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Central-Verein-Zeitung · 1926-06-25 · 26 (25.6.1926) · p. Seite 348

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
26 (25.6.1926)
Date
1926-06-25
Page
Seite 348 (sequence 4)
Language
German
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348 und Gewalttat Angriffe von völkischer Seite gegen unsere Religion erhoben werden, die weit Schlimmeres bedeuten „als kleinliche oder gar gehässige Mittel?" In der in Millionen Exemplaren verbreiteten Broschüre „Herma n n s b o t s ch a s t" des Hamburgers Eskau wird ohne Scheu verlangt: „♦ 4 Der jüdische Kultus ist zu verbieten, du er unter dem Deckmantel religiöser Gebrauche in Wahrheit unsittliche und staatsfeindliche Bestrebungen pflegt. Die Synagogen sind zu schließen, die rabbinrschen Schriften zu beschlagnahmen und zn vernichten." Sollen wir hier aufzählen, wiediel Synagogen- und F r i e d h o s s s ch ä n d u n g e n — die besonders schändliche in Erfurt ist noch in frischer Erinnerung — Völkische auf dem Gewissen haben? Und kann es etwas Roheres, etwas die heiligsten Gefühle Verletzenderes geben, als wenn zügelloser Parteisanatismus, wie hier bei den Völkischen, nicht einmal vor den R u h e st ü t t e n der Toten haltmacht? Es kann keinesfalls genügen, wenn der Abgeordnete v. G r a e s e für seine Person sich im politischen Kampfe von gehässigen Mitteln fernhält, sondern er hat als Partei- O du mein Land Tirol! Merkwürdige Fremdenverkehrspropaganda. Von Oskar Hirsch seid, Sekretär der Union deutschösterreichischer Juden in Wien. Fremdenverkehrspropaganda wird jetzt bei uns geradezu leidenschaftlich betrieben. Ausstellungen, Enqueten, Tagungen und andere Mittel sollen dazu dienen, das Jnterepe für unser schönes Land reger und wirksamer Zu gestalten, für dessen im Niedergang begriffene Wirtschaft die Hebung des Fremdenverkehrs von hoher Bedeutung ist. Aber während auf der einen Seite alle Mittel der Ueberrednngskunst angewendet werden, um den Fremden, und vor allem den valutastarken Ausländern, die Annehmlichkeiten eines Aufenthalts in unserem an Naturschönheiten so reichen Land in den rosigsten Farben zu schildern, wird aus der anderen Seite alles zuwege gebracht, daß jährlich zahllose Fremde Oesterreich meiden. Führend geht in dieser Hinsicht Tirol voran. So wurden im Organ der ch r r st l ich s o Z i a len Bauern Tirols die Gefahren, die der Fremdenstrom mit sich bringt, in den düst-ersten Farben geschildert und so eine Stimmung gegenüber den Fremden hervorgerufen, die mit der von den Fremdenverkehrspropagandisten so gepriesenen österreichischen Gastsrcnndschajt nichts mehr gemein hat. Es schreibt: „Der Fremd enzuflutz birgt eine Gefahr in sich. Es kommen. Elemente, die die Urwüchsigkeit unseres Landvolkes vergiften . . . Wir benötigen eines H e i m a t 's ch u tz e Z, um der Landplage der fremden Elemente e n r g e g t n $ it ft e tt e r n. Noch vorhandene Ueberbleibsel von Trachtenstücken werden meistens an spekulative Juden verschachert. Es ist ein N a t i o n a l v e r b r e ch e n , den Juden die Sachen an den Hals zu werfen ..." Um der „Landplage der fremden Elemente enigegenzusteuern", gibt es in Tirol noch ein Mittet, damit „die hakenkreuzlerische Bewegung in die Bevölkerung getragen werde". Es finden sich Plakate, wie „Juden sind hier unerwünscht!", „Nur für arische Touristen" ufw., nicht nur aus Hütten alpiner Vereinigungen, sondern es sind auch zahlreiche Talgaststä-tten, Wirtshäuser und „Hotels" in den verschiedensten Gegenden Tirols mit dem .Hakenkreuz geschmückt, und ihre Inhaber und Stammgäste sind