Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 30 (23.7.1926)
- Date
- 1926-07-23
- Page
- Seite 397 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Unlautere Kampfmittel. Was schlecht ist, soll zerrinnen, Die Lüge nicht gewinnen! Gottfried Keller. Aus Nürnberg schreibt mau uns: Es acht Leute, die meinen, daß beute die völkische Bewegung in Deutschland abgewirtschaftet haue. Es ist richtig, daß sie keinen entscheidenden Einfluß mehr auf die Politik des Reiches oder der Länder besitzt und in der Oeffentlichkeit zurückgedrangt ist. Doch soll man sich nicht verhehlen, daß weiter im Stillen gewühlt wird, und daß man hier nicht mit Ideen arbeitet, sondern mit Lügen und unehrlichen Darstellungen das Volk gegen den jüdischen Bevölkerungsteil aufzuhetzen sucht. Niemand von uns wird behaupten, daß alle deutschen Juden Engel seien. Doch können wir mit Fug und Recht für unS dieselbe Achtung in Anspruch nehmen, die jeder Deutsche vor jedem Deutschen hat, der seine bürgerlichen Pflichten erfüllt. Die Völkischen versuchen immer wieder das Judentum anzuklagen, indem sie aus der Unzahl der kriminellen Fälle, die heute, wie vor dem Krieg, die Gerichte beschäftigen, vereinzelte von Juden begangene herausnehmen, diese mit wahrer Wollust schildern und sie dann als typisch hinstellen. Jeder Richter weiß, wie nach dem Krieg die Verwilderung der Sitten, vor allem in den Großstädten, um sich gegriffen hat. Jede Schwurgerichtsperiode bringt Menschen von unglaublicher Verworfenbeit vor die Schranken des Gesetzes. Es ist gut, daß diese Dinge der oreiten Oeffentlichkeit nicht bekannt werden, und es genügt, daß diejenigen, deren Amt es ist, die staatliche Ordnung aufrechtzuerhalten, Unrecht und Unsittlichkeit zu bestrafen, sich damit beschäftigen müssen. Man hat sich mit Recht dagegen verwahrt, als die Berichterstattung im Haarmann-Prozeß in ihrer Ausführlichkeit die Sensationslust breiter Massen aufzustacheln drohte. Nichts anderes ist es aoer, wenn heute Streicher und seine Anhänger Sittlichkeitsverbrechen eines entarteten Wüstlings Schloß mit allen Einzelheiten schildern. Dazu kommt weiter die maßlose Ungerechtigkeit und Heuchelei, für diese Dinge das Judentumverantwortlich zumachen. Wrrdesirgend jemandem einfallen, wegen der zahllosen Sittlichkeitsverbrechen, begangenvon Angeh örigenan derer Konfessionen, die Protestanten oder Katholiken als so lche zu bezichtigen, etwa wegen der 17 Fälle von Sittlichkeitsvergehen an Kindern, die in Regensburg innerhalb 14 Tagen zur Aburteilung kamen? Jeder für Deutschland und sein Menschentum sich verantwortlich Fühlende und besonders jeder religiös fühlende Mensch wird daraus nur die Lehre ziehen, daß es die Ausgabe der anständigen Kreise des deutschen Volkes rst, mit aller Kraft Erziehungsarbeit zu leisten und gegen die Gefahren der Großstadt anzukämpfen. Hetzerische Flugblätter, wie sie über den „Fall Schloß" der D e u t s chvölkische Schutz- und Trutzbund Nürnberg kostenlos und wohl also mit ungeheuerem Geldaufwand unter der Beamtenschaft verteilt, oder wie sie die D e u t s ch s o z i a l e Partei herausgiot, schaffen diese Aufbauarbeit nicht, sondern wirken weiter an der Verwilderung, besonders der solcher Aufstachelung wehrlos gegenüberstehenden Jugend. Man muß nur in Nürnberg das Straßenbild beobachten, wenn eine neue Nummer des von Schmutzereien angefüllten „Stürmer" erscheint. Immer wieder stößt man auf halbwüchsige Buben und Mädchen, die sich verstohlen und leise kichernd das Blatt zeigen. Um so bedauerlicher ist es, daß auch reife Menschen auf die politische Hetzpropaganda der Völkischen hereinfallen. Wohl hat sich das gebildete Bürgertum heute auch in Bayern von den Völkischen und ihrem Radauantisemrtismus losgesagt. Die Taktik der Deutschnationalen Partei verwendet ihn allerdings auch heute noch häufig genug, doch wohl kaum im Einverständnis mit allen ihren Anhängern. Schlimm ist es aber, wenn Parteien, denen die antisemitische Gesinnung fernliegt, völkische Nachrichten übernehmen, ohne sie nachzu prüfen. So ist m den Tagen vor beut Volksentscheid m Nürnberg ein- Aufruf des Ausschusses gegen die Fürstenenteignung, den auch die Bayerische Volkspartei und die Deutsche Volks- Partei zeichneten, erschienen, in dem es wörtlich unter Punkt 6 hieß: „Das beabsichtigte Enteignungsgesetz ist von folgenden undeutschen Leuten beantragt: Kuczinski, L-evi, Landsberger. Nathan, Katzenstein., Rosenfeld." Erkundigungen haben ergeben, daß ein Antrag mit diesen Unterschriften nie existiert hat. Der Antrag zum Volksbegehren war gezeichnet: Wels S. P. D., Thälmann K. P. D. Kuczinski-Ausschuß. — Aehnlich unwürdig und verhetzend war ein BÄdPlakat, das mit einer gemeinen Fratze gegen die Fürstenenteignung zu wirken suchte. In der Frage des Volksentscheides war der jüdische BevölkerungSteil in seiner Meinung genau so