Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 4 (11.6.1926)
- Date
- 1926-06-11
- Page
- Seite 13 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage der C,\l-ySctfmtR Kr. 4 Serlin, 11» Fun! 1426 Fahrgang 2 Korderuuge» dev M von Ludwig Lewin (Serün). Bei der Betrachtung der Gegenwart handelt es sich nicht darum, wie sich die Lage heute von diesem oder jenem Standpunkt aus ansehen läßt, sondern nur insoweit die Gegenwart uns jungen jüdischen Menschen Aufgaben stellt oder Probleme aufgibt. Dabei werde unter Aufgabe ein gelb st es Problem verstanden; d. h. es handelt sich dabei n.ur um die tatsächliche Verwirklichung, um das Tun, das oft schon in das Fachgebiet der Spezialisten hineinsällt. Problem ist uns dagegen eine Frage, aus die eineallgemeingültige Antwort noch nicht gefunden ist, eine Frage aber, die uns alle angeht, j' . Am Anfang einer Betrachtung des „Heute" steht naturgemäß ein Blick auf die furchtbare wirtschaftliche Lage und die; materielle Not, in der sich Deutschland jetzt befindet. Dabei s sei an die tätige Mithilfe der Jugend bei der Linderung dieser? Not erinnert. Die soziale Arbeit ist uns eine Aufgabe, die — darüber sind wir uns einig — an allerer st er Stelle steht. Auch die Frage der B er ufs u msch ich tu ng in der jüdischen Jugend ist uns kein Problem mehr, sondern eine Aufgabe. Nachdem durch die Umwälzung in Deutschland uns der Zugang zu vielen früher verschlossenen Berufen offenliegt, .und nachdem uns die zionistische Jugend ein Stück Weges vorangegängen ist, darf es auch bei uns kein Zögern geben, die Aufgabe der Berufsumschichtung, oder besser bezeichnet, der Berufsverbreiterung in Angriff zu nehmen und dahin zu s streben, daß unsere Jugend, entsprechend ihrer Neigung, sich 'manuellen oder landwirtschaftlichen Berufen widmet. Wenn wir nun aber zu der Frage Deutschtum und Judentum und ihrer Synthese kommen, so tvird hier nach Ansicht vieler der Beginn unserer Problematik liegen. Und was über unser Deutschtum einerseits aus antisemitischer und deutschvölkischer, anderseits auf nationalzüdischer und zionistischer Seite geschrieben wird, kann wohl den Anschein erwecken, als liege hier ein wirkliches Problem vor. Und auch in unseren nichtzionistischen Reihen wird ja so gern von einer Zweiheit in unserem Wesen gesprochen, die wir immer wieder empfänden, wenn von unserer Vorzeit die Rede ist oder wenn wir Zeugen deutscher Vergangenheit sähen. Ich glaube, daß das Empfinden dieser Zweiheit, der Glaube, daß hier etwas Problematisches läge, nicht ungekünstelt ist. An sich liegen doch hier gar nicht widerstreitende Anschauungen vor, sondern Komplexe, die in ganz verschiedenen Ebenen liegen. So wenig wir die politische Ueberzeugung eines deutschen Revolutionärs, der 1848 eben dieser Ueberzeugung wegen floh, in einen Gegensatz zu seinem Deutschsein bringen, so wenig sollten wir bei uns einen Gegensatz konstruieren. Unser Deutschsein ist doch eine Tatsache, eine Gegebenheit. Hier liegt wirklich kein Problem, und man sollte auch hier kein Problem sehen! Wohl aber r st uns unser Deutschsein eine Ausgabe, deren wir uns vielleicht nicht immer in ihrem ganzen Umsange bewnßt sind. Wir müssen uns, was äußere Haltung und innere Disziplin anbetriffh noch weit mehr erziehen. Wir müssen uns dazu bringen, den Antisemitismus Nicht mit einer Eeisteshaltung unseren christlichen Volksgenossen .gegenüber zu