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Central-Verein-Zeitung · 1926-06-11 · 24 (11.6.1926) · p. Seite 325

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
24 (11.6.1926)
Date
1926-06-11
Page
Seite 325 (sequence 5)
Language
German
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325 Wilhelm väzsonpi. Ein ungarischer Staatsmann jüdischen Glaubens. Von VudaPest, Anfang Juni 1926. In einer seiner letzten Reden sagte Wilhelm Väzsonyi: Jude bin ich in der Synagoge, im öffentlichen Leben bin ich Ungar, wie jeder andere Ungar. Väzsonyi war der typische „ungarische Staatsbürger jüdischen Glaubens". So hoch er sein Judentum hielt, er übte es nur in der Synagoge und im Privatleben, als Politiker ließ er sich nie von konsessionellen Rücksichten beeinflussen. Daß ihm seine Gegner dennoch wiederholt konfessionelle Politik vorwarfen, kann weiter nicht wundernehmen, denn besonders in den letzten Jahren konnte man in Ungarn so manche peinliche Frage leicht erledigen, wenn man sagte: Die Juden wollen das oder jenes, also müssen wir das Gegenteil tun. Diese Taktik befolgte Graf Bethlen mit besonderem Erfolg in der Frankenf ä ls chu n g s a f f ä r e. Als Väzsonyi sich an die Spitze derjenigen stellte, die die rücksichtslose Aufdeckung der gehe r m e n Zusammenhänge der F ä l s ch e r a s s ä r e forderten, machte Bethlen mit einer geschickten Wendung aus der von Väzsonyi geleiteten Kampagne ein jüdisches Attentat gegen vas nationalistische Ungarn. Und es kann nicht geleugnet werden, daß er das mit nicht unwesentlichem Erfolg tat. Die wenigen noch erscheinenden rechtsradikalen Blätter griffen die Anregung begeistert auf, und als der--Prozeß 31t Ende ging, standen die Fälscher als nationale Helden und Väzsonyi und seine Getreuen als Franzosenknechte da. Sein mutiges Auftreten trug Väzsonyi auch einen Mordanschlag ein,, der aber mißlang. Doch Väzsonyi überlebte kaum den Prozeß, er' starb — nur 68 Jahre alt — in Baden bei Wien, wo er Erholung von den .unerhörten Aufregungen und Anstrengungen seines letzten großen politischen Kampfes gesucht hatte. Er hatte sich vollkonnnen aufgebraucht, wie eine Maschine den Dienst versagt, der man zuviel zugemutet hat. Für ein Menschenleben hat Väzsonyi Ungeheures geleistet, selbst wenn man. von der Geistes- und Nervenarbeit absreht, die er aufbringen mußte, um als Sohn eines jüdischen Dorflehrers den langen, steilen und mühsamen Weg bis zum Wirklichen Geheimen Rat, Minister und Volksführer zurückzulegen. Er begann seine Laufbahn wohl zu einer Zeit, wo Ungarn fast demonstrativ j u d e n f r e u n d l i ch war. Doch diese Stimmung beschränkte sich streng auf die Gesetzgebung imb die Handhabung der Gesetze, der gesellschaftliche- Antisemitismus blühte damals gerade so wie jetzt. Mikszäth kennzeichnete die damalige Stimmung treffend mit folgender Definition des Begriffes Antisemit: „Antisemit ist, wer den Inden über die Gebühr verabscheut." r Der politische Antisemitismus war damals vielleicht noch stärker als heute. Aristokratie und Gentry hielten die Politik und die Verwaltung für ihre ureigenste Domäne und betrachteten jeden, der sich in ihre Kreise drängte, als Feind und Revolutionär. Besonders von einem Juden war es ein tollkühnes Unternehmen, den erbgesessenen Herren in ihr Geschäft dreinreden zu wollen. Doch Väzsonyi erwarb -sich schon mit seinem ersten Auftreten als Student und als Journalist D großes Ansehen, daß er in wenigen Jahren das feudale System aus der Budapester Stadtverwaltung ausrotten und die Hauptstadt demokratisieren tonnte. Ja es wurde ihm sogar von der Regierung K