Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 28 (9.7.1926)
- Date
- 1926-07-09
- Page
- Seite 372 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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372 Schon am Sonnabend kam r?s Zn einem Zusammenstoß mit Schutzleuten. In der Nacht zum Montag wurde am Bahnhof, wo es wiederholt schwere Zusammenstöße gab, gegen 3 Uhr ein Polizei- Wachtmeister durch einen Schutz eines HaLenkreurlers schwer verletzt. Die Kugel drang dem Beamten durch die Lunge. Der Täter konnte noch nicht sestgestellt werden. Die Polizei hatte, um den Täter zu ermitteln, alle noch belegten Massenquartiere abgeriegelt und durchsucht. Hierbei wurden dcrr HatenLrerrzlern eine große Menge Waffen nud Schlagringe abgenommm. In den zwei Tagen ist es vielfach zn schweren UeSerfäNen und Schlägereien gekommen, so datz nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch bei dev Polizei starke Erbitterung herrscht. Im allgemeinen hat sich die gesamte Weimarer Bevölkerung der Hitler-Parade gegenüber sehr ablehnend verhalten. Fahnen wurden (trotz Vielsacher Bitten) säst gar nicht gehißt; die Parade selbst verlies aus halbleerem Marktplatz. Wie der Einzug, so auch der Abzug. Völkische Lieder singend und jeden Andersdenkenden anpöbelnd verließen die „Erneuerer Deutschlands" die Stadt Goethes. , die neuen Revolutionäre. Vor kurzem wurde in diesen Blättern darauf hingewiesen, daß sich in der völkischen Bewegung Strömungen bemerkbar machen, die irr ihrer radikalen und „revolutionären" Einstellung, in ihrer Sprache und in den durch diese vermittelten Denksormen von kommunistischen Gedankengängen sich kaum mehr unterscheiden. Ein weiteres anschauliches Bild dasür gibt eine Erklärung des ..Landesverbandes Süddeutfchland des Tannenbc rg-Bund es", des „D e u t s ch v ö l k i s ch e n Offiziersb u n d e s", des „F r o n t k r i e a e r b u n d e s" und des „Völkischen Bundes A l t r e i ch s f l a g g e", Organisationen, die der Ludendorfsschen Richtung innerhalb der völkischen Bewegung nahestehen. Am 28. und 29. August d. I. soll in Nürnberg ein „Deutscher Tag" unter der Schirmherrschaft des früheren Kronprinzen Nupprecht von Bayern stattsinden. Dazu erklären die genannten Verbände im „Arminius" (Folge 24 vom 4. .Juli 1926): Die dem Tannenberg-Vund angeschlossenen Verbände bleiben dieser Veranstaltung fern!! . . . Mit dem in dynasti'sch-wgitimistischer Staatsausfassung erstarrten, durch Einflüsse international gerichteter, überstaatlicher Mächte verdorbenen, durch Klassenegoismus verfälschten alten Nationalismus, der am 28. und 29. August 1926 in Nürnberg paradieren wird, hat unser neuer Nationalismus nichts gemein. Dieser ist nicht reaktionär, sondern revolutionär, nicht beeinflußt von undeutschen, überstaatlichen Mächten, sondern rein völkisch, nicht klasfenegoistisch, sondern nationalsozialistisch. Zwischen diesem jungen und dem alten Nationalismus gibt es keine Vermischung, ebensowenig wie Mischen Feuer und Wasser. Die Dorkum-Drosthüre. Die guten Ostfriesen nehmen die Ausführungen Münchmeyers als eines vermeintlichen Geistlichen noch heute als reine Wahrheit. Sie wissen nicht, datz das Pfarrdiplom für Münchmeher keine Geltung mehr hat, sondern daß ihm ein neues Diplom verliehen ist, dessen Kenntnis für die Beurteilung des Wertes von Münchmeyers politischem Arbeiten immerhin von Bedeutung ist. nämlich das Urteil im Bork-um-Proze ß. Da ist es überaus Air begrüßen, daß der Verlag d-es ,^Lorkumer Beobachter" eine kleine Broschüre*) herausgibt, eine Art Prozeßbericht. Sie besteht — trocken ausgezählt —- aus einer sehr ausführlichen Einleitung, die Ausgang und Verlauf der Hauptverhandlung in dem Strafprozesse Münchmeyer gegen Dr. Völklein, Charig und Gen. schildert; sie enthält den Wortlaut des abgelehnten Vergleiches, und vor allem — und dies ist besonders wichtig, weil Münchmeyer die unglaublichsten Gründe hierfür, wie für sein Ausscheiden aus dem Amte, angibt — wörtlich bie Erklärung des Vertreters des L a n d e s k i r ch e n a m t e s, weshalb man den Vergleich ablehnen müsse. Sodann folgen nach dem Stenogramm die Plädoyers des Staatsanwalts, der Anwälte der Angeklagten, Dr. Bruno Weil (Berlin) und Dr. Meyer (Emden), die Schlußworte der Angeklagten und das Urteil nebst mündlicher Begründung. Münchmeher hat soeben eine Broschüre erscheinen lassen: „Warum ich mein Amt niederlegte", in der er lediglich das veröffentlicht, was er zu seiner Verteidigung in der Hauptverhandlung vorbrachte, was ihm nicht geglaubt, was widerlegt, was als unwahr erwiesen wurde. Die Borkum-Broschüre kommt also gerade zurecht, um einer erneuten Vergiftung der Bevölkerung vorzubeugen. Es ist hier nicht der Platz, uw das Urteil im Wortlaut zum Abdruck zu bringen. Die Broschüre bietet jedem die Möglichkeit, es genau kennen zu lernen. Der Besitzer eines großen Hotels auf Borkum versandte sofort nach der Urteilsverkündung das Plädoyer des Staatsanwalts und das Urteil nebst Begründung an eine Reihe völkischer Abgeordneter mit einem Schreiben, in dem es heißt: „Vor allem dürfte es meiner Ueberzeugung nach eines maßgebenden völkischen Führers, als der Münch- *) „Borkum. Veröffentlichungen zum Münchmeyer-Prozeß" (Preis 1 Mark). Puch zu beziehen durch Philo-Verlag, Berlin SW 68, Lindenstraße 13. meyer auftritt, unwürdig fein und sich mit dem Wesen der völkischen Idee nicht vertragen. Ich erlaube mir daher die ergebene Anfrage, wie Sie und Ihre Par tci si ch zu d resem Fall stellen." Und was antworteten die Herren? In Hennings Brief heißt eS: „So denke ich weder persönlich daran, noch unsere Partei, Herrn Pastor Münchmeyer fallen zu lasten. Er bleibt für uns der aufrechte Vorkämpfer für deutsche Art und gegen unn deutsches Wese n." Und Kube zieht sich folgendermaßen aus der Affäre: . MrrF StelZrrrrg nähme ablehnen, da für mich das Urteil eines republikanischen Gerichts gegen einen völkischen Mann keinerlei Bedeutung besitzt." Das Unbeschreibliche wird also hier wirtlich Ereignis. Die deutschvölkische Bewegung erklärt sich mit einem Manne von Münchmetzers moralischen Qualitäten solidarisch. , s Der verfall -es Ulan. In einem Leitartikel im „Berliner Vörsen-Courier" vom 1. Juli schildert Peter Hein die Entstehung, die Blütezeit und den Zerfall des „Ku-Klux-Klan", jener Abwehrbewegung nationalvölkischer Amerikaner gegen alles Fremde. Er schildert den Terror, den der „Ku - Klux - Klan" zur Zeit seiner höchsten Entwicklung gegen alle Andersdenkenden ausgeübt hat, und das schnelle Ende, das er infolge von Uneinigkeiten unter den Führern und als Ergebnis der Überspannung in den Kampfmethoden nehmen mußte. Heute sind z. B. in Oklahoma, wo 1923 100000 eingeschriebene Klan-Leute waren, nur noch 20 000, und in At a s s a ch u s s e t t 8 ist die Mitgliederzahl von 100 000 bis auf 7600 heruntergegangen, in Georgia und anderswo ist die Bewegung ganz erloschen. Der Aufsatz, der auch für die deutschen völkischen Führer recht lehrreich fein könnte, schließt mit den Ausführungen: „Der Klan steht in schlechtem Ruf. Ihm anzugehören wird nicht mehr wie einst als Verdienst auSgelcgt. Er sucht zwar noch immer Durch radikales, terroristisches Auftreten wettzumachen, was