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Central-Verein-Zeitung · 1926-06-11 · 24 (11.6.1926) · p. Seite 323

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
24 (11.6.1926)
Date
1926-06-11
Page
Seite 323 (sequence 3)
Language
German
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Die Lanütagswahlen in Mecklenburg. von unserem nach Mecklenburg entsandten Sonderberichterstatter. Schwerin, 7. Juni 1926. Die wenigsten wissen es: die Deutschvolkischen Hallen nach der Wahl vom 17. Februar 1924 nicht 18, sondern 17 Vertreter im Mecklenburger Landtag. Aus der deutschnationalen Liste waren nämlich 4 Kandidaten der „Völkischen A r b e i t s g e m e t n - schaft", Judenfeinde in Reinkultur, in den Landtag gekommen. Die Deutschnationalen hatten gehofft, durch diese taktische Weisheit der Deutschvolkischen Freiheitspartei das Wasser abzugraben. D i e völkischeMitgiftblieb aber nach derEheschlietzung aus. Dre Deutschnationalen mußten die völkischen Arbeitsgemeinschastler allein wählen, weil deren Anhang für die Freiheits- Partei stimmte. Ein schlauer Schachzug der Herren v. Graefe und Genossen, die sich nunmehr aus 17 waschechte Judenhasser im Mecklenburger Parlament stutzen konnten. Als Herr v. Graefe mit Hitler brach, traten aus der Völkischen Freiheitsparter zwei Abgeordnete aus, die sich als „Nationalsozialistische Arbeiterpartei" selbständig machten. Die nationalsozialistische Gefahr bewirkte, . daß Arbeitsgemeinschaft und Freiheits- Partei ein Herz und eine Seele wurden und fortan nt der doppelten Kampfstellung gegen Deutfchnationale und Hitler- Partei Zweck und Ziel ihres Daseins erblickten. Solange Herr v. Graefe um die Seelen der Land- und Industriearbeiter rang, hatte er vollste Zustimmung der Deutschnationalen. Mit dem Augenblick aber, da die deutschnationale Führung mit Schrecken gewahren mußte, daß die Völkischen mit kommunistischen Methoden auch Neuland in dem altkonservativen ländlichen Besitz zu gewinnen suchten, war das Tischtuch zwischen Herrn v. Brandenstein und der Graefe-Partei zerschnitten. Die Deutschnationalen erkannten, daß sie in dem völkischen Dorado Mecklenburg allmählich ihre Selbständigkeit verlieren mußten, und in ihrer Verzweiflung gaben sie bei einer unpassenden Gelegenheit, unmittelbar vor dem Volksentscheid, ihre Zustimmung zur Landtagsauflösung. Der deutschnationale Führer Dr. Knebusch hat es allen, die es hören wollten, vor der Wahl gesagt: „Ich weiß, daß wir unterliegen werden. Mögen sich die Rechtskreise nach den Wahlen bei den Völkischen dafür bedanken, die Mecklenburg kapnttregieren wollten." Ein Prophetenwort, wie die Neuwahlen am 6. Juni gezeigt haben: 6 0 00 0 deutschnationale Stimmen gegen 95 000 im Februar 1924; 29000 Graefe- und Hitler-Leute gegen 63000 in der völkischen Hochkonjunktur. Hieße es nicht Katastrophenpolitik treiben, man könnte wünschen, daß die Völkischen überall zur Regierung kommen, um ihre Anhängerzahl zu dezimieren. Gr! Herrn v. Graefe in. Rostock. Man muß auch seinem Gegner Gerechtigkeit widerfahren lassen. Wenn Herr v. Graefe nicht während des ganzen Wahlkampfes in Stadt und Land unermüdlich Wahlhilfe geleistet hätte, die Völkischen hätten nicht einmal fünf Abgeordnete in den neuen Landtag hinübergerettet. Während Arthur Dint er: aus Weimar am Abend vor der Wahl vor einem kleinen Kreise nationalsozialistischer Arbeiter in Rostock sprach, hatte der Berliner Albrecht v. Graefe — v. Graefe ist geborener Berliner, also nur ein Adoptivsohn Mecklenburgs — in der dortigen Tonhalle ein vollbesetztes Haus. Ich sah keinen Grund, mich in die Auseinandersetzung mit den Deutschnationalen hineinzumischen und — schwieg. Wir Centralvereinler kämpfen ja nicht um des Kampfes willen. Wie gut und klug die Beschränkung aus das Zuhören war, ergab die Aussprache, die allein ein Kommunist bestritt. Der griff die völkische Partei u. a. an, weil ihre Abgeordneten, die am liebsten jeden Morgen und jeden Abend einen Juden verspeisen möchten, im Landtage dem Staats- Zuschuß für die jüdische Religionsgemeinschaft tn Mecklenburg-Schwerin zugestimmt hätten. Es war für Herrn v. Graefe sicherlich eine der peinlichsten Minuten seines Lebens, als er diesen Akt der Loyalität verteidigen mußte. Und Herr v. Graefe sprach: „Wir Völkischen werden uns nie dazu hergeben, die jüdische Religion zn bekämpfen. Die jüdische Religion ist nun einmal staatlich anerkannt, und da müssen wir dieser Religionsgemeinschaft den staatlichen Zuschuß genau so geben wie den Katholiken und Protestanten. Uns ist ein gläubiger Jude Lieber als ein Resormjude, und zehnmal Lieber