Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 22 (28.5.1926)
- Date
- 1926-05-28
- Page
- Seite 297 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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' " ' -- ",p —'- -r ■ 7—v- ~ ‘ ’ v / Sertt», 2S. Mal 192$ V. Jahrgang ❖ Nr. 22 rinzelnumm« IS GslSpfennig Mrkmt l#ütt Plöllrr fürSeatfedlmnW iin£Tsutefttism SrMm Ses üuKülMeedrs fawkhit?Ul££emeine Zeitung des Judentums Monalsabonnement 40 Goldpfennig zuzüglich Bestellgelü _ Verlag u. Schriftleitung: Berlin 8^ VS, Lindenstr.lS« Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594,8595. .:. Postscheckkonto: Berlin S04 72..:. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube G, Berlin Sw 68, Lirwenstr. 7, und von (Loldschmidt-Rothschild & Co., Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoneen-Lxpedition Rudolf Moffe, Berlin SW IS, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 JUL für die 7gespaltene Feile nach Rudolf Moste» Normalzeit« nmeffer Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder d. Centralvereins 0,45 JtM, die 90 mm breite Reklamezeile 4,80 Jl<M, / Von DrVvmw Wett (Vertttt) Die Insel Borkum ist die westlichste der deutschen Nordseeinseln: an ihrem Horizont hebt sich schon das holländische Gebiet ab. Sie hat seit Jahrzehnten einen Ehrentitel darin erblickst judenrein genannt zu werden. Die Inselbewohner behaupten, daß sie selbst nicht in besonderem Maße antisemitisch eingestellt seien; es sei aber der Wunsch der nach Borkum kommenden Badegäste gewesen, Inden den Zutritt zu der Insel zu verwehren, und sie hätten diesem Begehren aus leicht begreiflichen Gründen Widerstand nicht entgegensetzen können. Ihren Gefühlen gaben seit langen Jahren die Badegäste an jedem Nachmittag durch ein- oder mehrmaliges Absingen jenes häßlichen Liedes Ausdruck, das, zur Verhöhnung der Juden bestimmt, unter dem Namen „Borkum-Lied" der Insel wenig beneidenswerten Ruhm gebracht hat. Schon im Jahre 1908 hat der Hildesheimer Oberbürgermeister Struckmann im preußischen Herrenhaus gegen die auf Borkum herrschenden Mißstände Stellung genommen, „weil sie die öffentliche Ruhe, Sicherheit und Ordnung störten, und darum im staatlichen Interesse nicht ferner geduldet werden dürften". Die preußische Staatsregierung erklärte damals durch den Minister des Innern v. Moltke: „Nach den gemeinschaftlich von dem Herrn Justizminister und mir angestellten Ermittlungen ist es nicht möglich, strafrechtlich gegen das bloße Absingen dieses Liedes vorzugehen." Bis zum Kriege blieben die Dinge im wesentlichen unverändert. Mit Kriegsbeginn ward Borkum Festung; der vorgeschobenste Posten gegen England. Eine zahlreiche Garnison wurde auf die Insel gelegt: bei allen Regimentern Juden, deren Anwesenheit nicht allein von niemandem zum Anlaß irgendwelcher Beschwerden gemacht wurde, vielmehr, wie wir auf der Insel selbst gesehen haben, freundschaftliche Beziehungen aller Art sich entwickeln ließ. Nach der Umwälzung versuchte! dis Regierung, in die unhaltbaren Verhältnisse aus der Insel, die einen Teil des deutschen Bodens dem Zutritt deutscher Volksgenossen dauernd entzog, Bresche zu schlagen. Der Badekapelle wurde von dem zuständigen Landrat das Spielen des Borkum- Liedes verboten. Das Amtsgericht Emden erließ darauf eine als juristisches Kuriosum geradezu berühmt gewordene einstweilige Verfügung, in der den Staatsbehörden bei Androhung einer Geldstrafe von 100 000 Goldmark untersagt wurde, das Verbot des Spielens des Borkum-Liedes durch die Kurkapelle aufrechtzuerhalten oder zur Anwendung zu bringen. Der alle Kompetenzen außer acht lassende Beschluß des Emdener Richters wurde natürlich ausgehoben. Aber auch die Staatsregierung vermochte mit ihrem Verbot nicht durchzudringen, da schließlich das Oberverwaltungsgericht unter dem Vorsitz des Senatspräsidenten Drews die Verfügung aufhob. Seit dieser Zeit wird auf Borkum während der Saison zu jeder Tages- und Nachtzeit das Borkum-Lied ge» jungen und gespielt. Die treibende Kraft in dem Kampf um das Lied ist seit seinem Erscheinen auf der Insel im Jahre 1920 Pfarrer Münchmeyer gewesen. In Wort und Schrift hat er gegen die Staatsregierung die schärfste Stellung genommen und unter dem Titel „Borkum, die deutsche Insel" im Jahre 1923 in erster und im August 1925 in zweiter Auflage eine Broschüre veröffentlicht, deren größter Teil der Bekämpfung des „internationalen" Judentums und der Darstellung seines „Sieges" über die preußische Staatsregierung gewidmet war. Vom Deu tsch nat i o n a l en entwickelte sich Herr Pfarrer Münchmeyer sehr bald zum ausgesprochenen völkischen Parteimann, nachdem er zwischendurch welfische Agitation! getrieben und gelegentlich auch in Zeitungsinseraten dem Reich hatte drohen wollen, die Insel werde sich unter holländischen Schutz stellen. Dieser, vom stärksten Fanatismus getriebene Mann sah in der Insel bald nur mehr seine Kanzel, von der aus er für seine völkische Idee gegen Inden und Katholiken wirken k ö n n e. Er wollte Borkum zum Ausgangspunkt der völkischen Erneuerung Deutschlands machen; von dort sollte die deutsche Wiedergeburt, frei von jüdischem Einfluß, erfolgen. So schrieb er: „An einer kleinen Stelle beginnt jede Krankheit zu heilen, wenn die Vorbedingungen dazu gegeben sind, und eine Heilung ist möglich, wenn irgendwo ein noch so kleines Zentrum gesunder Kräfte energisch Widerstand leistet. Möge dies das deutsche Borkum sein, im deutschen Meer! Eins der letzten festen deutschen Bollwerke, das nicht füllt, und von dem Anregungen und damit Kräfte zur Gesundung unseres kranken Dolles ausgehen können und sollen!" Indem Herr Münchmeher in jedem Sommer zwanzig- bis dreißigtausend Kurgäste glaubte in völkischem Sinne beeinflussen! zu können, sollte ein immer größerer Kreis von Menschen feinen Juden- und Katholikenhah durch ganz Deutschland tragen. A«s dem Anhalt: Vockum. Don Dr. Äruno Weil (Serlin). WerMige Kiste Wagt Vri-lken... Don Professor Dr. (S. Seligmann. Seite 299. Jüdische Sorgen am M. Von Dr. Alfred Wiener. Seite 301.