Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 29 (16.7.1926)
- Date
- 1926-07-16
- Page
- Seite 382 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Zechprellereien. Ein Fall für viele: Im Hotel KemnitiuS hatte ein ganzer Trupp von Hitler - Beuten gespeist und getrunken. Als es ans Bezahlen gehen sollte, ertönte von der Straße ein Signal zum Sammeln; alles rannte heraus, niemand kam wieder. Ws das UeberfallkomMando kam, herrschte solcher Wirrwarr, daß die Schuldigen nicht zu ermitteln waren. Dieses Signal ertönte regelmäßig, wenn bezahlt werden sollte, oder aber es wurde ein Aufruhr auf der Straße verursacht und damit den Leuten Grund gegeben, schnell hinauszurennen. In Erinnerung an derartige Vorfälle beim Nationalsozialistentag m Weimar im Jahre 1924, hatte die Zeitung „Das Volk" in ihrer Nummer vom 3. Juli einen Artikel gebracht mit der Neberfchristr „Achtung, vökifche Lieferanten! In Weimar tagen heute und morgen die nationalistischen Gaukler . . . Habt acht, daß ihr nicht wieder ein Jahr lang um euer Geld Prozessieren müßt!" , Listenweise haben die Polizeibeamten Terrorakte von Nationalsozialisten zur Anzeige gebracht Aber der amtliche Polizeibericht war trotz aller Bemühungen für die Presse noch nicht zu erhalten. Angeblich soll zunächst die Entscheidung des Untersuchungsrichters abgewartet werden. Viele einzelne Ausschreitungen sind in der Tagespresse bereits mitgeteilt worden. Trotzdem ist sicher zutreffend, was überall erzählt worden ist: daß noch nicht der zehnte Teil aller Ausschreitungen der Oessentlrchkeit bekannt geworden ist. PMZeikoinmiffare, die 22 Jahre und mehr irr Weimar Dienst tun, äußerten, sie hätten seit der Revolution viel erlebt, aber solche Elemente Hütten er und seine Kollegen noch niemals gesehen. Bei der Ostertagung der „Roten Frontkämpfer" in Weimar sei nicht ein einziger Fall zur Anzeige gelangt. Von dem Treiben der Bande gibt ein ausgezeichnetes Bild der Brief eines Augenzeugen, der beobachtet hat, wie ein Reichsbannermann von RattonalsoziaLisLen, Männern rrnd Fronen, bedrängt wurde. Diese LLmsschreitrurgen waren so schlimm, daß Straffer, der bekannte nationalsozialistische Führer, persönlich eingeschritten ist und sich bei der Hanptwache für die unerhörten Vorfälle entschnLDigt hat. Der Brief lautet: Ein Neichsbannermann war aus irgendeinem Anlaß von den .Hitler-Leuten geschlagen worden und von der Polizei dann in die Hauptwache gebracht worden. Ich kam eben aus den Marktplatz zum Rathaus, als e i n (grüner) Polizist den Neichsbannermann heraussührte und in die Wmdrschenstraße begleitete. Dort ließ er ihn allein gehen und sagte zu ihm: .„Gehen Sie jetzt ruhig sofort nach Haufe." Der Mann ging weiter und bog in ein Haus (gegenüber dem „Goldenen Anker") ein, in dem er, wie es später hieß, wohnen sollte. Jedoch die Hitler-Leute, soweit sie xuii Stadtplatz versammelt waren (etwa gegen 100), Frauen und Männer, stürmten mit einem Jndianergeheul ihm nach, wobei einzelne von ihnen von ihren eigenen Leuten zurückgehalten wurden, weil sie bereits so angetrunken Ware n, d a ß si e mi t d em M es se rin d e r H and h er u mf ucht el ten. Nationalistische Frauen, die das Parteiabzeichen trugen, schrieen in nicht wiederzugebender Weise. Die Hit!erleilte stürmteN das Haars mit den Rusen: „Heraus muß er", „An die Wand geschmisten gehört er", „schlagt ihn gleich tot", und, wie in dem Bericht der Zeitung „Deutschland" auch steht, wurde dort im Hausgang einem Geschäftsmann sein Ladensenster eingeschlagen. Ich sah den betreffenden Hitler-Mann mit der blutendem zerchundenen Hand aus dem Hausgang komrnen und ihn dann von 'einen Freunden nach bekanntem Muster von der Bildsläche weg- ' chaffen. Als die Situation auf dem Höhepunkt war, wo man glauben mußte, das Haus würde demoliert, kam die Wache angerückt (etwa zchn Grüne und fünf Städtpolizisten), die den Reichsbannerrnann aus der Wohnung in Schutzhast nahmen. Bei dieser Tätigkeit wurden die Polizisten in einer Art angepöbelt und angegriffen, wie ich das selbst in den schlimmsten Tagen der Hrtler-Herrschaft in München nicht erlebte. Die ganze Meute bedrängte das Rathaus und sang das Lied: „Wir sch . . . aus die Judenrepublik", wobei bezeichnenderwe i s e der Schluß- Drrs gelautet hat: „Wir scheuen auch vor keiner Waffentat zurück". Das hat man ja dann am Montag morgen erlebt. Die Polizei drängte dann die Hitler-Leute gegen das Rathaus zurück, wobei sie vom Gummiknüppel Gebrauch machen mutzte. Nun setzte ein Platzregen ein, der die beiden Lager schied: Am ^StadthauI" Md seiner Front lagerten die. Hitler in ihrer gewohrÄe« %*L Beim RaHaus staM die PoliM und einige Zivilisten, darunter auch ich. Als sich der Regen gelegt hatte, fuhr m schnM-em Tempo ein Auto mit dem Wimpel der Wtler-FahE Aber den Platz, vmr dem „Geheil" der dort &§e-rribm einpfamgem Da der JnsaKe mm Mnsyrache hiM, ging ich auch hin. Mir wurde gesagt, es frii Straffer. Er sagte ungefähr folgendes: „Es haben sich aBer Dinge abgeMeA, die ich nicht vertreten kaum Solche Schwein-ereien mlfjeft auHören. Thür i n g e n i st h e u t e noch der einzige Staat, wo wir uns bewegen können ohne Verbot, und das dürfen wir uns nicht verscherzen. Ich verlange, daß nun absolute Ruhe herrscht und kem Passant mehr belästigt wird. Wo ist der Führer der Berliner Truppe -(im Stadthaus lag der .