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Central-Verein-Zeitung · 1926-08-06 · 32 (6.8.1926) · p. Seite 418

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
32 (6.8.1926)
Date
1926-08-06
Page
Seite 418 (sequence 2)
Language
German
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m gerade versamElten- Synode deren Vorsitzender Hausminister v. Wedel das Gerüste wegen Blasphemie, deren Dolus man einem Manne Zutrauen müsse, der den christlichen Charakter der Volksschule bestreite. Dann folgte in der v. Mirbach.Unterzeichneten Antwort aus die Gratulation der Stadtverordneten zum Geburtstage der Kaiserin die Wendung, wie tief - es das landesmütterliche Herz Ihrer Majestät geschmerzt habe, daß noch gar ein Hochschullehrer usw?). Einen entsprechenden Schreibebrief hatte Mirbach auch an den Rektor der Universität gerichtet, damals der Mathematiker Fuchs, der in feinem schreck die Sache der Fakultät zu weiterer Veranlassung und zu ihrem größten Mißvergnügen übergab. Zufällig war wieder, wie vor zehn Fahrens Eck Dekan. Von ihm erhielt ich dann das wunder- Lchste Schreiben, mit dem wohl je ein Angeklagter vor ein hohes Tribunal zitiert wurde. Es lautete ungefähr: „Hochverehrter Herr Kollege! Die Fakultät hat in ihrer gestrigen Sitzung beschlossen, wegen Ihrer bekannten Aenßerungen in der Stadtverordnetenversammlung das Disziplinarverfahren gegen Sie zu eröffnen. Zu Ihrer verantwortlichen Vernehmung bitte ich Sie, morgen um 11 Uhr ins Dekanatszimmer zu kommen, was Ihnen keine Unbequemlichkeit machen wird, da ich weiß, daß Sie bis 1 Uhr losen. In alter Freundschaft Ihr Eck." Ich hatte gleich nach dem Geschrei in der Synode eine Erklärung in der „Vosstschen Zeitung" veröffentlicht, daß mir selbstverständlich jede blasphemische oder kränkende Absicht ferngeleaen habe, daß ich aber ebenso selbstverständlich den guten Glauben der Leute bezweifle, die für die Zwecke ihrer Agitation mir diese Absicht verleumderisch unterschöben. Bei meiner verantwortlichen Vernehmung hatte E ck schon ein fertiges Protokoll vor sich, worin ich mich auf diese Erklärung bezog. Ja, sagte ich, das gilt für die subjektive Seite; aber auch objektiv bestreite ich entschieden das Vorliegen einer Blasphemie. Als Belege berief ich mich aus zahlreiche niemals beanstandete Analoga, z. B. auf den Vers der Potsdamer Eardeofsiziere nach den Denkwürdigkeiten von Hohe nlohe-Jngelfin gen: „Ueb immer den Parademarsch bis an dein kühles Grab, und weiche keinen Finger breit von deiner Richtung ab"; aus eine Aeußerung Stöckers auf dem evangelisch-sozialen Kongreß in Erfurt: „Wenn ich dies Wunder fassen will, so steht mein Geist vor Erfurt still (woraus mich Harnack aufmerksam gemacht hatte Z, wie ich denn aus aller Welt mit solchen Belegstellen in zahllosen Mengen unterstützt wurde). Schließlich aber berief ich mich auf die bekannte Aeußerung des sunumis episcopus der evangelischen Landeskirche'): „Wer nur aus Gott vertraut und feste um sich haut, hat nicht aus Sand gebaut." Nach solchen Vorgängen von solcher Seite könne weder subjektiv noch objektiv von einem blasphemifchen Charakter meiner sehr harmlosen Wendungen die Rede sein. E ck war in gelinder Verzweiflung über diese etwas aggressive Verteidigung, und namentlich ersuchten er und die Fakultät mich dringendst, wenigstens S. M. aus dem Spiel zu lassen, wogegen ich mich natürlich