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Central-Verein-Zeitung · 1926-05-28 · 22 (28.5.1926) · p. Seite 302

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
22 (28.5.1926)
Date
1926-05-28
Page
Seite 302 (sequence 6)
Language
German
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302 Selbstdisziplin. Rochus Freiherr v. Rheinbaben an Den deutschen Adel. Die Staatsumwälzung hat in Deutschland den Adel entthront, hat die Herrschaft jenes kleinen Kreises gebrochen, der bis dahin berufen schien, die Führerschaft im Reich und den Ländern zu übernehmen. Kein Wunder, daß die meisten Angehörigen jener einst so mächtigen Aristokratie heute der Republik und Demokratie, die nur den Adel des Geistes und der Staatsgefinnung als Ideal kennt, grollen und sie bekämpfen. Aus der Schicht dieser Depo^sevierten klingt uns inuner wieder das Wort der „Iüben* republik" entgegen, als ob sie ihre Entmachtung nur den Juden zu verdanken habe. „Man soll jetzt von dem Adel die Selbstdisziplin verlangen, dem Vaterlande zu dienen, auch wenn ihm — einer Minorität — die Staatsform nicht Paßt, die gegenwärtig von der Mehrheit des deutschen Volkes als gegeben angesehen wird." Mit diesen^ Worten begegnet Rochus Freiherr v. Rheinbaben, der 'Lohn des ehemaligen Preußischen Finanzministers, in seinem kürzlich erschienenen Buche „A n den deutschen Adel" (Georg Stille, Berlin, 1926) den Klagen seiner früheren Standesgenossen. Er verlangt, daß gerade der Adel sich als Hüter großer Traditionen bewußt für den neuen Staat einsetze und nicht abseits stehen bleibe, und erinnert an die Tatsache, „daß derselbe Adel, der heute nach einem Bismarck ruft, ihm seinerzeit nur widerstrebend gefolgt ist". Wie damals die Preußischen Adeligen nicht den Mut hatten, „aus dem engen Kreise des föderalistischen Denkens herauszutreten, um reichsdeutsch zu fühlen", so würde heute jeder, der eine Verständigungspolitik verlange, von ihnen als „verweichlichter Pazifist" verschrien. Rheinbaben halt eine Politik des Rationalismus für überlebt: „Was sind nationale selbständige Gruppen . . . was sind Spielarten der Nationalitäten und Nassen?" Diese Fragen aufwersen heißt „die Unbeantwortbarkeit der Fragen feststellen". Heute beginnt sich das europäische Gefühl Zu bilden. Aus diesem Grunde billigt Rheinbaben die deutsche Außenpolitik der letzten Zeit. „Ein kluger Ade l," so meinte er, „sollte die Zeichen der Zeit erkennen und sollte verstehen, sich zum Führer und Exponenten der Ideen 31t machen, von denen die k ü n s t i g e E nt Wicklung Deutschlands beherrscht sein wird." Es wäre zu wünschen, daß diese kluge Schrift nicht nur vom deutschen Adel, sondern von allen jenen gelesen würde, die zwar bürgerlich geboren sind, aber glauben, nur die arische Abstammung sei das Merkmal eines deutschen Patrioten. K. Z. Huhe. / Wochenbetrachtung. Wenn es in den langen Friedenszeiten bis zum Ansbruch des Weltkrieges vielleicht so manchen Menschen in unserem Vaterlande gab, der sich nach einem frischen und fröhlichen Kriege sehnte, so dürften die nunmehr bald verflossenen zwölf Jahre aufreibender und erschöpfender Kämpfe und Kriege wohl dazu beigetragen haben, diese Sehnsucht in reichstem Maße zu befriedigen. Wie früher nach Kampf, so sehnt man sich heute nach Ruhe, nach Frieden, nach stiller, unbehelligter Arbeit. Das gleiche gilt noch mehr bei der jüdischen Gemeinschaft. Für sie Zählen