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Central-Verein-Zeitung · 1926-05-14 · 20 (14.5.1926) · p. Seite 271

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
20 (14.5.1926)
Date
1926-05-14
Page
Seite 271 (sequence 3)
Language
German
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Münchmeyer-Prozetz aus Vorkum. Ein überraschendes Ende: Mnchmeyer geht aufLlrlanb. Tele gram nr u n s e r e s Sonde r b e r i ch t c x ft alte r s. Borkum, 12. Mai. Der Prozess des Borkmner Pfarrers Münchmeyer gegen Völklein und Genoffen hat am vierten VerhandLnngstage ein überraschendes Ende genommen. Die Verteidigung hatte den Wahrheitsbeweis in vollem Umfange erbracht. Als es dann noch zur Verlesung der Urteile der Disziplinargerichte kam und aus diesen hervorging, das; auch von seiten seiner kirchlichen Vorgesetzten Münchmehers Verhallen mit den schärfsten Ausdrücken missbilligt und ihm die Entfernung ans dem Amte an ge droht worden sei, bot Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil einen Vergleich mit dem Landeskirchen amt an. Der Vorsitzende, Landgerichtsrat Dr. Gohlke-Kasten, dessen Ernennung zum Landgerichtsdirektor gegen Schluss der Verhandlung telegraphisch einging, bemühte sich sehr eindringlich um das Zustandekommen des Vergleichs. In später Abendstunde wurde vorbehaltlich der Genehmigung des Landeskircheuamts ein Vergleich geschloffen, der die Herbeiführung eines allgemeinen Burgfriedens ans Borkum bedeutet. Pfarrer Münchmeyer tritt einen sechsmonatigen Urlaub * fi, von dem er mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr nach Borkum zurttckkehren wird. Während dieser Zeit hat er sich, bei Gefahr sofortiger Entfernung von der Insel, jeglicher politischer Betätigung in Wort nnd Schrift zu enthalte«. Zur Ueberwachung der Jnnehaltung dieses Vergleichs wird ein dreiköpfiges Schiedsgericht eingesetzt. Der Vergleich wird am Montag, 17. Mai, 12 Uhr mittags, rechtskräftig. Bis dahin behält sich das Landeskrrcheuamt in Hannover Widerruf vor. Die Borkumer Bevölkerung begrüsste diese Lösung, die nach wirtschaftlicher, politischer und konfessioneller Seite hin Borkum von schwerem Druck befreit, gerade angesichts der beginnenden Badezeit mit grosser Freude. Von der Spannung, die der Prozess in der ganzen Gegend hervor rief, zeugt die Tatsache, dass das Ergebnis sofort nach Bekan ntwerden in Emden durch Extrablatt vor breitet wurde. Stimmungsbild. Borkum konnte die Uebertragung der völkischen Idee in die Wirklichkeit sein: für sich und aus sich selbst heraus ohne Juden und im Gegensatz zum Judentum bestehen und blühen, ungestört durch fremdrassige Einflüsse völkisch-deutsches Wesen zur höchsten Steigerung seiner Art bringen. — Doch, wie t ft Borkum? Seit ungefähr dreißig Jahren ist durch die immer entschiedener ablehnende Haltung der Badegäste unb Hotelbesitzer auf Borkum die Zureise jüdischer Badegäste ständig weiter .zurückgegangen. In dem letzten Jahrzehnt war sie gleich Null. Jedenfalls war offiziell kein jüdischer Badegast vorhanden. Das Borkmner Freiheitslied mit seinem Refrain: Doch wer sich naht mit platten Füßen, der unlß hinaus! erklang mehr, um die Stimmung der Gäste zu heben, als um ungebetene Gaste fortzuschaffen. Die Herrschaften waren unter sich machten ihr gutes Geschäft, Juden kamen nicht her. Münchmeyer aktiviert Borkum in: d e u t s ch v o l k i? ch e n Sinne. Zunächst sollte die eingeborene Bevölkerung positiv völkisch