Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 20 (14.5.1926)
- Date
- 1926-05-14
- Page
- Seite 272 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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' 272 Ter dritte Angeklagte ist Lazarus PelS, Laatje, wie ihn, den Juden, hier in Borkum jeder nennt und freudig begrüßt. Seit dreißig Jahren ist er unzählige Male geschäftlich auf Borkum gewesen. Und man hört auch gelegentlich einer Zeugenaussage, daß man zu Lieferungen, für die man leistungsfähige Firmen brauche, jüdische heranziehe. Drei Tage währt nun schon die Verhandlung. Wollte man alles Material, das die Verteidigung gegen Münchmeyer in Händen hat, Vorbringen, so könnte sie noch Wochen währen. Wie mit geschickter und scharfer Taktik die Verteidiger, insbesondere Dr. Weil durch feine Kreuzverhöre, den Nebenkläger von Stunde 31t Stunde zu erschüttern vermochten, wie im Empfinden aller An w es e n - d e n M ü n ch m e h e r zum eigentlichen A n g e k l a g t e n wurde, wie Punkt für Punkt festgestellt wird, welchen ungeheuerlichen Terror er auf der Insel in jeder Richtung a u s ü b t e, wie die pikante Geschichte nachts im Krankenhause bestätigt wurde — das alles gehört im einzelnen nicht in dieses Blatt. In wenigen Tagen wird in Borkum eine Broschüre erscheinen, die alles Wesentliche hierüber enthalten wird. Alfred Harschberg. Deiitschnalionale, Völkische und Zungdo. Wahlkampf in Mecklenburg. Mit beispielloser Heftigkeit wird in Mecklenburg der Wahlkampf zwischen Deutschnationalen und den Völkischen unter Führung des in Mecklenburg beheimateten Herrn v. Graefe geführt. Die Völkischen werfen den Deutschnationalen vor, daß sie einen „Verleumdungsseldzug abstoßendster Art" gegen die Völkischen in Szene gesetzt haben, und drohen, daß sie nunmehr „den Volksbetrug" der Deutschnationalen vor aller Welt an den Pranger stellen werden. Herr v. Graefe ersieht aus der Tatsache, daß deutschnationale Minister und deutschnationale Parteiführer sich zur „Plumpesten Wahlmache" verleiten lassen und die „einfachsten Wahrheiten in ihr krassestes Gegenteil umsälschen", einen Beweis dafür, wie weit die politische Moral bereits vergiftet ist und wie „verheerend der jüdische Geist S chu le gemacht hat". Das Wort von den „weißen Juden" gewinne in verhängnisvollem Umsange Bedeutung. Herr v. Graefe ist flegesfroh und glaubt, daß, wenn das Mecklenburger Volk nicht mit Blindheit geschlagen ist, die Deutschnationalen eine schwere Niederlage bei den Wahlen aiit 13. Juni erleiden werden. Völkischer Enteignnngsanlrag im Reichstage gefallen. Wie aus den Zeitungen hinreichend bekannt geworden, ist der „Entwurs eines Gesetzes über Enteignung des Vermögens der Banku n d B ö r s e n f ü r st e n und anderer Votksparasiten" im Reichstag abgelehnt worden. Für diesen vier Artikel umfassenden Gesetzentwurf stimmten die Völkischen und einige Konservative. Die Kommunisten hatten durch ihren Fraktionsredner Rofenberg erklären lasten, daß sie für den Artikel 1 des Entwurfes, der ihnen sympathisch sei, stimmen. Obwohl der deutschnationale Abgeordnete Schultz (Bromberg) für ll e b e r w e i s u n g . an den Ausschuß eingetreten war, weil der völkische Antrag auf eine Wunde, die vom Volke schwer empfunden wird, weise^ auch wenn der Entwurf in der vorliegenden Fassung unannehmbar sei) wütet die völkische Presse gegen den „Verrat der Teutschnationaleu" in allen Tonarten. Die Kluft zwischen Deutschnationalen und Völkischere sei durch diese Abstimmung nur noch größer geworden, und man werde diese Feigheit durch Einlegung eines neuen völkischen Kurses in der Deutschnationalen Partei nicht wieder gutmachen