Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 30 (23.7.1926)
- Date
- 1926-07-23
- Page
- Seite 398 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Morgen Zweimonatsschrift egSH&ätääffiru 2. Jahrgang: Heft 3 erscheint am 1. August Aus dem Inhalt des 3. Heftes: Leo Baeck: Der geistige Gehalt der jiid. Wohlfahrtspflege. — Julius öoldstein: Zur Kritik der völkischen Ideologie. — Max Dieneip a n n: Eine Legende vom Menschen.— Robert Arnold Fritzsche: Erwägungen zu „Nathan dem Weisen“. — Gustav Löffler: Religiöse Not. — Lazar Gulkowitsch: Die Kabbala als rationales System. — B. Jacob: Einführungen in das erste Buch Mose. VI. — W erner Cahnmann: Judentum und Volksgemeinschaft. — Margarete Sus* mann: Was kann uns die Bibel heute noch bedeuten? — Felix Perles: Aus Herfords neuestem Werk über die Pharisäer. — Besprechungen. Zu beziehen: Philo Verlag, Berlin SW 68, Lindenstr. 13. haften Völkern cm, die andere durchsetzen, die nicht bodenständig sind, nicht selbstherrlich, durchweg nicht Ackerbau, sondern Handel treibend." Und an anderer Stelle: „Ausdruck des Weitengesühls ist die Burg oder der Dom — Antike und Christentum, wie es auf germanischem Mutterboden zur Blüte kam." Oder: „Ein Volk des Höhlengefühls kann nie wirklich beherrschen, sondern zerstören. Ein Volk des Wertengesühls durchdringt." Hier haben wir die ganze uns geläufige Terminologie unserer Völkischen (Zu denen die Verfasserin dieses Artikels sich sicherlich gar nicht Zählt). Völker d e s W e i t e n g e f ü h l § : Germanen — k u 1 t u r s ch a f f e n d, Völker des Höhleng e s ü h l s : Semiten — Z e: st ö r e u d. Man kann die kulturmorphologischen Forschungen von Frobenius und Spengler außerordentlich hoch schätzen und wird doch diese, sich Zum Teil an sie anlehnenden Gegenüberstellungen und unbewiesenen Folgerungen als romantische Schlagworte ab lehnen müssen. Der grundlegende Denkfehler liegt darin, daß die Begriffe „Weitengefühl" und „Höhlengefühl" abwechselnd als soziologische und als ethnologische Begriffe verwandt werden. Handelt es sich, wie die oben zitierten Abschnitte behaupten, urn Unterschiede des Volkstums uw den Gegensatz Germanen—Semiten, so kann die Lebensweise in Wohnhöhlen oder Naumw-eiten nicht ausschlaggebend fein. Und umgekehrt werden die Bewohner der Großstadthöhlen (wie man annehmen darf) in ihrem Lebensgefühl herabgedrückt und eingeengt, so spielt es keine Rolle, ob Germanen oder Semiten davon betroffen werden. Ueber diesen Grundfehler hinaus enthalten jedoch die zitierten Abschnitte eine Reihe leicht nachweisbarer Irrtü me r. Nur einige Beispiele: das lastende Himmelsgewölbe soll für Araber und Semiten, der unendliche Himmel für die Germanen charakteristisch fein. Wie will es aber dazu stimmen, daß gerade in den Eddaliedern (die in dem Zitierten Artikel auch als Beleg angeführt werden) die Entstehung des Himmelsgewölbes aus dem Schädel des Riesen Pmir geschildert wird (im Lied von Wafthrudnir), der doch gewiß kein Symbol der U u endlichkeit, sondern der Endlichkeit, des lastenden Druckes ist? — Die arabische Kuppel soll nur Wiederholung des Himmelsgewölbes sein; ihre größte Blüte aber fand die arabische Architektur aus dem gotisch vorbereiteten Boden Kastiliens. Der Islam ist fanatisch — und die mittelalterliche Kirche? Tausend und eine Nacht — erfüllt von arabischem Höhlengefühl, und stammt doch zum großen Teil aus den Gegenden um Nil, Ganges und Tigris, die man nicht schlankweg als semitisch bezeichnen kann. Und schließlich wird man nicht gut die Germanen der Völkerwanderung als „bodenständig" und die bäuerischen Juden der Bibel als „durchweg handeltreibend" bezeichnen können — man sieht, weder diese Eigenschaften noch die darauf aufgebauten Werturteile: „kulturschaffend, beherrschend" — „durchsetzend, zerstörend" lassen sich bei einer unromantischen, wissenschaftlichen Betrachtungsweise ausrechterhalten. Die Untersuchung der Begriffe „Weitengefühl" und „Höhlengefühl" zeigt uns wieder einmal, wie schnell Worte ihren Inhalt wechseln, wenn sie aus ihrem eigentlichen Geltungsbereich verallgemeinert und in ihnen fremde Bezirke zerdehnt werden. Für den Architekten, für den Städtebauer mag Höhlen- und Weitengesühl scharf umrissene Inhalte bergen, ebenso wird der Soziologe Wirkungen der Wohnweise und der Wohnungsgestaltung aus die betreffenden Menschen seststellen können, und gerade wir Juden haben immer wieder auf die kulturhemmenden Auswirkungen der den Juden^ in alter und zum Teil auch in neuerer Zeit ausgezwungenen Wohnweise des „Ghetto" hingewiesen. In'dem Angerrblick aber, wo Milieuerscheinungen in Volks- oder Rasseeigenschasten umgedichtet werden, hört das Gebiet exakter Forschung auf und beginnt das Reich romantischer Phantasie. Sie mag harmlos sein, solange sie in ßufrnetnßnber Absicht aus dem Gebiete der Siedlungsfragen sich betätigt; leicht aber springen derart handliche Schlag- Worte ins Gebiet der Politik hinüber und richten dort gleich fliegenden Funken unheilvolle Verheerungen bei unkritischen und urteilslosen Menschen an. Darum ist es notwendig, rechtzeitig das politische Gelände gegen den Funkenflug der Schlagworte zu sichern. Dr. Erwin Lichtenstein (Danzig). „Rücksichtsloser Ramps gegen öen <C. v.P Eine Forderung der Ziorristerr-Nevifioriisterr. Seit einigen Monaten wird in der zionistischen Presse Deutschlands anhaltend Sturm gegen den C. V. geblasen. Woche für Woche greifen die „I üdische Rundschau", das offizielle Organ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, und die Breslauer „Jüdische Zeitung für Ostdeutschland" den Centralverein mit einer Gehässigkeit und in einer Form an, die unseren völkischen Feinden anzustehen pflegen. Ersichtlich handelt es sich um eine allgemein ausgegebene Losung, den Centralverein, wo auch immer und um jeden Preis, zu befehden, damit er in der jüdischen Oeffentlichkeit angeschwärzt wird und allen möglichen Abbruch erleidet. Ob dabei die Abwehr- und Aufklärungsarbeit des C. V., die allen deuischeu Juden zugute kommt, geschädigt wird, ist diesen nationaljüdischen Politikern gleichgültig. Ganz ohne Scheu — und das ist dankbar zu begrüßen — hat nun die Deutsche Abteilung der Z i o n i st e n - N e v i s i o n i st e n bei ihrer jüngsten Delegiertentagung unter Dr. I. Brutzkus die Karten des Spieles gegen den Centralverein aufgedeckt. Gewiß stellt diese Gruppe nur den linken Flügel der deutschen Zionisten dar; aber wir sollen uns hüten, ihren Einfluß, insbesondere in Palästina, zu unterschätzen. Außerdem gehören ihr Männer an, deren Namen im zionistischen Leben weit bekannt sind, Dr. Nachum G o l d m a n n , Dr. Jakob Klatzkin , Dr. Max S o l o w e i t s ch i ck, Dr. Paul Arnsberg (Frankfurt a. M.). Diese Richtung hat auf der Delegiertentagung laut Meldung der „Jüdischen Rundschau" (Nr. 53) „einen rücksichtslosen Kampf gegen den Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gefordert". Näheres wird zu dieser offenen K a m p s a n s a g e nicht mitgeteilt. Mit dieser Entschließung haben die Zionisten-Nevisionisten nur dem Vorgehen der g e s a m L e n zionistischen Presse gegen den Centralverein desi sprachlichen