Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 22 (28.5.1926)
- Date
- 1926-05-28
- Page
- Seite 300 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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300 Vö'lkifthe Lprlk. Marschgesänge der NalronaLsoziallsten. Die begeisternde Wirkung der Musik und des Marschliedes für Soldaten und 'Wanderer ist allgemein geschätzt. Deshalb Pflegen die Führer solcher Trupps stets zur Steigerung der Leistungen ihrer Untergebenen aus Musik und Lied bei anstrengenden Märschen größten Wert zu legen. Gerade das deutsche Wanderlied mit seiner leisen Melancholie im Text wie in der Melodie ist ja weltbekannt. Man behauptet, daß der gemütvolle und edle Charakter des einfachen deutschen Menschen hierbei am stärksten zum Ausdruck kommt. Wie solche Theorien sehlgehen können, zeigen einige Liedertexte, die von den nationalsozialistischen Sturmtrupps in der letzten Zeit besonders in Oberschlesien gesungen worden sind. Zum Beispiel (nach der Melodie „Die Klingelsee", auch ein klassisches deutsches Volkslied!): „Hallo, die Synagoge brennt, / Die Sara steht im Hemd, Und der Herr Rabbiner / Sammelt seine Hühner, Um sie zu führen ins gelobte Land." Oder nach der Melodie „Blauäuglein" (ein amerikanischer Foxtrott- Liedtext): „Hakenkreuz und Stahlhelm, / Schwarzweißrotcs Band, Sturmkolonne Hitler / Werden wir genannt. Schmeißt sie raus, die ganze Judenbande, Schmeißt sie raus aus imfcrni Vaterlande. Laßt sie ziehen nach Jerusalem, Hackt ihnen die Beene ab Sonst komm'n sie wieder hcem." Ein weiterer Liedertext: „Und wenn sie uns die Stiesel / Auch mit Kaviar beschmieren- Wir lassen uns von Juden, / Von Juden nicht regieren. Blut muß fließen! Dreimal Blut!" ist allerdings, wahrscheinlich nach Belehrung durch einen rechtskundigen Kumpanen, nicht weiter benutzt worden. „Wo einer singt, da lass' dich ruhig nieder; böse Menschen haben keine Lieder", sagt ein alter Studentenvers. Er mag auch umgekehrt seine Richtigkeit haben. tticiens. Die Eööa-Gesellfthast in Dinkelsbühl. Die echten „Arier". Der bekannte westdeutsche Dramatiker und Schriftsteller Karl Nötiger teilt «uns folgendes Erlebnis mit, da er hofft, durch seine Veröffentlichung gegen die Verhetzung durch Rassenfanatismus, der ja ebenso schlimm ist wie religiöser Fanatismus, zu wirken. „Die Edda-Gefellschaft in Dinkelsbühl ist ein rein „arisckes" Unternehmen. Sie sandte mir ein Paarmal Probenummern ihrer Zeitschrift; und höflich, wie ich bin, schrieb ich der Gesellschaft, ich bäte ergebenst, keine Probenummern mehr zu senden, da ich mit dem Inhalt des Blattes nicht übereinstimme. (Das Blatt ist antisemitisch und liest aus der Edda eine, meines Erachtens urimögliche Phantastik und „Weisheit", die im wesentlichen Gebräu ihrer Interpreten ist). Ich deutete an, daß ich Christ sei und mit dem Antisemitismus nicht sympathisiere. Da das Blatt von nur nicht beftelltwar, war ich zu einer Abbestellung nicht verpflichtet; ich bestellte aber gleichwohl ab, um der Gesellschaft unnötige Kosten zu ersparen. Nun ermesse man die Höflichkeit und Vornehmheit dieser Brenschen aus der nachstehenden offenen Postkarte, die als Antwort ans meine Höflichkeitshandluug mir, ohne Anrede, ins Haus gesandt wurde und wohl als eine mich anrempelnde Maßregelung betrachtet werden mutz: „Dinkelsbühl (Mittelsranken), 30. 