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Central-Verein-Zeitung · 1926-05-28 · 22 (28.5.1926) · p. Seite 301

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
22 (28.5.1926)
Date
1926-05-28
Page
Seite 301 (sequence 5)
Language
German
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301 Mische Sorgen am M. Tausende jüdische Familien aus der Zigaretten« industrie verdrängt — Wachsendes Elend — Schule« und Fortbildungsvercine — Hilfe durch die Neueingewanderten — Blühendesgeistiges Leben. Kairo, Anfang Mai 192 6. RBSSSBBSBBBBSSHBBBBBBBBBBEBBBBBBßBBBBBaBB |Der Morgen ö Herausgeber und Schrirtleitung: Professor Dr. Julius Goldstein, 11 Darmstadt, Beckstrasse 87. Verlag: Philo Verlag, Berlin SW 68, B| Lind-enstr.13, III. Postscheckkonto: Philo Verlag, Berlin83312. B Druck: Roetherdruck G.m.b.H., Darmstadt, Bleickstrasse 24. Mit Stolz und Genugtuung versichern die ägyptischen Juden, sie Hütten seit weit über ein Jahrtausend an den Ufern des Nils ihre Wohnsitze errichtet und niemals Aegypten verlassen. Seitdem der große Pharao seinen Zorn über die Kinder Israels ergossen hatte und diese der Stätte -ihrer Bedrückung fluchtartig den Rücken wandten, hat keine Regierung Aegyptens jemals Juden außer Landes gewiesen oder mit Feuer und Schwert verfolgt. Eine seltene und erfreuliche Feststellung, kennt man etwa die Geschichte der Juden im benachbarten Palästina, um von Europa ganz zu schweigen. Leider hat diese Tatsache einen gewissen Wohlstand bei der Mehrzahl nicht hervorzurufen vermocht. Etwas Aehnliches hat sich herausgebildet wie bei den Arabern der Umwelt. Eine schwerreiche, dünne Overschicht, eine kleinere Anzahl Existenzen eines sich leidlich ernährenden Bürgertums und dann die große, große Masse der Armen, die heute nicht wissen, wie sie morgen ihre bescheidenen Ansprüche aus das Stückchen Brot erfüllenwerden. Dabei haben die ägyptischen Juden niemals die Hilfe auswärtiger Juden erfahren; denn nirgends in der Welt weiß man etwas von der bitteren Armut unter ihnen. Vor Zwanzig Jahren war die Lage bester. Sehr viele Juden arbeiteten in der Z i g a x c 11 e n i n d n st r i e, in der sie als die besten Arbeiter geschätzt waren. Die Kriegssurie auf dem Balkan wrb in Kleinasien trieb große Scharen von Griechen und Armeniern in das gastliche Aegypten, und die großen Fabrik- Herren aus der Zigarettenindustrie, die weltbekannten Kyriaci, Matossian, Melkonian, selbst Griechen und Armenier, stellten ihre Landsleute, die in der Zigarettenindustrie bewandert waren, ein und entließen allmählich die jüdischen Arbeiter. So sind in den letzten zwanzig Jahren nach vorsichtiger Schätzung etwa fünf- bis sechstausend jüdische Familien aus der Zigarettenindustrie verdrängt worden. Ein gewaltiger geldlicher Ausfall. Für die Herstellung von 1000 Zigaretten wurden 20 Piaster, etwa 4 Mark, gezahlt. und da manche Geschickte dreitausend Zigaretten täglich herstellten, so hatten manche 300 Mark Monatseinkommen. Die Hausindustrie, in der emsige Frauensinger die Zigarettenhülsen herstellten, ist vollkommen ans jüdischen Händen genommen. Die zahlreichen Handwerker, die auch arabische Kundschaft hatten, bekamen eine starke Konkurrenz durch die Gründung von Handwerkerschnlen der Regierung, für die Lord Crom er, Englands größter Generalkonsul in Aegypten, sich seinerzeit kräftig eingesetzt hat. Die Juden hielten sich von ihnen fern. Biele trieben das Hausierergewerbe in den Kaffees und auf den Straßen; viele verkauften Lose der fast täglich veranstalteten Lotterien. Aber selbst diese bescheidenen Berufe üben sie nur heute noch in geringer Anzahl aus, und während man vor zwanzig Jahren kaum einen anderen Loshändler als einen jüdisckM sah, sieht man heute nur mohammedanische Jungen, die ihre Lose in den Straßen singend anpreisen. So hat sich die Bettelei vermehrt, und da Gesundheitspflege und Wohnungshygiene unbekannte Dinge für die breiten Schichten des Orients sind, so sind auch die Krankheiten unter den ägyptischen Juden nicht geringer geworden. Kundige Augenärzte meinen sogar, daß trotz umfassender Maßnahmen der Negierung in den letzten Jahren selbst die Augenkrankheiten und das besonders gefährliche Trachom sich gegen früher vermehrt haben. Schulbildung und vernünftige Aufklärung sind geeignete Mittel, eine Gesundheitspflege anzubahnen. Aber bis vor wenigen Jahren war es damit in Aegypten schlecht bestellt. Die Alliance Israelite Universelle unterhielt eine Schule in Kairo. Sie mußte aber Schulgeld nehmen, und damit war trotz mancher Freistelle für arme Kinder keine Möglichkeit des Schulbesuches durch die ärmeren Schichten gegeben. Eine kleine Schule in der Judengasse fristete ein sehr bescheidenes Dasein. Das Schulwesen hat sich nun in den