erwidern, die in Unduldsamkeit und Ueberhebung einem Antisemitismus mit umgekehrten Vorzeichen sehr ähnlich Keht! Gerade den deutschjüdischen Jugendverbänden ziemte es, Ach dieser Ausgabe nachdrücklich anzunehmen. Die würdige Abwehr judengegnerischer Angriffe ist eine selbstverständliche Ausgabe, die aber frei jeder Problematik ist. Aber bei dem Wort Judentum — so merkwürdig das auch klingen mag — fängt unser Problem an. Hier erheben sich Fragen, auf die wirklich keine allgemeingültigen Antworten für unsere Zeit gegeben sind. Etwa — um das Problem genauer zu umreißen — die Frage nach dem Gemeinsamen, das heute noch alle Juden bindet. Die Stellungnahme zum Judentum im Sinne des Willens zum Aufbau, zur Fortentwicklung, oder dre Bereitschaft/es sterben zu lassen und es zu begraben. Und schließlich, wie stellen wir uns das künftige Leben unseres Judentums vor? Das Gemeinsame unter allen Juden zu finden, ist nicht bloß für den Zionisten wichtig, um damit den Aufbau Palästinas zu begründen. Auch wir müssen wisien, was uns, ob orthodox, ob liberal, heute noch bindet, mit welchem Recht wir für oder Wider die Einheits- und Separatgemeinde Stellung nehmen. Eine Einstellung zum Judentum mit dem Willen zum Aufbau, zur Erneuerung scheint uns selbstverständlich. Doch gibt es Kreise, denen diese Einstellung nicht ohne weiteres gegeben scheint. Zwingend folgt aber aus dem 'Erneuerungswillen die Notwendigkeit, nach einer Antwort auf die Frage nach der künftigen Gestaltung unseres Judentums zu suchen. Und der heute schon so gestiegene Mangel im Nachwuchs an Rabbinern und Lehrern zeigt uns, welche aktuelle Bedeutung diese Frage hat. Auch für den Zionisten existiert dieses Problem in seiner ganzen Schärfe. Denn der Aufbau Palästinas soll ja schließlich auch der Erneuerung des Judentums dienen, auf dir der Zionist hofft, wenn die Ansiedlung in Palästina erst erfolgt ist. Wir können durchaus die Frage stellen, warum erst und nur in Palästina diese Erneuerung? Seien wir uns darüber klar, daß im Grunde auch der Zionismus assimilieren will, allerdings in großem Maßstab, indem er die ganze politische und wirtschaftliche Daseinssorm des jüdischen Gemeinwesens in Palästina der staatlichen und wirtschaftlichen Existenz der europäischen Völker angleichen will. Aber mit dieser materiellen Sorge um kleine Teile der Judenheit ist die Frage nach der Fortexistenz des Juden t u m s nicht beantwortet. Vielleicht existiert das Problem nicht in seiner ganzen Schärfe für den orthodoxen deutschen Inden, weil sein Judentum ihm greifbarer, gegenständlicher ist und weil er in ihm nur unwandelbare Inhalte und Formen zu sehen gewohnt ist. Anderen, die die Entwicklung auch in unserem Judentum anerkennen, ist das Problem der Erneuerung das brennendste. Es ist mit der so verschwommenen Antwort, das Judentum müsse gelebt werden, nicht gelöst. Es ist nicht gelöst mit dem Hinweis auf die aktivistischen und optimistischen Züge des Judentums und auch nicht mit der allzu abstrakten Lösung Herrmann Cohens, dem in der Einzigkeit Gottes und in der Unendlichkeit der Aufgabe des Messias daS Judentum lag. Vielleicht umfaßt die Lösung all diese einzelnen Ant- SfttdhPttt'frlftrilf» Schulze: Zur beruflichen Ein. . stellung dev jüdischen Jugend. — Pfingstfreizeit der D. I. I. G. — Der Berliner Ili. — H. Arthur Thilo: Das Führerproblem. — Zur Düsselldorfer Tagung des neutralen Verbandes,