Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 28 (9.7.1926)
- Date
- 1926-07-09
- Page
- Seite 373 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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SutderümMahrtea fit der Selmat. Von Dr. Martin Salomonski. Nachdem der Nordpol in den letzten Tagen gleich doppelt bezwungen worden ist, scheinen wirklich sehr wenig irdische Territorien übrig zu bleiben, die der unbezwinglichen Lust am Neufinden gebührendes Material darbieten. Als Trotz für alle, die trotzdem nicht gern auf dem üblichen Pfade der Alltäglichkeit wandern, bietet sich auch bei unserer C. V. - Arbeit noch ein weites, unbekanntes Gebiet. Man hört so oft: „Jetzt ist doch alles organisiert, es bleibt wirklich nichts mehr zu tun, und die Judenfeindschaft ebbt auch so stark ab, daß ihr einst wogendes Meer sich in absehbarer Zeit in einen friedlich-flachen Teich verwandelt haben wird." Einen kleinen Beweis dafür, daß wir gerade jetzt unsere stets ansteigende Arbeit noch immer stärker entfalten müssen, biete der nachfolgende Bericht einer kurzen Sonntagsfahrt irgendwohin, keine hundert Kilometer weit vom Hauptsitz unserer Arbeit, aber doch in ein so ganz anderes Milieu führend, daß für den lesenden Begleiter daraus eine Entdeckung oder sagen wir lieber eine Lehre sich ergibt. Kurz vor der Abreise in die kleine betriebsame Mittelstadt erreicht uns das erahnte Telegramm des dortigen Leiters jüdischer Geschicke: „Reise zwecklos!" Wir antworteten, daß wir doch kommen würden, denn solche Versuche, Arbeit am Wohl der Gesamtheit zu hintertreiben, gehören l-erder nicht zu den Seltenheiten. Warum fahren wir überhaupt? Ein alter 7ojähriger Glaubensgenosse, der fast sein ganzes Leben in Ehren in 3t\ verbracht hat, wird in gröblichster Weise von politischen Rohlingen auf die bekannte feige Art insultiert und mißhandelt. Er ist geschlagen worden, und man hat sechs Fensterscheiben seines Häuschens zertrümmert. Die Aufregung der betagten Eheleute und die Furcht vor weiteren Angriffen sind ebenso groß wie berechtigt, aber die nicht Attakierten, statt sich solidarisch zu erklären, lehnen telegraphisch im letzten Augenblick die rechtzeitig und eingehend brieflich angekündigte Untersuchung und den Wunsch einer Aussprache aller mit diesem Angriff Gemeinten, nämlich der Juden der Stadt, ab. Wir sind an Ort und Stelle: am Bahnhof nur der alte, aber noch aufrechte Beschwerdeführer, den e i n mitfühlender Mann in mittleren Jahren, der bezeichnenderweise erst kürzere Zeit am Ort lebt und aus westdeutscher Gegend stammt, begleitet. Die wenig erbauliche Nachricht, daß die maßgebenden und nicht einflußlosen Kreise sich geweigert haben, an unserer C. V.-Veranstaltung teilzunehmen und sie dadurch bis zum Augenblick unmöglich machten, überrascht uns wenig, denn solche Erscheinungen sollen auch anderwärts Vorkommen. Es ist eine traurige Wahrheit, daß gerade die sogenannten Ersten durch den trockenen Boykott unserer Bestrebungen unsere Aufklärungsarbeit in den eigenen Reihen erheblich, wenn auch schließlich erfolglos, zu diskreditieren versuchen. Es muß sich hierbei' wirklich um einen argen Denkfehler handeln, denn wenn wirkliche Not und Lebensgefahr einkehren — und wer kann nach unseren Erfahrungen wissen, wie schnell beide wiederkehren —, dann sind diese Kreise die stürmischsten und verangstigsten Rufer um Hilfe, die wir ihnen, die Unzuverlässigkeit in der Gegenwart gern vergessend, nie verweigern werden. Zurück nach L„ wo wir kurzen Kriegsrat halten und vier Mann stark die einzelnen Mitglieder aufsuchen und bearbeiten, bis schließlich etwa die Hälfte der Gemeinde sich vor dem zum Versammlungsraum gedachten Gotteshause einfand. Wir