jederzeit bereit, Sommerfrischler und Touristen mit allen Segnungen der deutscharischen Kultur bekanntzumachen. So wird unvernünftig und unökonomisch die Propaganda für und und gegen den Fremdenverkehr betrieben und damit höchstens das eine erreicht, daß wir uns im Anslande lächerlich wachen. Aehnlich liegen leider auch die Verhältnisse in Salzburg, der Stadt der Reinhardt-Festspiele. Dort erscheint eine Wochenschrift „Der eiser n e B ef en", die mit unwahren Behauptungen und gemeinen ^Beschuldigungen in haarsträubender Weise gegen die Inden hetzt. Es ist selbstverständlich, daß der jüdische Kaufmann, der jüdische Arzt und Advokat usw. unter der antisemitischen Strömung sehr zu leiden haben, welche in Salzburg, in nächster Nähe des Königreiches Hitleria gelegen, durch das Schmutzblatt stark Zugenommen hat. Ja, Salzburg ist geradezu eine österreichische Hochburg des Antisemitismus geworden, und dieser Genius loci, wofern man da überhaupt von einem Orts„geist" sprechen kann, dürfte nicht wenig mit dazu beigetragen haben-, daß die Vertreterverfnnunlung des österreichischen Skiverbandes vor kurzen^ den Beschluß satzte, den A r i e r p a r a g r a p h e n aus seinen Satzungen nicht zu entfernen. Dieser Beschluß hat nnn das e n d gü l t i g e Ausscheiden des österreichischen Sküverbaudes aus der internationalen S k i s ö d e r a t i o n u n v e r m e i d l i ch gemacht. Wesentlich günstiger sind die Dinge in den übrigen Sommerfrischen Oesterreichs, sogar im Bundesland Salzburg, dessen Hauptstadt das eben charakterisierte Salzburg ist, sind Juden kaum irgendwelchen Unannehmlichkeiten allsgesetzt. (Sicher nicht im Salzka m m e r g u t, über das unrichtige Meinungen auch in Deutschland oft verbreitet werden.) Diese Einstellung hat vorwiegend Wirtschaft¬ 1 Ahr er die große Verpflichtung, die Anhänger seiner Weltanschaw ung zu solcher Kampfesführung zu erziehen. Und einen Erfolg dieser Erziehung, ein Nachlassen wilder Gehässigkeit in dem Kampfe der Völkischen gegen uns jüdische Deutsche, sehen wir bisher ganz und gar nicht. Wir mit allen vaterlandsliebenden Deutschen würden es freudig anerkennen, wenn die völkische Bewegung ihre Anhänger dazu brächte, Vorbilder in Hingabe und Leistung für das Vaterland zu sein, aber nicht in Aufgeblasenheit und Ueberheblichkeit und nicht in tönernen Phrasen, sondern in stiller Tat. Was sehen wir aber im wesentlichen: Ein wüstes Geschimpfe auf die Inden und das Judentum und eine Reihe von Handlungen, die nicht nur Haß atmen, sondern die nicht vor Mord und Totschlag zurückschrecken, und sogar gemeine, feige Akte gegen Gräber, deren sich wahrscheinlich der Hottentottenstamm im dunkelsten Afrika schämte. Leider ist cs nun einmal so: In der völkischen Weltanschauung unserer Tage liegt solche Menge Haß ausgespeichert, daß dieser Hatz zwangläustg zu den übelsten Ausbrüchen führt, für die die Führer solcher Weltanschauung, mögen sie persönlich ehrlichen und redlichen Willens sein, zuletzt doch verantwortlich sind. liche Gründe. Denn während noch im vergangenen Jahre viele On? ihre Jndenfeindschast unverhüllt Zur Schau trugen und ihr aus alle mögliche Weise, in antisemitischen Zeitungen, durch öffentliche Anschläge, Gemeinderatsbeschlüsse u. dgl., Ausdruck verliehen, scheint heuer das Hepp-Hepp-Geschrei verstummt zu sein. Denn nicht nur die jüdischen Sommergäste haben die Orte gemieden, die sich selbst als „judenseindlich" an den Pranger gestellt haben, sondern auch viele nichtjüdische Familien haben es, angeekelt durch diese antisemitischen ^iö!6cteierrr vor gezogen, den Sommer in zwar weniger rassereinen, dafür