„Gau Berlin")." Nun dauerte es einige Minuten, ehe sie den Führer aus dem Dtadthaus brachten. Er konnte kaum stehen, hatte gang an-- getrunkene Augen und war unfähig, auch nur ein Wort zr! stammeln. Straffer fuhr ihn sehr barsch an und sagte, direkt im Vesehlston: „Sie find mir verantwortlich für alles, was hier auf dem Platz geschieht. Ihre Truppe hat unbedingte Disziplin zu halten, damit nicht noch weitere Zwischenfälle sich ereignen. Wenn jemand nicht pariert, daun schmeißen Sie ihn aus unseren Reihen." Noch einige weitere Berichte von Augenzeugen un d U e b er fall enen seien hier wiedergegeben, um das ganze Treiben der Hitler-Leute in Weimar zu charakterPeren: StaatsMknistee a. D. Fröhlich» -er sozsalöemskrsüsche Lan-tagsabgireröneLs von Thüringen, berichtet über den Ueberfall, den sein, siebzehnjähriger Sohn erlitten hat. Der junge Mann trug ein Abzeichen der Arbeiterjugend und ging allein durch die stille Jakobstratze. Eine Rotte von 15 bis 20 Nationalsozialisten umstellten ihn und forderten ihn auf, sein Abzeichen fortzunehmen. Als er sich weigerte, stürzten sie sich auf ihn, um das Abzeichen mit Gewalt zu entfernen, und zerrissen chm dabei die Kleider. Es sielen die Worte: „Wir gehen über Leichen." Ein Mitglied -einer völkischen Wandervogelvereinigung, das gerade dazukam, machte den Hitler-Leuten Vorwürfe über ihr Betragen und mußte sich dafür die Bezeichnung „Waschlappen" gefallen laKem Der MetarrLsbesitzer Michael, -er am Sonntag mittag von Nütioncüjszralisiea überfallen wuröe» sagt: „Ich hatte vi er junge L eu t e m i t S-ch ül e rm ütze n von Umpferstedt nach Weimar gefahren und komme Sonntag mittag am Rollplatz in Weimar an. Da standen fünfzehn Mann Hitler- Leute und sprangen von rechts und links aus meinen Wagen. Ich hielt cm und stellte die Herren zur Rede. Statt einer Antwort z o g b e t e i n e b a s Mess e r u n d st a ch e i n e m Schüler in die Siixn über d as Auge, Frriherr v. öranöenstein, ^ustiImmistec a. D.» schWert öen Ueberfall, öen er selbst erlitten hat, folgen-ermaßen : „Ich wollte Sonnabend abend 6 Uhr 52 Minuten nach LeipZig fahren, um dort am Reichsbanner tage teilzunehmen. Um in der Uniform — ich trug die Windjacke, Mutze mit Kokarde und das kleine Vorftandsabzeichen am linken Aermel, Hatte aber weder umgeschnallt, noch Ehrenzeichen angelegt — nicht durch die Straßen zu gehen, nahm ich mir ein Auto zürn Bahnhof. Als ich dort ankam, rückte gerade eine größere Abteilung Nationalsozialisten vor dem Bahnhof an, und ich mußte aus polizeiliche Anordnung mit meinem Auto am Ende des Zuges halten. In demselben Augenblick wurde bei den N. S. .„Wegtreten" kommandiert. Dadurch sahen sie mich. Es stürzten einige auf mich zu und fragten, was ich da mit dem Abzeichen zu tun hätte. Ich wies sie darauf hin, daß ich im Begriff sei, abzureisen und daher die Abzeichen nicht äbnehmen könne, sagte ihnen auch, wer ich sei. Darauf sagten sie: „Was bist du für'« Nachtwächter?!" Dann folgte eine Reihe mehr oder weniger gemeiner -Schiuchfworte und die kategorische Aufforderung, die Abzeichen zu entfernen. Sie erklärten dabei, daß sie fetzt die Macht in Weimar hätten, daß Weimar ihnen gehöre, und daß da gefälligst alle Wzeichen zu 'verschwinden hätten. Im Bahnhofsgebimde 'habe ich auf -die vielfachen Änrempellmgen den NationalsoZi.alisten M » stehen gegeben, daß ich mich vor chrer ganzen Gesellschaft nicht fürchte. Außerdem war ich im Bahnhof noch Zeuge, wieder V e rtre t e t der S taatsgewal t, der S chutz manu, in d er h e ft igsten Weife verhöhnt wurde, als er zwei Nationals ozialisten fistiereu w ollte." Das find alles Anpöbeleien, die nicht den Juden galten. Den Juden, so hatten sie schon am Sonnabend gedroht, wollten sie die Läden stürmen. Glücklicherweise ist es aber nicht zu solchen Gewalttaten gekommen. Die jüdische Bevölkerung hat sich ebenso wie die meisten anderen Bürger Weimars möglichst von der Straße ferngehalten. Sortsetzuna nächste Seiten