3. 26. Sie befinden sich im Irrtum. Wir sind keine Antisemiten, sondern deutsche Arier und dadurch selbstverständlich unterschieden vom Inden, der der Feind jedes anständigen Menschen. Sofern Sie das bisher noch nicht erkannt haben, sind Sie weder Christ noch Antisemit." Das unterschreibt Frau oder Fräulein Annelies v. Bülow; mit anderen Worten: jeder Jude ist ein Schurke, jeder „Arier" selbstredend davon „unterschieden" und also ein vornehmer Mensch. Und da ich das nicht einzusehen vermag, bin ich natürlich ein Idiot oder mindestens ein Döskopp. Das ist schon nicht mehr grotesk lächerlich, das ist gemeingefährlich. Es ist eine niederträchtige Lehre, von einem Volke zu sagen, es sei in allen seinen Vertretern gemein und unanständig — wie es gemeingefährlich und schwachsinnig ist, von einem anderen Volke zu sagen, es sei in allen seinen Vertretern gut, edel oder vollkommen. Mit derlei kann man schlechterdings nicht diskutieren. Gemeingefährlich ist es auch deswegen, weil solches ebenso -hochmütige wie schwachsinnige Denken nicht auf dem Wege des Deutschen liegen darf, denn sonst, weiß Gott, kann er sich „begraben lassen". Es ist eine zu niedrige Ethik, die aus solchen Worten spricht. Ich Din Christ und als solcher gegen allen nationalen Hochmut. Ich habe mir erlaubt, Frau oder Fräulein Annelies v. Bülow zu antworten, nicht auf offener Postkarte, sondern im Brief, wie folgt: „Frau oder Fräulein Annelies von Bülow, Dinkelsbühl. Sehr geehrte Dame! Wenn alle „Arier" Ihrer Richtung so wenig gute Form haben, so will ich erst recht nicht mit ihnen und Ihnen zu tun haben. Ich hatte Ihnen höflich mitgeteilt, daß ich mit dem Inhalt Ihrer Blätter nicht übereinstimme und bäte, von weiterer Zusendung abzusehen. Der Zweck einer solchen Mitteilung war klar: Sie vor werteren unnötigen Ausgaben zu bewahren, die Ihnen durch die Zusendung der von mir nicht bestellten Blätter entstanden. Das konnten Sie stillschweigend zur Kenntnis nehmen und die Sache erledigt sein lassen. Statt dessen rempeln Sie mich auf offener Postkarte au und maßregeln mich. Ich lehne das entschieden ab. Ihre Behauptung, daß alle Juden eo ipso die Feinde aller anständigen Menschen seien, ist zu wahnwitzig, um sie zu diskutieren. Aber natürlich, wer Ihrer Ansicht nicht folgt, ist böswillig oder dumm; schon gut! schon gut! dergleichen grenzt ans Monos manische. Es ist auch darüber nicht zu diskutieren. Ohne Ihren „arischen Gruß" erwidern zu können hochachtend Karl Röttger.* Internationale Zer Frieühofsfthänöer. Synagoge und Friedhof in Pornmerellen beschädigt. Der Ehrgeiz, hinter den deutschen Gesinnungsgenossen n i ch t z urückzubleiben, hat die polnischen Antisemiten nicht ruhen lassen. In Schön eck haben diese Herren die Synagoge und den Friedhof zum Gegenstand ihrer bübischen Betätigung gemacht. Der V o r - Hof der S y n a g o g e ist mit alten Pferde-, Ziegen-, Hammelsüßen, Knochen und altem Eisen und Gerümpel belegt worden. Dann verschafften sich die Uebeltäter durch Zerschlagen der unteren Fenster Eingang in das Innere der Synagoge und trieben dort ihr Unwesen, indem sie unter anderem den Altar mit Men schenkst besudelten. Auch Verwüstungen auf dem Friedhof durch Umstürzen von Grabsteinen und