Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1926-07-09 · 28 (9.7.1926) · p. Seite 374

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
28 (9.7.1926)
Date
1926-07-09
Page
Seite 374 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2277622-2277650--03033-2283502
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

374 Sitten lehre kaV exochen. Und alle heiligen Schriften des Volles Israel, nicht etwa nur der Kanon der Bibel, sondern auch die Apokryphen, die jüdisch-hellenistische Literatur, der talmudische Jdeentreis, wie auch das jüngere jüdische Schrifttum verweisen immer wieder auf die ethischen Fundamente und auf eine strenge Sittlichkeit als Grundforderung des Judentums. Als Eideshelser für dieses immamente Ethos dienen Erzväter und Propheten ebenso wie moderne Schriftgelehrte und Exegeten der heiligen Schriften. Die Familie nun ist die engste Gemeinschaft, die über den Einzelmenschen hinausführt. Familienbande gelten allen Völkern als heilig, besitzen überall unbestrittene Kraft; bei den primitiven und antiken Völkern bildete der Kultus einen Teil des Familienlebens. Bei den Juden hat die sittliche Anschauung, die das gesamte religiöse Leben durchdrang, auch die sittliche Auffassung von der Familie bestimmt. Hier wird die Familie zum Grundpfeiler der sittlichen Weltordnung. Die Ehe wird aus den ersten Blättern der Bibel als eine persönliche Gemeinschaft der Liebe und des Vertrauens gelehrt, und das ist — aßen Anfechtungen zürn Trotz — die Auffassung des Judentums geblieben. Der „Midrasch" lehrt, daß erst Mann und Frau zusammen den Nmnen „Mensch" verdienen; er ist in der ehelichen Gemeinschaft, in der gemeinsamen Verantwortung hat der Mensch sich zu bewähren. Entgegen üppig wuchernder Legendenbildung wird auch die jüdische Frau schon von der Bibel dem Manne gleichgestellt in den Vorschriften über Sabbat- und Festfeiern, in allen Bestimmungen über das Verhalten der Kinder gegenüber den Eltern. In den Sprüchen Salomos tritt die Frau als Muster geziemenden Verhaltens auf (siehe mehrere tausend Jahre später den Goetheschen Imperativ: „Wollt ihr erfahren, was sich ziemt, so fraget nur bei edlen Frauen an"); im Talmud finden wir sie als Beraterin, Erzieherin, Lehrerin, Teilnehmerin am höchsten Streben des Mannes: dem Thorastudium. Aus das Vorbild der Frauen wird der größte Wert gelegt; es wirkt nachhaltig auf die Familie. Mögen die R e ch t s b e st i m m u n g e n über die Frau den heutigen Anschauungen auch nicht mehr entsprechen, ihre wirkliche Stellung war eine würdige, ihr Ansehen überragte das ihrer vollberechtigten Schwestern in vielen Kulturländern. Die jüdische Frau war niemals wie die römische und griechische rechtlos, vom Manne einer Sklavin gleich abhängig — sie konnte in biblischer Zeit zur Würde der Wächterin oder Prophetin gelangen; in späteren Jahrhunderten hat sie als „Biederweib" in der Familie wie in der Gemeinde Glanz und Ansehen besessen. - Und gerade weil diese Ueberlieferungen in echt jüdischen Häusern durch Jahrhunderte unverändert geblieben sind, ist es freudig zu begrüßen, daß sich den mannigfaltigsten Protesten, die gegen die sittliche Anarchie in Europa — und in ihrem Gefolge die modische Zügel- und Zuchtlosigkeit — eingelegt worden sind, auch die „Vereinigung traditionell-gesetzestreuer Rabbiner" gesellt hat. Gerade sie hat mit Fug Stellung genommen, da eine ruchlose Politische und gesellschaftliche Demagogie mit Vorliebe alle Uebertreibungen einer llebergangsgeneratiou, alle Geschmacksverirrungen und Entgleisungen einer aus ihren Fugen geratenen Welt hierzulande gern und demonstrativ den „Fremdstämmigen", lies: den Juden, zur Last legt. Allerdings: es muß wohl nicht weit her damit fein, alldieweil die