als ein getaufter. (Lebhafte Zustimmung.) Das wäre ein gehässiger Antisemitismus, wenn er sich auch gegen die jüdische Religion richten würde!" Es ist gar nicht auszudenken, was sich ereignet hätte, wenn Herr Theodor Fritsch zufällig im Saale anwesend gewesen wäre. Hat Herr v. Graefe es auf den Ruin des schönen, blühenden Geschäfts seiner Freunde um Fritsch abgesehen? Im Gstfeeba- WarnernünLe. In der Rostocker Versammlung hatte der einzige Diskussionsredner den Beweis erbringen wollen, wie schnell bergab es mit den Völkischen in Mecklenburg geht. Kein Geringerer als Graf v. Reventlow habe in Warnemünde eine Wahlrede vor 25 Leuten halten müssen, darunter zum großen Teil völkische Kurgäste, die sich in Warnemünde besonders wohlfühlten. Stürmische Zurufe: Juden, Juden! Tags darauf hatte ich Gelegenheit, bei schönstem Sonntagswetter am Warnemünder Strand Umschau zu halten, die sofort die stürmischen Zuruse der völkischen Rostocker Lügen strafte. Ich habe kaum einen Juden gesehen. Worauf die Leere in der Revenlow- Bersammlung in Warnemünde zurückzusühren war, zeigte abends in Schwerin lehrreich ein Blick in das Extrablatt. Während 1924 in Warnemünde 783 deutschvölkische Stimmen abgegeben wurden, waren es dieses Mal —- horribile dictu — 169 Stimmen. Die Hitler-Partei brachte es auf ganze 6 — in Worten seckM — Stimmzettel. Derselbe Reinigungsprozeß vollzog sich auch in dem völkischen B r u n s h a u p t e n, wo die Deutschvolkischen von rund 850 abgegebenen Stimmen 10 Prozent, die Hitler-Partei 2 Stimmen erhielten. In Bad Doberan ging die Völkische Freiheitspartei, von 1151 auf 299 Stimmen zurück. Borkum macht Schule. Judenhaß ist selbst für den Grafen Reventlow in Warnemünde kein Geschäft mehr. M öem Marktplatz in Wismar. Die altehrwürdige Seestadt Wismar war nach den Wahlen im Jahre 1924 zu eigenartiger Berühmtheit gelangt. Von rund 13 000 abgegebenen Stimmen hatte die Deutschvölkische Freiheitspartei 4889 aus sich vereinigt. Mit Stolz wiesen die Völkischen darauf hin, daß sie in einer Jndustriezentrale festen Fuß gefaßt und soviel Wühler für die völkische Ideen gesammelt hatten, wie die Sozialdemokraten und Kommunisten zusammen. Wer in Mecklenburger Wahlergebnisse von 7919—192b. Parteien Wahle« 1919 1920 1921 1924 1926 Deutschnationale 8 14 15 19 12 Völkische . . . . — — — 13 5 Volkspartei . . . 8 10 12 6 4 Demokraten . . . 17 4 3 2 2 Sozialdemokraten . 32 28 28 15 2€ Kommunisten . . . — 4 3 9 3 Wirtschaftspartei — — — — 3 Mieter ..... — — — — 1 z u s a m m e n GO 60 61 63 SO") ♦) Verringerte Zahl der Abgeordneten. den Nachmittagsstunden des 6. Juni auf dem unvergleichlich reizvollen Marktplatz zu Wismar den Wagenpark von Automobilen und elega/.ten Jagdgespannen vor dem Hotel „Stadt Hamburg" sich stauen sah, der bekam einen kleinen Einblick in die gewaltigen Kraftanstrengungen, die die Wahlhilfe „Schwarzweißrot" der vereinigten Deutschnationalen, Völkischen und Volkspartetler machte, um säumige Wähler an die Wahlurne zu schleppen. Und wer abends die Hochstimmung unter den das deutschnationale Blatt „Die Wismarer Zeitung" belagernden Arbeitermassen bei Verkündigung der Resultate aus der Stadt beobachten konnte, der wußte, daß die völkische H o ch b lt r g im Sturme genommen w a r. 1548 völkischen und 186 nationalsozialistischen Stimmen standen 4920 sozialistische und 1711 kommunistische Stimmen, die ihrerseits stark zurückgegangen waren, gegenüber. Besonders bemerkenswert ist die klägliche Niederlage der Nationalsozialisten, die sich'für den Abend vor der Wahl keinen Geringeren als Adolf Hitler in höchsteigener Person für die Schützenhalle, den größten Saal der Stadt, verschrieben hatten- Schweriner Eindrücke. In der Landeshauptstadt hatten die Deutschvolkischen den absolut größten Stimmen rückgang, war doch ihre Wählerzahl von 4540 auf 1109 zusammengeschrumpft, die 345 nationalsozialistischen Stimmen nicht miteingerechnet. Hier ließ sich mathematisch ausrechnen, daß der gesamte Verlust der Völkischen den Sozialdemokraten und Demokraten Zugute gekommen war, die 3400 bzw. 500 Stimmen in Schwerin gewannen. In einer Rücksprache mit einem führenden Politiker ließ ich mich über die neue politische Konstellation in Mecklenburg-Schwerin ausklären. Von 60 Abgeordneten des neuen Landtags verfügen die Deutschnationalen und Völkischen über insgesamt 17 Stimmen. Da die Volkspartei im alten Landtag bei allen Abstimmungen mit den Deutschnationalen Hand in Hand gearbeitet hat, muß angenommen werden, daß man ihre 4 Stimmen den 17 wird hinzusügen müssen. Auf

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