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Central-Verein-Zeitung · 1926-07-02 · 27 (2.7.1926) · p. Seite 358

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
27 (2.7.1926)
Date
1926-07-02
Page
Seite 358 (sequence 2)
Language
German
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35$ So konnte cs noch vor kurzem sich crcigncn, daß ein mittlerer Reichs beamter angetrunken in Uniform einen ruhig seines Weges gehenden jüdischen Mitbürger seiner Stadt und Lessen Frau offen anpöbelte. Selbstverständlich ist von dem zuständigen Minister der deutschen Republik strengste Bestrafung des Schuldigen gefordert worden. Interessant ist, daß die Deutsche V o l k Z P a r t e i, die in Ostpreußen mit den Deutschnationalen im Provinziallandtag und auch sonst durch dick und dünn geht, auch in einzelnen Teilen Ostpreußens unter dem Druck zu leiden a n f ä n g t. Dabei ist der Uebermut der extrem rechts Eingestellten unberechtigt: Im Provinziallandtag - e r Provinz Ostpreußen haben Völkische, dazu D e u t s ch n a t i o n a l e und V o lks p ar te iler nur noch eine Stimme mehr als die Mitte und die Linke. Tie nächste Wahl wird ihr Schicksal besiegeln. Daß das Zentrum auch dauernd die Intoleranz der Rechten zu spüren bekommt, dafür nur ein Beispiel: Die Deutschnationalen haben eins der drei Zentrumsblätter, die „Warmia" in Heilsberg, aufgekauft und „arbeiten" dort nun in ihrer bekannten zügellosen Art. Charakteristisch ist dabei, daß auch stark völkisch Angehauchte gar keinen Anstoß nehmen, ihre Geschäfte mit jüdischen Kaufleuten, auch mit katholischen Geschäftsleuten, zu machen, wenn sie dabei besser fahr e n. In einzelnen Orten der Provinz haben wir die Erscheinung beobachtet, daß sich die Gefolgschaft der politischen Rechten sogar eher bereit findet, mit einem Staatsbürger jüdischen Glaubens in Geschäftsverbindung zu treten, als mit einem christlichen entschiedenen A n f) ä i i ger d e r n e u e n S t a a t s s o r m, z. B. einem überzeugten Demokraten, der aus seiner Gesinnung kein Hehl macht. Eist besonders schwieriger Punkt ist die Stimmung der Bevölkerung gegen jüdische Einwanderungen aus dem Osten. Die Aufenthaltsgenehmigungsbestimmungen werden so gehandhabt, daß im allgemeinen nur der eine Genehmigung zum Aufenthalt erhält, der für den deutschen Handel mit den Ost staaten von b e s o n d e r e m V o r t e j l ist. Naturgemäß finden auch die Berücksichtigung, die eine Art Asylrecht in Deutschland haben, weil sie z. B. im Kriege für deutsche Interessen stark eingetreten sind, und auch solche, die bereits sehr lange in Deutschland wohnen. Die Notwendigkeit, den Weg über Ostpreußen als deutsche Handelsstraße nach dem Osten mit aller Energie auszubauen, das Ziel, einen erheblichen Teil des Weltverkehrs mit Rußland über die deutsche Ostzunge, Ostpreußen, zu lenken, verlangt hier eine verständige, nicht bureaukratische Regelung der Auscnthältsbestimmungen. Wer die Verhältnisse in den Randstaaten und in Westpreußen kennt, weiß, daß Dort Handel o h n e H i l f e des e i n h e i m i s ch e n j ü d i - s ch e n K aus m a n n s u n m ö g l i ch ist. Er ist der einzige, der mehrere Sprachen versteht und der eine erhebliche kaufmännische Tradition besitzt. Mit diesen Händlern anknüpfen kann aber nur, wer sie genau kennt und wer anderseits den deutschen Verhältnissen, den Verhältnissen deS übrigen Welthandels und dessen Erfordernissen gerecht werden kann. Das persönliche Moment wird im Handelsverkehr mit den Randstaaten und mit Rußland noch aus Jahrzehnte die wertvollste Rolle spielen. In den durch den Krieg nicht zerrütteten Gegenden westlicher Kultur ist das kaufmännische System des Ein- und Verkaufs aus Grund guter Auskunfteien von der persönlichen Bekanntschaft des Lieferanten und Kunden im hohen Maße unabhängig. Im ganzen Osten wird nur Rückschläge und starke Verluste erleiden, wer sich nicht der Hilfe mit den Verhältnissen völlig vertrauter Persönlichkeiten von langer Erfahrung i m O st h a n - d e l bedient. Es kann darum nicht auf j e d e E m p s i n d l i chkeit gewisser Bevölkerungskreise Rücksicht genommen werden, sondern es muß der für den deutschen Handel wichtige Ofthändler die Aufenthaltsgenehmigung ohne weitere Schwierigkeiten auch wirklich erhalten. Die Schwierigkeit, die darin liegt, daß der einzelne bei der überaus geringen Bevölkerungsdichte und dem fast völligen Fehlen größerer Städte viel mehr ausfällt als in dicht bevölkerten Gegenden, wo er in der Masse viel eher untertaucht, muß überwunden werden. Im ganzen halte ich eine ständige Arbeit im Osten gegen Intoleranz und Herrentum einzelner Schichten keineswegs für aussichtslos. Wenn man bedenkt, daß auch