kosmetisch - modisch - sittlichen Verirrungen gleichzeitig bekämpst werden von „Orient und Okzident", von weltlichen und geistlichen Mächten (stehe ad hoc erlassene Strafgesetze in Griechenland und in der modernisierten Türkei wider die „kniefreien" Röcke, den Einspruch spanischer Kardinale gegen Trägerinnen von „Bubiköpfen", denen der Eintritt in die spanischen Kathedralen verweigert wird, sowie protestantischer und katholischer Kirchenvertretungen in den verschiedensten Weltteilen, ja von gekrönten Frauen wie den Königinnen von England, Spanien und Italien selbst). Trotzdem: es war gut, daß d a s Judentum im Namen seiner ethischen Grundgesetze eigens das Wort ergriff und sich dem Chor des Widerspruchs anschloß. Die Frauensilhouette von .1926 steht in allzu krassem Gegensatz zu den Ueberlieferungen jüdischer Zucht und Sitte. So unbequem diese Tatsache auch dem „Völkischen Beobachter" und seinesgleichen sein mag. „Discite moniti!" „Lernt aus der Warnung!" „Die Justiz." Im Juniheft der Zeitschrift „Die Justiz" behandelt Landrat Dr. Bleckwenn (Genthin) das außerordentlich wichtige Problem der „Entpolitisierung der Rechtspflege", und erläutert Rechtsanwalt Dr. Ludwig Ben d ix (Berlin) an einer ganzen Reihe von Strasrechtsurteilen die irrationellen Kräfte der strasrichterlichen Urteilstätigkeit. Von den dort cmgezogenen Urteilen dürste uns besonders die Entscheidung des Landgerichts Düsseldorf interessieren über einen Bericht, der sich mit dem Shnagogenbesuch russischer Juden besaßt; hierbei haben die irrationellen Kräfte die Richter zu der Entscheidung geführt, die Bezeichnung „blutrünstiger, haßgeblähter Gott" überschreite in Anbetracht „der allgemeinen Gärung und Nervosität der heutigen Zeit" nicht die „zulässige Grenze zwischen kränkender Nichtachtung und roher Beschimpfung". Rechtsanwalt Fo erd er (Breslau) trägt in einem . Aussatz „Die Judenrepublik in der Rechtsprechung" wichtiges Material zusammen- Außer dem. in „C. V. - Zeitung" Nr. 12 behandelten merkwürdigen Reichsgerichtsurteil, das .die Bezeichnung „Judenrepublik" geradezu gestattet, nennt er noch vier andere Urteile, die sich mit dem Ehrhardt-Lied und seinem Anhang „Wir brauchen keine Judenrepublik" befassen, und bei denen die Täter zum Teil straffrei, zum i Teil mit ganz geringer Bestrafung ausgingen, Rechtsanwalt Foeder legt; 1 in einem Nachwort dar, daß der Urgrund dieser.Rechtsprechung wiedereinmal der Rassenwahn sei, dessen Suggestion die sogenannten „nätio-; palen" Kreise erliegen. Es handelt sich bei dem Begriff „Judenrepublik", „Judenregierung" usw., wie er aussührt, nicht um. eine Herkunsts-, ■ sondern uni eine Qualitätsbezeichnung. Walter Rathenaus Sriefe. Von Etta Federn-Kohlhaas. Kurz ehe sich der Todestag Rathenaus zum Viertenmal jährte, ist im Verlag von Carl Reihner (Dresden) die von Rathenaus Mutter mit strenger Enthaltsamkeit zusawmengestellte Briefsammlung erschienen. Wer diese Briese in der Erwartung liest, in ihnen Politische „Enthüllungen" zu finden, wie zahlreiche Veröffentlichungen der letzten Jahre sie so oft zu bringen versuchten, der wird enttäuscht sein, denn an Politischen Neuigkeiten erfährt man nur, was Rathenau-Kenner ohnedies wissen, nämlich daß Rathenau die politische Lage Deutschlands vor, während und nach dem Kriege so beurteilt und erkannt hatte, daß immer wieder die Ereignisse seine Ansichten bestätigten und noch bestätigen. Dafür charakteristisch ist ein Schreiben an Erzberger von 16. Juli 1919, in dem der Satz steht: „In unserer verzweifelten Lage gilt es, den beweglichen Punkt zu finden, von dem aus die ganze Situation aufgerollt werden kann-. Dieser Punkt liegt in Belgien und Nordsrankreich, und zwar beim Problem des Wiederaufbaus ... Die Kriegsfolgen können