ihm an Anhängerschaft verloren gegangen ist. Vergeblich aber, denn selbst die Staatsbeamten, die einst Aemter und Würden durch den Klan erhielten oder deren Klan-Zugehörigkeit Jte als bevorzugt erscheinen ließ, beeilen sich, heute zu versichern, daß sie in keinerlei Verbindung mehr zu ihm stehen. Der Klan ist anrüchig geworden. Der Klan stirbt darum. Stirbt an den Folgen feiner kurzsichtigen Terrorpolitik und ist an der Abwegigkeit seines Wollcns gescheitert. Schon bilden sich wieder Gruppen in der Union, die sich gegen -alle Versuche, die Freiheit einzuschränken, aufs entschiedenste wehren. Seit dem Verfall des Klans arbeiten sie lebhafter und kräftiger gegen alle Hebel der Intoleranz, die in Amerika größer ist denn anderswo auf der Welt.... Das gefährliche Esperanto. Es ist löblich, daß in diesen bitterernsten Zeiten auch einmal für Heiterkeit gesorgt wird. Darum bemüht sich gründlich Herr Professor Dr. S i e g l e r s ch m i d t aus Binz aus Rügen im „Reichswart"*) des Grafen Reventlow. Er setzt sich mit dem Esperanto auseinander. Wie man sich zum Esperanto stellt,.ist ausschließlich Sache jedes einzelnen. Wir glauben sicher, daß eine Anzahl unserer Freunde das Esperanto als Weltsprache für undurchführbar halten und ablehnen, und datz wieder andere diese Sprache als eine Brücke der Verständigung unter den Völkern begrüßen und unterstützen. Welche schauererregende Entdeckung hat aber Herr Professor Sieglerschmidt gemacht. Er bringt es fertig, das Folgende niederzuschreiben: . . Heute möchte ich die Aufmerksamkeit der Leser dieser Zeitung aus die eifrigen Bemühungen lenken, welche die Judenschaft darauf verwendet, überall aus der Erde die Esperanlo-Lprache zu verbreiten. Diese Bemühungen gehören mit Zu der Vorbereitung des jüdischen (Kapitalisten-) Weltreichs. Planvoll ist die zionistische Leitung auch aus diesem Gebiet, und das bei der „Esperanto-Bewegung" vorliegende Ziel ist, wie sonst, die Unterdrückung der Eigenart und Selbständigkeit der Völker. . . . Das von einem Juden für die Handelsbodürsniffe und Herrschaststräume seiner lieben Ostjuden recht kunst- und geschmacklos zusamm enerfundene Esperanto (der Name ist lateinische Befehlsform einer modernen Sprache!!) zieht heute infolge der Rührigkeit, mit der Zion seinen Zielen znstrebt, und des mächtigen Einflusses jüdischer Kapitalisten, immer weitere Kreise. Wie u. a. in Berlin gearbeitet wird, sieht man an den Eingängen von Berliner Bahnhöfen und anderen Stetten, wo Esperantokurse für 5 Pfennig seilgebvten werden, und hört man von Leuten berichten, die aus jüdischen Läden als Zugabe verabfolgte Lehrgänge der schönen Sprache davontragen. In den Schulen ist das Esperanto bereits Lehrgegenstand, wenn auch noch nicht überall zwangsweise vorgeschrieben. Einen eigenartigen Eindruck macht die Stellungnahme der katholischen Kirche. Der 10. internationale Kongreß der katholischen Esperantist-en fand in Paris vom 13. bis 16. August 1925 unter dem Patronate von zwei Kardinalen und zwölf Bischöfen statt. Der Papst erteilte seinen Segen und sprach eine Billigung der esperantistischen Bestrebungen aus. Dies Verhalten hat nun zweifellos zwei Seiten. Denn wenn auf der einen die Hoffnung vorliegt, durch Ilnterstützung weltbürgerlicher Bestrebungen die Weltstellung der römischen Kirche zu fördern, so ist doch anderseits die Waffe, deren Rom sich bedienen will, Eigentum seiner schlimmsten Gegner. Auch ln diesem Falle befindet sie sich im Schlepptau von Mitbewerbern um die Weltherrschaft, denen sie voraussichtlich erliegen wird . . / * 0 Nr. '27 vom Z. Juli 1626.