Fremden machen darauf aufmerksam, daß auch das bunte Fenster über dem Eingang Wurfbeschädig ungen aufweist; der nicht anwesende Herr Vorsteher, den wir später vermutlich um seine Sonntagsruhe brachten, behauptet, das noch nie gesehen zu haben. Fast müssen wir unverrichteter Sache wieder abziehen, denn der Schlüssel der Gittertür vermag das eiserne Portal nicht zu öffnen. Man denkt sich, daß dieses eigentlich nicht auf übermäßige Benutzung des geweihten Hauses hindeutet, und das ist nun die böseste Erscheinung, über die wir hier mitberichten, und die sich auf viele, viele Gemeinden unseres Vaterlandes übertragen ließe. Wo noch vor zwölf Jahren ein geregeltes und blühendes Gemeindeleben unter Vorhandensein aller Institutionen bestand, wo regelmäßige Andacht durch einen geeigneten und würdigen Lehrer oder Kultusbeamten die Gemüter erhob, da sind jetzt Friedhofsstille und der Hauch der Verwesung eingekchrt. Man glaube aber nur nicht, daß es sich etwa um den Kreis der abgetretenen Gebiete handelt, nein, wir sprechen von Gemeinden mitten im Lande, deren jüdisch Seelenzahl fast auf der gleichen Höhe geblieben ist, die aber nur von einem hochstrebenden und pflichtbewußten Manne gehalten wurden, der, als er ms Grab sank, keinen würdigen Nachfolger mehr gefunden hat. Es handelt sich um Gemeinden mit schönen, oft erst kurz vor dem Kriege erbauten Synagogen, deren Einrichtung tausendfältige Liebesarbeit verrät und schon dem Fremden die Träne der Wehmut ins Auge zwingt. Wer liest noch dort die alten, von der Zeit nicht beschädigten Tafeln und Privilegien, nach denen Friedrich der Große zu Beginn des Siebenjährigen Krieges die Juden seßhaft gemacht hat und ihnen die Erlaubnis zur Errichtung der Gemeinden erteilt hat. i Wenn man diese und ähnliche Tatsachen dm Einheimischen vor die Seele führt, dann werden sie erst sehend und schämen sich und weinen und fühlen die Verpflichtung zum Zusammenschluß. Sie erkennen, daß es das erste Gebot unserer Eh re ift, für einander ernzuueyen und nickt kaltherzig, manchmal sogar mit unjüdischer Schadenfreude zu beobachten, wie der andere leidet. Dann stellt sich der spontane Wille zum Zusammenschluß wieder ein, und der moralische Schaden der Nachkriegszeit, der auf ganz Deutschland am furchtbarsten eingewirkt hat, schreit nach der Hilfe des Seelenarztes und wünscht sich Heilung und Genesung. Wenn solche Erfahrungen un- Wanderer ins Unentdeckte auch im Augenblick Freude machen, so mutz doch der Skeptiker hier konstatieren, daß die Einwirkungen nicht nachhaltig genug bleiben. Wie ist es möglich, daß an Orten, wo man vor knappen drei Jahren allen Juden die Läden geplündert hat und bekannte Prozesse wegen schweren Landsfriedensbruches die Folge waren, so vergeßlich und blind gegen sich wütet und überheblich gegen die Gefährten des Unglücks sich zeigt? Der finstere Geist der Unterwürfigkeit, völliges Abhanoensein jedes Selbstbewußtseins sind eingekehrt! Ja der Grad der gewollten Erniedrigung ist so stark, daß nicht selten die noch verbliebenen wenigen Freunde der Gerechtigkeit bedauernd hierüber das Haupt schütteln und natürlich dann den mutigen und für fein Recht kämpfenden Juden mit diesen übel Beratenen verwechseln. Zwar wird, wie nach einem schönen Ausflug ins Freie, auch uns die Teilnahme an solchen Erscheinungen zunächst Ermüdung und Resignation vermitteln, aber beides sei uns, wie der krank gewesene Körper es doch deutlich empfindet, die sichtbare Stufe zur Gesundung. Mögen recht viele „C. V."er, die es gut und ernst mit unserer Organisation meinen, jetzt in der Sommerszeit hinausziehen und helfen wollen! Es geht hierbei nicht ohne ein kleines Wehtun ab, aber wenn der kurze Schmerz des Eingriffs