können'. Mahraun über vie Ziele Des Jungdo. Am 8. Mai fand in Hannover eine Tagung der Groß-Ballei Braunschweig-Hannover des I u n g d e u t s ch e n Ordens statt. Der Hochmeister des Jungdo, Arthur M a h r a u n, entwickelte bei dieser Gelegenheit vor Pressevertretern das Programm des'' I u rr gd e u ts che n O r d e n s. Er erklärte mit Nachdruck, daß Jungdeutscher Orden und politische Parteien sich wie Feuer und Master gegenüberständen und daß der Jungdo der Anregung, mit den nationalen Parteien Fühlung zu nehmen, nLern als entsprechen werde. Das Wort „Einigkeit" bedeute nichts, solange es nicht den Begriff der Reinlichkeit in sich schließe. Der Wehrgedanke, erklärte Mahraun weiter, sei für den Jungdeutschen Orden eine Selbstverständlichkeit, jedoch nur im vsimic sittlicher Ertüchtigung und der Einordnung in Manneszucht und Disziplin. Das Ziel der jungdeutschen Bewegung sei der Bolksstaat. Was in Italien der Fascismus geschaffen habe, müffe in Deutschland zur Tat werden. Mit starker Betonung sagte Mahraun der PlutokraLie der vaterländischen Verbände den Kamps an. Die „Deutsche Zeitung" bestreitet in einem Kommentar zu dieser Rede, daß es eine PlutokraLie der vaterländischen Verbünde gäbe. Von PlutokraLie könne inan nur da sprechen, wo aus Industrie - und sonstigen Kreisen reichliche Geldmittel fließen. Auch aus dieser Polemik geht hervor, wie sehr sich allmählich die Gegensätze zwischen Jungdo und vaterländischen Verbänden zuspitzen. die düsselöorfer Gefolek. Aus der Abteilung „Hygiene der Juden". Am 8. Mni fand die Eröffnung der Abteilung „Hygiene der Juden." statt. Anwesend waren Vorstand und Repräsentanten der Synagogengemeinde Düsseldorf, die Beamten der Synagogengemeinde und die in Düsseldorf ansässigen und anwesenden Mitarbeiter. Der Vorsitzende des Vorstandes der Synagogengemeinde, Herr Erich Felsenthal, wies in seiner Eröffnungsrede auf die 'Bedeutung der Ausstellung a!ls lebendes Ehrenmal jüdischen Geistes und sozialer Fürsorge hin. MitWorten des Dankes an seine persönlichen Mitarbeiter und die zahlreichen jüdischen Organisationen, die das Werk unterstützt haben, erklärte er die Ausstellung für eröffnet. Alsdann gaben Rabbiner Dr. Mar E schelib a ch e r (Duffeldors), vr. me<1. et MI. Adolf S i n ü l e r (Düsseldorf), beide Mitglieder der örtlichen Eeschästsleitnng, endlich Dr. Otto Neustetter, der technische Leiter der Ausstellung, einen kurzen Aebcrblick über die geistigen Grundlagen und die Gliederung der Ausstellung. Auf der großen Düsseldorfer „Ausstellung für Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen" nimmt der Pavillon, der die Ueberschrift „H y g i e n e der I lr d e n" trägt, nur einen bescheidenen Platz ein. Was er darbietet, ist gleichwohl von großer Bedeutung. Zum erstemnal bot sich Gelegenheit, über die weitausgreifende Arbeit der Wohlfahrtspflege jeglicher Art, der Gesundheits-, Wirtschafts- und Jugendfürsorge, die von jüdischen Stellen in Deutschland seit langer Zeit durchgeführt wird, zusammensassssend 31t berichten, zugleich aber einen Einblick in den wrchtigen Anteil zu geben, den das Judentum überhaupt an der Geschichte und Entwicklung der Maßnahmen zum Wöhle der Menschheit hat. Es ließe sich sogar denken, daß man die unsterblichen Kulturtaten der jüdischen Religionssatzungen für die soziale Ordnung und die lebenskräftige Erhaltung menschlicher Gemeinschaften noch schärfer und einleuchtender darstellen könnte. Vor Jahrtausenden wurden hier Einrichtungen geschaffen und durch ihre Stempelung zu göttlichen Geboten aufs strengste als unverbrüchlich und allgemeinverbindlich aufgestellt, die bis auf den heutigen Tag als Fundamente der gesamten