Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 4 (11.6.1926)
- Date
- 1926-06-11
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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14 kvorien. Wie dem aber auch sei: Wir müssen an das Problem Herangehen, in dem unsere Zukunft liegt; die allererste zwar, aber doch auch unumgängliche Vorstufe für dieses Problem sind aber tiefere und eingehendere Kenntnisse der Schriften und der Geschichte unserer Väter, als sie leider heute einem großen Teil der jüdischen Jugend noch eigen sind! Zuletzt sei noch als Ausgabe der deutschjüdischen Jugend die innere Teilnahme und Mitarbeit an der Verwaltung und Organisation des deutschen Judentums hingestellt. Nicht in das gehässige Parteigezänk soll sich die Jugend verlieren, sondern, getragen von ihrem innerlichen Verhältnis zum Judentum, mit offenen Augen auch an die Ausgaben deS Tages gehen. Nicht in bloßer schwärmerischer Selbstversenkung und auch nicht aus bloßer äußerlicher Arbeit bei der Abwehr des Antisemitismus wird uns der deutsche Jude erstehen, der das Ziel unseres Strebcns ist, sondern nur im Bewußtsein der Aufgabe, die uns das Deutschsein stellt, und im Ringen und Durchdenken der Probleme, die uns unser Judentum heute aufgibt. (Dieser Artikel stellt ein Referat dar, das auf einer Veranstaltung der dcutsMüdischen Jugendverbände Berlins 1925 gehalten wurde.) Serufswahl. Von Professor Otto Schulze (Elberfeld). Professor Otto Schulze ist der Direktor der Elbcrfelder städtischen Handwerker- und Kunstgeroerbeschule. Die Ueberschrist bezieht sich aus der hiesigen jüdischen Jugend Lus Anlaß ihrer Schulentlassung in berussberatlichem Sinne gehaltene Vorträge und über diesen weiten Rahmen hinaus bewirkte persönliche Berufsberatung in besonderen Fällen in engerer Fühlungnahme zu den Eltern und ihren Schutzbefohlenen. Ich erachte das nicht als eine besondere Auswirkung meiner Pflichten als Schulmann und Jugendbildner oder als eine Unterstreichung meiner rein menschlichen und ethischen Einstellung zu unseren jüdischen Mitbürgern, sondern als etwas ganz „Selbstverständliches", weil ich politische, religiöse, konfessionelle wie auch sogenannte rasseneigen- Lümliche Unterschiede nicht kenne als Deutscher, nicht kennen will als Mensch im Angewiesensein auf Menschen, denen wir nach einem Dichtcrwort aus der ganzen Erde Helfer, Freunde und Vorbild (?) sein sollen. Das Fragezeichen hat nicht die Schriftleitung hinzugefügt, sondern ich — wie haben heute eben sonderbare Umschreibungen für diesen Begriff, der je nach Auffassung das „den Daumen aufs Auge drücken" oder „willst du nicht mein Bruder sein, sonst . . oder die splittrige Auslegung von „Toleranz" als bedingte Duldung in sich begreift. Meine Vorträge beruflicher Wegleitung für die jübische Jugend unterschieden sich eigentlich in nichts von denen, die ich auch sonst der Jugend pflichtgemäß in Erkennung ihrer besonderen Not aus der harten Zeitlage heraus halte. Denn gerade die äußeren Einflüsse, die leichtlebige, nur auf billigen Genuß, müheloses Wohlbehagen bei geringstem Arbeitsmaß eingestellte Scheinkultur mit ihren hineingeheimnisten geistigen, literarischen und künstlerischen Glückseligkeitswerten sind verhängnisvoll untergrabend für die Erfüllung der praktischen Erfordernisse des Lebens. Und leider hat gerade unsere intellektuelle Jugend, zugegeben aus höchster idealer Wunschrichtung heraus, fast ausschließlich das Verlangen nach Berufen, die dem rein Geistigen, dem Gefühlsleben oder der Verschmelzung beider die Bildungswege und die Herrschaft einräumen. Die aus wirklicher Arbeit erzeugender, schöpferischer und marktwertiger Bedeutung zu gewinnende Erfahrung, Erkenntnis und Nutzanwendung, mit der eine nicht minder befriedigende Berussersüllung, Lebensfreude und Entlohnung gewährleistet ist wie in rein geistigen oder künstlerischen Berufen, wird nicht mehr hoch angeschlagen. Die Jugend von heute hat sich ihr eigenes Weltbild gemacht, zu dem nur ihre eigenen, selbstgewählten Wege führen. Die Insel „Utopia" wird aber auch dafür unentdeckt bleiben, das Leben ist stärker als unser Wünschen. Wenn ich das alles hier mit besonderer Unterstreichung hervorhebe, so geschieht das in bewußter Absicht — den Eingeweihten, den Kennern der Geschichte des jüdischen Volkes sage ich damit nichts Neues —, denn die jüdische Jugend, namentlich die, die eine höhere Bildungsanstalt genoß, neigt besonders zu wissenschaftlicher Einstellung, zur Literatur, zum Journalismus, zu Musik und Schau spiel und den bildenden Künsten, dann zur Medizin und zur I u r i st e rei. Die Geschichte des jüdischen Volkes kann diese innere Berechtigung und Triebrichtung mit glänzenden Namen aus mehreren tausend Jahren belegen und rechtfertigen, verstärkt durch die Auswirkung der Ausnahmegesetze, Drangsalierung und Verfolgung