werden. Der Pfarrer, der ein schwungvoller Redner ist, wirkt auf seine Pfarrkinder suggestiv. Zahlreiche freundschaftliche Bande verknüpfen bald Pfarrer und Pfarrkinder. Münchmeyer fühlt seine Erfolge und weiß, daß er ansängt, eine Macht zu bedeuten. Und verliert bald den Maßstnb dafür,'was er als geistliches Haupt seiner Gemeinde, unter der sich auch Zanders gerichtete Mitglieder befanden, bieten könne. Inzwischen folgt während der Saisoumonate ein „Deutscher Abend" dem andern. Ueber 30 000 Gäste besucheil alljährlich Borkum. Alls allen Teilen Deutschlands kommen sie her. Es gilt, sie während ihres Aufenthaltes für die völkijchetl Gedankengünge zu gewinnen, damit jeder, wenn er heimkehrt, ein Bannerträger des völkischen Gedankens geworden ist. Die Veranstaltungen haben reißenden Zulaus. Eintrittsgeld wird erhoben. M ü n ch - meyer sagte n a ch e i n e nt A bend, jede Nt i n n t e seiner R e d e habe i h m 4 0 M a r k e i n g e b r a ch t. In einigen Fallen wird die Verwendung der Gelder angegeben. Sollst antwortet er auf Fragen allgemein: Für meinen Knmpffonds. — Der Streit um das Borkumlied entbrennt. Unseren Lesern ist dieser Vorgang genügsam bekannt. Hier auf Bortlim zeigt man Photographien, auf denen die ^Schupo den Musikpavillon stürmt, um das behördliche Verbot des ^Pielens durchzusetzen. Augenzeugen fügen hinzu, daß Müuchmeyer dabei auf den Dirigentensitz gestiegen sei, um trotzdem das Lied spielen zu lassen. Eines Abends spricht Mülichmeyer über „Frankreich, Polen unb die Politik des Vatikans". M a ß l o s e Angriffe g e g e n den Papst und die katholische K i r che er g än zen diesmal di e He tz e gegen d i e I u d e n. Und die große Presse, die Angriffe auf die . Juden gar nicht mehr brachte, merkte plötzlich sehr aus. Artikel erschienen überall. Hunderte von Absagen gehen von katholischer Besucherseike nach Borkum. Die raison endet mit einem Fehlschlag. Die politischen Erfolge hatten Münchmeyer zu einer maßlosen Selbstüberschätzung verführt. Jede Predigt wird eine politische Ansprache, ohne Rücksicht auf di e Einstellung seiner Zuhörer, mit Person 'l i ch e n A n ° g r i f s e n aege tt P f arrkiude r. Nicht erst jetzt korumt es zu Beleidiglmgsklagen gegen den Pfarrer. Nicht erst jetzt gehen die persönlichen und brieflichen Beschwerden über Müuchmeyer an das Konsistorium llnd rlach Hannover. Solange das Wirken Müuchmeyers - seinen Borkumeru „Botte Häuser" brachte, steckten sie llach anßell ulanches ein. Aber jetzt, wo er ihnen mit seiner Politik das Geschäft verdarb, hatten sie von ihui genug. Nach Dutzenden zählen die Strafanzeigen und Strafverfahren, die sich um Mim chm eher gruppieren. Die Kircheubehorden sprecheil voll Waschtorben voll Beschwerdell, die gegen ihn entliefen. Die Besitzer der großen Strandhotels in Borkum bekommen seinen Haß zu spüren, als sie ihui nicht mehr zn Willen sind. Er droht ihnen, falls sie ihm ihre Säle für seine Deutschen Abende nicht mehr zur Verfügullg stell Ml, sie Ivirtschaftlich völlig zugrunde zu richten. Nun beginnt die Jnselatrnosphüre Borkums auch gegen Münchmeyer zu wirken. Plötzlich ist schwer belastendes Material gegen ihil m Hülle und Fülle vorhanden. Flugblätter, Eiugescmdke von hüben lmd drüben jagen sich. Gerüchte, die bisher '.Ulbestinunt ivaren, verdichten sich zu Zeitungsartikeln. Borkum ist in zwei Lager gespalten, die sich gegenseitig bis 311m letzten bekämpfen möchten. Angesehene nlld ttlrch einfache Bor