vorüber ist, dann können Arzt und Patient zufriedener sein. Wir dürfen uns also nicht damit begnügen, daß in den jüdischen Zentren alles besser zu sein scheint, wir müssen hinaus aufs Land gehen und den deutschen Juden dort helfen, wo der Ursprung unserer Kraft sich befand, und wo er erhalten oder erneuert werden muß, damit uns die Großstadt nicht ver * zehre! Kvauenmode» Von Doris Wittner. In Nr. 26 der „C. V. - Zeitung" erschien folgende Notiz, die der' Achtsamkeit des einen oder anderen Lesers entgangen sein tonnte, und auf die wir daher mit Bedacht noch einmal Hinweisen: Gegen die Auswüchse der Frauenrno-e. Die Vereinigung t r a d i t i o n e l l - g e s e tz e s t r e u e r . Rabbiner hat aus ihrer... Tagung' in Leipzig folgende Entschließung angenommen: „Die Vereinigung traditionell-gesetzestreuer Rabbiner erachtet es als ihre heilige Pflicht, die gesamte jüdische Oeffentlichkeit gegen die immer mehr um sich greifende Würdelosigkeit der Kleldersitten aufzurufen. Schamhaftigkeit im Wesen wie im Auftreten bildet nach der Thora das Kennzeichen unserer Frauen und Töchter. In Tracht und Gewandung sollen wir Züchtigkeit und Keuschheit als vornehmstes Adelszeichen Israels bekunden. Alle denkenden und hochgesinnten jüdischen Frauen sind verpflichtet, durch Beispiel und Aufklärung den Entartungen der Mode entgegenzutreten, um das von Vätern und Müttern überlieferte Ideal jüdischer Sittenreinheit unserer Gemeinschaft zu erhalten/' „Durch weise Weiber wird das Haus erbau-t, eine Närrin aber zerbricht es mit ihrem Tun", steht in den Sprüchen des Predigers Salomo. Eine Närrin zerbricht ein Haus. Viele Närrinnen vermögen unter Umstanden eine ganze Zeit zu Zerbrechen. Aber — zerbrach im gegebenen Falle vielleicht nicht die Zeit die Frauen? Die Weltgeschichte lehrt, daß jeder Staatsmnsturz alle Bande frommer Scheu lockert, daß verlorene Kriege, wirtschaftlicher Niedergang, geschweige denn Revolutionen vom Ausmaß der deutschen um 1918 oder der russischen von 1917 demoralisierend und depravierend schlechthin wirken. Hemmungen fallen, Traditionen Zerstieben. Die Marschlieder der Rebellion ertönen. „Was unten ist, will oben stehen." Die Frau ist von jeher die überzeugteste und überzeugendste Exponennn ihres Zeitalters. Ihr leicht bewegliches Wesen fangt die mannigfachen Spiegelungen ihrer Zeit aus und ein und gibt sie — prismenartig — in tausendfältigen' Brechungen schillernd, wieder. Will man den kulturellen oder moralischen Pegelstand einer Epoche beurteilen, braucht man mithin nur die Frau zu betrachten, die als durchschnittliche Repräsentantin ihrer Aera zu gelten hat. Wer wagt es — unter solchen Aspekten — heutzutage als ein neuer „Frauenlob" aufzutreten und einer aus den Angeln gerissenen Zeit etwa der gegenwärtigen Frau. Ruhm und Preis zu singen? Man braucht heute nur einmal die Silhouette der Frau, wie sie sich auf den großen Korsostraßen, in den Theatern und Kinos, in Hotetpalästen und' TanZdielen der westeuropäischen Großstädte oder internationalen Badeorte offenbart, näher ins Auge zu fassen, um zu erkennen: für die Frau, die heute den Forderungen des Tages gerecht werden will, gibt es nur e-m Gesetz, und „Vivre c’est mon melier“, „Leben" —- aber „leben" im Sinne von „Genießen" — „ist mein Berus". Diesen Ausschreitungen gegenüber, wie sie sich in Berlin am grellsten im Typus des K u r f ü r st e n d a m m - und Tauentziengirls verkörpern, ist es nützlich, für und für zu wiederholen, daß die Sitten und Bräuche jüdischer Familientradition die heutzutage nicht seltenen Exzesse weiblicher Emanzipation und mithin auch weiblicher Moden in Zeit und Ewigkeit verwerfen. Die jüdische Lehre ist in ihren Hauptbestandteilen eine