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Central-Verein-Zeitung · 1926-06-18 · 25 (18.6.1926) · p. Seite 333

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
25 (18.6.1926)
Date
1926-06-18
Page
Seite 333 (sequence 1)
Language
German
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Es herrschte eine warmherzige Vorliebe für den Bruder Studio von alters her im gebildeten Bürgertum. Wer dächte nicht mit gemütvoller Rührung der eigenen Hochschulzeit, so frei, so ungebunden! „Mein lieber Fuchs, stier er nicht dumm, schwänz er nicht das Kollegium; doch auch mit venRaPpieren muß er sich exerzieren"; man erinnert sich gernder Mahnung, die man im Kommersbuch findet aus den Tagen, wo der Großvater die Großmutter nahm. Mit Stolz trug mancher Bursch das schwarzrotgoldene Band, das lange verpönt gewesen war, als Sinnbild der „höchst gefährlichen Lehre von der deutschen Einheit", und auch unter denen, die andere Farben wühlten oder keine, war eine große Mehrheit, die in idealistischem Schwung für Freiheit schwärmte, Freiheit der Lehrenden und der Lernenden. Es kam wohl vor, daß einem mißliebigen Professor eine heitere Katzenmusik gebracht wurde, die nicht mehr zu bedeuten hatte als andere jugendliche Allotria. Aber von jener Unduldsamkeit und Gewalttätigkeit, wie sie neuerdings in Hannover ihren Schauplatz fand, wußten selbst die berühmten „ältesten Leute" nicht zu erzählen. Und von Arierparagraphen ebensowenig. Ein Vorgang wie der Fall Lessing ist in der deutschen Geschichte ohne Beispiel. Bis dato hatte man nicht erlebt, daß einem Dozenten durch tätliche Angriffe der Zugang zum Hörsaal verwehrt, durch wüsten Lärm die Vorlesung verhindert, durch Generalstreik die Entziehung der Lehrerlaubnis erzwungen werden sollte. „Der Fall Lessing hat beileibe nichts mit Rassenhaß zu tun",. schrieb am 13. Juni 1926 die deutschnational-agrarische „Deutsche Tageszeitung"; „wer einen Goldschmidt, einen Dernburg als Lehrer gehabt hat, der weiß, daß diese Männer sicher die schärfsten Gegner eines Theodor Lessing gewesen wären". Professor Lessing werfe selbst die Rassenfrage in die Wagschale, indem er sich als arisch-semitisches oder semitisch-arisches Mischprodukt bezeichne. „Wozu das? Wir halten uns an seine Taten", sagt die „Deutsche Tageszeitung". Anders jedoch andere Blätter und Rufer im Streit. So sagt die Göttinger „Vereinigung für deutsches Recht und deutsche Volksgemeinschaft": „Der vorliegende Fall hat jedem, der sehen will, in grellster Weise die Augen darüber geöffnet, was es zu bedeuten hat, wenn die deutsche Jugend den Lehren fremdblütiger,, insbesondere jüdischer Hochschullehrer ausgeliefert wird." Und Graf Reventlow schrieb am 3. Juni: „Stände es an allen deutschen Universitäten wie in Hannover, so würde es mit der jüdischen Pest an den Hochschulen schnell ein Ende haben." Und am 12. Juni wiederholte er die Parole: „ Fort mit den jüdischen Hochschullehrern!" „Der Anlaß, der Fall Lessing, ist ausgezeichnet. Besser und günstiger könnte er nicht liegen." „Wir halten uns an seine Tate n." Seine Schriften werden den meisten, die gegen ihn eisern, unbekannt sein, obwohl der Leipziger Professor Hans Driesch erklärt, Lessings Werk „Der Untergang der Erde am Geist" habe den tiefsten Blick in die Stellung des bewußten Menschen zum Universum getan, den zu tun unserer Zeit vergönnt gewesen sei. Seit Schopenhauer und Nietzsche „haben wir nichts Aehnliches". Ein Herr Dr. Mar S p a n d a u ist freilich anderer Meinung und schloß eine Kritik der Lessmoschen Philosophie mit der Erinnerung an die Verse: „Ein Talent, doch kein Charakter, guter Freund, du bist ein Lump", denen er hinzusügte: „Und unsere heutige Studentenschaft braucht nicht wehmütig zu bedauern: Hätt' ich damals schon gelebt, O wie hätt ich dich verdroschen! —, sondern sie kann es t u n." Was er nicht tauben Ohren predigte. Doch nicht über Lessings gelehrte Schriften ist der Sturm ausgebrochen, sondern über den Aufsatz in einer Tageszeitung dessen Wirkung anscheinend durch ganz abseits liegende Berichte über Sensationsprozesse verstärkt oder aufgefrischt wurde. Ob alle Geheimräte deutscher Hochschulen, die ihr Gutachten gegen Theodor Lessing öffentlich abgegeben haben, die beanstandeten Aufsätze 'kennen, steht dahin. Der Rektor der Berliner Universität, Dr. P o m p e ck i, ist zwar der Ansicht, daß jeder Professor ,chaS gleiche Recht hat, das jedem deutschen Staatsbürger zusteht. Er darf also auch, wo immer es sei, seine persönlich« Meinung frei und offen äußern". Nur sei es verwerflich, daß Lessing für ein deutschfeindliches Blatt des Auslandes geschrieben habe. Daß das „Prager Tagblatt", wo der Aussatz über Hinden» bürg — um den handelt es sich — vor der Wahl erschien, deutschfeindlich sei, ist ein Irrtum. Es ist ein altes und daS verbreitetste Blatt der Deutschen in Böhmen. Herr Professor Flamm hat das Gefühl, „daß hier rein politische und undcutsche Bestrebungen mit Gewalt, koste es, was eS wolle, durchgesetzt werden sollen", und daß hinter Lessing „jene zersetzenden Kräfte stehen, die schon so viel Unheil im deutschen Lande geschaffen haben". Er unterläßt es, diese Kräfte näher zu bezeichnen. Herr Professor S e e b e r g verlangt die Entziehung des Lehrauftrags, weil Lessing „sein Amt als akademischer Lehrer mißbraucht hat". Aber die inkriminierten Aeußerungen hat Lessing nicht in seinem Amt, nicht auf dem Katheder gemacht, sondern als Schriftsteller in der Presse. Und wie viele Professoren haben Hannover. Von Dr. jur. 3. Levy (Berlin). Wahlschtvindel und Mualmordhehe. Wissenschaft und Demagogie. Von Dr. Paul Nathan.

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