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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1926-06-11 · 4 (11.6.1926) · p. Seite 15

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
2 (1926)
Issue
4 (11.6.1926)
Date
1926-06-11
Page
Seite 15 (sequence 3)
Language
German
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Aus der Jugendbewegung. Wir veröffentlichen heute von den uns vorliegenden Bes richten über bemerkenswerte Vorgänge in den auf deutschjüdischem Boden stehenden Iugendbünden die nachstehenden Beiträge und hoffen, auch künftig unter der Ueberfchrift „Aus der Bewegung" rege Mitarbeit aus allen Greifen der Jugendbewegung au erhalten. Sie Schriftlei tun pfingstsreizeit der D. 3.3. G. Von Werner RosenstocL (Berlin). Um den Konnex zwischen den einzelnen Gruppen zu stärken, hatte man beschlossen, die ganze Ortsgruppe während der Pfingstfeiertage in einem Lager zu vereinigen. Hierbei galt es zunächst einige Schwierigkeiten zu überwinden. Voller Eifer machten sich also die einzelnen Jugendführer und -führerinnen daran, die Eltern von den Vorzügen eines solchen Lagerlebens Zu überzeugen. Daß diese nicht immer einfachen Verhandlungen erfolgreich waren, beweist die stattliche Teilnehmerzahl von über 2 0 0 Leuten. So siedelte dann unsere Ortsgruppe für drei Tage nach Schön* blick bei Trebbin über. In einer einfach reizenden Weise hatte uns Herr Rudolf Lachmann-Mosse Scheunen und Park s eines Gutes zur Verfügung gestellt. Durch seine Gastfreiheit, für die ibm noch einmal an dieser Stelle herzlichst gedankt sei, konnten wir in einem der waldreichsten Gebiete unserer. Berliner Umgebung ein paar fröhliche Tage verleben. Da ja — wie böse Menschen behaupten — die Liebe durch den Magen geht, so sei zunächst vom Abkochen die Rede. Jede Gruppe hatte ihre selbstgebaute Kochstelle, auf der die Jungen und Mädel —- und besonders die Jungen! — ihren Schaffensdrang nach allen Regeln der Kunst befriedigen konnten. Man darf nicht etwa annehmen, daß es bei uns Erbswurst, Maggi-Würfel und ähnliche „zünftige" Gerichte gab. O nein, wir hatten einen imposanten Küchenzettel, auf dem Fleisch, Gemüse, Pudding und andere schöne Dinge in allen möglichen Variationen vertreten waren. Nun darf man aber den Wert des Abkochens nicht allein nach der Qualität des Abkochens, nach der Qualität der verfertigten Speisen bemessen. Weit peinlicher war, daß wir einmal die Salztüte mit der Zuckertüte verwechselten, und zwar ausgerechnet beim Kakaokochen. Doch war dies die einzige mißglückte Mahlzeit während der ganzen drei Tage. Vielmehr sollen schon durch dieses Kochen an sich unsere Jungen und Mädel dazu erzogen werden, sich auch bei primitivsten Voraussetzungen helfen zu können. Konsequenterweise wollten wir daher auch in Zelten übernachten, was diesmal jedoch an technischen Schwierigkeiten scheiterte. Für diesmal waren die Scheunen zum Uebernachten gedacht. Sie wurden jedoch nicht von allen Jungen und Mädeln dazu mißbraucht. Außer den zwei Wächtern nämlich, die für Frieden und Einheit während der Nacht sorgen sollten, fühlten sich etwa bis zum Ablauf der Geisterstunde 30 bis 40 Leute verpflichtet, die nähere und weitere Umgebung ihres Lagers zu bewachen. So stand zeitweilig die Zahl der Wächter m einem starken Mißverhältnis zur Zahl der Schläfer. \ Eine geradezu suggerierende Wirkung übte die Anwesenheit der drei „M edizin männer", die zu unserer Bundesleitung gehören, aus. Manche geltungsbedürftigen Individuen meinten, sie könnten doch die Aerzte nicht ohne Patienten lassen und gelangten ackch glücklich nach der Cou6-Methode in das Stadium des „Malade Imaginaire“. War ihnen etwas kalt, so schüttelten sie sich, und schon hatte der Volksmund ihre „Krankheit" als „Schüttelfrost" bezeichnet und die armen „Patienten" mit einem Kranz von Sagen umwoben. Zur Beruhigung der Eltern sei jedoch gesagt, daß kein ernster Krankheitsfall zu verzeichnen war. ► Im übrigen bot das Lager ein recht buntes Bild. Einzelne Gruppen lagen zusammen, um voneinander Lieder zu lernen, andere legten sich zurecht, da sie die Nähe des Photographen witterten, der eifrig Momentaufnahmen machte; wieder andere trugen miteinander Wettkämpfe im Völkerball, Speerwerfen, Dreikamps usw. aus. > Die einzige gemeinsame Veranstaltung der Aelteren aller Züge war die Arbeitsgemeinschaft. Ihr Thema lautete: -„Unsere jüdische Arbeit." Die Führer berichteten zunächst, wieweit und unter welchen