die Jahre des Kampfes nach Jahrtausenden. Darf es uns wundern, wenn das Bedürfnis nach Ruhe in ihrer Mitte noch ein weit größeres ist als bei den andern? Doch ans welchem Wege können wir die uns allen so bitter nötige Ruhe gewinnen? Die Heilige Schrift erzählt uns von der Lager- und Wanderordnung Israels in der Wüste. Es heißt da: „Und die Bundeslade des Ewigen zog einen Weg von drei Tagen vor ihnen her, um ihnen die Ruhestätte auszukundschaften." Dazu bemerkt der Erklärer R aschi: Es war dieselbe Bundeslade, die ihnen im Kamps voranging. In ihr lagen die zerbrochenen Tafeln. Sie zog ihren eigenen Weg von drei Tagen voraus, um ihnen die Ruhe auszukundschaften. Es wird uns nun einmal nicht erspart bleiben. Wir müssen weiter kämpfen, ringen und streiten. Aber das Ziel des Kampfes muß ein neues sein. Es heißt nicht mehr Ruhm und Lorbeer, Machterweiterung, Unterdrückung der Gegner, Sieg und Triumph. Es nennt sich vielmehr Ruhe, Frieden, Ausgleich, Harmonie, gemeinsames Arbeiten in dem ewigen Menschheitsringen mit Leid und Not, Unrecht und Gewalt. Als Vorbereitung für dieses Ringen bedarf es einer allgemeinen Reinigung und Läuterung. Wir müssen an die zerbrochenen Vundestafeln denken, die uns erinnern an unsere große, immer wieder sich erneuernde Schuld, an das Sinken unseres gläubigen Gottvertranens, an Anbetung des goldenen Kalbes, an unsere Schwäche gegenüber den unheilvollen Mächten des Materialismus und der Sinnenlust. Ein Erfolg kann unserem Ringen nur beschieden sein, wenn die Bundeslade uns vorangeht, wenn wir die zerbrochenen Tafeln erneuern, wenn die uralten Ideale des Gottesgedankens und der Menschenliebe uns wieder begeistern. Hier ruhen die Wurzeln unserer Kraft. Wandern wir, wie Israel inder Wüste, dem gelobten Lande entgegen! Aus Befehl des Ewigen lagerten sie, und auf Befehl des Ewigen brachen sie auf. Des Ewigen Gebot beobachteten sie, wie Mose ihnen den Befehl überbrachte. Hoffniarm. lieber Hücher unü Zeitschriften. Sr. H. R 0 st: Die Verquickung von Religion und Politik in der preußisch-deutschen Geschichte. — Wilhelm Stapel: Deutsches Volkstum. — Werner Hege mann: Fridericus oder das Königsopser. — Rudolf Stammler: Sie Lehre vom richtigen Recht. — Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal: Gesammelte Schriften. Wer die Literatur der jüngsten Zeit aus die Fragen durchsieht, die den Centra herein beschäftigen, und dabei sich besonders dem Studium der Schriften über Sozialphikosophie, Volkswirtschaft und Jurisprudenz widmet, dem wird aufsallen, in wie starker Beziehung ein großer Teil aller Probleme unseres öffentlichen Lebens zu der Stellung des Judentums im gesamten deutschen Volk steht. Meist ist dieser Zusammenhang nur dem erkennbar, der in die Tiefen der einzelnen Bewegungen einzudringen vermag. Hier zeigt sich aber, wie die Judenschaft und die ihr zugrunde liegenden Prinzipien die Gesamtentwicklung eines Volkes in allen seinen Erscheinungen auf das wesentlichste beschäftigen. In einem Werk des bekannten Augsburger Redakteurs Dr. H. Ross: „Die »Verquickung' von Religion und Politik in der preußisch-deutschen G e - f ch i ch t e" *) lesen wir, in wachem Umfange unsere katholischen Mitbürger namentlich in: preußischen, aber auch im Staatsleben anderer Länder, zurückgesetzt worden sinh, wie man sie genau so, wie es jetzt mit den Juden geschieht, allgemein als Fremde im Staate behandelt, wie