Mannheim
Compact Memory

Von deutsch-jüdischer Jugend · 1926-06-11 · 4 (11.6.1926) · p. Seite 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
2 (1926)
Issue
4 (11.6.1926)
Date
1926-06-11
Page
Seite 16 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9221535-9548924-9548928--032-2283446
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

16 Von H. Arthur Thilo, („Kameraden", Berlin). Es soll hier nicht vom Führer im Staat und politischen Leben gesprochen werden. Sondern von den jungen Menschen, die sich berufen fühlen und den Wunsch haben, anderen die Erziehung und den Weg u weisen, der durch die „Jugendbewegung" Anfang und Wea ist. Auch oll nicht die rein theoretische Seite un-d die soziologischen Gesetze, die man aus unserem Bunde bringen könnte, hier ausgestellt werden. So greife ich aus dem modernen (d. h. heutigen) Jugendleben das Bild des „Führers" heraus, das Ziel ist, insolaeoesien den Weg klar werden läßt, ihm also die Form der Utopie gebend. Wie zu jedem Werk, für welches man erkennend sich einsetzt, Liebe gehört, nicht nur Sachliches zur Idee, so muß in erster Linie auch der Führer die Liebe zu seinem Jungenzuge und den einzelnen haben. Fehlt diese, so fehlt die Grundlage, und dre Grundhaltung des Führers ist falsch Der Führer muß als Kamerad in der Gruppe sein. Innige Beschäftigung mit Menschen bedeutet noch nicht mit Menschen leben. Einer steht dem anderen gegenüber, ohne aus dem anderen zu sein. Es wird jedoch die Kluft frer Jahre (zwischen Führer und Jungen) das Herausstellen müssen, was als zweite Lebenssehne notwendig ist: das Lehrertum des Führers (im besten Sinne des Wortes). Es ist notwendig, daß die Gruppe einen Wegweiser hat in allem. (Demokratie ist hier unmöglich.) Darum muß der Führer Wissen in sich tragen: 1. Wissen auf dem Gebiet des geistigen Lebens, nicht etwa des dauernd wechselnden „modern-kulturellen" Lebens, sondern von der Kultur, die ihn als deutsch-jüdischen Menschen bewegt. Es darf nicht vergessen werden, daß manchem von uns Deutschland erst seit hundert Jahren nahe ist, wiederum auch, daß Palästina uns allen schon 2000 Jahre fern. 2. Wissen auf dem Gebiet des politischen Lebens, d. h. den Augenblicksdingen nicht romantisch sernstehen; auch manuelle Geschicklichkeit, Fahrzeit der „ersten Hilfe"; wie sollte er ohne diese Dinge eine größere Fahrt leiten, die ja der lebendigste Kernpunkt einer Gruppe ist. So dars nur der sich zum Führen wenden, der selbst ausgeglichen ist, d. h. er muß seinen ungefähren Weg kennen, er muß „entschieden" sein. Es ist dann nicht seine Aufgabe, den Geist zu predrgen, sondern zu leben. Der Führer dars nicht beeinflussen und erziehen, sondern wirken durch seine „Haltung", die Jüngeren Hilfe sein soll. Der scheinbare Widerspruch verliert seine Schürfe durch das Vorbild der Jugendbewegung: das Prinzip der freien Wahl. Wer sich der Führung eines Aelteren anvertraut, wählt sich diesen als Vorbild; wer Jüngere führt, wird danach trachten, den Jungen selbständig in die eigenste Richtung hineinwachsen zu lassen. Jedoch ist Neutralität, in die ein Führer sich einzwängen würde, Halbheit. Es ergibt sich aus dem Gesagten, daß es falsch ist, Menschen zu früh zur Führung kommen zu lassen; der Führer soll ihnen wohl Tätigkeit und Aufgabe, z. B. für Jüngere zu sorgen, zuweisen, aber diese „Jungführer" müssen ihrerseits in der Gruppe stehen. Darum muß der Führer sich letzthin die Menschen zum Bilden nehmen, die seinem Wirken entsprechen. Es ist ausgeschlossen, daß Gruppen gewaltsam gegründet werden. Der Führer wird zuerst die Menschen um sich sammeln, es wird ein Freundschaftskreis entstehen. (Bleibt es allerdings dabei, so haben solche Freundschastskreise einen absoluten Nullwert.) Aus solchen entstehen dann Gruppen. Eine reine Bindung