nur da unschädlich gemacht werden, wo sie am furchtbarsten waren." Dabei war Rathenau gewiß nicht „Ententist", das geht aus einem Brief an Frau Margarete H a u p t m a n n hervor, der am 5. Januar 1920 geschrieben wurde, und in dem es heißt: „Das Grauen, daß ich vor den Hotels Unter den Linden empfinde, ist so groß, daß ich kaum die Schwellen zu überschreiten wage, hinter denen unsere neuen Herren in doppeltem Sinne sitzen: die Ententisten und die Schieber." Rathenau war ein deutscher Patriot, wie man ihn kaum in den Reihen derer finden wird, die ihn als „Nicht-Deutschen" hetzten, weil er ein Jude war, und die ihn zuletzt zur Strecke brachten. Für Rathenaus Stellung zum Deutschtum ist eine Stelle in einem der zahlreichen Briese an Wilhelm Schwane r bezeichnend, die alle von höchster allgemein-menschlicher Bedeutung sind und zugleich Ausschlüsse über Rathenaus meist scheu verhülltes Seelenleben geben können. Er schreibt am 23. Januar 1915: „Du ,sprichst von. meinem Blut und Stamm, selbst einmal, von meinem Volk, und meinst die Juden. Mit ihnen verbindet mich das, was jeden Deutschen mit ihnen verbindet, die Bibel, die Erinnerung und die Gestalten des Alten und Neuen Testaments. Meine Vorfahren und ich selbst haben sich von deutschem Boden und deutschern Geist genährt und unserem, dem deutschen Volk erstattet, was in unseren Kräften stand. Mein Vater und ich haben keinen Gedanken gehabt, der nicht für Deutschland und deutsch war; soweit ich meinen Stammbaum verfolgen kann, war es das gleiche." In demselben Brief heißt es weiter, und Rathenau weist, mit diesen Worten die Neberschätzung der Rassentheorien zurück: „Ich bin der Ueberzeugung, daß Glaube, Sprache, Geschichte und Kultur hoch über den physiologischen Dingen der Blutmifchung schweben und sie ausgleichen. Ick) glaube, daß die göttliche Seele in jedem menschlichen Geiste schwebt und ihn emporträgt zu' einer Schicht, in der das Materielle zum Staube wird. Ich glaube an eine Gottheit, der wir alle mit gleichen Kräften zustreben." So stand Rathenau zu Deutschtum und Antisemitismus, soweit ' sie in dom Reich der Gedanken blieben. Wenn sie sich ihm ln der Tat näherten, dann lehnte er für sich Persönlich jeden Schutz und jedes Eintreten auch der nächsten Freunde ab, und für die Allgemeinheit des Judentums sah er die Sache so an, wie er es am 18. August 1916 schreibt: „Bekämpft zu werden ist vielleicht für eine Mehrheit ein Element der Erziehung; vielleicht ist diesen Menschen eine Ausgabe bestimmt, für die sie noch ein Paaar hundert Jahre durch Druck vorbereitet werden sollen. Vernichtet wird niemals ein Stamm durch solchen Druck; würde eps, so wär's verdient. Aber alle sind Geschöpfe in Gottes Hand; er laßt sich nicht Zwingen, welche er verderben und welche er erhalten soll." Da Rathenau, wie er in seinen Werken und Briefen immer wieder bekundet, das Deutschtum vor allem in dem Verantw o r t lichtei tsg es üch l, in dem Streben, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun, erkannte, so ist es selbstverständlich, daß er die Konsequenzen aus seinen Anschauungen zog und seinem Vaterland und seinem, dem deutschen Volk diente mit . der Hingabe, die auch vor dem letzten Opfer des Lebens nicht zurückschreckte. Räthenaau lebte den Satz,, den er in einem' Brief vom Himmelsahrtstag 1917 ausgesprochen hat:: > r „Wir sind in diese Welt gesetzt, nicht um zu verdammen, sondern um zu schaffen." ' Daß er für sein Schassen verdammt wurde, daß man es ihm in ' weiten Kreisen des deutschen Volkes nicht vergeben wollte, daß er durch die Organisation der. Kriegsrohstoss-Gesellschast das deutsche Volk in höchster Not erhalten habe, — das schmerzte ihn, aber es.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.