Gesichtspunkten sie bisher jüdische Arbeit geleistet hätten und wie sie diese in Zukunft zu gestalten dächten. Die Aussprache ergab eine große Mannigfaltigkeit der Auffassungen über die Beschäftigung mit jüdischen Dingen. Einige wollen vom Historischem ausgehen, andere vorn Ritus, wieder andere vom Belletristischen. Diese verschiedenen Auffassungen können jedoch durchaus nebeneinander in einem Jugend bunde bestehen, ohne die Gefahr einer Zersplitterung mit sich zu bringen. Denn das Gemeinsame ist nicht die Methode, die ja schon aus rein soziologischen Gründen in den verschiedenen Gruppen verschieden zugeschnitten sein muß, sondern vielmehr der Wille, unsere jüdische Eigenart, die durch das Schicksal von Generationen bedingt ist, durch Beschäftigung mit den Schöpfungen dieser Vergangenheit in uns zum Bewußtsein zu bringen. > So, nun dürste wohl der Bericht einigermaßen erschöpft sein, daß er zufällig mit der Beschreibung der Nahrungsbeschaffung ansing und auch wieder damit ausklingt, darf um Gottes willen nicht als symptomatisch für den Geist unseres Bundes angesehen werden. Nein, im Gegenteil, gerade zu einer Beschränkung aus das Allernotwendigste soll ja unser Wunder- und Lagerleben, das uns mehr als Saisonangelegenheit ist, erziehen, und wir hoffen, daß uns die Freizeit darin ein kleines Stück vorwärts gebracht hat. Der Berliner 3li. Ein Ueberblick über die Tätigkeit des Berliner J-Ii (Jüdisch- Liberaler Jugendverein) in den letzten Monaten zeigt einen erfreulichen Fortschritt. Getreu unseren Zielen lag uns vor allem daran, eine vertiefte Kenntnis von jüdischen Dingen zu vermitteln. Die Wege dazu sind mannigfaltig. Eine Gruppe (Gruppe Charlottenburg) ist bei der Betrachtung der jüdischen Geschichte zur spanischen Epoche vorgeschritten und hat begonnen, sich in das große Werk 5 des Maimonides, des Führers der Unschlüssigen, einzulesen. Wir können natürlich nicht das ganze Werl «lesen — das erforderte ein eingehendes langes Studium. Aber schon größere Abschnitte lassen uns fühlen, wie lebendig ein Denker wie Maimonides zur jüdischen Ueberlieferung Stellung nahm. Und daraus, nicht aus seine vielleicht überholten und zeitbedingten philosophischen Ideen kommt es uns an, die wir den Anschluß an die Tradition zu erreichen suchen. Gruppe Osten suchte sich durch eingehendes Lesen der prophetischen Bücher gerade das Spezifische der religiösen Welt nahezubringen. Eine Aussprache über das Wunder erschien da notwendige Folge. Anderen Gruppen war das Ereignis der Repräsentantenwahl Anlaß, sich einmal über den Aufbau der Gemeindeverwaltung klar zu werden. Stand so die jüdische Arbeit im Mittelpunkte unserer Tätigkeit, so haben wir doch nicht versäumt (nicht nur aus Führerabenden), über praktische Fragen der Gegenwart mit unseren Jungen und Mädeln zu sprechen. Denn auch eine Aussprache zum Beispiel übev den Versailler Friedensvertrag (im Anschluß an ein Referat, das in Gruppe Westen gehalten wurde) zwingt zu.- Auseinandersetzungen über die Grundfragen politischen Denkens und Handelns, die ihrerseits wiederum auf ethisch-religiöse Anschauungen sich zurücksühren. Und das ist allemal besonders wichtig: nicht nur Menschen heranzuziehen, die theoretisch jüdisch-religiös sind (im Stile sogenannter Bibelkränzchen), sondern die auch ihre erkämpften Ansichten im« praktischen Leben betätigen. ' Und darum hat — was vielleicht dem Außenstehenden nicht bekannt ist — unser Berliner Jli bei aller Verschiedenheit der Mei-! nungen und Temperamente doch ein einheitliches Gesicht bekommen.« Ein TYP junger Menschen hat sich bei uns gebildet, vielleicht ütnj meisten durch viele gemeinsame Fahrten. Es ist besonders wichtig, daß jüngere Führer es mit Erfolg unternommen haben, in allen Ferien mehrteilige Fahrten zu machen. Die wachsende Beteiligung besonders aus der Psingstsahrt, die die mecklenburgischen Seen zum Ziele hatte, spricht für ihre Bemühungen. Nirgends besser läßt sich Gruppengehorscun und Gemeinschaftsgeist bilden als aus einer mehrtägigen Fahrt. Wir stehen jetzt vor unserem alljährlichen Gautag. Am Sonntag, 13. Juni, wollen wir uns in Wiesenburg mit den Jlis Magdeburg und Potsdam zu gemeinsamem Spiel und Sport vereinigen. (Nähere Auskunft über den Jli Berlin erteilt Ludwig Lewin, Charlottenburg, Riehlstrahe 9. Eltern, die ihr unsere Ziele billigt, schickt eure Kinder zu uns!) Ernst Heinrich Selig sohn.

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