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Central-Verein-Zeitung · 1926-06-18 · 25 (18.6.1926) · p. Seite 334

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
25 (18.6.1926)
Date
1926-06-18
Page
Seite 334 (sequence 2)
Language
German
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334 nicht, sogar auf der Lehrkanzel, schärfere Urteile, als Lessing über den noch nicht gewählten Reichspräsidenten fällte, über den amtierenden Reichspräsidenten Ebert zum besten gegeben! Wem ist darum der Lehrauftrag entzogen worden? Mit diesen Einwänden gegen die Anklagen will alles eher als eine Billigung der streitigen Kundgebung ausgesprochen sein. Im Gegenteil, sie ist/ wie an dieser Stelle schon am 19. Juni 1925 der Landesrabbiner Dr. S. Freund (Hannover) unumwunden ausgesprochen hat, „aufs tiefste zu bedauern". Aber -wenn dieser Artikel zu verurteilen ist, so bleibt nicht minder zu verurteilen die „völkische Kraftmeierei", wie schon vor Jahresfrist Dr. Freund sagte, mit der geflissentlich der „Fall Lessing" ausgebeutet wird, doppelt zu verurteilen, nachdem der Unterrichtsminister durch seinen Erlaß vom 29. September 1925 mit seinem scharfen Verweis an den entgleisten Professor die gebotene Sühne geschaffen hatte. Darüber hinaus dem Minister durch Massenstreik und Auswanderungsdrohung Gewalt antun zu wollen, dem Professor durch körperlichen Zwang die Ausübung seines Amtes zu verwehren, das ist ein Terror, der unvereinbar mit den Grundsätzen des Rechtsstaates, geschweige mit der akademischen Lehrfreiheit ist. Was heute Lessing gegenüber geduldet würde, wäre morgen jedem anderen Hochschullehrer gegenüber erlaubt. Principiis obsta! Frei ist der Bursch! Gewiß. Er braucht kein Kolleg bei einem Professor zu hören, dessen Bortrag oder Aufsatz oder Nase ihm nicht gefällt. Aber wenn Amtsgenossen dieses Professors der Unterrichtsverwaltung zumuten, ihm wenigstens einen Konkurrenten für dasselbe Fach an die Seite zu stellen, will sagen, ihn auf einem Umweg abzudrosseln, so muß füglich, was wr Hannover recht ist, für alle anderen Hochschulen billig sein. Worüber sich mit dem Minister für das Bildungswesen noch der für die Finanzen, am Ende auch die Volksvertretung zu unterhalten hätte. Das Beispiel könnte eine Fülle von Wünschen entbinden. Doch schließlich, was ist Lefsino? Ein „Anlaß", versichert Graf Keventlow, ein günstiger für die Parole: „Fort mit den jüdischen Hochschullehrern", nicht bloß in Hannover, sondern so weit die deutsche Zunge klingt! Und mögen sie so tüchtig und lauter sein wie die von der „Deutschen Tageszeitung" anerkannten Goldschmidt und Dernburg, wie Lazarus, der an der Kriegsakademie lehrte, wie Traube, Ehrlich, Weigert, Wassermann, wie Simson, der Professor war, lange ehe er Präsident des Reichsgerichts wurde, wie Einstein eine Weltoerühmtheit, oder wie einst Stahl, der gefeierte Führer der konservativen Partei Preußens: der Jude wird verbrannt. Und oer getaufte erst recht. Schwamm drüber! Auch über die Exzesse, m denen sich unerfahrene Studenten von unverantwortlichen Hetzern haben verleiten lassen. Möglich, daß sie bald zu besserer Einsicht kommen. Nicht unmöglich auch, daß manche in ihrem Irrwahn verharren. O alte Burschenherrlichkeit, wohin bist du geschwunden! Es sieht düster aus' auf vielen Hochschulen. Und oft, recht oft ist die