Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 32 (6.8.1926)
- Date
- 1926-08-06
- Page
- Seite 421 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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m „Die Würdelosigkeit unserer lügenverstrickten Existenz." I. H. In der „Weltbühne" schreibt der angesehene jüdisch-nativnale Schriftsteller Robert W e l t s ch einen Aussatz „Für den Zionismus" als Entgegnung auf eine in demselben Blatte früher erschienene Abhandlung gegen die jüdisch-nationale Palüstinastedlung. Weltsch behauptet, Palästina bedeute den ersten Versuch einer Generation, ihr Dasein neu auszubauen, welche die Würdelosigkeit ihrer lügenverstrickten Existenz in Europa durchschaut hat. Er führt dann weiter aus, daß der Wunsch nach Abstreifung aller Schlacken der Ghettoexistenz, die Sehnsucht nach wirtlicher Wiedergeburt nicht mit dem ganz andere Assoziationen hervorrufenden Namen „völkisch" bezeichnet werden dürfe. Es heißt dann: „Diese jüdischen „Völkischen" machen sich immerhin das Leben recht schwer, um einer Idee willen; aber das gut erfundene Schlagwort „völkisch" bietet dem jüdischen Bourgeois, der sich in der Ghettoexistenz ganz behaglich einzurichten versteht, einen willkommenen Schild zur Abwehr der Angriffe gegen sein Gewissen und seine Selbstsicherheit." Weltsch spricht dann weiter von der Liebedienerei der „nationaldeutschen" und anderer assimilatorischen Juden. Es mag humoristisch berühren, daß in dem gleichen Heft der „Weltbühne" in einem Aufsatz von Friedrich Sternthal „Papst wider Nationalismus" folgende Sätze zu lesen sind: „Es (das Judentum) hat zwar nicht ursprünglich, aber im Laus seiner Entwicklung das Ethos über den Logos gesetzt. Daraus leitet sich schließlich her, daß große Massen der Juden den letzten Abhub des europäischen Ethos: den Nationalitäten- und Rassenwahn angenommen haben, und zwar in Gestalt des Zionismus. Er ist der Kirche ein Greuel. Sie hätte ihn nicht schwerer verwunden können als dadurch, daß sie den Logos über das Ethos setzte." Wer im Kreise von zionistischen Freunden und Bekannten zu behaupten wagt, die Gedankenführung der Jüdisch-Nationalen lause daraus hinaus, daß sie den deutschen Juden die „Würdelosigkert einer lügenverstrickten Existenz in Europa" vorwerfen, wird stets hören müssen, nur einige wenige Fanatiker behaupteten solches, die offizielle jüdisch-nationale Theorie aber lehre diese Dinge anders. Sie wolle nichts anderes als den Stolz auf die Abstammung, die Geschichte, die Entwicklung und die Gegenwart des Juden. Kenner der Verhältnisse haben von jeher darauf hingewiesen, daß Leute, die so sprechen, sich einem schweren Irrtum hingeben. Und wenn die in der Versammlung des Preußischen Landesverbandes von Dr. Klee gewählte Formulierung, „der Zionismus sei in deutschen Dingen deutsch, in jüdischen Dingen jüdisch", als Beweis von den Zionisten herangezogen wird, so muß darauf hingewiesen werden, daß Klee deswegen auf das allerschärfste von jüdisch-nationaler Seite angegriffen worden ist. Es ist immer wieder auffallend, daß Juden, die außerhalb Deutschlands geboren sind und jetzt in Deutschland wirken, für die Empfindung und das Wesen eines deutschen Juden meist nicht das nötige Verständnis auszubringen vermögen. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Tatsache. Sie ist wohl daraus zurückzu führen, daß besonders jüdische Elemente aus den Ostländern, die infolge der nationalen Kämpfe in der Heimat in eine schiefe innere Stellung zur Frage ihres Vaterlandes geraten sind, uns jüdischen Deutschen ihre eigene Stellungnahme zu den Problemen aufzuzwingen versuchen. Auch das wäre nicht schlimm, wenn nicht vielfach bei ihnen eine maßlose Überheblichkeit mitspielen würde, infolge deren sie die Auffassung der jüdischen Deutschen von vornherein als unwahr, mangelhaft, charakterlos und dumm zu bezeichnen belieben. Man kennt das Lächeln, das jn diesen Kreisen üblich ist, wenn wir unsere Existenz weder als „würdelos" noch als „lügenverstrickt" bezeichnen, sondern diesem Vorwurf gegenüber die Tatsache unseres Deutschseins, seiner wahrhaftigen Begründung, kurz unseres inneren deutschen Erlebnisses in den Vordergrund schieben. Wer sich bemüht, die jüdisch-nationale Anschauung zu verstehen, hat häufig und mit vollem Recht auf die Gleichartigkeit der völkischen Gedankenwelt hingewiesen. Wenn von jüdisch-nationaler Seite dieser Vergleich als eine Beleidigung aufgefaßt wird, so ist dagegen zu sagen, daß diese Empfindung auf der irrigen Voraussetzung beruht, daß mit der völkischen Parallele gewisse Methoden deutschvölkischer Hetzer und Agitatoren gemeint seien. In Wahrheit gibt es auch unter den Völkischen sehr anständige und sehr ehrenwerte Elemente, die keineswegs mit den Schreiern und politischen Lumpen in eine Linie gestellt werden dürfen, an denen die völkische Bewegung allerdings besonders reich ist. Es ist leicht nachzuweisen, daß wer, wie Robert Weltsch, etwa „die Würdelosigkeit einer lügenverstrickten Existenz" bei den jüdischen Deutschen behauptet, dieser Behauptung nur dann eine Grundlage zu geben vermag, wenn er davon ausgeht, daß die jüdischen Deutschen nur fremde Gäste im deutschen Wirtsvolk seien, die nach Abstammung, Rasse, Religion, Kultur ein dem Deutschen fremdes Element sind, kurz: die Gedankengänge benutzt, die der völkischen Lehre entnommen sind. Bei diesen Auseinandersetzungen schmerzt stets besonders, daß man so gut wie nie bei den Jüdisch-Nationalen eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen Problemen findet. Statt sachlicher Klärung stets nur gefühlsbetonte Kritik. Dabei läßt sich nicht verkennen, daß, je lauter diese Unwahrheit von der „Würdelosigkeit unserer lügenverstrickten Existenz" in die Oeffentlichkeit geschrien wird, desto leichter böswillige Sammler „jüdischer Selbstbekenntnisse" ihre Materialmappe füllen können. Das würde uns nicht so sehr befremden, weil die Lüge schließlich nie aufhören wird. Aber größer ist die Gefahr, daß auch der unbefangene jüdische Leser und Hörer durch die fortgesetzte Nachbetung ganz falscher und tatsächlich mit nichts belegbarer Behauptungen mit diesen gefährlichen Irrlehren erfüllt wird. Der national-jüdische Standpunkt hat etwas Bequemes an sich. Man kümmert sich nicht um seine Umgebung, man gibt die völkischen Beweggründe zu und baut auf dieser völkischen Grundlage ein Programm auf, das von den Andersvölkischen nicht angegriffen wird, weil es allen völkisch Gesinnten in ihren letzten Interessen zugute kommt. Man braucht keine schwierigen, aufreibenden Kämpfe gegen seine politischen Gegner, wenn man den Kampfplatz räumt. Das tut man aber in Wirklichkeit, wenn man derartige Behauptungen in die Welt schickt, wie sie der Auffassung des Herrn Weltsch entsprechen. Ein wirklich und wahrhaft anständiger Mensch wird nicht ein Staatsbürgerrecht oder gar ein Beamtenrecht im -Staate ausüben wollen oder können, wenn er in seinem Busen das Verhältnis zu seinen Mitbürgern als „würdelose Verstrickung"^ seine Stellung zur Allgemeinheit als „lügenschwer" betrachten muß, Wir danken dafür! 