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Central-Verein-Zeitung · 1926-07-30 · 31 (30.7.1926) · p. Seite 408

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
31 (30.7.1926)
Date
1926-07-30
Page
Seite 408 (sequence 4)
Language
German
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40$ Der „Hüter" Oes heiligen Grals. Arnold Rüge für deutsche Geistesort. Folgendes, schlecht veevielsöltigte Rundschreiben ist den meisten deutschen Hochschullehrern zugegangen: „Dr. Arnold «ßiific, München, Leopoldstr. 33/11. An die Lehrer Deutscher Hochschulen und -je Mitglieder studentischer Körperschaften! Ich ersuche ergebenst um -io eindeutige Beantwortung folgender Fragen: I. Können Sie e§ mit Ihrem Ehrgefühl und Ihrer Auffassung von „Akademischer Freiheit" vereinbaren, daß die Inden Veit Valentin, Gumbel, Nicolai -Löwenstein, Lessing - Lazarus den deutschen Hochschulen ihre Geistesart ausprägen? II. Fühlen Sie sich verpflichtet, dein Inhalt der angeschlossenen Akademikereingabe Nachdruck und Beachtung zu verschaffen? Ergebenst Tr. Arnold Rüge, weil. Privatdozent a. d. Universität Heidelberg." Die Eingabe, die das Rundschreiben erwähnt, ist ein R e k l a mehr ospe kt für die von Rüge hernusgegebenen Schriften, den sein Verleger hat drncken lassen. Es ist natürlich nur Zufall, daß dieser unter der Firma Antaios-Verlag, Leipzig, Königstraße 17, firmiert, also im gleichen Hause mit Theodor Fritschs Hammer-Verlag. Eine ähnliche Ädressengleichheit besteht bis zur Uebereinstimmnng der Telephonnummer und des Postscheckkontos Zwischen einer Vereinigung ,,Deutsche Wohlfahrt" und Dr. Ruges Privatadresse. Der Zweck des Vereins „Deutsche Wohlfahrt" ist, Rüge in seinem Kampfe zu stützen. Das ist bei der Ädressengleichheit ja nicht schwierig. Es ist immerhin ein Fortschritt, daß Rüge seiner Finanzquelle einen unverfänglichen Namen gibt; denn 1922 gab es frei und offen eine „Dr. Arnold Rnge-Spende", für die sich laut Nameuszeichnnng eine große Anzahl in der völkischen Bewegung führende Persönlichkeiten einsetzten. Das Treiben Ruges zwang damals seine nächsten politischen Freunde, den „Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund" des Herrn Alfred Roth, von ihm abzurücken. Im „Völkischen Beobachter" vom 4. Februar 1922 erschien eine offizielle Warnung des Bundesvorstandes vor der „Dr. Arnold Rüge-Spende", die „ganz eigenartigen Zwecken" diene und mit gefälschten Unterschriften operiere, da die Namen der meisten als unterzeichnet fungierenden Persönlichkeiten wider deren Wissen mißbraucht worden seien. Zum Schluß wird Rüge als „politische Freibeuternatur" gekennzeichnet. Auch sonst ein nicht alltäglicher Manu, dieser Rüge, der sich jetzt so stark und treuherzig um den Geist der deutschen Hochs ch u l e n bekümmert. Es gibt eben eine ganze Reihe von Menschen, die von Ruges Wirken außerhalb Heidelbergs nicht viel wissen, die nie gehört haben, daß er neben anderen Strafen wegen Aufreizung zum Morde ein Jahr Gefängnis erhalten und abgefessen hat, daß er als „Geheimrat Berger" steckbrieflich verfolgt wurde, daß er erst vor kurzem vom Femeallsschuß des Reichstages in sehr unangenehmen Zusammenhang mit der Ermordung des Studenten Bauer durch Angehörige des Blücherbnudes gebracht wurde. Arnold Rüge! Auch ein Gralshüter. Mer kauft völkische Wochenblätter? „Hauptsächlich Juden!" Das Straßenbild vor dem Potsdamer Bahnhof in Berlin wird von Zeitungsverkünfern belebt. Aus einer Anshängelasel, die mit kleinen Hakenkrenzsähnchen versehen ist, sind auch r a d i k a l v ö l k i s ch e Zeitungen, Wochenblätter. Schreiende Ueberschriften locken, der Verkäufer unterstreicht sie seurigrot. Die Fähnchen sollen den Blick der Vorübergehenden