Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 26 (25.6.1926)
- Date
- 1926-06-25
- Page
- Seite 346 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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34- Glieder einer jeden anderen religiösen Gemeinschaft, bleibt für uns das Bekenntnis zur Religion Kriterium d e s I u d e s e i n s. Das bedingt, daß die obersten Lehren jüdischreligiöser Weltanschauung Grundlage unserer Entscheidungen sind, und da die jüdische Religion, wie jede echte Religion überhaupt, das Streben nach Ausgleich, Versöhnung und Vereinigung hat, ist das Prinzip klar. Auf allen Gebieten, die nicht unmittelbar konfessionelle Aufgaben- und Arbeiten betreffen, erscheint uns interkonfessionelle Zusammenarbeit als das Natürliche und darum Erstrebenswerte. Ziele müssen aber auch erreicht werden, und es ist das Grundgesetz aller Taktik, daß dies nicht immer auf dem geraden Wege erreicht werden kann. Wie der Bergsteiger, der stets nur aus dem direkten Wege zum Gipfel drängt, in Abgründe stürzen und so der Vernichtung anheimfallen kann, würde auch eine Gemeinschaft bei starrem, gradlinigem Erstreben ihrer Ziele sich selber schwer schädigen und die Kraft, die zum Kampfe erforderlich ist, mindern. Erste taktische Forderung ist die Stärkung des eigenen Wesens! Die Judenheit muß als solche Geschlossenheit und innere Kräftigung erfahren. Diese aber wird gewonnen, wenn ruan den Zusammenhalt stärkt, unb so kommt eine gewisse Konfessionalisierung ganz von selber, die um so mehr betont werden muß, je weniger Macht über die Gemüter der religiöse Gedanke; an sich hat. Die Konsessionalisierung bedeutet aber in der Praxis Abschluß! Die innere Errichtung und Kräftigung des Judentums machen die Trennung auch aus ganz neutralen Gebieten oft zur unbedingten Notwendigkeit. Teils handelt es sich um j absolute Hemmungen, die eine Zusammenarbeit unmöglich machen, teils um nur relative, die sie aus Gründe;: der Selbstachtung hindern. Wenn der Antisemitismus weite Teile des Kulturlebens verseucht, kann man bestimmt nicht von den Juden verlangen, daß sie deshalb auf die Beteiligung in ihnen verzichten. Wenn demnach die studentischen Korporationen Juden ausschlossen, konnte man es den Juden nicht verdenken, daß sie — soweit sie an den Werten deutschen Studontenlebens Gefallen hatten — eigene Verbindungen gründeten. Ueberall, wo man jüdische Mitarbeiter nicht als gleichberechtigt behandelte, wo man ihre Zahl zu beschränken, ihren Einfluß einzudämmen versuchte, war es aus Rücksicht aus die jüdische Ehre notwendig, sich aus die konfessionelle Basis zurückzuziehen. Auch andere Gründe konnten maßgebend sein. Es mag richtiger sein, daß man die unter den Nachwirkungen der Ghettozeit und der Ueberschützung des Geistigen leidende jüdische Jugend der Pflege der Leibesübungen in jüdischen Sondervereinen zusührt, insbesondere solange der Durchschnitt ihrer Leistungen nicht den des Volksganzen erreicht. Es mag Devoten sein, die jüdische Jugend in Wandervereinigungen jüdischen Charakters zu senden, damit nicht allzufrüh unbekümmerter Frohsinn und lebensbejahender Optimismus der durch Angriffe und Disputationen erzeugten grübelnden Frühreife weichend Die Notwendigkeiten sind damit nicht erschöpft! Immer ist aber die Trennung ein Ausfluß der Taktik. Die Grundfrage, ob Streben nach Anschluß oder Trennung richtig sei, kann demnach bei uns nie allgemein, sondern immer nur von Fall zu Fall entschieden werden! Und es soll gar nicht bestritten werden, daß es dabei oft zu unerquicklichen Auseinandersetzungen und scheinbaren Inkonsequenzen kommen kann, die ja insbesondere den Spott der Zionisten herausfordern. Oft muß man sich fragen, ob man noch einer Vereinigung angehören darf oder ob man aus ihr „schon" ausscheiden muß, gewiß kein übermäßig erheiternder Zustand. Als klassisches Beispiel mag das der Deutschen Burschenschaft gelten. Als dort antisemitische Regungen sich zeigten, meinten die einen, die jüdischen Mitglieder müßten aus Gründen der Ehre austreten, andere beschlossen, innerhalb des Verbandes den Judenhaß zu bekämpfen. In taktischen Fragen entscheidet über die Nichtigkeit nur' der Ere, und der sprach für die Freunde der Trennung. Umget war es bei der D e u t s ch e n T ur n er s ch aft. Hier behielten jene recht, die für das Verbleiben in ihr eintraten. Ein noch schwebendes Beispiel Mser Art ist der Alpen der ein. Richtig, daß zuweilen eine gewisse Unsicherheit herrscht, die für alle Grenzfälle typisch ist. Sie muß aber mit in den Kauf genommen werden, selbst wenn unsere Gegner noch so viel spotten und höhnen. Die nationaljüdische Stellung ist bequemer und einfacher, denn