Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 32 (6.8.1926)
- Date
- 1926-08-06
- Page
- Seite 419 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Papst Pius XL und der Antisemitismus. In der V.-Zeitung" vom 23. Juli haben wir Äußerungen veröffentlicht, die der gegenwärtige Papst Pius XI. in bezug auf die Juden getan hat. Der Papst sagte, daß er den Kamps gegen den Antisemitismus unterstütze, und wörtlich fügte er hinzu: „Es ist gegen das katholische Prinzip, die Juden zu verfolgen. Die Juden sind ein göttliches Volk, obgleich ihre höhere Intelligenz zu rationalistisch ist." Wenn wir Juden sagten, wir sind dankbar für solche Worte, so könnte darin eine Herabminderung des Gewichtes dieses Ausspruches gefunden werden. Danikbar ist man für eine unverdiente Wohltat, für ein unverdientes Glück. Papst Pius XI. hat aber sicherlich weder eine Wohltat noch ein Glück unverdientermaßen den Juden zuwendcn wollen. Von der Höhe seiner katholischen Weltanschauung aus hat dieser religiöse Leiter von Millionen und Millionen Gläubigen eine Wahrheit ausgesprochen und natürlich aussprechen wollen, die ohne Eindruck auf die Katholiken aller Länder nicht bleiben kann. Der Katholizismus wendet sich gegen den Antisemitismus; das ist Leine neue Erscheinung. Andere Päpste haben den nämlichen Standpunkt eingenommen; Päpste und Kardinäle der Vergangenheit und hervorragende Katholiken des Laienstandes, wie noch bis in die neuere Zeit hinein Windthorst und Gröber im Deutschen Reichstag neben anderen. Allein, da Irrtum, da Haß und Verhetzung immer erneut sich in den Vordergrund drängen, so ist es notwendig, daß auch den edlen Kräften in der Menschheit wieder und wieder ein Ansporn gegeben wird, und das hat Papst Pius XI. getan, seiner hohen Mission folgend. Es wäre leichtfertig von uns Juden, aus den Worten des Papstes nur das herauszuhören, was uns angenehm klingt. Papst Pius XI, m fügte hinzu: „Die Juden sind ein göttliches Volk, obgleich ihre höhere Intelligenz zu rationalistisch ist." Das Wort „göttlich" darf ganz gewiß nicht unseren Hochmut aufstacheln; als „göttlich" werden wir bezeichnet». weil die Inspirationen des Alten Testaments der Menschheit durch das Judentum überliefert worden sind. Und wenn der Papst von der „höheren Intelligenz" der Juden spricht, so ist diese „höhere Intelligenz", soweit sie vorhanden, schwerlich eine ursprüngliche Anlage jenes kleinen Bauern- Volkes, das zwischen Mittelmcer und Wüste seine Wohnsitze gesunden hat, zu jener Zeit, als es in die Geschichte eintrat. Durch traurige und blutige Schicksale von ein paar Jahrtausenden mußte den Juden, wenigstens vielen Juden, das, was wir „Intelligenz" nennen, angezüchtet werden. Wäre ihnen diese Gabe nicht beschieden worden, — sie hätten in so wunderbarer Weise sich bis ans den heutigen Tag nicht zu erhalten vermocht; ein Vorgang, einzig in der Geschichte der Menschheit, so weit man zu blicken vermag, und zwar bis in die dunkelsten Zeiten der Vergangenheit hinein. Daß diese Intelligenz zu „rationalistisch" sei, hebt der Papst warnend hervor; zu „verstandesmäßig", wie man wohl erläuternd sagen darf; und da ein warnender Tadel in diesen Worten liegt, so darf man vielleicht ergänzend hinzufügen: kalt verstandesmäßig. Es gibt unter uns Juden, soweit wir uns selbst zu beurteilen vermögen, sehr verschiedene Typen und sicher auch den Typus des „kalt und nur verstandesmäßig" Urteilenden. Ist dieser Typus der überwiegende? Wir selbst werden ein abschließendes, zutreffendes Urteil hierüber uns nicht Zutrauen können, gewiß nicht bei der Verschiedenheit des Typus Jude mit völlig verschiedener Vergangenheit und Gegenwart in so vielen Ländern der Erde; bei so völlig verschiedenen Schicksalen, die die verstreuten Glieder des Judentums durchlebt haben. Aber ehrlich nachdenklich muß uns der Ausspruch des Papstes Pius XI. machen, wie eine gütige und wohlwollende Mahnung einer so hoch und überblickend gestellten Persönlichkeit es verdient. — in ,Deutsche Notbrüöersthast gegen jüöijche Solidarität." In der „Welt am Montag" vom 2. August ist Herr v. G e r l a ch in der Lage, die Bestrebungen eines Herrn Beythien aufzudecken, der eine antisemitische Geheimorganisation zum wirtschaftlichen Boykott jüdischer Firmen zu gründen mit einigem Erfolg begonnen hat. Ueber die Person dieses Herrn Alexander Beythien aus Hamburg teilt die „Welt am Montag" mit: „Herr Beythien, erst 27 Jahre alt, hat schon eine ganz stattliche völkische Vergangenheit aufzuweisen. Er hat begonnen als Privatsekrerär des deutschnationalcn Politikers Alfred Roth. Im Jahre 1919 half er den antisemitischen Schutz- und Trutzbund begründen. Dann war er