aber um so gemütlicheren Sommerfrischen zu verbringen. Mancher „judenreine" Gasthofbesitzer und Quartiergeber siebt dem diesjährigen Sommer mit Sorge entgegen, er ist gewiß nicht judenfreundlich gesinnt, aber die wirtschaftliche Not, die Gefahr, leer zu bleiben. Zwingen ihn, auch einmal ein Opfer zu bringen, besonders, wenn dasselbe durch Opfer, die „andere" für ihn bringen sotten, sich reichlich bezahlt machen könnte. Das antisemitische Geschrei ist also, freilich n u r aus OpportuwtätsMünden, zeitweise verstummt; der Antisemitismus beginnt dort erst wieder nach Abzug der Fremden seine Blüten zu treiben. UeberfM, Plünderung, Erpressung. Nach der ersten Beschießung haben wir in unserer „C. V.-Zeitung" ausführliche Berichte über die Notlage der Damaszener Juden veröffentlichen können. Die strenge Zensur und die UnZugänglichkeit Syriens in den letzten Monaten ließen über die wahren Zustände kein klares Bild auskommen. Erst die Schreckensnachricht, die kürzlich bekannt wurde, daß erneute schwere B e s ch i e tz u n g e n von D a rn a s k n s durch die französischen Truppen erfolgten, daß insbesondere das Stadtviertel M e i d a n dabei fast dem Erdboden gleichgemacht wurde, bewiesen, daß von Ruhe und Frieden in der syrischen Hauptstadt vorerst nichr gesprochen werden kann. Wie alle Einwohner von Damaskus haben auch die jüdischen böse Tage durchlitten. Darüber gibt ein Bericht Auskunft, den das Organ der Alliance israelite universelle „Paix et Droit“ („Friede und Recht") in seiner letzten Nummer veröffentlicht: „Im Lause der letzten zwei Monate haben die ausständigen Scharen zahlreiche Terrorakte verübt, und die jüdische Bevölkerung, auf die sie es besonders abgesehen haben, ist grausam heim gesucht worden. Am ersten Osterseiertag find zwei junge jüdische Leute im Stadtteil Meidan festgehalten worden. Eimge Tage später wurden fünf Juden, die einem Glaubensgenossen die letzte Ehre erwiesen, festgehalten und in das Dorf Akrabe, ein Nest der Ausständigen, verschleppt. Die ersteren wie die letzteren wurden nur gegen Hinterlegung eines beträchtlichen Lösegeldes sreigelassen. Während mehrerer Tage wurden die jüdischen Händler Opfer von Angriffen in den Basaren. Bewaffnete Ueberjälle lösten einander ab; Frauen und junge Mädchen konnten den Grausamkeiten der Räuber nicht entgehen. Das Einschreiten der französischen Truppen machte diesen Tätlichkeiten für einige Zeit ein Ende. In der Nacht zum 23. April brach eine neue Panik aus, und eine organisierte Plünderung begann. Die Gewaltakte erneuerten sich in den folgenden Tagen. Die jüdische Gemeinde wurde ausgefordert, 5000 Pfunden türkischem Gold zu zahlen, andernfalls ein Gemetzel im Judenviertel angedrolü wurde. Sie verpflichtete sich unter dem Druck dieser Drohung, monatliche Zählungen zu leisten, und begann augenblicklich damit. Man unternahm Bittgänge zu den Besatzungsbehörden, um einen ständigen Schutz der jüdischen Bevölkerung zu erreichen. Am 27. April wurde ein ständiger französischer Truppenposten eingerichtet. Die Patrouillen übten eine wirksame Überwachung aus. Zahlreiche Juden sind während dieser unruhigen Zeit ausgewandert. Die günstigeren Nachrichten, besonders die von der Einnahme des Drusenlagers Snweda, haben dann dazu beigetragen, nach den furchtbaren Monaten der Panik Ruhe und Vertrauen wieder herzustellen. Aber die materielle Lage unter diesen Tausenden armer Menschen ist trostlos, und es werden Jahre nötig sein, damit sich die jüdischen Einwohner von Damaskus wieder wirtschaftlich von den schweren Prüfungen erholen."

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