sehr sträubte, da es mein bester Trumpf war. Eck *) In dem Obechofmeifterfchreiben an den Stadtverordnetenvorfteher Dr. Lang er Hans, das von der seelsorgerischen Versorgung der Massen spricht, heißt es weiter im Hinblick ans die Versagung vvn Geldmitteln für die Kaiser-Wklhelm-Gedüchtniskirche: es habe Ihre Majestät schmerzlich berührt, daß die entgegenkommende und versöhnliche Haltung der kirchlichen Behörden und des Magistrats „von einer großen Zahl der Stadtverordneten nicht gefördert, sondern verhindert worden ist. Auch hat Ihre Majestät mit tiefem Schmerz davon Kenntnis genvmrnen, daß vor kurzem in Ew. Wohlgeboren Abwesenheit in der Stadtverordnetenversammlung ein Lehrer der königlichen Universität, ohne in gebührender Weise zurückgewiesen zu werden, heilige evangelische und biblische Trostesworte in einer Weise zum Spott benutzte, welche jede Sitte, vor allem aber das christliche Gefühl aus das tiefste verletzen mußte. Ihre Majestät hoffen, daß es mit der Zeit den guten und treuen Elementen gelingen werde, neben der Förderung des äußeren Blühens und Gedeihens auch an den vielen tiefen inneren Schäden, an denen die Neichshauptstadt Trankt, die versöhnende und bessernde Hand mit Erfolg anzulegen". Nachdem diese Antwort auf das Glückwunschschreiben der Stadtverordneten verlesen war, erklärte der Vorsteher Dr. Langer h ans, der Bau von Gotteshäusern sei Sache jeder einzelnen Neligionspartei, und dem Stadtverordneten Preuß sei in der Versammlung geantwortet worden, und „damit gehen wir nun zur Tagesordnung über". 4) Die Verse, auf die der große Kirchenhistoriker Adolf v. Harnack Preuß aufmerksam gemacht hatte, entstammen einem christlichen Lied von Her Menschwerdung des Gottessohnes: Da sandte Gott von seinem Thron Das Heil der Welt, den ewigen Sohn, Wenn ich dies Wunder fassen will, So steht mein Herz vor Ehrfurcht still, woraus der Hofprediger Stöcker machte: „So steht mein Herz vor Erfurtstill." *) D. i. der König von Preußen, vertraute mir, daß Althoff*) ihn unablässig dränge, die dumme Geschichte so schnell und glimpflich wie möglich aus der Welt zu schaffen, damit das Ministerium nicht vom Hofe gezwungen werde, einen zweiten Fall Arons zu schaffen (der erste hatte sich gerade damals ereignet). Ich blieb lange hartnäckig und erklärte, die Verlegenheit sei auf ihrer Seite, nicht auf meiner; die möglichen Folgen ließen mich durchaus kühl. Unter den vielen, die mir gut zuredeten, war auch Hans Delbrück, der meinte, ich scheine es auf einen Zweikamps mit dem König von Preußen anzulegen, den er gut kenne und bei dem die Waffen doch verdammt ungleich seien. Ich meinte: Ungleich seien sie wohl, aber die stärkeren seien auf meiner Seite; denn er könne mir wohl meine Stellung als lebenslänglicher Privatdozent nehmen, aber nicht meine guten Gründe in Wort und Schrift. Schließlich packte man mich air der Rücksicht aus die Fakultät, die ich nicht in eine überaus peinliche Situation bringen dürfe. Als ich endlich erklärte, aus dieser Rücksicht vorläufig auf mein schönstes Argument verzichten zu wollen, zog Eck sofort ein Blatt aus der Mappe mit der Erklärung, die Fakultät habe bereits beschlossen, einen Verweis gegen mich auszusprechen und damit die Sache für erledigt zu"erklären. Ich habe mir dann noch manches Jahr das Vergnügen gemacht, gelegentlich den Herren auf dem Sprechzimmer zu sagen: Ich läse