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Central-Verein-Zeitung · 1926-07-16 · 29 (16.7.1926) · p. Seite 384

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
29 (16.7.1926)
Date
1926-07-16
Page
Seite 384 (sequence 4)
Language
German
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in Worten und Taten find so zahlreich gewesen, datz sie einen Entrüstungssturm beim überwiegenden Teil der Bürgerschaft hervorgernfen habe«, «nd diese das Verlange« geltend macht, die Stadtverwaltung möge dieserhalb bei der Landesregierung vorstellig werden. Der Stadtrat von Weimar steht keine andere Möglichkeit, nachdem er sich bereits in seiner Sitzung vom 11« September 1824 gegen die Ausschreitungen der Nationalsozialisten wenden mutzte, als den Stadtdirektor zu beauftragen, bei der thüringischen Regierung vorstellig zu werden «ud diese zu ersuchen, der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei in Zukunft die Abhaltung von Parteitagen in Weimar zu verbieten. Der Stadlrat ist der Ansicht, datz durch Abhalten solcher Tagungen mit solchen Auswirkungen das Kulturnivean Weimars autzerordentlich sinken mutz, was weiter eine schwere Schädigung unserer Geschäftswelt nach sich zieht." Diese Erklärung bedeutet den besten Abschluß des Berichtes. „Aum Kapitel Nitualnwrö." Von Dr. Paul Natharr. Unter der obigen Ueberfchrift veröffentlicht der Landtags-- abgeordnete R. Wulle in feinem „Jnformationsbries 103" vorn 3. Juli d. I. einen kleinen Artikel, der sich mit dem Breslauer Kindermord besckKftigt. Leider ist dieser Mord noch nicht aufgeklärt, und ein unaufgeklärter Mord gab den Antisemiten nicht nur im Mittelalter, sondern bis in unsere Doge stets den Anlaß, das Gespenst des Ritualmordes erscheinen zu lassen. Der Abgeordnete Wulle folgt diesen Beispielen der Ignoranz, des Fanatismus und der Böswilligkeit; einmal überwiegt das eine Motrv; ein anderes Mal das Zweite oder dritte Motiv, und häufig wirken auch mehrere zusammen. Dabei ist zu bemerken, daß ^5-err Wulle nicht etwa das Breslauer traurige Ereignis als einen „Nltualmord" frank und frei bezeichnet. „Antisemitischer, blauäugiger Treue" entspräche solches Vorgehen nicht. Er sagt einfach: der Verdacht eines „Ritualmordes" liegt vor, und daß es Riiualmorde gibt, dafür nenne ich als Zeugen: Eisenmenger, der in feinem entdeckten Judentum solche „Ritualmorde" an führt, sogar in größerer Anzahl. Wenn man aus römischen Schriftstellern ansühren würde, daß die Christen einen Esel in ihren Gotteshäusern anbeten, ohne hinzuusügen, daß diese Angabe eine niederträchtige Verleumdung des ruhen Christentums gewesen ist, so würde Herr Abgeordneter Wulle Zweifellos solches Vorgehen als eine absurde Niedertracht bezeichnen; wenn man, auf Dutzende mittelalterlicher und auch späterer Schriftsteller gestützt, das Vorhandensein von Hexen und deren teuflisches Wirken dartäte, so würde Herr Wulle voraussichtlich über die Ignoranz, die Leichtgläubigkeit, den verkommenen Zynismus solcher Volksbelehrung ein Wörtlein zu sagen haben; und hätten sich Juden hergegeben, um solche Albernheiten entschwundener Epochen wieder ausleben zu lassen, so würde er es nicht unterlassen, eine entsprechende Dosis von antisemitscher Paprika in seinen literarischen Brei zu rühren. Aber wenn ern mittelalterlicher Wahnglaube sich gegen die Juden und das Judentum verwerten läßt, dann freilich . . ja, dann kann ein parlamentarischer Vertreter des deutschen Volkes irgendeine gefährliche Albernheit entschwundener Zeiten ausgraben, um sie als Waffe in