selbst eine so große Persönlichkeit, wie es Kaiser Friedrich gewesen ist, sich zu dem Ausdruck hinreißen lassen konnte: „Ein Parlament, worin hundert Mitglieder sitzen, die nicht als Deutsche, sondern als Fremde zu betrachten sind, das ist das größte Unglück und das Unleidlichste von allem", und wir erkennen, wie sehr sich das deutsche Volt durch diese geradezu unheilvolle Unklarheit in den Grundbegriffen seine eigene Existenz schädigte und schwächte. Wir sehen in dem Buch mit erschreckender Deutlichkeit, welche furchtbaren Schicksale Gelehrte katholischen Bekenntnisses aus sich nehmen mußten, um zu ihrer verdienten Wertung und zur Entfaltung ihrer Talente zu gelangen. Wir lesen, wie viele große Männer, zu denen wir alle in Ehrfurcht ansblicken, Jahrzehnte ihres Lebens verbittert im Schmollwinkel stehen mußten, weil sie als Katholiken die verdiente Beförderung nicht erhielten, und wir wünschen dann, daß alle Kreise des deutschen Volkes den unverbrüchlichen Willen zeigen sollten, die Menschen nach ihrem Wert für die Allgemeinheit, nach der Stärke ihrer Persönlichkeit, nach ihrem Wissen, und nicht nach ihrem religiösen Bekenntnis zu beurteilen. Leider hat der Verfasser dieses Buches, das in so furchtbarer Weise Quellen der Ungerechtigkeit aufdeckt, den Juden gegenüber selbst keineswegs überall die Gerechtigkeit walten lassen, die man von ihm erwarten sollte. Aber seine jetzigen Studien werden ihn wohl in bezug auf die Frage der Gleichstellung des jüdischen Elements im Staate von manchem Vorurteil befreit haben; sie werden Katholiken und Protestanten Zeigen, wie bedenklich sich Ungerechtigkeit im Staatsleben auswirkt, und sie werden auf der anderen Seite unsere jüdischen Mitbürger davon überzeugen, daß nur durch zielbewußtes Kämpfen gegen alle die Elemente, die aus Selbstsucht ihr Uebelwollen in Staat und Gesellschaft treiben, ein Erfolg erzielt werden kann. Dieses Uebelwollen zeigt sich vielfach bei Schriftstellern, die an sich — wenigstens äußerlich genommen — durch die Art ihrer Darstellung und durch die Flüssigkeit ihres Stiles den Eindruck des gerecht empfindenden Führers der öffentlichen Meinung Hervorrufen möchten. Hier ist in erster Reihe Wilhelm Stapel zu nennen, mit dessen völkischer Theorie sich Professor Dr. Gold stein im neuesten Heft des „M 0 r g e n" besaßt hat. Erst der kleinere Teil seiner überaus bedeutsamen Abhandlung ist veröffentlicht. Man wird deshalb mit ihrer Würdigung noch warten müssen. Die Gefährlichkeit der Stapelschen Methode beweist die von ihm herausgegebene, in weiten Kreisen verbreitete Monatsschrift „Deutsches Volkstum". Die leitenden Aufsätze sind häufig vorzüglich, aber unter den „Kleinen Beiträgen" und in der Spalte „Der Beobachter" finden sich in fast jeder Nummer hetzerische Beiträge schlimmster Art. So finden wir im Aprilheft des „Deutschen Volkstums" unter der Ueberschrist „Kerr grimmt Grimm" einen kritischen Angriff auf einen Aufsatz von Kerr, der kürzlich aus die angebliche Unzweckmäßigkeit der Unterhaltung von Kindern mit den Grimmschen Märchen hingewiesen hat. Wir haben zu dieser Frage nicht Stellung zu nehmen. Was sollen wir aber sagen, wenn Stapel in der an sich sachlichen Auseinandersetzung, in der natürlich die verschiedensten Meinungen möglich sind, zum Schluß äußert: 1926, Literur. Institut von Haas u. Grabherv in Augsburg«

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