jetzt gerade über ein Kapitel des Devwaltnngsrechts, in dem ich praktische Erfahrungen hätte, nämlich Disziplinarverfahren; worauf sie meinten, es sei die verkehrte Welt, wenn der Verurteilte die Richter nicht losließe. Der Beschluß der Stadtverordneten, der Kaiserin nicht mehr zum Geburtstag zu gratulieren, wurde erst ein Jahr später gefaßt, und zwar aus Antrag des Geheimen Oberregierungsrats Spinola; er ist eine Reihe von Jahren durchgesührt worden . . . ü) Ich sehe, ich bin in den Fehler aller abgesägten Staatsmänner gefallen, bei ihren Erinnerungen geschwätzig zu werden; aber vielleicht gibt Ihnen dieses Material Färben aus die Palette! Mit besten Grüßen Ihr ergebenster P r e u ß. Wer schützt die Kriegsopfer? Ein Kongreß jüdischer Invaliden in Danzig. In Danzig fand am 15. Juli der Kongreß des Weltverbandes jüdischer Kriegsjnvaliden, -Witwen und -Waisen statt. Dieser Kongreß, an dem 600 000 jüdische Invaliden, Witwen und Waisen durch 60 Vertreter aus Amerika, Polen, Bulgarien, Rumänien, Oesterreich, Palästina, Kanada und Rußland vertreten waren, soll in einem Meltverbande die jüdischen Invaliden und Hinterbliebenen aller Länder Vereinen, um für sie statt Almosen produktive Arb-eitswöglichkeit zu beschaffen und die Durchführung der Rentenzahlung sicherzustellen. Dazu soll die Hilfe des Völkerbundes in Anspruch genommen werden. Er soll besonders für die Staatenlosen und für die Invaliden und Hinterbliebenen der Länder, in denen die Rentenversorgung unzureichend ist, wie zum Beispiel in R u m ä n i e n und Polen, eingreifen. Die Lösung der Frage, wie den unglücklichen Opfern des Krieges geholfen werden kann, verdient die wärmste Sympathie und die Beachtung der ganzen Welt. Wer das darf uns nicht hindern, zu prüfen, ob der Weg, der zu ihrem Schutz hier gewählt ist, der richtige ist: Die Juden haben an allen Fronten und als Bürger aller Nationen gekämpft; deshalb kann auch der Schutz der jüdischen Invaliden nur durch die Staaten erfolgen, als deren Angehörige die jüdischen Soldaten Wunden empfangen haben oder gefallen sind. Es ist, soweit nicht diese Fragen durch den Staat an sich ausreichend gelöst werden, Sache nationaler Organisationen, die Rechte der Invaliden, der Waisen und Witwen zu vertreten. In Deutschland bestehen interkonfessionelle Verbände, die die Rechte der Kriegsopfer aller Parteien und Konfessionen wahrnehmen, und neben ihnen der R e i ch s b u n d j ü d i s eh e r F r o n t - soldaten, der außer anderen Sonderausgaben auch diese Fragen speziell für die jüdischen Invaliden und Hinterbliebenen geschickt und erfolgreich bearbeitet. Für die deutschen jüdischen Kriegsteilnehmer kommt also eine Teilnahme an einem Meltverbande jüdischer Invaliden nicht in Frage. Ein solcher kann eine Daseinsberechtigung höchstens zum Schutze solcher Kriegsteilnehmer jüdischen Glaubens haben, Lei denen die einZelstaatlichen Fürsorgemaßnahmen nicht ausreichen oder die durch die Bestimmungen der Friedensverträge staatenlos geworden find. *) Der Dezernent für das Universitatswesen im NnterrichtNvesen, der dem Privatdozknten Dr. Leo Arons den Prozeß auf Entziehung der Lehrerlaubuis mit Erfolg, wenn auch unter höherem Druck, gemacht hatte. H Vis durch Verhandlungen des Gehennrats Oscar Cassel mit dem Oberhofmeister der Kaiserin ein Ausgleich zustande kam.

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