an Ideen ist hier nicht möglich. Ein Gebilde, das nur auf solcher Grundlage steht, wird nicht lebensfähig sein. Was sich daraus entwickelt, ist oestenfalls ein Vereinswesen, das an Aeußerlickkeiten hängen bleibt, nie den Menschen ganz ersaßt. Dieses ist j<* auch der Grund, warum sich die jüdischen Jugendvereine so wenig bewähren. Sie werden von Aelteren ohne innigeren Zusammenhang mit der Jugend gegründet. Diese Art von Jugendpflege kann keine Wirkung ausüben. Wohl hört man sich ab und zu die „bildenden Vorträge" an, bekennt stch auch zu irgendwelchen Gedanken und Ideen, aber rrgendwelchen Einfluß auf ihre Mitglieder haben derartige Organisationen nicht. Hier sei gewarnt, ^wenn stch der Führer in einer vollkommen anderen gesellschaftlichen Schichtung befindet, die Unterschiede stehen rücksichtslos da, sie trennen vollkommen, wenn sie auch manchmal überbrückt erscheinen. Der Führer muß, wie oben gesagt, die Menschen nehmen, die er childen kann; er muh seine Jungen vollkommen kennen; die Zusammenarbeit mit den Eltern ist besonders wichtig.!— So taucht vor dem Führer das Problem der gemischten Gruppe ^(Mädel und Jungen) aus. Für den Führer muß die Entscheidung 'aus eine reine Jungengruppe lauten, für die Führerin auf eine Mädelgruppe. Denn das Leben ist Mittelpunkt einer Gruppe, es kommt B. in einem Heim zum Teil nicht darauf an, was getrieben wird, Andern w i e es getrieben wird. Die Jungen verlangen in jeder Beziehung anderes als Mädels; aus Fahrt wollen sie mehr leisten, und — es bedarf wohl nur des Hinweises auf den Unterschied zwischen einem '16jährigen Mädel und Jungen. Das heißt nicht, daß Jungen und Mädel sich nicht begegnen, sondern sie begegnen sich dort, wo das Unz Deutsch-Jüdische Jugeudgemetnschaft Dresden. Die Gründung der Ortsgruppe Dresden, die vor sieben Wochen erfolgt ist, hat einem seit langem bestehenden Bedürfnis Rechnung getragen. Am 6. Mai fand dort eine überaus gut besuchte Jugendkundgebung statt, auf der D r. Friedrich Brodnitz über das Thema „Jüdische Jugend für Deutschtum und Judentum" sprach. Es ist geplant, die Gemeinschaft aus ganz Sachsen auszudehnen. Wir bitten alle Interessenten, sich an die Anschrist: AliceApt,Dresden, G a b e l s b e r g e r st r. 22, zu wenden. Die Bundesleituna der D. I. I. G. verfälschte ,und Freie hervortreten kann: bei Gruppentreffahrteri draußen, bei gemeinsamen Aussprachen und Theaterabenden. Wenn stck gemischte Gruppen aus älteren Menschen zusammenfinden, so ist dies eine Zivilisationsform, und für sie gibt es keine Führerfrage. Offen jedoch bleibt die Frage der Zweckmäßigkeit und vor allem die Güte der gemischten Gruppen. Zum Schluß lei über Persönlichkeit und Aufgabe des Führers ge- B, daß er nicht unbedingt Ziel sehen muß, aber Aufgabe; die gäbe des Führers ist, trotz allen teilweisen Eingreifens und Mitwirkens, letzthin die der Bereitschaft, er muß Persönlichkeit sein und Persönlichkeit schaffen, rndem er die in zedem jungen Menschen schlummernden natürlichen Kräfte weckt, und so Bodenberei ter wird für die Ideen, um die er sich einsetzt. Iur Tagung des neutralen Verbandes. Am 23. und 24. Mai fand in Düsseldorf die 6. Delegiertentagung des „Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands" statt. Die stark besuchte Tagung brachte wertvolle, beachtenswerte Referate und Diskussionsreden, in denen man sich auch wiederholt mit den Grund, gedanken des C. V., d. h. mit der Stellung zu Deutschtum und Judentum, beschäftigte. Nach den uns vorliegenden Berichten hatzder Hauptreferent des ersten Tages, Dr. Robert S a I o m o n (Trier), drei Aufgaben für den Verband folgendermaßen formuliert: 1. Festigung in sich selbst; 2. Teilnahme am jüdischen Gesamtleben; 3. Teilnahme an Fragen des Staates, der Menschheit. Zu Punkt 3 führte er aus, daß