wer sich aus Prinzip abschließt, hat weiter keine Sorgen. Wir halten sie aber für gefährlich, da - die Judenheit Minorität ist und prinzipieller Abschluß Grundlage zu einer gesetzlichen Handhabe für dieVevsagung von Rechten bietet. Und ohne zu verkennen, daß dieser Standpunkt, in der Trennung nur eine Frage der Taktik zu erblicken, im Einzel-, falle zu scheinbarer Unklarheit und Unsicherheit, auch zu Fehlschlägen führen kann, werden wir aus Grund unserer Weltanschauung unter allen Umständen an ihm sesthalten. Denn daß unsere Haltung uns unleugbar große Fortschritte gebracht hat, beweist schon der innere und äußere Erfolg der Centralvereinsarbeit, die keinerlei voreingenommene Kritik zu verkleinern vermag. Ein Gebiet, aus dem die taktische Entscheidung zu ausgedehnten und oft heftigen Debatten führt, mag als Beispiel etwas genauer betrachtet werden. Es ist das der jüdischen Schule! Gefordert wird sie von vielen, von jüdischnationaler, von religiöser Seite, aber auch von solchen Kreisen, denen die innere jüdische Frage weniger Sorge bereitet als die politischen Forderungen der Abwehr und Gleichberechtigung. Für alle bedeutet das gleiche Verlangen etwas Verschiedenes! Die Nationaljuden wollen eine Schule, die Ausfluß prinzipiellen Abschlusses ist, die das Kind nur in jüdischem Milien erzieht und es frühzeitig als Glied der jüdischen Nation in einen Gegensatz zur Umgebung bringst die Religiösen — sie sitzen nicht nur im orthodoxen, sondern auch im liberalen Lager — sehen in der Schule ein Gebiet der Religion und meinen, daß nur eine konfessionelle Erziehung religiöse Festigkeit gewährleistet. Die „Politiker" aber begeistern sich für sie nur aus taktischen Gründen. Teils betonen sie, daß die allgemeine Schule in der Praxis christlichkonfessionell ist, so daß die Juden ohne gleiche Einrichtungen ins Hintertreffen geraten, teils aber wollen sie das Kind im zarten Alter nicht den gehässigen Angriffen der Judenfeinde aussetzen. Hier sieht man besonders deutlich, daß nur taktische Erwägungen vorliegen. Denn gelänge es, den Antisemitismus aus der Lchuw zu entfernen, würde eine wirkliche allgemeine. weltliche Dchule in Deutschland zur Wahrheit, so' gäbe es für diese Anschauung keine Berechtigung mehr. So greifen Prinzip — hier außer durch den Nationalismus auch durch die Religion aus sachlich absolut abweichenden Gründen vertreten — sowie Taktik ineinander und verlangen dasselbe. Töricht wäre es aber, behaupten zu wollen, daß die nationale Idee „erzieherisch" gewirkt habe. Denn von einer Annäherung in den Ansichten ist keine Rede! Es hat sich in weiten Kreisen der Glaube verbreitet, als bedeute das Eintreten für Abschluß, insbesondere aber für Vereine und Organisationen sportlicher und sonst neutraler Natur auf rein jüdischer Grundlage, ein mehr oder minder verhülltes Bekenntnis zum jüdischen Nationalismus! Dieser sehr schwerwiegende Irrtum kann überaus verhängnisvolle Folgen zeitigen, wenn er den Blick verwirrt und uns an der taktisch richtigen Wahrnehmung unserer Interessen hindert. So verkehrt es ist, im Abschluß ein Prinzip zu sehen und demgemäß zu handeln, so gefährlich wäre es auch, aus Furcht vorder nationaljüdischen Ideologie in dasandere Extrem zu verfallen und aus dem Gegenteil ein Prinzip zu machen! Gerade bei der Handhabung dieses taktischen Werkzeuges Besonnenheit und klaren Blick für die Erfordernisse der Praxis zu wahren, ist uns in unserem Kampfe ums Recht heute mehr wert als jemals zuvor! Erfreuliche Deutlichkeit. Eine Erklärung des Jrrngdo. In der Zeitung „Der Jungdeutsche" Nr. 135 vom 12. Juni lesen wir unter der Ueberschrisi „Judenfrage", eine Antwort: „In der „Deutschen Wochenschau" und im „Armimus" veröffentlicht ein Major a. D. Baumann, Fronloh bei Gauting (Oberbayern), einen offenen Brief an unseren Hochmeister, in dem er Klarheit über unsere Stellung zur Judensrage fordert. Herr Baumann hätte sich die Antwort selbst geben können, wenn er anstatt der „C. V.-Zeitung" vom April, aus die er sich bezieht, den „Jungdeutschen" gelesen hätte, zum Beispiel die Reden Mahrauns in Berlin am 25. Januar 1926 und in Potsdam am 5. Februar 1926. Darin und an tausend anderen Stellen ist klipp und klar zum Ausdruck gekommen, daß der Orden durchaus aus völkischer Grundlage steht, es aber -ablehnt, mit den Mitteln des Fanatismus gegen die Juden vorzugehen: mit dem Knüppel wird die Judensrage nie gelöst werden. Wenn Herr Baumann im übrigen sich einmal ein wenig mit dem jungdeutschen Staatsgedanken beschästigen würde, so würde er volle und ausreichende Antwort aus seine Frage erhalten: im junadeutschen Staat ist die Judensrage im völkischen Sinne gelöst."