gespalten wie der protestantische oder katholische. Gerade well die deutschen Juden nicht jüdische Politik, sondern deutsche treiben, konnten sie hier nicht einig sein, sondern mußten sich;eder für sich nach seiner poetischen Weltanschauung vmh Parteirichtung entscheiden. Bon Juden mitunterzeichnete Aufrufe erschienen aus der einen wie aus der anderen Seite. Vielleicht gibt es aber manchem zu denken, daß vor dem oben erwähnten, besonders gemeinen Hehplarat von einzelnen ruh:g denkenden jüdischen Bürgern zu hören war: sie, bisher Gegner des Volksentscheids, müßten sich zetzt die Sache noch einmal überlegen. Man trerbt die Leute also gewaltsam ins andere Lager. Ob man wohl andere Kräfte 3-7 [ dafür gewonnen §h mon moül überhaupt mit unan- I stän-iaenMittelnje einer Sache dienen kann? Jeden- > falls sollten bürgerliche Parteien von Verantwortungsgefühl i sich für solche Drnge nicht als Vorspann hergeben und m e h r W i d e r - standskraft aufbringen. •••*!*» „WeitengeWl und SöhlengeM" Ein Beitrag znm Kapitel „Romantische Politik". „Denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein": dies Mephisto-Wort kennzeichnet kurz und schlagend den Unfug, der aus allen Gebieten, und nicht zuletzt auf dem Gebiete der Politik mit dem Schlagwort getrieben wird. Wo Schlagwörter zum Feldgeschrei politrscher Richtungen werden, da kann man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit annehmen, daß eS scharfer Abgrenzung der politischen Begriffe ermangelt und -unklare Gesühlsmomente an die Stelle klarer Erkenntnis treten. In diesem Augenblick herrscht nicht mehr nüchterner Tatsachensinn, der sich überzeugen läßt, sondern verschwommene Romantik in der Politik, und gegen eine romantische Gefühlspolitik wird man mit den überzeugendsten Tatsachen vergebens anzukämpfen versuchen. Deshalb ist es wichtig, neu au stauch enden Schlag- Wörtern sofort mit kritischer Sonde zu Leib e zit gehen, und gerade wir Juden, die wir unter so erkenntnis-baren und rein gefühlsbetonten Schlagwörtern wie die vom „raffenden" und „schassenden" Kapital, von der „mehrenden" und „zehrenden" Wirtschaftseinstellung, und wie sie alle heißen, immer wieder zu leiden haben, sind genötigt, solche prätentiösen Wortge-bilde ihrer rhetorischen Hüllen zu berauben und aus ihren begrifflichen Kern zu untersuchen. Im Mai-Juni-Heft der Leipziger Zeitschrift „Viyos voco", die Hermann Hesse zu ihren Gründern zählt und von frei-deutscher Warte für „neues Deutschtum" arbeitet, findet sich ein Artikel von Erna B e h n e: „Weitengesühl". Der Artikel hat mit Juden und Judentum auf den ersten Blick nichts zu tun, und nichts liegt uns ferner, als zu 'behaupten, er sei versteckt antisemitisch. Der Artikel beschäftigt sich mit Bauproblemen, geht davon ans, daß Eurasien (Europa—Asien) übervölkert die anderen Kontinente dagegen noch aufnahmefähig seien, weist aus das Wohnelend der Großstädte hin und gelangt zu der Forderung, daß Kolonisation und Siedlung im Interesse einer gesunden Menschenentwicklung im Zeichen des „Weitengefühls" stehen müsse. Soweit der sachliche Kern des kleinen Aufsatzes, zu dem hier Stellung zu nehmen nicht unsere Ausgabe ist. Uns interessiert nur die Verwendung des Wortes „Weitengefühl", dem das Gefühl der: Menschen, die in den Wohnhöllen der Großstädte leb-en, als „Höhlengefühl" gegenübergestellt wird. Ohne weiteres wird man zugeben können, daß die verschiedene Lebensweise in ausgeschlossener Siedlung oder in engen Guoßstadtmietkasernen Verschiedenheiten in der seelischen Struktur der Menschen Hervorbringen kann und man wird sogar weitergehend der Verfasserin zustimmen können, wenn sie den Bewohnern der Großstadthöllen weniger kulturelle Kräfte und Werte verkennt als den gesünderen Menschen des Weitengesühls. Bis ierher handelt es sich offensichtlich um die Gegenüberstellung Pveier Menschenkatego-rien, die sich sozial, milieuhaft unterscheiden, von ihrer verschiedenartigen Unrwelt ihre seelische Prägung erhalten haben. Nun wird aber dies begriffliche Skelett mit einem Gewebe nicht dazugehöriger Weichteile umgeben, die sozial charakterisierten Begriffe „Weitengeft'chl" und „Höhlengesühl" geraten mit Anschauungen von Frobenius und Spengler in Berührung, und das Ergebnis zeigt sich in folgenden Abschnitten, die wörtlich zitiert seien: „Auf seinen Forschungsreisen durch Afrika gingen Leo Frobenius die beiden Möglichkeiten des Lebensgefühls auf, die im Völkerleben immer wiederkehren: Weitengefühl und Höhlengesühl. Entweder die Well ist unendlich, oder der Himmel lastet wie ein Gewölbe auf der Erde: Spannung oder Druck. Typische Völker des Höhlengesühls sind ihm Araber und Semiten. Zelt und Kuppel sind nur Wiederholungen des Himmelsgewölbes. Islam, Tausendundeine Nacht ist die Stimmung: Fatalismus, Zauber, Fanatismus — alles Formen der Enge! Sie PETZOLD & AULHORN A.G., DRESDEN