Bestrebungen gelten dürfen, in deren Umkreis sich der riesenhafte Düsseldorfer Anschauungsunterricht bewegt. Zwar sucht der Zentralraum des Pavillons in wohlgelungenen Reliefs des Bildhauers Flei s ch h a ck e r einige der Ideen zu veranschaulichen, die hier in erster Linie in Betracht kommen. Wir sehen da die durch religiöse Vorschriften zum Gesetz gemachte „Absonderung der Aussätzigen", die Verteilung des Ernteanteils an die Armen, die auf solche Gabe unbedingten Anspruch hatten, die Sorge für die „Reinheit der Speisen", für die „Heiligkeit der Ehe" und vor allem die „Sabbatruhe", die von unvergleichlicher Klugheit und Güte ersonnene regelmäßige und absolute Arbeitspause für jedermann, für Herr und Knecht, deren Einsetzung allein eine soziale Großtat höchsten Ranges gewesen ist. Ich hätte mir gewünscht, daß die Weltbedeutung dieser und ähnlicher Verfügungen des Alten Testaments noch sichtbarer hervorgehoben würde. Alle diese Dinge beschränken sich in ihrer Auswirkung nicht auf das Judentum, sondern sind der ganzen Menschheit Zugute gekommen. Innerhalb der Grenzen jedoch, die man sich nun einmal zog, ist das Material mit großem Geschick ausgebreitet. Die gesamten Reliefs werden ergänzt durch anziehende kleine Dioramen, in denen hygienische und sanitäre Maßnahmen, wie etwa die Geschirr- „Sterilisation" und Wohnungssäuberung vor dem Passahsest und das den Kultvorschriften entsprechende Frauenbad, als reizvolle Szenen eines Puppenspiels vorgesührt werden. Aus echten alten Stücken ist daneben eine sehr schöne Sabbatstube mit dem zuur Freitagabend festlich geschmückten Tische ausgebaut. Kultgeräte verschiedener Art, zierliche alte Ehekontrakte auf Pergament gemalt und kunstreich geschrieben, Maulinstrumente und dergleichen sind in ausgewählten Verspielen zusammengestellt. In sorgsamen Tabellen und statistischen Tafeln marschiert sodann die gewaltige Arbeitsleistung der jüdischen Wohlfahrtspflege an. In Lichtbildern (Photographien auf Glasplatten, von rückwärts erhellt) oder wieder in Diorarnen, in Modellen und Abbildungen entrollt sich vor unserer: Augen die Reihe der Stiftungen, Jugend- und Altersheime, Krankenhäuser, die Tätigkeit der jüdischen Bereinigungen zum Zweck der körperlichen Uebung und Pflege. Eine weitere Abteilung endlich vernrittelt eingehend, fesselnd und auch nachdenklich Kenntnisse von der p h y s i s ch e n Wesensart jüdischer Menschen. Eine Tabelle etwa weist höchst instruktiv den G e b u r t e n r ü ck g a n g der deutschen Juden dorr 1875 bis 1923 nach. Eine andere stellt einen mahnenden Vergleich auf: in Verhältniszahlen sind in Preußen während eines bestimnrten Zeitabschnitts an Diabetes 6,27 Juden gegen 1,08 Protestanten und 0,68 Katholiken gestorben, lieber Mischehen, über Vererbung in jüdischen Familien (Zwillinge, Taubheit u. 6.) werden wir durch die lakonische Sprache statistischer Figurentaseln unterrichtet. Auf einer Weltkarte innerhalb dieses Rauures ist zugleich die Verbreitung der jüdischen Bevölkerung durch ein ungemein einprägsames Mittel dargelegt: durch spitze rote Holzkegel, die sich aus den einzelnen Ländern erheben. Die Spitzen Polens und Nordamerikas ragen weit über alle anderen hinaus. In Spanien oder Schweden reicht cs nur zu einen: winzigen roten Knöpfchen. Tie Themata, die in diesem jüdischen Sonderhause der Düsseldorfer Ausstellung behandelt werden, sind so anregend, vielseitig und bedeutsam, daß rnan den Wunsch enrpsindet, die Ergebnisse der hingebungsvollen Arbeit, die hier geleistet wird — vielleicht mit einigen Korrekturen in: oben angedeuteten Sinne — an irgendeiner Stelle in Deutschland dauernd aufbewahrt zu Nüssen. Max Osborrr,