in Hamburg im Armanenbund und im Volksbund Schwarz- Weiß-Rot tätig. Er soll ein gewandter Redner fein. Jedenfalls legt er gern Zur Reklame für sich die Liste seiner 900 Vorträge vor. Außerdem beruft er sich nicht bloß auf den deutschnationalen Professor E ö r ck e aus Brandenburg, sondern sogar aus einen leibhaftigen Prinzen: Salvator von P s e n b u r g. Also Referenzen, die in den Kreisen ziehen müssen . . ." Beythien hat versucht, nun seit Anfang 1926 in Berlin die „Deutsche Notbrüderschaft gegen jüdische Solidarität" zu gründen, die eine „geschlossene germanische Kette unter Ausschluß jedes jüdischen Gliedes" gegen den jüdischen Handel, jüdische Aerzte, jüdische Industrie, jüdische Rechtsanwälte usw. bilden soll. Beythien macht unzählige Besuche, legt dabei Listen zur Einzeichnung von Beitrügen vor und hat, wie die „Welt am Montag" mitteilt, eine Einzeichnungsliste mit etwa 112 Berliner Namen — unter ihnen allein etwa 36 Berliner Anwälte! — schon jetzt aufzuweisen. Die Zeichner setzen sich aus Angehörigen aller Berufe zusammen, und die Beitrüge schwanken zwischen 10 und 300 Mark. Beythien empfiehlt seinen zahlenden „Förderern" und denen, die er bei seinen Besuchen als solche gewinnen möchte, < „Geld vom Inden nehmen, wo es nur möglich ist, aber es nur in rechtsstehenden Kreisen ansgeben! Damit so die jüdische Kapitalfront allmählich geschwächt wird. So skrupellos Vorgehen wie die Inden! Born Jude lernen und rühriger werden! Sich anfraffen zrmr Kampf bis aufs Messer!" Sein oberster Grundsatz ist, den Juden zwar nichts zu verdienen zu geben, wohl aber ruhig Geld von den Juden zu nehmen — deshalb empfiehlt er z.B. diesen Anwälten auch, ruhig jüdische Mandate anzunehmen. Dieses in Berlin begonnene Unternehmen hofft Herr Beythien auf das ganze Reich ausdehnen zu können. Mit Hilfe der Schwerindustrie will er ein Unternehmen „Hansa-Deutsches Wirtschaftsamt" groß a-uszichen, und der. „Stahlhel m" soll ihm in 3000 deutschen Städten je zwei Mitglieder als Vertrauensmänner zur Verfügung stellen, damit er mit ihrer Hilfe die „Deutsche Notbrüderschaft" zu einem Netz über ganz Deutschland ausspannen kann. Diesen, Mitteilungen von Herrn v. Gerl ach in der „Welt am Montag"' folgend, haben wir eine Reihe von Recherchen unternommen, die bisher ergeben, daß Herr Beythien unter dein Mantel völkischer Bestrebungen höchst eigennützige Ziele verfolgt hat — mehrere offenbar stark rechts eingestellte „Förderer", die wir besuchten, schreckten nicht davor zurück, ihn als einen „Schwindler" und „Sammelbetrüger" zu bezeichnen. Wir werden die Untersuchungen fortsetzen und hoffen, nächstens über weitere Ergebnisse berichten zu können. — Wozu nicht der völkische Mantel alles herhalten muß! Die Nationalsozialisten in Herne. , Völkische Agitation an Rhein nnd Ruhr. Der Gau Ruhr (Rheinland und Westfalen) der N. S. D. A. P. hatte für den 31. Juli und 1. August sämtliche Ortsgruppen des Gaues zu einem Nationalsozialistischen Freiheitstag nach Herne i. W. emgeladen. Dieser „Freiheitstag" sollte allen denen, die der weiten Entfernung wegen oder aus finanziellen Gründen nicht zum Parteitag nach Weimar kommen konnten, Gelegenheit geben. Stärke und Größe der Bewegung kennenzulernen. Unter persönlicher Leitung des Propagandachefs der Hauptgeschäftsstelle München, Otto May, wurden die Vorarbeiten in Angriff genommen. Hitler, der anfangs sein persönliches Erscheinen zugesagt hatte, war durch eine Fahnenweihe in Nürnberg Zurückgehalten und hatte den früheren Reichsleiter der Partei Gregor Straffer als seinen Stellvertreter entsandt. Wie durch einwandfreie Ermittlung festgestellt, rechnete man im vorbereitenden Ausschuß für den Frech ei Mag mit einer Teilnehmerzahl von mindestens 3000 auswärtigen Parteigenossen und sorgte deshalb auch für entsprechende Massenquartiere. Die geringe Zahl der erschienenen auswärtigen Teilnehmer (am Samstag kaum 500, zu denen am Sonntag noch zirka 700 hinzukamen) war eine bittere Enttäuschung, eine noch härtere das ablehnende Verhalten des Großteils der Bevölkerung der Feier an sich gegenüber. Trotz rührigster Propaganda und wiederholter Aufforderung der Herner Ortsgruppe (zirka 200 Mitglieder stark, meistenteils kleine Beamte, Mittelstündler, wenig Arbeiter), die Häuser zu flaggen und den auswärtigen Teilnehmern einen herzlichen Empfang zu bereiten, waren in der f ast 1 K Kilometer langen Bahnhofstraße kaum lOFlaggenzu zählen, und außer am Festlokal und am Stammlokal der N. S. D. A. P. war überhaupt keine Hakenkreuzfahue zu sehen. Straffer drückte wiederholt sein großes Befremden hierüber aus und erging sich in harten Ausdrücken über die bürgerlichen Schlafmützen.