bull er treten aus der Landeskirche au», weil Müuchmeyer ihnen das Verbleiben in der Kirche unmöglich macht. Die Lage auf der Insel gleicht einen! verborgenen Bürgerkrieg. Da erscheint eines Tages eine satirische Broschüre „Der falsche Priester oder der Kannibalenhänptling der Nordseeinsulaner". Emden lacht, die Borkumer lachen. Die Broschüre findet reißenden Absatz. Doch nach wenigen Tagen erfolgt ihre Beschlagnahme, und bald danach Eröffnung eines Strafverfahrens gegen Dr. Völklein (Bor* fum) als Verfasser, Rechtsanwalt Dr. E ha rig (Emden) und Kaufmann Lazarus Pels (Etüden) als Verbreiter. Als Termin der Hauptverhaudtung wird der 7. Mai anberanmt. Nach langer Nachtfahrt halt der Berliner H-Zug auf dein Emdener Hanptbahnhos. Nun noch wenige Minuten nach dem Außenhafen, und dann hinauf ans den Dampfer nach Borkum. Seltsamere Zusammeustellung der Fahrgäste Iah em Borkunrdmnpser wohl noch nie. Richter nnd StaatsalNvalt, Schössen nnd Verteidiger, Angeklagte nnd Nebenkläger, Berichterstatter und Zeugen fahren da im trauten Verein nach der rassereinen Insel. Der Nachmittag vergeht in angestrengter Arbeit. Die Anwälte der Angeklagten, Dr. Bruno W e i l (Berlin) und Dr. M e y e r (Emden), beraten mit ihren Mandanten. Schon jetzt wird offenbar, welch ungeheure Erbitterung in großen Teilen der Gemeinde gegen Müuchmeyer herrscht. Hauptverhandlrmg. „Dr. Völklein, wie kamen Sie darauf, mit der Broschüre gerade zu Dr. Charig zu gehen?", fragt der Vorsitzende. „Herr Präsident, man sagte mir aus Borkmn, daß Dr. Charig zuverlässig in Fragen der Bekämpfung der völkischen Bewegung auf Borkum sei. Damals wagten nur wenige, sich offen gegen Münchnreyer zn stellen." „Herr Präsident," sagt Dr. Charig, „ich bin Kriegsfreiwilliger gewesen, bin ausgezeichnet, verwundet, befördert worden. Ich liebe mein deutsches Vaterland und muß deshalb in jedern, der mir das Betreten seiner Erde, wo ich sie schon finde, verwehrt, meinen schlimmsten Feind erblicken. A l s D e u i s ch e r w ehre i ch m i ch gegen die Schändung de s d e u t s ch e n N amen» tu der W eit d u t ch d i e B 0 r k u m e r M e t h 0 d e n. Als selbstbetoußter Jude gilt dem Jndenhasser meine Gegnerschaft. Ich nahm deshalb die Broschüre, die ein evangelischer Christ, der dazu noch einige Semester Theologie studiert hatte, als politische Waffe gegen Münchrneher gern au." „Herr Zeuge." fragt Dr. Weil den Nebenkläger Münchmeyer, „wie kommen Die 31t der Vermutung, daß alle politischen Gegnerschaften, die ihnen in den letzten Jahren widerfuhren, auf Dr. Charig zurückznführen seien?" „Weil eine Beschwerde des C. V. gegen mich in H a n n over v o n D r. E h a r i g u n t e r z e i ch n e t tu a r. A l s D r. C h a r i g d a n n nach Emden ü b e r s i e d e l t e , na h m ich an. d a ß de r C. V. ihm dies finanziere, da m i t de r K a m Pf gege n Bork u m a ns na ch st e r N ä h e g e f ü h r t rv e r d e n t ö u n e." „Welche Unterlagen haben Sie aber für ihre erste Behauptung, daß Charig hinter allem stecke?" „Darüber verweigere ich die Aussage." „Sie stehen unter Zeugniszwang," greift der Präsident ein. ... „Dann verweigere ich die Aussage, weil ich mich sonst der Gefahr einer Strafverfolgung ausseheu würde." „Erklären Sie das näher," sagt Dr. Weil. „Soll das heißen, daß Sie das Bureau des C. B. in Hannover mit straffälligen'Mitteln bespitzelt haben?" Zeuge Münchmeyer schweigt.

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