Mahnung zeitgemäß: Glaubt nicht, wenn ihr Skandal erregt, ihr hättet schon die Zeit bewegt! . Die neueste Irieöhsfsschänöung. In Memurelsdorf (Urrterfranken). Der jüdische Friedhof von Memmelsdorf liegt außerhalb des Städtchens am Waldesrande. Der Bürgermeister stellte dieser Tage fest, daß der Friedhof geschändet wurde, und benachrichtigte die Jüdische Gemeinde. Der Vorstand der Jüdischen Kultusgemeinde, Louis Lauchheim er, und der Religionslehrer, Max Abraham, besichtigten den Friedhof und fanden die Angaben des Bürgermeisters bestätigt. Wie uns Lehrer Abraham mitteilt, sind vier Grabsteine stark beschädigt worden. Die eingelegten Glasplatten mit Aufschriften KD durch Stein würfe oder — die Verbrecher scheinen sich, obwohl Friedhof verschlossen war, Eingang verschafft zu haben — durch Einschlagen mit einem Hammer oder Beil zertrümmert worden. Die Namen lauten: Levi Frank, Max Meier, Marie Kohn, Justin L a n g ft ä d t e r. Die Gendarmerie in U u t e r m c r z b a ch wurde sofort benachrichtigt; diese erstattete Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft in Ebern. Aber niemand hat, wie uns mitgeteilt wird, die leiseste Vermutung, wer die Täter sein können. Die Gendarmerie gibt sich die allergrößte Mühe, sie ausfindig zu machen. Die jüdische Kultusgemeinde hat in dem Vezirksblatt „Baunach und Jlzbote" in Ebern für das Ergreifen der Täter eine Belohnung von 50 Mark ausgesetzt. Memelsdors war 1923 eine H o ch b u r g des Judenhasses. 05 es sich nun bei dieser rohen Tat um politische Racheakte handelt, ist beute noch nicht zu sagen. Jedenfalls hat sich die Erregung und Empörung über diese abscheuliche Tat bis weit in rechtsstehende Kreife hinein bemerkbar. / Iomt-strbelt in Nußlanö. 75 000 Menschen angesiedelt. ' Der Vizepräsident des amerikanischen „Joint", Dr. Rosenb e r g, und Dr. Bernhard Kahn, der Direktor des Europawerks dieser Organisation, berichten nach Rückkehr von einer längeren Studien- und Inspektionsreise durch Rußland über die Eindrücke. Sie teilen mit, daß die Arbeit des „Joint" von den in außerordentlich schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen lebenden jüdischen Siedlern sehr dankbar empfunden wurde, und daß auch Persönlichkeiten der russischen N e g i e r u n g ihre hege i st e r t e Anerkennung ausgedrückt hätten. Die Negierung stellte unentgeltlich Land zur Verfügung, für das man nach Vorkriegswert mehr als 12 Millionen Dollar hätte zahlen müssen. Sie gab 500 OÖO Morgen von der berühmten „Schwarzen Erde", ferner Bauholz und endlich eine Million Dollar an langfristigen Krediten zwecks Anschaffung von Maschinen. Die beiiden Herren besuchten in der Ukraine 50 mit Hilfe des „Agro- Joint" in den Jahren 1924, 1925 und 1926 eingerichtete Kolonien' alle waren im besten Zustande. Viele Kolonisten wohnten schon in gut und zweckmäßig erbauten und eingerichteten Häusern. Die Ernte in diesem Jahre war über alle Maßen gut. Dank dem „Joint" wurden bisher 7000 jüdische Familien aus dem Lande angesiedelt. In den alten jüdischen Kolonien in der Ukraine und in Weißrußland unterstützte der „Joint" etwa 13 000 Familien, ferner 2000 jüdische Tabakpslanzer in Podolien, insgesamt 75000 Seelen. Aber auch nichtjüdische Bauern in der Ukraine und in Weißrußland erhielten und erhalten noch heute Unterstützungen vom „Joint" in Form leihweiser