die Anregung gemacht, sich auch zum Abgeordneten wählen zu r, „damit man endlich eine anständrge Opposition im Parlament sehe". Väzsonyi lehnte selbstverständlich ab, denn einerseits wollte er fernen Ruf als anständiger Mensch rechtfertigen, anderseits glaubte er selbst nicht, daß seine Kräfte zum Kampf gegen das feudale System m der Landesregierung und -Verwaltung ausreichen würden. Als Väzsonyi mit demokratischem Programm seinen politischen Kampf begann, wußte man in Ungarn nur in den gebildetsten Kreisen, was Demokratie überhaupt bedeuten solle. Es gab eigentliche nur Herren und Knechte in Ungarn, und beide Parteien hielten diesen Zustand für einen ganz natürlichen und unabänderlichen. Den Begriff tfiil^iliSSS9BRH8S£SBflBBIRäHflSBK9HflBSBl[llllililllliiliB99H59[HII[llBB8flBIHIHB9G9HIIB9 Der Morgen Zweimonatsschrift j ) 2. Jahrgang: Heft 2 ist soeben erschienen, |Aus dem Inhalt: Sophie Cassel: Salomon Maimon. — Friedrich fT h l e b e r g e r: Jona, Hiob und das Problem der Gerechtigkeit. — Ernst RobertCurtius: Henri Franck. — Robert Arnold Fritzsche: Erwägungen zu „Nathan dem Weisen“. — Ernst von Aster: Sigmund Freuds Bedeutung für die Psychologie. — Juli u s Bah: Goethe und die!Juden (Schluss). —Rudolf Hallo: Die S-hriftzeichen vom Sinai und das Problem der „heiligen“ Schrift (Schluss). — Julius Goldstein: Ist Fichte ein Gesinnungsgenosse der Völkischen? — Drei Brief e über FI. Günthers anthropologische Deutung der Erbsünde. —- Besprechungen: Julius Gold stein, Marianne Weber: Max Weber, ein Lebensbild. — * A Ifred Golds chraidt, Romain Rolland: „Beethoven“ — „Tolstoi“ — „Michelangelo“. —■ Carl Maria Kaufmann, Bruno Weil: Die jüdische Internationale. £ Zu beziehen durch Philo Verlag, Berlin SW 68, Lindenstr, 13. „Bürger" hat erst Väzsonhi in Ungarn heimisch gemacht. Vorläufig blieb allerdings er der einzige Burger. Aber sein Erziehungswerk -hat wenigstens in Budapest langsam Wurzel geschlagen, und wenn der Budapester auch heute noch nicht Vollbürger ist, so hat er doch von Väzsonyi gelernt, daß es auch so was grbt, und er bemüht sich, es selbst zu werden. Väzsonyis schönster Erfolg war wohl die Rückeroberung Budapests ans der Macht der Rechtsradikalen schon wenige Jahre nach der Gegenrevolution. In der Landespolitik freilich ist die feudale Reaktion zu fest verankert, als daß ein einziges Menschenleben zu ihrer erfolgreichen Bekämpfung ausreichte. Die Massen, aus die sich die Demokratie draußen in der Provinz stützen müßte, sind zum überwiegenden Teil noch die Kinder von Leibeigenen. Dort sielst man noch untertänigst den Hut vor dem Nachbar, der ein Joch Boden. mehr besitzt. „Juden und Judentum von heute." Ein Handbuch von I. Kreppel. Das Buch „Inden und Judentum von heut e"J Präsentiert sich als ein überaus stattlicher Band von 891 Seiten in guter Aufmachung, der beim ersten flüchtigen Durchblättern einen sehr befriedigenden Eindruck hinterlüßt, jedoch bei genauerem Studium zu manchen Beanstandungen Veranlassung gibt. Der Verfasser hat sich die schwere Ausgabe gestellt, in dem „Urwald von Fragen, Strömungen und Erscheinungen Politischer, kultureller und sozialer Natur" — genannt Judentum einen zuverlässigen Wegweiser zu errichtensein „Handbuch" soll Juden und Nichstjuden über „alle Gebiete der Judenfrage in a l l e n L ü n - d e r n objektiv und s a ch l i d>"2) orientieren. ■ Er weist mit Recht daraus hin, daß es bei der Kompliziertheit der verschiedenen Probleme außerordentlich schwer ist, ein solches Werk zu schassen; unseres Erachtens ist es schlechterdings unmöglich, daß ein einzelner die Aufgabe lösen könnte. Das