Anwendung zu bringen, natürlich im Kampfe gegen Juden und Judentum und zu höherer Ehre des Deutschtums, das heißt, wie es von — Antisemiten verstanden wird. Unbeachtet darf der Versuch, die öffentliche Meinung zu vergiften, nicht bleiben. Jrrtümer, Entstellungen, Lügen muffen bekämpft werden, wenn sie und so oft sie austauchen, weil natürlich die Zahl jener Leute, denen das entsprechende Tatsachenmaterial bekannt und zur Hand liegt, nur eine kleine sein kann, und jede unwidersprochene, verleumderische Unwahrheit wirkt wie ein Gift, das auf immer weitere Kreise vergiftend wirken kann. Zunächst was ist ein „R i t u «Im o x i>"? Natürlich haben auch Juden Morde verübt — aus Habsucht, ans Rachsucht, aus jeglichem Motiv, das aus menschlicher, moralischer Abirrung sich denken läßt. Juden sind Menschen, und somit jeder verbrecherischen Entgleisung fähig — eine Wahrheit, die aus der Straße liegt. Ein „Ritualmord" ist aber kein Mord in hergebrachtem Sinne und mit hergebrachten Motiven. Der Ritus bedeutet eine Festsetzung für eine ganze Gruppe von Menschen. Der christliche Ritus ist die Festsetzung, die für die Christen bei der Ausübung ihrer r-eligiöfen Pflichten besteht, und der jüdische Ritus ist das Entsprechende für die Juden. Ein „Ritualmord" ist also ein Mord, der aus Grund bindender religiöser Verpflichtungen einer bestimmten Gemeinschaft verübt worden ist. Ein jüdischer Ritualmord wäre ein Mord, den -eine jüdische Gemeinschaft in Ausübung ihrer Religions- Vorschriften zur Ausführung gebracht hat. Es ist also festzustellen: Der Abgeordnete Wulle fühlt sich verpflichtet, die OefsentlichLeit daraus aufmerksam z-u machen, daß es im Jahre des Heils 1926 eine jüdische religiöse Gemeinschaft in Deutschland geben kann, die aus r t X igiöfen Motiven den Mord von christlichen Kindern betreibt. Solche Behauptung ist keine Gleichgültigkeit; sie ist gewichtig genug, datz sich die Staatsanwalt sch a f t mit ihr beschäftigte, und zwar nach zwei Richtungen hin; es ist klar, nach welchen Richtungen hin. Liegt auch nur der Schatten eines Verdachtes vor, datz die deutschen Juden oder datz eine Richtung innerhalb der deutschen Juden den „rituellen Mord" betreibt, so mag der Staat zum Schutze der Gesamtheit seiner Bürger und zum Schutze der Moralität einschreiten, unerbittlich einschreiten; und liegt auch nicht der geringste Anlaß vor, der eine solche Annahme begründet, dann ist zu erwägen, ob die Staatsanwaltschaft nicht in Betracht ziehen soll, datz hier eine schwere Verleumdung einer anerkannten Religionsgemeinschaft, nämlich der jüdischen, durch Herrn Abgeordneten Wulle vorliegt. Freilich, Herr Wulle hat sich wohlweislich zu sichern gesucht; er sagt nicht, das Judentum gebietet den Ritualmoro; sondern er sagt nur, Eisenmenger erweist, daß das Judentum den Ritualmord befiehlt. Das teile ich meinen Lesern mit, und wenn diese Leser der Ansicht sind, Eisenmenger ist eine unangreifbare Autorität, — was kann ich dafür? — Auch ein Beispiel antisemitisch-treudeutscher Gradhert und antisemitischtreudeutscher Ehrlichkeit. Ein griechischer Chorführer der Antike im Gefolge Alexanders des Großen spricht die vorbildlichen Worte — vorbildlich wenigstens für bestimmte menschliche Individualitäten; er sagt den wohlerwogenen Satz: „Kühn mit Verleumdungen zupacken und zu beißen, damit', wenn auch des Gebissenen Wunde heilt, doch die Narbe der Verleumdung bleibt." Die „Narbe der Verleumdung" in bezug auf die Blutbeschuldigung ist alt, recht alt. Es ist richtig, daß Eisenmenger an sogenannte