Ueberlassung von Maschinen und Traktoren sowie in Form von Geldvorschüssen. So haben bisher 75 000 nichtjüdische Nachbarn der jüdischen Siedler Unter st ühun gen vom „Joint" erhalten. Die Ausgaben des „Agro-Joint" betragen 1 700 000 Dollar. In den Moskauer Besprechungen übernahm die „Komzet" die Finanzierung von weiteren 1200 Häusern. In einem Jahre werden etwa 100 neue Dörfer errichtet sein. Dr. Kahn war ungeheuer erstaunt, in einer Gegend im Cherson-Distrikt 15 neue jüdische Dörfer zu finden, wo er bei feinem vorjährigen Besuch noch keines vorgefunden hatte. Das in Rußland im wahrsten Sinne des Wortes neu aus Ruinen erblühende Leben muß jeden für die Nöte unserer Glaubensbrüder im Osten empfänglichen Juden mit herzlicher Freude erfüllen. Der Zusammenfluß. Eine neue politische Monatsschrift. „Zur Pflege der deutschen Eintracht" geben Friedrich T h i m m e, der konservative Publizist und Archivar des Preußischen Landtages, und Eduard H e m m e r 11, Zentrumspolitiker und Kandidat für den Posten des Staatssekretärs in der Reichskanzlei, eine neue Zeitschrift heraus, die sie „Zusammenschluß" nennen. Aus dein Vorwort der Herausgeber mögen folgende Sätze ihres überaus billigenswerten Inhalts wegen hier Abdruck finden: „Wir wollen in unserer Monatsschrift eine Arena bieten für die sachliche und vornehme Austragung innerer Gegensätze und Meinungsverschiedenheiten auf allen Gebieten . . . Die vornehmste Sorge der Herausgeber wird sein, alle Richtungen gleichmäßig unter der Voraussetzung, daß die sachliche Form gewahrt" wird, zu Worte kommen zu lassen . . . hoffen wir ein Vorbild zu schassen für die Art, wie geistige und politische Kämpfe auszutragen sind, in innerer Freiheit von Schlagwörtern jeder Art, in Achtung vor fremder Ueberzeugung, in ernster Würdigung der Motive des Gegners, in ritterlicher, stets den Volksgenossen ehrender Kampsform. Wer immer bereit ist, in diesem Sinne zu helfen, daß Brücken geschlagen werden zwischen den Parteien, den Ständen, den Konfessionen und sonstigen Gruppen im deutschen Botte, ohne daß der Ueberzeugung der einzelnen zu nahe getreten wird, der sei uns willkommen. Unser Ruf geht an alle Parteien, an alle Nichtungen im deutschen Volke ohne Ausnahme: Helft den inneren deutschen Hader bekämpfen, helft den deutschen Frieden ausrichten ..." Das reichhaltige Heft enthält unter anderem Aufsätze von Rademacher „Die Tragik der Wahrheit", Minister Dr. Brauns „Zur sozialen Verständigung", Dr. Eduard Hemmerle „Parteien und Parlamentarismus", Baum garten „lieber Notwendigkeit und praktische Bedingungen des konfessionellen Friedens", Oberst S ch w e r d t f e g e r „Der Kampf um den »Dolchstoß'". Dr. Luther, der zur Zeit der Herausgabe des 1. Heftes noch Reichskanzler war, gibt dem Unternehmen ein Geleitwort mit, das folgendermaßen schließt: „Ich wünsche den Herausgebern zu ihrem neuen literarischen Unternehmen, zu ihrem Kampf für die innere G e s ch l o s s e n h e i t d e s deutschen Volkes, die wir heute nötiger brauchen denn je, von Herzen Glück. Möge ihrem Wirken Erfolg beschieden sein!" Wir können die Wünsche Dr. Luthers aufs herzlichste von uns. aus unterschreiben. Denn der „Zusammenschluß" will ja das erstreben, was auch wir in unserer vaterländischen Arbeit zu erreichen juchen. /

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