Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 26 (25.6.1926)
- Date
- 1926-06-25
- Page
- Seite 349 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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...ein einzigesRationalgefühl. Zum Todestage Rathenaus. 24. Juni 1926. Berlin, 16. November 1913. „Sehr geehrter Herr Doktor! Ihr Protest ist berechtigt; ich schließe mich ihm an. Die überwiegende Mehrzahl der deutschen Juden, unter ihnen viele, deren Borfahren seit ungezählten Jahrhunderten in Deutschland leben, hat nur ein einziges Nationalgefühl: das deutsche. Wir wollen, wie unsere Väter, in Deutschland und für Deutschland leben und sterben. Mögen andere ein Reich in Palästina begründen —: uns zieht nichts nach Asien. In Ergebenheit Rathenau." (Brief Walther Nathenaus an Rechtsanwalt Dr. Apfel (Berlin). Aus der kürzlich im Verlage Carl Rechner (Dresden) erschienenen Sammlung von Briefen Walther Rathenaus.) Me Ausllutzrmg der ArbeiisloWeit. Von Professor Dr. Erik Nölting (Frankfurt a. M.). Der ökonomische Antisemitismus hat immer nach Jagdgründen getrachtet, die besondere Ergiebigkeit versprachen. Zu einer Zeit, wo das kapitalistische Wirtschaftssystem aus innerer Notwendigkeit zu der Zerstörung der vorkapitalistischen bäuerlichen und handwerkerlichen Wirtschaftsform übergeht, wird den noch nicht in die neuen Produktionsverhältnisse umgesiedelten und in Uebergangsnöten seufzenden Wirtschaftsschichten erzählt, das; der Jude der Störer der Nahrung, der verruchte Träger der neuen Ewerbsgesinrmng sei, die die Welt mit chaotischem Wirrwarr bedrohe. Dem unter Boden- Wucher, hypothekarischer Ueberbelastnng, Erbverschuldung und unrationeller Wirtschaftsführung leidenden Bauernstand wird der jüdische Güterschlächier gegenübergestellt, der nur darauf lauert, dem von Haus und Hof vertriebenen Bauern zu gelegener Stunde den Strick um den Hals zu legen. Der von der überlegenen Konkurrenz der Großindustrie bedrängte städtische Gewerbestand schreibt alles Unglück dem jüdischen Darlehnswucherer zu, der ihn mit unerhörten Zinssorderungen dem Ruin entgegentreibt. Als beide Stände, Bauerntum auf dem Lande und Handwerkertum in der Stadt, durch Genossenschaftsbildung, namentlich durch Kredit- und Darlehnsgenossenschasten, eine weitgehende Unabhängigkeit vom städtischen Kredit- und Hypothekenmarkt gewinnen, tritt diese Variante des ökonomischen Antisemitismus stärker in den Hintergrund. Entwicklungsprozesse innerhalb der kapitalistischen Großwirtschaft, die hier nicht näher dargelegt werden können (finanzielle Erstarkung der Produktionsbasis, Verbureaukratisierung des Kapitalismus in den immer weiter umfichgreifenden Monopolbildungen, Vorrücken der Schwerindustrie, die immer relativ judenrein war, die Durchkapitalisierung der Gesamtwirtschaft, die den kapitalistischen Wirtschastsbetrieb vom Vorwurf der Fremdartigkeit und Ungewohntheit befreit), bringen die Anklagen gegen den „jüdischen Kapitalismus" zum Verstummen. Die Aera der großen Konzernherren, deren Name in aller Munde ist, der ungekrönten Könige von Kohle, Eisen und Stahl, bedeutet den Schlußstein jener frühkapitalistischen Epoche, in der eine Handvoll jüdischer Bankhäuser noch von ausschlaggebender Bedeutung war. In der Liste der elf reichsten Männer der Welt, die die „New Uork Times" im Juni 1923 Zusammenstellte, ist auch nicht ein jüdischer Name verzeichnet, während Henry Ford, der antisemitische Automobilkönig Amerikas, an der Spitze marschiert; die Namen der S t i n n e s, Krupp, Stumm, Thyssen, Für st von Pleß und Henckel von Donnersm a r ck klingen auch nicht eben gerade jüdisch. Gegenüber den 20 Milliarden