4£>t(fC ftt der 7lol / Wochenbeirachtung. Trotz der umfassenden Maßnahmen, welche das mosaische Gesetz für die wirtschaftliche Sicherstellung der seiner Fürsorge Anbefohlenen besonders auch durch enge Verknüpfung des Bodens mit der Familie als auf die Dauer unveräußerlichen Besitzes trifft, rechnet es> doch nach weiser Erfahrung mit der Tatsache, daß niemals der Arme aushören werde im Lande. Es wird stets Fälle verschuldeter oder unverschuldeter Not geben. Für diesen Fall wird nun ein eigenartiges System der Hilfeleistung eingerichtet. Der Arme gerät in Verschuldung. Wie kann man ihm helfen? Er besitzt nichts, woraus man ihm leihen könnte. Das einzige, was ihm geblieben ist, ist seine Arbeitskraft. Diese kann er nutzbar machen, um seinen Verpflichtungen nachzukommen. Er verkauft sie auf 'höchstens sechs Jahre und tritt in die rechtlich mit starken Garantien versehene Stellung eines hebräischenKnechtes. Sein und seiner Familie Unterhalt werden in vorbildlicher Weise gesichert. Der Herr darf ihn nicht schlechter stellen als irgendein Glied seiner Familie. Gegen Mißbrauch und Ausbeutung seiner Arbeitskraft wird er geschützt. Das Wichtigste aber ist die Vorsorge, die für ihn nach Beendigung seines Arbeitsvertrages getroffen wird. „Und wenn du ihn zur Freiheit entläßt von dir, so sollst du ihn nicht leer entlassen. Reichlich soll du ihm aufladen, von deinen Schafen, deiner Tenne und deinem allen, mit welchen dich der Ewige, dein Gott, gesegnet hat, soll du ihm geben. Denke daran, daß du ein Knecht im Lande Aegypten warst. Der Ewige, dein Gott, hat dich erlöst Darum besohle ich dir heute diese Sache." Er wird nicht neuer Not Preisgegeben, erhält Unterhalts- und Produktionsmittel, um ein neues Leben zu beginnen. A us de m Arbeitsvertrag wird ein sittliches Verhältnis. Der eine Zeitlang ökonomisch Abhängige wird zum Bruder und Volksgenossen. Die Erinnerung an die eigene Not in den Tagen der Vorzeit weckt noch nach Jahrhunderten den Geist der Brüderlichkeit und Hilfsbereitschaft. Die ökonomische Form.der Hilfeleistung mag sich in unserer Zeit nicht verwirklichen lassenD Der Geist, der aus ihr spricht, dürfte noch heute vorbildlich sein/ Hsffmcmn. Die dritte allgemeine Konferenz des Verbandes der Gesellschaften „Ort" (Gesellschaften zur Förderung von Handwerk und Landwirtschaft unter den Juden) findet vom 8. bis 10. August unter Beteiligung von Vertretern sämtlicher europäischer und amerikanischer „Ort"- Organisationen in Berlin statt. Mit selbstloser Hingabe und nie versagender Geduld und Ausdauer hat die „Ort" seit 1921 nicht weniger als 13 600 jüdische Familien zur landwirtschaftlichen Bodenständigkeit in Osteuropa geführt, 5600 elenden jüdischen Kindern und Jugendlichen zur geregelten Fachausbildung, 4809 jüdischen Handwerkerfamitien im Osten zu Werkzeug und Arbeitsmaterial verholsen. Bei dieser produktiven Fürsorge hat sie mit Hilfe der Amerikaner in den letzten sechs Jahren nicht weniger als 1226 360 Dollar -ausgewendet. Die „Ort" hat -in ihrer Arbeit das Wort Pestalozzis: Erziehung ist Hilfe zur Selbsthilfe, als Richtschnur gewählt, und durch ihre Methode dem ehrlichen Arbeitswillen der Bedürftigen zur praktischen Verwirklichung verholsen. Das bezeugen die Tausende jüdischer Landwirte, Handwerker und Kinder, denen die „Ort" den Weg zum Berus gewiesen hat. Die Tagung der „Ort" wird im Logenhaus, Berlin, Kleiststraße 10, stattfinden. Die Eröffnung erfolgt am 8. August, vormittags 11 llhr, im großen Sitzungssaal des Herrenhauses Leipziger Straße 3. Die Tagesordnung sieht u. a. vor: den Bericht über die Tätigkeit der Zentralverwältung (Dr. L. Brarnson) und Mitteilungen der Landesorganisationen über irie Tätigkeit der „Ort" in Rußland, Polen, Rumänien, Litauen, Lettland, Westeuropa und Amerika, lieber „Wesen und Ausbau der Organisation" wird Dr. A. Singalowskh sprechen, und Ingenieur L. F r e n k e l, Professor B. B r u tz k u s , Professor S. Frankfurt und Dr. v. L v o - v i t ch werden über die Ausgaben auf den verschiedenen Arbeitsgebieten der „Ort" berichten. Wir wünschen dem „Ort"-Verbande einen glücklicher^ Verlauf seiner Konferenz!