Werk zeigt eine solche Fülle von Ungenauigkeiten, schiefen Urteilen, offenbaren Jrrtümevn, einseitigen Darstellungen, daß ein begründeter Hinweis hierauf als eine Notwendigkeit erscheint. Der Verfasser betont ausdrücklich, daß er eine ganz objektive Darstellung vom Judentum der Gegenwart geben - will. Zweifellos hat er sich auch bemüht, diesem Vorsatz treu zu bleiben. Da er aber von einer ganz bestimmten Einstellung aus die Dingr sieht, so gelingt es ihm nicht immer, sich von Sympathien und. Antipathien freizuhalten. Er betrachtet das jüdische Problem offenbar mit dem Blick des O st j u d e n, der für die Fragen und Bedürfnisse des westeuropäischen Judentums nicht immer das nötige Verständniszeigt. Ohne daß man ihn einen ausgesprochenen Zionisten nennen könnte, argumentiert er doch ganz unverkennbar ans der Geistes- und Gemütssphäre der n a t i 0 n a l j ü d i s ch e n Betrachtungsweise. Mit dem jüdischen „Volks"-Begrisf arbeitet er wie mit der größten Selbstverständlichkeit von der Welt, und er grollt „gewissen jüdischen Kreisen, die sich etwas auf ihre westliche Kultur einbilden". Da er aber anderseits der agudistischen Richtung nahezustehen scheint und mit dieser in der einseitigen Betonung nationaljüdischer Ideen eine Gefahr für den Bestand des religiösen Judentums erblicken muß, so hinterlüßt seine .Darstellung den Eindruck der Verworrenheit, Halbheit und Unsicherheit. Kreppel stellt das „jüdische Volk" in eine Reihe mit den Polen, Ukrainern, Serben, Italienern, Rumänen, Russen, Engländern usw. Deshalb wundert er sich dann, daß die Juden gezwungen waren, wahrend des Weltkrieges auf Seiten der verschiedensten Völker gegen die eigenen „Volksgenossen" zu kämpfen. Daß auch Katholiken und Protestanten der verschiedensten Nationen die Waffen gegen die eigenen G l a u b e n s b r ü d e r richten mußten, scheint ihm fremd zu sein. — Da die Juden nach Kreppel ein „Volk" sind, so erklärt er daS Hebräische zur „eigenen Nationalsprache", die nur so nebenher als die Sprache der Bibel und der Gebete bezeichnet wird. Es bleibt nur auffallend, daß man von dieser „Nationalsprache" des gesamten Volkes so wenig spürt, daß die Juden in den verschiedensten Ländern ihre andere Muttersprache haben und daß erst die jüngsten Versuche nationaljüdischer Kreise in Palästina mühselig ein jüdisches Volkstum auf der Grundlage der Hebraisierung des Landes zu schaffen trachten. ...... Während so Kreppel die Fiktion eines besonderen jüdischen Volkes mit eigener Nationalsprache aufrechterhält, dessen Glieder — mit geringen Ausnahmen (?) — „schon von der Ferne als Juden zu erkennen" sind, muß er doch anderseits zugeben, daß die „sogenannte jüdische Solidarität in politischer Hinsicht ins Reich der Legende gehört": die Völker müßten wissen, „wie näher der französische Jude in seiner Mentalität dem Franzosen steht, als dem polnischen Juden: wie sehr die jüdische Solidarität in der Regel charitativer Natur ist und fast nie irgendwelchen politischen Hintergrund hat . . . Unter keinen Umständen kann von einer jüdischen Solidarität politischer Natur die Rede sein". Um so mehr muß man sich dann allerdings wieder wundernwenn K. behauptet, der Versuch, die Juden-unter den Völkern, unter denen sie leben, geistig zu assimilieren, sei a priori zum Mißerfolg verurteilt gewesen. Soll man aber den Verfasser an Namen wie Mendelssohn, Rießer, S. R. Hirsch, Lazarus, Steinthal, Cohen-, \..... n ■ ..Mmalthea-Verta.g. Wien und Leipzig. 1928. . '?)' Disse und weitere Stellen aus Zitaten von uns gesperrt. Die Schristleittmg..

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