der Juden, die, von allem ehrbaren Handwerk ausgeschlossen, in abgelegenen Wohnvierteln untergebracht, ein in der starken religionsgesetzlichen und religionssittlichen Überlieferung wurzelndes Leben führten. Erst seit 1869 sind die Juden, obgleich sie stets ihre besten Köpfe in allen Siedlungsstaaten den Negierenden für Finanz, Nechtskunde, Wissenschaft und Heilkunde zur Verfügung gestellt hatten, eigentlich in die Rechte der übrigen Staatsbürger vollberechtigt eingetreten; eine nennenswerte berufliche Umstellung hat sich im Verhältnis zu der gewaltigen Vorzeit in den knapp sechzig Jahrey zwar noch nicht bewirken lassen, wir stehen aber immerhin am Beginn einer solchen. Die jüdische Jugend beginnt, sich praktischen Berufen zuzuwenden, dem Handwerk, der Technik, der B a u k u n st, der Industrie und der Landwirtschaft. Dem Handel, der Finanz wenden sich schon weniger zu; die Nachfrage nach Lehrstellen in praktischen Berufen ist eine regere, die technischen Mittelschulen und Kunstgwerbeschulen, namentlich auch die technischen Hochschulen, nehmen an Schülern und Studierenden zu. Die Absonderung vom eigentlichen staatsbürgerlichen Leben im Bereiche der erzeugenden Arbeit der Wirtschaftsbetriebe nimmt ab, es scheint sich eine größere Durchdringung mit den übrigen Volksschichten wohl auch infolge der freistaatlichen Verfassung zu vollziehen. Ob daran auch die zionistische Bewegung im Sinne der friedlichen Wiedereroberung Palästinas von erheblicherem Einfluß ist, kann ich nicht ermessen^ wohl aber Heraussühlen, daß der große Bedarf an Handwerkern, Bauleuten, Gärtnern, Landwirten und einschlägigen B-erufsgruppen für die Siedlungsbestrebungen — der Erfolg in einer Reihe von bereits blühenden Niederlassungen bestärkt das — die Triebkraft dafür sein könnte. Damit möchte ich nicht in irrtümlicher Auffassung als Hornbläser für Zion angesehen werden; aber auch das scheint mir selbstverständlich: jenen zu helfen in ihrer Ausbildung, die es in beruflicher Erfüllung nach dem alten, gepriesenen und besungenen Kulturlande der Väter in Sehnsucht zieht. — Der Hauptzweck dieser Ausführungen ist zu allererst der, die jüdische Jugend, Knaben und Mädchen, mehr auf die Wahl praktischer Berufe, natürlich nach Maßgabe von Begabung, Neigung und körperlicher Eignung, zu verweisen, sie dafür geneigt zu machen, um einen gewissen Ausgleich zu den bisher überstark bevorzugten geistig-literarisch-künstlerischen Berufen ermöglichen zu helfen und eine leichtere Einfühlung in das eigentliche Volks- und Wirtschaftsleben zu vermitteln. In sich durch Ueberlieferung oder Voreingenommenheit, durch Ueberhebung oder Arbeitsentwöhnung abzirkelnden Berusskasten kann die Erkenntnis zu wirklicher ersprießlicher staatsbürgerlicher Zusammen- und Gemeinschaftsarbeit nicht Wurzel fassen. Gemeinsame Arbeit bedeutet erst gemein sam es Leben „Die Liebe zum heimatlichen Doöen." Ein französisches Urteil. Die französische Zeitschrift „ArebivSs Israelites" enthält in ihrer Nummer vom 25. März eine Notiz „L’antisemitisme en Allemagne“, die unsere Leser interessieren dürfte. „Um gegen den Antisemitismus zu kämpfen, wurde vor einigen Jahren in Deutschland ein Centralverein der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens gegründet, der eine sehr beachtenswerte Zeitschrift herausgibt. Die Nummer vom 19. Februar dieser Zeitung enthalt eine Beilage, deren Inhalt ein trauriges Licht aus die Lage unserer Glaubensgenossen als Bürger der deutschen Republik (?)* *) wirst-. Diese vierseitige Beilage ist der Schulsrage gewidmet, die in sechs Artikeln von verschiedenen Lehrern und Pädagogen aus Berlin, Frankfurt a. M. und Freiburg behandelt wird. Man glaubt zu träumen, wenn man diese langen und mehr oder minder weitschweifigen Abhandlungen über den Antisemitismus in den verschiedenen Schulklassen, von der Sexta bis zur Prima, liest: Antisemitismus der Schüler und Antisemitismus der Lehrer . . . Und wenn man nun Franzose ist, fragt man sich, wie es möglich ist, daß man ein so stiefmütterliches Land -weiter bewohnt und einen Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gründet. Wie tief muß die Liebe zum heimatlichen Boden in den Herzen dieser Juden wurzeln2), um eine solche Resignation verständlich zu machen, um es uns zu erklären, daß man dem Beleidiger noch die andere Backe hmhält." Abgesehen -von dem Widerhall, den die Jugendbeilage im Auslande findet, ist diese Notiz für uns sachlich interessant. Sie gibt uns die erneute Bestätigung unserer Ueberzeugung, daß das Hinemtragen der politischen Verhetzung in die Schulen, wie es von den Judengegnern immer wieder versucht wird, auch außerhalb unserer Grenzen als eine kulturelle Schande empfunden wird, die das Ansehen Deutschlands untergräbt. Fr. Brodnitz. <) Das Fragezeichen steht im Original. *) Von uns gesperrt gedruckt.