Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 22 (28.5.1926)
- Date
- 1926-05-28
- Page
- Seite 298 (sequence 2)
- Language
- German
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298 Solange diese Agitation der Insel wirtschaftliche Vorteile brachte, hatten die Inselbewohner wenig an ihr auszusetzen. Aber das heftige Naturell dieses Geistlichen brachte es bald mit sich, daß Reibungen der verschiedensten Art nickst ausblieben, und als er Politische Gegner mit persönlichen Verleumdungen zu bekämpfen begann-, als er gegen Mißliebige die scharfe Waffe des Boykotts anwandte, verließ einer nach dem andern das Feldlager des streitbaren Herrn Münchmeyer, und er sah sich bald einer geschlossenen Phalanx von Gegnern gegenüber. * In einem fast zwei Wochen dauernden Prozeß, der uns eine Woche auf der Insel Borkum selbst sesthielt, — aus der uns, Ironie des Schicksals! — eine fast erdrückende Gastfreundschaft von aufrechten, unvoreingenommenen Menschen erwiesen wurde, — und nachdem der von mir angeregte Vergleich mit der Kirchenbehörde gescheitert war, in weiterer Verhandlung vor dem Gericht in Emden, ist der Fall Münchmeyer abgehandelt worden. Denn um einen „Fall Münchmeher" handelte es sich in diesem Verfahren, das weit über die Grenzen Deutschlands Interesse gesunden hat, obwohl formell die Anklage gegen den evangelischen Verfasser und zwei jüdische Verbreiter der Broschüre „Der falsche Priester oder der Kannibalenhäuptling der Nordseeinsulaner" gerichtet war. An dieser Stelle können die Einzelheiten der Verhandlung, die zudem sich aus einer demnächst erscheinenden Zusammenfassung entnehmen lasten, nicht wiedergegeben werden. Hier sind nur die Schlußfolgerungen zu ziehen, und ein Gesamtüberblick zu versuchen: Was hat der Prozeß M ü n ch m e y e r ergeben? Borkum ist ein Gebiet, in das jahrzehntelang Juden nicht kommen dursten. Was dichterische Phantasie in beit Romanen „Die Stadt ohne Juden" und „Berlin ohne Juden" ersonnen hatte, war auf dem meermnspülten Borkum Wahrheit geworden. Ja, die Verhältniste lagen dort für die völkische Theorie insofern noch besonders günstig, als es sich um eine Insel handelte, -von der unliebsamer Einfluß leicht ferngehalten werden kann, da nur der Strang des Schisssweges sie mit dem Festland verbindet. Ist dieses judenreine Eiland nuix zur Insel der Seligen geworden? Es wäre vermessen, zu sagen, die abscheulichen Zustände, die sich auf der Insel h-erausgebildet haben, seien entstanden, weil es keine Juden dort gibt. Aber Herr Pfarrer Münchmeyer hat von dieser seiner Insel selbst gesagt, daß nirgends so viel gelogen werde, w'e aus ihr, und er hat den Krieg aller gegen alle, der dort entstanden ist, ohne zu merken, wie sehr er sich damit selbst ironisierte, in beredten Worten geschildert. Und in. der Tat, die verhetzende Tätigkeit M ü n ch m e y e r s hat es zuwege gebracht, daß die Insel dicht am Rande des Bürgerkrieges steht, daß aus ihr ein Maß von Haß und Neid, Verleumdung und Scheelsucht si ch e i n g en i st e L hat, das nicht ü L e r b o t e n werden kann; daß die Gerichte sich des Ansturms von Strafanzeigen, die die Bewohner gegeneinander erstatten, kaum erwehren können. Die Bevölkerung der Insel ist in zwei Teile geteilt, die sich aufs schärfste gegenüberstehen; alle bösen Instinkte in den Menschen sind aufs tiefste aufgerührt. Wenn jemals eine Idee Fiasko g e m a ch t hat und durch Ereignisse ihre Sinnlosigkeit erwiesen werden konnte, so ist dies aus der Insel Borkum ges ch e h e n. Es ist der Beweis erbracht, daß Judenreinheit keineswegs ein Bessersein bedeutet — ja, daß das Fehlen dieses Vevölkerungsteils und die Unmöglichkeit, sich mit ihm auseinanderznsetzen, den Streit der Vorhandenen noch viel heftiger entfacht; daß von einer sittlichen, geistigen, ethischen Überlegenheit, daß von der Herauszüchtung eines Menschenkreises, in dem Juden nicht zu finden sind, in nichts die Rede sein kann. Künftigen Generationen wird, wenn niemand von den Romanen der Städte ohne Juden mehr sprechen wird, das Beispiel von Borkum als der „Insel ohne Juden'" zur guten Lehre dienen können. Das zweite Ergebnis des Prozesses ist, daß an einem Beispiel gezeigt werden konnte, wie wenig Legitimation HerrPfarrer Münchmeyer, dieser Vorkämpfer völkischen Lebens, zum sittlichen Erneuerer mit sich brachte. Es ist eine peinliche Aufgabe. vor Gericht die sittlichen Qualitäten eines Gegners untersuchen zu müssen, aber eine, wie auch das Gericht anerkannte, unumgängliche Notwendigkeit gegenüber einem Manne, der