Sparkasseneinlagen deutscher Gerneinden in der Vorkriegszeit stand ein Bankkapital von insgesamt 4% Milliarden Mark, das es schwer machte, von einem „jüdischen Kapitalismus" zu reden, selbst wenn man diese vier Milliarden ausschließlich in jüdisches Kapital mnfälschte. So warf sich der Antisemitismus, der neue und zugkräftige Propagandamittel braucht, mehr auf die „Rasse", der jüdisch Vlutbastard war ergiebigeres Agitationsmaterral als der Mische Börsenjobber und Blutsauger. Heute nun droht die Entwicklung in ein bereits überwundenes Stadium zurückZufallen. Die zerrüttete Weltwirtschaft, die zu Betriebsstillegungen, Eristenzzertrümmerungen und Millronenheeren von Arbeitslosen führte, ist wieder ein ertragreicher Jagdgrund geworden. In den Hirnen von über zwei Millionen Unbeschäftigter, die in der deutschen Wirtschaft zurzeit kein Brot finden und deren Absaugung in den Produktionsprozeß in naher Zeit nicht erwartet werden darf, flackert Unruhe und Erschöpfung. So ergibt sich eine Situation, die der neuen Allflage einer „völkischen Nationalökonomie" ungemein günstig erscheinen mußte, die dann auch nicht verfehlte, die gute Konjunktur zu nutzen. Der durch die Inflation beraubte und durch die Auswertung verhöhnte Stand der Sparer und kleinen Rentner, der in Not versinkende Arbeitslose und Kurzarbeiter sind ihre Objekte. Die Zusammenhänge der Weltwirtschaft sind verworren und nicht einmal für den Eingeweihten eindeutig und zugänglich. Die seit Frühjahr 1919 andauernde Krise, die im November 1923 aus einer Währungskrise mit dem engen Programm einer Wührungssanierung in eine a l l g e m e i n e Wirtschaftskrise mit dem sehr weiten Programm einer Wirtschaftsgestmdung auf dem nur allmählich zu beschreitenden Wege einer Wirtschaftsreorgamsation umschlug, ist ein höchst kompliziertes Phänomen, das zu begreifen nicht von denen erwartet werden kann, die unter den Trümmern einer zerborstenen Wirtschaft verschüttet liegen und die in erster Linie die Leidtragenden der notwendigen Vereinigung find. Der Jude ist schllld! ist dagegen ein alter und vertrauter Refrain, und das Hakenkreuz an der Mütze trägt sich leichter als die Einficht im Kopf. Das jüdische Kapital sabotiert die deutsche Wirtschaft, es verstrickt uns in Schuldknechtschaft durch Dalves-Gesetze, über die man gern als über Davids-Gesetze spottet, um den antisemitischen Kitzel zu regen; es spekuliert auf den allgemeinen Trümmerfall, um aus wirtschaftlichen Leichenfeldern seine Weltherrschaftsziete zu entfalten, von denen das ominöse Protokoll der „Weifen von Zion", das immer wieder in einer von Lügenmären erhitzten, durch Entbehrung und Not zuchtlos gewordenen Phantasie auftaucht, ja bekanntlich eine detaillierte Schilderung enthält. So wird es täglich in der völkischen Presse verbreitet, in Broschüren und Traktätchen doziert, von den Rednertribünen vor erregten Massenversammlungen hingebreitet. So flüstert es sich von Mund zu Mund hinein in die Elendsviertel unserer Großstädte, die diesem Evangelium offener liegen als dem schwer verständlichen „jüdischen Marxismus", der keine so massive und gradlinige Anwendung gestattet. Vor mir liegt eine Nummer des "von Adolf Hitler herausgegebenen „Völkischen Beobachters", des Kampsblattes der nationalsozialistischen Bewegung Großdeutschlands, mit einem Artikel, der die alarmierende Aufschrift: „Arbeitslose! Warum seid Ihr arbeitslos?" trägt. In geschickter Spekulation auf d Le G e m ü t s v e r f a s s u n % unbeschäftigter unb h er n - g e r n d e r Mensche n w i r d z u n ä ch st mit aufreizenden und grellen Worten der Widersinn einer Wirtschaftsordnung dar gelegt, in der auf der einen Seite