in den meisten Ffnderen Gebieten, _in Gebieten mit alter geistiger Kultur, mit viel größerer Mischung der Berufe und der Bevölkerung, mit größeremVerschwinden des einzelnen als in den menschenarmen Gebieten Ost- und Westpreußens d i e v ö l lisch e B e w e g u n g sich breit machen konnte, so wird man das Mehr, das sich in Ostpreußen gezeigt hat und zeigt, erklärlich inden, wenn man die besondere Lage in Betracht zieht. Hier ind aus der Situation heraus Stimmungen eher erklärlich — wenn auch unentschuldbar —, die man in Bayern, in Thüringen und in vielen anderen Gegenden überhaupt nicht verstehen und nur mit Kopfschütteln verfolgen kann. Und gerade weil hier in Ost- und Westpreußen die Gründe erkennbar werden, besteht Hoffnung zur Besserung durch ausopfern deAr beit aller, die dazu berufen sind. ES soll daran von den toleranten Elementen der Provinz gewiß nicht fehlen! Hoffentlich Helsen dieanderen glücklicheren Gebiete zu ih r em Teile. Mit der Festigung der demokratischen Republik in Deutschland, mit der Festigung der innen- und außenpolitischen Lage, mit dem Wiedererwachen des Gefühls, daß der eine den anderen wirtschaftlich braucht, mit sachlicher Arbeit des neuen Staates in den früher leider oft vernachlässigten Ostbezirken und schließlich mit Hilfe der großen Ausklärungsorganisation wie des Centralvereins wird man allmählich, abcsicher vorankommcn. Wie Sieht es in Mmerikci cinsl Eine Unterredung mit Dr. Julian Morgenstern. Dr< Julian M o r g e n st c t n, der Direktor des Hebrew Union College in Cincinati, des bekannten amerikanischen Rabbinerseminars, weilt gegenwärtig in Berlin. Der im Geistesleben des jüdischen Amerika eine bedeutende Rolle spielende Gelehrte hatte die Liebenswürdigkeit, unsern (^.-Mitarbeiter zu empfangen, und ihm über die Lage der amerikanischen Fudenheit wie über deren Stellung zu innerjüdischen Fragen das Folgende zu sagen: „Die ganze amerikanische Fudenheit steht dem jüdischen Kolonisatio ns Problem sympathisch gegenüber; so will die nicktzionistische Joint in diesem Jahre 2 5 Millionen Dollar für o st e u r o p ä i s ch e und Pa lä sti n c n s is che Kolonisatio n sundKulturaufgabcn sammeln. Es handelt sich dabei um die Ansiedlung in Polen, Litauen, Beßarabien, der Krim und anderen mehr, die von der „Joint" und der Gesellschaft „Ort" ausgehen, und um Kolonisationen in Palästinaauf nichtnationaljüdischer Basis. Die eammiuiiQcn für den jüdischen Nationalst n d s sind dagegen nur mit fünf Millionen Dollar veranschlagt. Die amerikanischen Zionisten rücken das nationalistische Moment sehr wenig in den Vordergrund, logen vielmehr das Hauptgewicht auf die kolonisatorischen Bestrebungen in Palästina. Aus diesem Grunde gibt es in Amerika auch nicht eigentlich Antizionisten, sondern nur entweder Zionisten oder N i ch tz i o n i st e n. Den KölonisationsbestreLungen in M e x i k o steht man in Nordamerika aus den verschiedensten Gründen mit großer Skepsis gegenüber und hält eine Auswanderung dorthin nicht für ratsam. Mehr verspricht man sich von den jüdischen Siedlungen in Argentinien: jedoch gibt es wenig Nordamerikaner, die über die argentinischen Verhältnisse ein objektives Urteil aus eigener Anschauung haben. A u st r a l i e n u n d Ne u -Seeland, die ja erst neuerdings der Einwanderung erschlossen sind, hält man im allgemeinenfür aussichtsreiche Ansiedlungsländer: aber Australien ist so weit von Amerika entfernt, daß sich zurzeit verhältnismäßig wenig amerikanische Juden zur Auswanderung dorthin bereit finden werden." Dr. Morgenstern äußerte sich dann über die Lage der Juden in den Vereinigten Staaten. Sie haben, so meinte er, wenig zu klagen, denn die Lebens- und Entwicklungsmöglichkeiten für sie sind dort sehr günstig. Der natürliche Egoismus des Menschen schasst dort wie überall Gegensätzlichkeiten; deshalb gibt es auch dort einen gewissen wirtschaftlichen und auch gesellschaftlichen A n t i i e m itis m u s. 'Doch , ist es tüchtigen Juden bisher immer möglich gewesen, in Amerika voranzukommen. Der A n t i s e m itis m u §, w i c e r i n D e u tschlan d a u s s i e h t, ist den A m c r i f a n e r n g ä n z l i dj f r e m d. Die Amerikaner sind in allem mehr aufs Praktische eingestellt als die Deutschen, und jene pseudowissenschaftlichen Methoden und Theorien, mit denen in Deutschland der Judenhaß arbeitet, sind in Amerika gänzlich unmöglich. Die Amerikaner haben auch kein Verständnis dafür, daß es in Deutschland derartiges gibt. Der Ku-Kux-Klan ist eine Angelegenheit der gänzlich Ungebildeten, steht vielleicht Richtungen wie den „Ernsten Bibelforschern" nahe, aber in Amerika spielt er

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