jeder, auch der Zionist, sich nicht allein aus den Boden des Staatsgesetzes zu stellen habe, sondern durch Mitwirkung am Staatsganzen,durchVerstehen und Stützen des Staates, dieses Gesetz freudig bejahen müsse. Bei der Besprechung des Themas Deutschtum, Judentum und Palästinafragen äußerte sich der Vorsitzende des Verbandes, Rabbiner Dr. Klein: Beide Probleme seien wesentlich für den Verband, doch sei nie zu vergessen, daß man auf deutschem Boden stehe, in deutscher Kultur ausgewachsen sei, daß man — wie es auch im Teudenzparagraphen des Verbandes ausgedrückt ist — die höchsten Grundsätze des Patriotismus zu pflegen habe, ohne daß dies Veranlassung gebe, die jüdische Einstellung zu vernachlässigen. Durch diese Worte erhält der Begriff „Neutralität" eine bedeutende, wie wir glauben, unumgänglich notwendige Einengung gegenüber der heutigen nationaljüdischen Anschauung. So richtig es auch ist, die Jugend aus dem politischen Kamps der jüdischen Parteien auszuschließen — auch die deutsch-jüdischen Jugendbünde sind keine politischen Kampforganisatronen —, so wichtig und erforderlich ist es doch, daß ein Wischer Jugendbund in Deutschland grundsätzlich die Frage entscheidet, ob er seine Jugend in dem Bewußtsein und mit dem Willen, mit deutschem Boden und deutscher Kultur verwachsen zu sein und zu bleiben, oder auf nationaljüdischer Grundlage erziehen will. In dieser grundlegenden Frage kann es u. E., ganz abgesehen von -den Arbeitsmethoden und sonstigen Aufgaben -eines jüdischen Jugendbundes in Deutschland, keine Neutralität geben. Diese Auffassung wird durch die Worte der Führer, des Verbandes auf der Düsseldorfer Tagung bestätigt. Bor zwei Jahren etwa definierte Gustav Löffler in einem Artikel in der „C. V.-Zeitung" den Begriff der Neutralität „Positiv gewendet" als „Wellen -und Vermögen zur Versöhnung, Einung, Brüderschaft, Gemeinschaft", und er sagte weiterhin, „daß das Wort von der Wrrrzellostgkeit und dem fehlenden Heimatgefühl des jüdischen Menschen aus deutscher Erde" im Blau-Weiß im Widerspruch zur „inneren Wahrhaftigkeit" steht. Wir sehen heute an dem Schicksal des Blau-Weiß, daß sich diese Erkenntnis auch in den Kreisen der zionistischen Jugend durchzusetzen beginnt, daß man aber trotzdem diesen „Entwurzelungsprozeß" fördert und fördern muß, solange es eine' für das Nationaljudentum begeisterte Jugend geben soll. Kann es demgegenüber in einem Bunde, der Jugendbewegung sein -will, Neutralität, Eimrng, Brüderschaft, Gemeinschaft" geben? Wir glauben, daß Neutralität, gerade in dem Positiven Sinne Löfflers, -in dem Verbände rare dann möglich ist, wenn er sich tatsächlich, d. h. jede einzelne seiner Gruppen, jeder Jugendliche, nicht nur die älteren Führer, zu den Worten des Derbandsvorsitzenden bekennt, daß nie zu vergessen sei, daß man auf deutschem Boden stehe, in deutscher Kultur ausgewachsen sei und die höchsten Grundsätze des Patriotismus zu pflegen habe. Wird sich der neu aufgebaute Verband in dieser Richtung entwickeln, dann wollen wir gern seine Neutralität als „Willen und V-erinögen zur Versöhnung" mit der gesamten deuffch-jüdischen Jugend aussassen, dann wird er aber auch nicht wieder ein Sammelbecken der jüdischen Jugend werden können, die unter der Marke „Neutralität" in .„Wirklichkeit nationaljüdische Arbeit betreibt". Hat der Debegiertentag neben anderer, befruchtender Arbeit diese Klärung gebracht? Wir wollen gerne, ohne Voreingenommenheit, die praktische Auswirkung abwarten. L. * Erst nach Redaktionsschluß trifft ein Aufsatz des Vorsitzenden deS neutralen Verbandes, Herrn Rabbiners Dr. Klein (Düsseldorf), ein. Wir können diesen zu unserem Bedauern erst in der nächsten Nummer, unserer Beilage veröffentlichen, Die Schriftltg-,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.