hinlenken. Die auffällig großen Ueberschriften richten sich an schlechte Instinkte. Beschimpfungen der Inden im Kaschemmenton. Unanständigkeiten in übelsten Schlagworten. Selbst der Neugierige scheut sich, vor aller Augen ein solches Blatt zu kaufen. Außer denn Händler am Potsdamer Platz bieten auch Zeitungskioske ans Plätzen und Bahnhöfen diese „vornehmen" völkischen Wochenerzeugnisse feil. Allerdings: dort sind meist nur die Titel sichtbar. Finden die Blätter Käufer? Ihr Umfang ist gering. Was heute in dem einen zu lesen ist, bringt morgen das andere. Wörtlich dasselbe. Also wenig Mühe, geringe Herstellungskosten. Und doch ist dcr Preis 20 und 25 Pfennig! Keine Tageszeitung dürfte einen derartig hohen Preis für einen so unendlich dürftigen Inhalt verlangen. Aber der Käufer hier erwartet besonderen Anreiz, Beschimpfungen gröbsten Kalibers, „semitische" SchlafZiuunergchchichten, und — zahlt dafür. Wer sind die Käufer? — Wir haben uns genau erkundigt. Zuerst junge B u r s ch e n, die noch vor kurzem Hintertreppengeschichten verschlungen haben, und diejetzt beim Lesen von Skandalen imb Hetzereien „Anregung" suchen. Äeltere, erfahrene Leute lausen diese 'Schmutzblätter nicht.' Wer sonst noch? Ter Händler bestätigt es: „Hauptsächlich Juden". Wahrheit, buchstäbliche Wahrheit! Inden schämen sich nicht, diese! eklen Schmutzgeschichten zu. erstehen und für den Unterhalt übelster Skribenten mitzusorgen. Eine unerfreuliche Kurzsichtigkeit, eine unerfreuliche Gedankenlosigkeit und ein bei manchen sehr betrübender Mangel an Selbstachtung. Diese Erfahrung trifft nicht nur für Berlin, sondern auch für andere Städte, z. B. Nürnberg und München, zu. —ger. Die Juden in der Tschechoslowakei. Nationaljirdentum und Minoritälsrechte. Die „Frankfurter Zeitung" veröffentlichte in Nr. 508, 512, 515 drei Aussätze ihres Prager Berichterstatters, von denen der letzte den Inden der Tschechoslowakei gewidmet ist. Der sehr sachkundige Verfasser schreibt hierzu u. a.: „Die Paradoxie der Situation wird durch die Stellung der Juden innerhalb des Nationalitätenkampfes grell beleuchtet. Wer den alten Judensriedhos mit seinen bis vor das Jahr 1000 Zurückreichenden Steinen betrachtet, spürt, daß es sich hier noch weniger wie an anderen Stätten der Welt nur den Kampf der Alteingesessenen mit den in späterer Zeit von außen Zugewanderten handelt. Es sei denn, daß mnn_ unter den Alteingesessenen die Juden versteht; denn durch alle Stürme der Zeit, als Bölkerverschiebnngen, Wanderungen, Wechsel der Herrschaft Zwischen Slawen und Deutschen, Einströmen südlicher Kulturen den Teppich des übrigen Volksdaseins bunt und schillernd färbten, haben sie durch Verfolgung und Ghcttodasein hindurch ihre Eigenart und ihr kulturelles Sonderdasein behauptet. Dann haben sie sich, als die Ghettomauern sielen und die kulturelle Assimilieruug erfolgte, wie überall der Kultur angeschlossen, die die geistig höhere, die fortschrittlichere, der Welt geöffnetere war, und das roar int vorigen Jahrhundert unleugbar und unumstritten die deutsche. Mit dem Aufkommen des Antisemitismus und der national zngespitzteu Bewegungen kanten sie zwischen die beiden Feiler der deutschen und der tschechischen Nationalisten, die sich in diesem Einen ähnelten, in ihrer Abneigung gegen die Juden, die erstereu programmatisch und laut, die anderen Praktisch und leise. Das hat nicht gehindert, daß die Juden zu den deutschen Parteien, vor allem önt Demokraten und Sozialistell, lebhafteste Beziehungen unterhielten. Es ist eine unbestrittene Tatsache, daß es gerade jüdische Kreise waren, die in den großen Städten von jeher die deutsche Sache unterstützt. Zum Teil geführt haben. Wer die Geschichte der Deutschen von