtig ist, daß sie von einem Manne verfaßt sind, der gleicher Rasse mit dem Leser war." Zu solchen Büchern rechnet er zum Beispiel nicht Werke medizinischen Inhalts — das Löben läßt man sich schlimmstenfalls auch von Juden retten! Aber unmöglich ist es, daß Heines Lyrik deutsches Empfinden zum Ausdruck bringen kann. Das s a g t der deutsche Dichter, der mit Vorliebe den Neigungen der jüdischen Seele in Freud und Leid folgt. Wie will er da Zutritt haben, wo er, umgekehrt, Heine verschlossene Tore finden läßt?! Er erzählt, wie er mit Lilien zusammen lebt, wie einer den andern verstehen lernt. Aber: „nur : wer jedes Instinktes bar ist, kann glauben, daß etwa Jacob Wasser- : manns Meisterhand deutsche Menschen schaffen könnte". Wir wissen aus Wassermanns Bekenntnisschrift „Mein Weg als Deutscher und Jude", wie Wassermann um die deutsche Seele gerungen hat. Und ihm sollte aus prinzipiellen Gründen versagt geblieben sein, was Münchhausen und I Lilien gelang? Nur Wassermann selbst würde ich es glauben, nur wenn er selbst es behaupten würde, daß er im Caspar H au ser, t m Erwin Reiner, im Daniel Nothasft, im - Christian W a h n s ch a f f e, im Dietrich O r l i n , im E u g e n F a b e r, im F r i e d r i ch L a u d i n*) (haben denn N amen : gar nichts zu bedeuten?) „immer wieder Rassegenossen zu Trägern der Handlung in seinen Romanen macht" — wie Münchhausen vorgibt, Wassermann sogar die Absicht unterschiebt, Juden zu gestalten in der Selbsterkenntnis, daß er nur Juden zu gestalten vermag. Mit dieser Theorie, die den Juden als Eindringling in Kunst ge biete empfindet, die ihm nicht offen j stehen, stempelt Münchhausen ihn zum Mithelfer am Morde der deutschen Seele. Schon ist es nicht mehr der Deutsche allein, der schuldig ist. Die Diktion Münchhausens nähert sich jedoch bedenklich jenem Antisemitismus, „dessen Vater der Neid und dessen Bruder der Mord ist", da er sich mit Emil Ludwigs „Kaiserbuch" beschäftigt. Seiner Theorie folgend, wendet er sich nicht gegen die Auffassung, die Ludwig in seinem,Werk bekundet, sondern gegen die Tatsache, daß er sich "mit einem Thema beschäftige, das ihm, den: Juden, für indiskutabel zu gelten habe — (und behauptet noch einige Zeilen weiter, daß die Juden „völlig gleichberechtigt unter uns leben"). Er wendet sich zweitens gegen das deutsche Volk, weil es nicht „Scham und Wut" darüber empfinde, „daß ein zugewanderter Fremdstümmiger mir meinen Fürsten zu verunglimpfen wagt" — „da Zehntausende von Deutschen kein Gefühl haben für das Aufpeitschende, das darin liegt, daß ein Jude ihnen ihren Kaiser so unglaublich darstellt". Es ist bezeichnend, daß die „Schlesische Zeitung" (Nr. 122 vom 13. März 1926) diesen Passus, abweichend vom Original, in gesperrtem Druck bringt. Die „Schlesische Zeitung" hat ihren Ton erkannt, die Sprache d-es Antisemitismus, „dessen Vater der Neid, und dessen Bruder der Mord ist". Noch wehrt Münchhausen sich gegen die Gemeinschaft mit diesem Antisemitismus, und wer den Dichter, und wer den Redner kennt, mag vom Ueberzeugten sich überzeugen lassen. Und trotzdem treibt er im Fahrwasser jener Richtung, führt ihr trübe Strömungen zu. Denn: sein'Aufsatz ist nicht für ihn selbst geschrieben, sondern für die andern. Und w i e hat er auf diese andern bereits gewirkt? Der Verleger von „Deutschlands Erneuerung" fügt dem Aufsatz Münchhausens ein Nachwort bei. Da heißt es: „Wie kann jeder beitragen, unserem Volke zum Siege zu verhelfen? Der deutsche Verleger dadurch, daß er keine undeutschen Werke druckt, der Sortimentsbuchhändler, daß er sie nicht auf sein Lager nimmt, empfiehlt und verkauft, die deutsche Presse dadurch, daß sie diese als artfremd ablehnt, und das deutsche Volk dadurch, daß es sie grundsätzlich nicht kauft." Merkwürdigerweise findet Münchhausen selbst keinen positiven Weg, die deutsche Seele zu retten. Nicht ruft er den Deutschen zu: Tretet ein in den Kampf! Lernt eure Zeit verstehen! Schafft Werke, die denen der Juden an die Seite zu stellen sind, wie sie begehrt und gekauft werden! Nein, er weiß nur den negativen Ausweg: Ihr jüdischen Schriftsteller, schreibt weniger! Ihr jüdischen Verleger, druckt weniger! Auf daß ein normaler *) Von uns gesperrt. Die Schristlütung. Sa na fori um für Nerven-und innere Kranke Leitende Aerzte: Dr.R.Fleischmann, Br.Fr.Poansgen. --*------—- Alleinige Anzeigen-Annalime Rudolf Messe, Anzeigen-Annahme f ür sämtl. Zeitungen Deutschlands und des Auslands Berlin SW 19, Jerusalemer Siratze 46—49 - Breslau« Chemnitz «Dresden » Düsseldorf ♦ Erfurt ♦ Frankfurt a. M.» Halle (Saale) . Harnburg » Haunouer » Karlsruhe « Köln a.Rh.. Leipzig Magdeburg ♦ Mannheim « München . Nürnberg « Stettin » Stuttgart * Amsterdam « Barcelona - Basel ♦ Budapest * Bukarest » London ♦ Mailand . Prag » Warschau ♦ Wien ♦ Zürich. 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