selbst mit höchstem Pathos die Unsittlichkeit all derer verkündet, die ihm sachlich als Gegner gegenüber» stehen; und der sich nicht genug damit tun kann, von 8en Juden als G e s a m t h ei t ein schwarz in schwarz gemaltes Bild zu entwerfen, in dem Lichtseiten überhaupt nicht zu finden sind. Diesem Vorkämpfer für völkische Erneuerung hat das Große Schöffengericht in Emden ein Urteil ausgestellt, wie es vernichtender kaum je ausgesprochen wurde, Die Verurteilung der Angeklagten wegen formaler Beleidigung tritt dahinter ganz zurück. Das Gericht sah es als erwiesen an, daß Pfarrer Münchmeyer mit Recht ein falscher Priester genannt worden ist. In der Begründung des Vorsitzenden prasselten die schärfsten Vorwürfe fortgesetzt in solcher Weise auf Münchmeyer nieder, wurde ihm fortgesetzt in so starken Worten seine Unwürdigkeit, als Priester tätig zu sein, vorgehalten und falsches Priestertum bescheinigt, daß auch der Gegner sich Regungen menschlichen Mitleids mit dieser gefallener: Größe nicht entschlagen konnte. Als besonders interessantes Resultat der Verhandlung ist noch zu buchen die Erklärung des Direktors Leborius, Leiters des größten Hotels auf der Insel, „Koehlers Strand- Hotel", daß ihm Juden jederzeit als Gäste willkommen seien, und daß er auch in der Lage sein werde, sie gegen Angriffe zu schützen. Dazu das amüsante Angebot des Besitzers des zweitgrößten Hotels: Man möge doch von jüdischer Seite sein Hotel aufkaufen, er werde gern dann Direktor bleiben. Es sollen hieraus keine weitgehenden Schlüsse gezogen werden. Aber der T u r m wankt, und wie diese Leute werden viele andere auf Borkum nach dem Ergebnis des Prozesses in sich gehen und ihre Stellung, zur Judenfrage erneut einer Prüfung unterziehen. Pfarrer Münchmeher freilich gibt sich noch nicht gHschlagen. Er wettert in den öffentlichen Versammlungen gegen seine Beleidiger und deren jüdischen Verteidiger, und man wird ihm das Recht der Schimpssreiheit nach diesen Niederlage in gewissem Umfange zuerkennen müssen. Noch am Abend nach der Urteilsverkündung legte er sein Amt als Pfarrer nieder, offenbar, um dem erneut augekündigten Disziplinarverfahren zu entgehen, das mit seiner Amtsentsetzung hätte enden müssen, wre er aber erklärte, um ungehindert undfrei den Kamps für die völkische Erneuerung führen zu können. Es ist anzunehmen, daß das letzte Wort zu der Frage der freiwilligen Amtsniederlegung nicht gesprochen ist und die oberste Kir-chenbehörde, entgegen den Zeitungsmeldungen, sich ihren Standpunkt noch Vorbehalten hat. Aber, wie dem auch sei: der Geistliche Münchmeyer war in weitestgehendem Maße durch sein Kleid und die allgemein seinem Stande erwiesene Achtung geschützt. Der völkische Agitator Münchmeyer kann solche Rücksichten nicht mehr verlangen. In dem großen Reinigungsprozeß, der sich im deutschen Volke vollzieht, der aber nicht Juden von Christen, sondern diejenigen, die an der Erneuerung des Vaterlandes im besten Sinne arbeiten und zu seiner Gesundung alles, was in ihren Kräften liegt, beitragen wollen, scheidet von denen, denen nur an der llnt-erhöhlnng des Staates, an dem Unfrieden zwischen seinen Bürgern und innerem Streit und Zank gelegen ist, bildet der Fall B o r k u m ein wichtiges Kapitel. Er hat die Unmöglichkeit der völkisch-antis e m i t i s ch e n D o k t r i n d a r g e t a n. Er hat den hohlen Unterbau gezeigt, auf dem ihre Bekenner bauen wollen, und er hat die mangelnden menschlichen Qualitäten eines Mannes dargetan, der. sich selbst als sittlicher Erneuerer betrachtet, der aber in Wirklichkeit nur ein Tyrann in kleinem Format gewesen ist. Er mußte fallen, sobald einmal sein unheilvolles Wirken in der gesamten Oessentlichkeit gezeigt werden konnte. Und mir persönlich hat er noch ein anderes gebracht, einender höchsten und ergreifendsten Augenblicke in langjähriger Arbeit im deutschen Judentum: das war, als auf dieser auf ihre.Judenreinheit bisher so stolzen Insel, in dem improvisierten Gerichtssaal des Rathauses, vor überfülltem Zuhörerraum der Angeklagte Dr. Charig sein Bekenntnis zu Deutschtum und Judentum ablegte und atemlose Stille die tiefe Ergriffenheit aller dieser bis dahin dem deutschen Judentum teils gleichgültig, teils feindlich gegenüberstehendeü Menschen bewies. Sinnfällig trat vor Augen, was doch die Erziehungsarbeit von Jahrzehnten aus dem deutschen Juden gemacht hat, und trostreich in die Zukunft weisend sähen wir, wie das aufrechte Bekenmtnis zur Heimat und zum Glauben auch die Uebelwollendsten in seinen Bann, zieht.