Ritualmorde glaubt. Ist nun dieser Eisenmenger eine Autorität, auf die sich gutgläubig ein sogenannter Politiker des zwanzigsten Jahrhunderts stützen kann? Eisenmenger ist 1704 gestorben; er ist also — von seiner Persönlichkeit ganz abgesehen — in jene Zeit gebannt, die als aufgeklärt nur im Sinne der Antisemiten bezeichnet werden kann; man verbrannte damals noch lustig Hexen und mit dem leibhaftigen Teufel stand man aus Du und Du. In dieser Zeit lebte die Autorität der Antisemiten, und sie übernahm aus noch älteren Mitteilungen, die aus noch dunkleren Zeiten stammten, die Angaben von jüdischen Ritualmorden nebst verwandten Absurditäten ohne jede Kritik. Und diesem Eisenmenger, der Autorität des Herrn Wulle, stehen Päpste gegenüber und Kardinale, die die Angaben über jüdische Ritualmorde als Märchen bezeichnen, — dies nach der katholischen Seite hin in der Vergangenheit; und aus der Gegenwart — natürlich nur unter zahlreichen anderen Schriften — die Veröffentlichung des katholischen Pfarrers und deutschen Reichstags¬ und bayerischen Lan'dtagsabgeordneten Dr. Fr. Frank: „Der Ritualmord"; und von protestantischer Seite die Schriften von Professor Franz Delitzsch und von Professor H. L. Strack*). Dieses Material ist für den Herrn Abgeordneten Wulle nicht vorhanden; dagegen Eisenmenger aus dem siebzehnten Jahrhundert; natürlich eine Autoritär, die über Päpste und Kardinale des Katholizismus; übev katholische und protestantische Gelehrte der Neuzeit zu stellen ist. So sieht antisemitische Objektivität, antisemitisches Wahrheitsstreben und -antisemitische — Politik aus. Diese antisemitische Politik ist charaktervoll wenigstens in einer Beziehung. Ihr Charakter bleibt immer derselbe. Ob Ahlward — ob Mulle. Semper idem. Das Echo unserer Kundgebung gegen die Vlntschuldlüge. Wir haben in der letzten Nummer der „C. D.-Zeitung" über die gewaltige Kundgebung berichtet, die der Centralverein in den überfüllten Unionsfestsälen im Osten Berlins gegen die Blu t s chu ld l ü ga veranstaltet hatte. In der deutschen Presse aller Richtungen, sowie in der jüdischen Presse hat diese Kundgebung lebhaften Widerhall gesunden. Nicht nur die schlesische Presse, wie dev „Schlesische Gebirgskurier" in Waldenburg, „Der neue Görlitzer Anzeiger" in Görlitz, „Der ob ers chl es i s ch s Wanderer" in Gleiwitz, „Die Breslauer Zeitung" in Breslau u. a. tu., hat ausführliche Berichte gebracht, sondern auch aus allen Teilen Deutschlands, wie Höchst a. M„ Pforzheim, Auerbach, Aachen, Wiesbaden, München-Gladbach, Köln, Elberfeld, Frankfurt a. M., A s ch a ss e nb u r g usw. sind unS Presseberichte Meg-angen. Besonders ausführlich berichtete die gesamte Grotz-Berliner Presse bis zu der rechtsgerichteten „Berliner Börsen-Zeitung". Daß den DöMschen unsere Aufklärungsarbeit! unangenehm ist, haben wir auS den im „Deutschen Tageblatt" (Berlin) und der „Mecklenburger Warte" (Rostock) erschienenen Aussätzen „Wehegeschrei im jüdischen Ce n tr a lvere i n" mit Genugtuung erfahren können. Aber die größten Verdächtigungen von jener Seite werden uns nur darin bestärken, unsere Aufklärungsarbeit im erhöhten Tempo fortzusetzen. sch.— *) H. L. Strack: Schriften des lnsttlutum Judaicum ln Berlin N 14, E<ri<*- BlutabevglauÄe in der Menschheit". München 92. Becksche Verlagsbuchs lung. „Schachmatt den Blutlil-gnern", von Professor Franz Delitzsch. Erm. A. Derchert 1883. Dr. Fr. Frank, katholischer Pfarrer; „Der Ritual- Moch". Re-LensbuvL 1901. BerlassansteLt.

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