Ausdruck verliehen: daß der Kampf gegen uns tobt, haben wir hier schon erwähnt. Wie „rücks i ch L s l o s" er gehandhabt wird, mögen wenige Beispiele erweisen: In der Breslauer Repräsentantenversammlung entsteht wegen der Subvention des Centralvereins eine Aussprache. Die Subvention wird bewilligt. Das Breslauer nationalrüdische Blättchen schreit in seinem Groll nach — sich festhalten! — der (christlichen) „A u f s i cht s b e h ö r d e". Das nationaljüdische Blättchen versichert, ein solches Vorgehen widerspreche ja seiner Anschauung. Aber eigentlich . . . Mißbrauch von Geldern der Steuerzahler, weil der politische Centralverein von der Gemeinde unterstützt werde, liege vor. — So weit geht der Haß! Ein zweites Beispiel! Das „De u t s ch e Tageblatt", das Organ der Deutschvölkischen Freiheitsbewegung!, hat einen phantasievollen, lächerlichen Artikel „Zionistische Mordzentrale aufgedeckt veröffentlicht. Darin waren der „Groß-Orient" und die Alliance israelite universelle als Teilnehmer der Verschwörung namentlich genannt. Wir baten die Alliance um Aeußeruug. Sie! schrieb uns, was jeder Unvoreingenommene wußte, daß die Anschuldigung, „soweit sie die Alliance betrifft, verleumderisch" fei. Und, nun staune, lieber Leser und liebe Leserin! Die „Jüdische Rundschau" schreibt tatsächlich das Folgende: „Soweit sie die A. I. U. betrifft.Das druckt der Centrakverein ohne ein Wort der Ergänzung. Gewiß kann die A. I. U. nur; antworten, soweit sie selbst betroffen ist. Aber der Centralvereim hält es nicht einmal für nötig, hinzuzufügen, daß auch alle anderen vidl schlimmeren Beschuldigungen als die gegen die A. I. U. erhobenen selbstverständlich frei erfundene Verleumdung sind. Durch die Rechtfertigung der Alliance gegenüber dem relativ harmlosen Vorwurf, der ihr gemacht wurde, erregt der Ceutralverein den Anschein, als ob, soweit die Zionisten in Betracht kommen, die Sache offenbar ihm nicht genügend geklärt erscheint und e r . s i ch jedenfalls i n d Le je' r Frage nicht exponieren will. Kann diese Zweideutigkeit an Erbärmlichkeit ü b e rb o t en wer d e n?", „Niedriger hängen!" ist die Antwort daraus; denn man muß vor Staunen starr sein, wenn man den Text des „Deutschen Tageblattes" mit dem Kommentar der „Jüdischen R u n d s ch a U* vergleicht. Wer nämlich das „Deutsche Tageblatt" gelesen hat/muß bemerkt haben, daß zwar von einem zionistischen Mordplan die Rede ist, aber irgendeine z i o n i st i s ch e Organisation mit keinem Worte erwähnt wird. Als einzige namentlich 'aufgeführte Organisation ist neben der Alliance nur der sreimaurerische „Groß- Orient" angeführt, der mit dem Judentum nicht das geringste gemein hat. Jeder Klardenkende sieht zum ersten deutlich, daß, wenn die Alliance schreibt, „soweit lie selbst in Frage kommt", sie unter den nicht in Frage kommenden den Groß- Orient meint, der sich selbst sicherlich zu wehren wissen wird. Ueber die ungeheuerliche Unterstellung, als glaubten w i r etwa au eine „zionistische Mordzentrale", ist.unter Vernünftigdenkenden, zu denen wir auch den allergrößten Teil der Leser der „Jüdischen Rundschau" rechnen, kein Wort zu verlieren. . Die natioualjüdische Presse mag über uns herfallen, so oft und so viel sie will. Sie wird uns nicht aus der Ruhe bringen. Wer sich aber einredet und planmäßig daraus hinarbeitet, den Centralverein zu erschüttern, der hat sich gründlich verrechnet. Sein einziger Erfolg wird sein, daß solche Treibereien von der erdrückenden Ueberzahl der deutschen Juden bald erkannt und in ihrer Böswilligkeit gebrandmarkt roerden.