Prag, von Pilsen und Brünn studiert und den Anteil der Inden am Kamps um das Deutschtum daraus erfährt, muß immer wieder, wenn er ein Choleriker ist, zornig werden, wenn er ein Weiser ist, lächeln über die groteske Dummheit des deutschen Antisemitismus in und außer Landes. Tie Tschechen, diese Dummheit für sich buchend, haben ihr Verhalten den Juden gegenüber danach eingerichtet. Sie haben sich den Inden freundlicher und entgegenkommender gezeigt als bisher. Dabei ist ihnen, um die Groteske noch zu verstärken, zu Hilfe gekommen — die ii a tl o n a l jüdi s ch e Bewegung. Sie können nämlich aus diese Weise den Juden entgegrnkornmen, ohne Gefahr zu laufen, als Deutschenfreunde zu gelten. Daß die nationaljüdische Bewegung durch den Antisemitismus vor allem der Deutschen und anderseits durch die Zahleustarke des Judentums (in Prag etwa 12 000 Juden) einen günstigen Boden findet, ist eigentlich selbstverständlich, wobei nicht unausgesprochen bleiben soll, daß für manchen jüdischen Nationalisten Jerusalem in der Tschechoslowakei liegt und Prag heißt, d. h., daß die nationaljüdische Belvegung hierzulande nicht so sehr utopische Zielsetzung, sondern zu gutem Teil Waffe im Daseinskampf ist und den Juden Erleichterung ihrer Situation gegenüber den Tschechen bringen soll. Das kann die bedenklichsten, von den Juden trotz des Antisemitismus der Deutschen nicht beabsichtigten Folgen für die Deutschen und die Juden haben. Tie Zurechnung zu einer S o n d e r - N a t i o n (der jüdischen) und nicht roie bisher zur deutschen gibt den Tschechen die Möglichkeit, in der Schulpolitik unter ciitem Rechtstitel die Zahl der auch den Inden wichtigen deutschen Schulen noch zu verringern. So dient dieser ans begreiflicher Reaktion gegen den Antisemitismus entstandene jüdische Nationalismus tatsächlich zur Schwächung der Deutschen, die trotzdem keine Anstalten machen, programmatisch und faktisch von ihrer antisemitischen Einstellung abznkassen, womit sie in rassenschützlcrischer Verblendung die Basis der deutschen Kultur in diesem Lande bedrohlich erschüttern. All dies ist um so widersinniger, als das jüdische Element im Grunde dazu berufen wäre, zwischen Deutsch- und Tschechentnm eine Mittlermission zu übernehmen, aber das wird wohl erst nach Abklingen des nationalistischen Haders möglich sein. Vom HeimaLsrecht -er deutschen Juden. Paul Nicgcr beweist in seiner Schrift „V o m H c i m ater e ch t der bcni ’ ch c n I u d e n" die jahrhundertelange Ansässigkeit der Inden in Deutschland. Viele Urkunden ergeben, daß schon vor Hunderten von Jahren in allen Teilen Deutschlands jüdische Familien angesiedelt waren. Aber man braucht nicht nur immer in den 'Archiven zu forschen, das Leben bringt uns selbst die Beweise. So schreibt die jüdische Malerfirma B. u. A. Sennin, B i e l e - f c l d, aus Anlaß ihres 7Mh-rigen Bestehens ihren Geschästsfreunden: „Unseren vcrehrlichcn Geschästssreunden die ergebene Mitteilung, daß am 25. Juli 1856 — also vor nunmehr siebzig Jahren — der im Jahre 1887 verstorbene Begründer unseres Hauses, der Malermeister Moritz Bonnin, die zünftige Musterprüfung ablegte. Leit diesem Zeitpunkte der Gründung hat sich das Unternehmen durch drei' Generationen unaufhaltsam zu seinem heutigen Umfange entwickelt. Unsere Familie ist — wie das jüngst erschienene Buch der Stadl Bielefeld erwähnt — seit dem Jahre 1742 in- Bielefeld ansässig. Unsere Zugehörigkeit zu den alten Handwertsgeschlechtern unserer Stadt" nsw. Das ist nur ein EinZelsall, aber er ließe sich verhundertfachen, und alle diese Fälle bestätigen das, was jeder deutsche Juche in sich fühlt: U n s zt. H eimatsrecht in D e w Ischl a n d.

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