Beschädigung von Grabplatten sind v o r g e k o m m e n. Die Angelegenheit ist der Polizei übergeben worden, doch sind die Täter bisher noch nicht ermittelt. Diesseits wie jenseits der Grenzen — par nobile iratruml Gesinnung In Prozenten. Rundschreiben des Gelsenkirchener Stahlhelms. Der „Stahlhelm" in Gelsenkirchen hat an die Gewerbetreibenden ein Rundschreiben gerichtet, in dem er mitteilt, daß er für seine Mitglieder ein Handbuch heranszugeben beabsichtigt, „in welchem alle für die Stahlhelmer empfehlenswerten Gewerbetreibenden ausgenommen werden sollen". Es wird dann im Text daraus hingewiesen, daß die Stahlhelmgruppe mehrere tausend Mann betrage, so daß die Aufnahme einer Adresse in das Verzeichnis eine gute Neklamewirkung bedeute. Besonderer Wert wird darauf gelegt, daß jeder Gewerbetreibende hinter seiner Anzeige den Prozentsatz des Rabattes angibt, den er den Stahlhelmern einzuräumen gewillt ist. Das Formular, das die Firmeninhaber zu unterzeichnen haben, hat folgenden Wortlaut: „Ich lege keinen Wert darauf, daß Stahlhelmkameraden bei mir kaufen. Ich lege Wert daraus, daß Stahlhelmkarneraden bei mir kaufen, und bitte um Aufnahme in das Handbuch. Ich rärnne den Stahlhelmkameraden bei Vorzeigung des Mitgliedbuches ... Prozent Rabatt — keinen Rabatt — ein. Ich bescheinige, daß meine Firma nicht jüdisch ist. Branche... Straße und Nummer ... Name und Firmenbezeichnung... (Nichtzutreffendes streichen!) Unterschrift."' Sicherlich werden von jetzt ab die Abzeichenfabrikanten den „Stahlhelm" mit eingeprägtem Prozents eichen % liefern. Hg. Unser Kampf. Ein Urteil von Professor Carl Maria Kaufmann. Professor Carl Maria Kaufmann veröffentliche in berN soeben erscheinenden Juniheft der von Pro-fessor Julius G o I d » ft e i n (Dar im st a d t) herausge-g^benen Zwe-imonaLsschrift „D e v M arge n" eine Besprechung des Buches „Die jüdische Internationale" von 'Dr. Bruno Weil, von der mir ihrer Bedeutung wegen den ersten Absatz in> diesem Blatt zum Abdruck bringen möchten. „Der Verleumdungsfeldzug gegen die Juden hat seit dem Kriege groteske Formen angenommen. Der Jude ist an allem schuld, an allem politischen, wirtschaftlichen, sozialen, religiösen Elend. Er ist halt Prügelknabe, aus den die urterlslose, von unwissenden und boshasten Demagogen verführte Masse immer wieder einhant. Wir Katholiken kennen diesen Haß, diese Verleumdungen, diese Verfemung, diese aus der ganzen Welt und aus allen Zeiten zusammengetragenen Mätzchen und Skandalgeschichten, wir kennen sie aus der Kulturkampszeit, und wir haben immer noch darunter zu leiden. Wir haben uns gewehrt, und wir konnten es, denn wir hatten nicht nur das Recht aus unserer Seite, sondern Millionen katholischer Männer, die sich um die Zentrumssahnen scharten, und hinter uns stand die ungeheure Macht der katholischen Kirche. Es gibt aber nur 15 Millionen Juden in der Welt und nur etwa 600 000 in Deutschland. Ihnen fehlt also die Macht der Zahl, die in der Demokratie ausschlaggebend ist, ihnen steht nur das gute Recht zur Seite. Und man muh es den deutschen Juden lassen, besonders denjenigen, die im „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" organisiert find: den harten Kamps um ihr Recht und ihre Ehre führen sie tapfer, geschickt und in vornehmer Weise."