letzten Jahrzehnten Zweifellos gehoben. Auch der Gegner hat anzuerkennen, daß zionistische Arbeit auf dem Schulgebiet manches Gute gefördert hat. Die Schule in der Judengaste wurde verbessert. Eine zweite Schule entstand in dem von Inden zahlreich bewohnten Abbasijje- Biertel. Auch Jünglings- und Fortbildungsvereine bildeten sich. Aber es fehlte an so vielem in der großen Kairoer Judengemeinde von 30 000 Köpfen. Gewiß hatten die alteingesessenen Kairoer jüdischen Familien, die K a t t a o u i, die Messer i, stets eine wohltätige Hand, und wer an ehren Geschäftshäusern vor über kam, dem fiel die Schar von Bettlern und Bittstellern auf. Aber die Planmäßigkeit fehlte. Und erst in den letzten Jahrzehnten sind für die jüdische Gemeinde Kairos dank der Großzügigkeit eingewanderter Juden, dank der Freigebigkeit der alteingesessenen ein Hospital, dessen Baukosten 40 000 ägyptische Pfund betrugen, ein Waisenhaus und andere Wohltätigkeitsanstalten errichtet worden. H H H 2. Jahrgang: Heft 2 erscheint am 1. Juni Inhalt des zweiten Heftes: Sophie Cassel: Salomon Mainion. Friedrich Thleberger: Jona, Hiob und das Problem der Gerechtigkeit. Ernst Robert Curtius: Henri Franck. Robert Arnold Fritzsche: Erwägungen zu „Nathan dem Weisen“. Ernst von Aster: Sigmund Freuds Bedeutung für die Psychologie, Julius Bab: Goethe und die Juden (Schluss). Rudolf Hallo: Die Schriftzeichen vom Sinai und das Problem der „heiligen“ Schrift (Schluss), Julius Goldstein: ist Fichte eia Gesinnungsgenosse der Völkischen? Drei Briefe über H. Günthers anthropologische Deutung der Erbsünde. Besprechungen: Julius Goldstein, Marianne Weber: Max Weber, ein Lebensbild. Alfred Goldschmidt, Romain Rolland: „Beethoven“ — „Tolstoi“ — „Michelangelo“. Carl Maria Kaufmann, Bruno Weil: Die jüdische Internationale. Bel der Redaktion eingegangene Bücher. Zu beziehen durch Philo Verlag, Berlin SW68, Lindenstrasse 13. m m m W m a HS a B 35 B B Damit ist einiges getan, um dem Elend das Wasser abzugraben. Aber wieviel fehlt noch und wieviel wird geschehen müssen, um der gewaltigen Armut und den schrecklichen Krankheiten unter den Juden Aegyptens ein Paroli zu bieten. Vielleicht sind die in den letzten zwanzig Jahren Eingewanderten berufen, Abhilfe zu bringen. Die wirtschaftliche günstige Entwicklung Aegyptens und gewisse Drangsalierungen in der Heimat veranlnßten eine Anzahl verrnögender Inden aus Aleppo, Damaskus und Saloniki nach dem Nillande überzusiedeln. Sie brachten Geld mit, aber sie brachten mehr mit: Regsamkeit, Sprachkenntniffe und eine tüchtige Portion Energie und Fleiß. Sie entwickelten eifrige Handelstätigkeit und mehrere von ihnen gründeten mit ungeheurem Erfolg sich immer weiter vergrößernde Geschäftshäuser. Namen wie Palacci, Cykurcl und andere , die vor 20 Jahren in keinem Wreßbnch Kairos zu finden waren, sind heute stadtbekannt und bedeuten gewaltige Warenhäuser in Aegypten, die sich mit namhaften deutschen Häusern messen können. Viele der Eingewanderten, die Sprachkenntnisse besaßen und auch gute Schulbildung, kamen bei den Banken unter und in dem besonders im Orient wichtigen Berufe des Kommissionärs, der die Vermittlung zwischen dem ausländischen Fabrikanten und dem einheimischen Kaufmann besorgt. Auch auf geistigem Gebiete ist manches Ersreuliche zu berichten. Das religiöse Oberhaupt der Gemeinde ist seit kurzem der Ch a ch a mb et sch i Nachu m aus Konstantinopel. Für die Klugheit und die .Kenntnisse dieses Mannes spricht die einzigartige Tatsache, daß NachumeineZeitlang als jungtürkischer Botschafter in Washington tätig war. Bekannt ist, daß der Oberrabbiner im Orient von der Negierung als kirchliche Autorität anerkannt wird, daß er, wie die christlichen Kirchenhäupter und Konsuln, seinen Kawassen hat, und daß er eigene geistliche Gerichtsbarkeit Zusammen mit dem Rabbinatskollegium ausübt. Ja, die Negierung stellt für die Gerichtsverhandlungen Polizei. Chachlunbaschi Nachum, ein Schüler des Pariser Rabbiner seminars, hat sich mit dem Studium der Archive der Gemeinde befaßt, und wertvolle wissenschaftliche Entdeckungen stehen bevor. Urkunden in arabischer und hebräischer Sprache des 11., 14. und 16. Jahrhunderts, die die Verhältnisse der arabischen Regierung zur Gemeinde, und die inneren Angelegenheiten der Gemeinde behandeln, hat er ans Tageslicht gezogen; eine Gesellschaft znm Studium der jüdischen Geschichte ist gegründet, und bald werden wir richtunggebende Veröffentlichungen in der geplanten Zeitschrift der Gesellschaft zu erwarten haben. So regt sich das geistige Leben erfreulich. Möge auch mit ähnlicher Frische der Bedrängnis und der Not tausender ägyptischer Juden entgegengearbeitet werden. Dr, Alfred Wiener

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