beschäftigungslos ein Heer arbeitsgewillter und arbeitsgeübter Männer steht, wahrend aus der andern Seite weite Kreise desselben Volkes tiefe Not leiden an allen notwendigsten Unterhaltsmittelu. Ist durch eine solche Gegenüberstellung der gewünschte Erregungszustand -der Gemüter bewirkt, so wird ohne eine Spur von Beweis — und halyn nach untrüglichen Gesetzen aller AtassenPsychologie doppelt beweiskräftig — die Lösung des Rätsels gegeben: Millionen fleißiger Hände müssen feiern, Millionen Werktätiger müssen hungern und "frieren, weil das „raffend e" jüdische Banknnb B ö r s e n k a P i t a l e s so will. Durch den Riesen bet rüg der Inflation hat das jüdische Leihkapital dem deutschen Volk das Spar- und Betriebskapital gestohlen. Heute nimmt dasselbe jüdische Leihkapital durch den ebenso großen Betrug einer Deflation, einer : mit Hilfe schamloser Börsenmanöver hervorgerufenen künstlichen GeldverknaPPung, dem deutschen Volk auch die Betriebsmittel, das „Handwerkszeug der Arbeit" unb damit die Möglichkeit lohnender Betätigung. Wie lange null das deutsche Volk diesen Zustand noch dulden? Und dann kommt die Nutzanwendung: Fort mit den Geldinonopolen der Judenbanken, nieder mit der Wucher- und Zinsknechtschaft, es lebe die Diktatur gegen die Geldherrschaft' Was aber das „Fort mit den Geldinonopolen der Indenbanken" im einzelnen bedeutet, wird in einem in durchaus ähnlicher Tonart gehaltenen Artikel „Die Ursachen der gegenwärtigen deutschen Wirtschaftskrise" im „Reichswart" des Grafen E. Reventlow, für den ein Hans Rübezahl verantwortlich zeichnet, noch eingehender dargelegt: Erlaß eines Gesetzes, welches Ausländern und nach 1913 eingebürgerten Juden (rassische Merkmale maßgebend) den Besitz von deutschen Immobilien oder von auf deutsche Immobilien lautenden Schuldscheinen verbietet, unter Festsetzung eines nahen Terlnins für den vollzogenen Verkauf; Rückgängigmachung aller seit 1913 erfolgten Einbürgerungen von Juden, Entlassung aller jüdischen Beamten, Fremdenrecht für Juden und Andersrassige. Daneben werden mit spielerischer Leichtigkeit noch allerhand „nationalökonomische" Vorschläge entwickelt, die hier nicht weiter interessieren und die lediglich ein Produkt ungezügelter Demagogie und hoffnungslosester Ignoranz in allen wirtschaftlichen Dingen bedeuten. Ueberaus bezeichnend ist, wie sich die Redaktion zu solchen Auslassungen verhält. In einer Kopszeile, die Gras Reventlow mit seiner N-amensunterschri-ft dem Artikel voranschickt, wird bemerkt, die Redaktion behalte sich die Stellungnahme zu diesen „interessanten Anregungen" vor. Die ungeteilte Zustimmung zu diesen Tollhauselaborationen zu erteilen, hält man sich denn doch für zu gut. Man kann ja auch gelegentlich ein wenig wegretouchiereu, doch dazu läßt man sich Zeit. „Interessante Anregungen" bleiben es immerhin, und inzwischen kann die Giftsaat ausgehen. Das ist eine Lässigkeit und Verantwortungslosigkeit, die ans Verbrecherische streift. Was aber soll man dagegen tun? Das beliebte „Niedrigerhängen" reicht hier nicht aus. Man muß sich zur Gegenwehr setzen mit allen Mitteln. Durch die Rollenverteilung ist man, wie ausgeführt wurde, ohnehin in einem schwer 31t überwindenden Nachteil. Denn alles Massendenken drängt zu groben Vereinfachungen. Gegen die plakathafte, auf alte Triebregungen und Instinkte spekulierende Formel „Juden heraus" wird derjenige schwer ankommen können, der lediglich immer wieder die gegenwärtige soziale und wirtschaftliche Situation aus vielfacher Verwurzelung als zwanglänfig ableiten und sehr unzureichende Bchelfsmaßnahmen zur Ueberwindung der schweren Wirtschaftskrise an die Hand geben kann.. Dennoch