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Central-Verein-Zeitung · 1926-05-14 · 20 (14.5.1926) · p. Seite 270

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
20 (14.5.1926)
Date
1926-05-14
Page
Seite 270 (sequence 2)
Language
German
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nicht die volle Gleichberechtigung haben sollen, so verstößt er damit gegen die ihm von der Verfassung auferlegten Pflichten. Jeder Beamte hat diese Verfassung beschworen, und es ist daher ein Unding, wenn er entgegen der von ihm beschworenen Verfassung sich in einem Sinne betätigt, der darauf hinausgeht, die Juden zu entrechten. Es gibt für den antisemitisch eingestellten Beamten genau so wie für denjenigen, der sich zur heutigen Staatsordnung feindlich verhält, nur zwei Wege: entweder, man legt Wert daraus, Bett m t e r z u b l e i b e n, u n d d a n n m u ß v e r l a n g t w e rden, daß der Beamte sich nicht in verfassungswidrigem Sin ne betätigt, oder aber, er zieht aus seiner politischen Haltung die Ko n segne n z e n u n d l e g t s e i n A in t n i e d e r. E i n d r i t t e r Weg ist unmöglich. Wenn der Antisemitismus in der Beamtenschaft Platz greifen konnte, so spricht dabei wahrscheinlich auch der Umstand mit, daß der Beamte im allgemeinen viel zu wenig Gelegenheit hat, Juden kennenzulernen, und sie nur danach einschätzt, was ihm sein antisemitisches Leibblatt zu lesen gibt. Es ist ja leider so, daß der Durchschnittsdeutsche in politischen Dingen nicht selbständig denkt, daß er seine politische Weisheit aus der Zeitung bezieht, ohne willens und in der Lage zu sein, kritisch zu diesen Dingen Stellung zu nehmen. In der Beamtenschaft selbst sind sehr wenig Juden Vorhänden; in jüdischen Kreisen übt man gerade dem Beamtenberuf gegenüber eine gewisse Zurückhaltung. Ter Jude wendet sich lieber den kaufmännischen oder den freien akademischen Berufen zu. Innerhalb führender Kreise der deutschen Judenschaft ist man damit beschäftigt, eine Berufsumschichtung der Juden vorzunehmen, sie aus den kaufmännischen Berufen zu einem großen Teile herauszunehmen und in andere, besonders in die manuellen Berufe, hineinzubringen. Es erscheint aber auch zweckmäßig, daß diejenigen Juden, die aus Grund ihrer Vorbildung und ihrer ganzen Einstellung zum Staat geeignet sind, Staatsümter zu bekleiden, die Beamtenlaufbahn ergreifen. Wenn der christliche deutsche Beamte aus eigener Anschauung sieht, daß der jüdische Beamte mit der gleichen Hingabe an sein Amt arbeitet wie er selbst, dann wird auch der Antisemitismus innerhalb der Beamtenschaft zurückgehen. Den besten Anschauungsunterricht erteilt der Jude, der seiner Umwelt zeigt, daß er nicht nur in der Verbundenheit mit der deutschen Kultur, sondern auch in der Verbundenheit zum deutschen Staat sich von seinen Mitbürgern nicht übcrtreffen läßt. Beachtlich ist fernerhin die Frage des Nachwuchses der höheren Beamtenschaft. Wenn auch die Republik eine Anzahl von höheren Beamten ernannt hat, die nicht durch die akademische Schule gegangen sind, die sich auf autodidaktischem Wege hcraufgearbeitet haben, so wird doch auch im republikanischen Staate weiterhin die Akademikerschaft die größte Anzahl der höheren Beamtenstellen zu besetzen haben. Aus diesem Grunde muß man die ernstesten Bedenken gegen die Art und Weise haben, in der heute der Hoch - sch ulring deutscher Art an allen Universitäten und anderen Hochschulen die deutschvölkische Politik in die Studentenschaft hineinträgt. Welch ein Nachwuchs an höheren Verwaltungsbeamten, an Richtern und an Lehrern wird sich gestalten, wenn diese jungen Leute heute auf den Hochschulen und auch zu einem großen Teile bereits an den höheren Schulen in deutschvölkischem Geiste erzogen werden. Ein Richter oder ein Verwaltungsbeamter, der von Jugend an völkisch erzogen ist, kann dem Juden gegenüber nicht die verfaffungsgemäße Gleichberechtigung walten lassen, mag ihm selbst das subjektive Empfinden dafür fehlen, im einzelnen Falle eine verfassungswidrige Handlung zu begehen. Und in welchem Geist nun erst der völkisch erzogene Studienrat seine Zöglinge erziehen wird, davon kann sich jeder ein Bild machen, der Gelegenheit genommen hat. in die Verhältnisse des heutigen akademischen Nachwuchses hineinzublicken. Es ist dies eine Frage, die nicht nur das Judentum, sondern darüber hinaus die weiteste Oesfentlichkeit angeht: endlich einmal eine Entseuchung unserer Hochschulen und höheren Schulen vorzunehmen. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und die ihm nahestehenden Studentenverbindungen tun hierbei, was sie können; trotzdem sieht es so aus, als ob der breiten Masse der Juden das richtige Verständnis für diese Frage abgeht. Der Kampf gegen den Hochschulantisemitismus wird mehr als bisher notwendig sein, damit unser höheres Beamtentum, das seinerseits auch die Aufgabe hat, erzieherisch aus die mittlere und untere Beamtenschaft einzuwirken, nicht gänzlich völkisch durchsetzt wird. Das liegt nicht nur im Interesse des Judentums, sondern auch im Interesse des Staates selbst. vom tvesen -es Judentums. Betrachtung zum Wochenfest. Wenn in unserem Zeitalter in freundlichem und in feindlichem Sinne so viel über das Wesen und den Kern des Judentums gespromen und geschrieben wird, so ist das an und für sich ein gewisses Zeichen der Degeneration. In den Zeiten, wo unsere Religion noch eine lebendige, das ganze Leben erfüllende und bestimmende Kraft war, hatte man keine Zeit und keinen Anlaß zu solchen Betrachtungen. Man wußte, was das Judentum war, den? man fühlte es, und vor allem man lebte es. Man hatte das Wesen in sich und brauchte nicht erst viel Wesens davon zu machen. Immerhin läßt sich nicht leugnen, daß schon in alten jüdischen Schriften wiederholt der Versuch gemacht worden ist, aus der Fülle der jüdischen Gedanken und Forderungen gewisse leitende Hauptsätze herauszuschälen, die es uns erleichtern sollten, uns in der bunten Mannigfaltigkeit des Geistes- und Pflichtlebens zurechtzufinden. Aber diese Sätze sollen immer nur primi inter pares, die ersten unter ihresgleichen sein. Niemals wagte man es, sie derart als Hauptsache hinzustellen, daß nun ihnen gegenüber alles andere zur Nsbensache geworden-wäre. Wenn wir nun unsererseits einen bescheidenen Versuch machen wollen, den Kern der j ü d i s ch e n Religion s e st z u st e l l e n, so scheint uns,, daß man die rechte Erkenntnis am besten aus der Quelle einer Sache schöpfen kann. Wir feiern ja den Ursprung des. Judentums in dem Feste der Offenbarung. Die drei Namen, welche dieses Fest erhalten hat, können uns darüber belehren, was zur Entstehung des Judentums geführt hat und was seine Erfüllung bedeutet. Das Fest wird Fest der Wochen genannt. Damit wird darauf hingewiesen, daß die Offenbarung die Erfüllung eines menschlichen Sehnens ist. Es lebt in der Seele des Menschen die Sehnsucht, das Ewige und Unendliche zu erkennen, sich mit ihm zu verbinden, in ihm einzugehen und unterzutauchen. Mit einfachen Worten gesagt, d e r M e n s ch s u ch t G o t t. Er ist aber nicht fähig, ihn aus eigener Kraft zu finden, sich selbst fein heiliges Verlangen und sein glühendes Sehnen zu stillen. Er hat es versucht. Die Folge war aber nur Irrung und Wirrung und Selbsttäuschung. Er konnte sich selbst nicht Helsen, also mußte ihm geholfen werden. Der zweite Name unseres Festes sagt uns, wie das geschah. Es ist die Zeit, wo unsere Thora uns gegeben wurde. Dem führenden und ringenden Menschen ward die Offenbarung der Gottheit. Man kann die Offenbarung leugnen, man kann aber an dem überlieferten Vorgang nicht herumdeuteln. Die Thora ist nicht das Produkt des jüdischen Volksgeistes. Sie ist ein Geschenk, eine göttliche Gabe für das jüdische Volk. Ihre Erkenntnis und Erfüllung ist seine Lebensaufgabe. Doch wie soll sich der große Gedanke der Erfüllung im irdischen Leben gestalten? Die moderne jüdische Neligionsphilosophie sieht die Erfüllung in der Verwirklichung des Sittengesetzes. Doch das scheint uns den erhabenen Zweck der Thora nicht auszuschöpfen. Richtig ist, daß sie nicht in erster Linie ein Glauben und ein Denken von uns fordert, obwohl ein solches in vieler Hinsicht Voraussetzung ist, sondern ein Tun. Doch welch ein Tun? Darüber belehrt uns der dritte Name des Festes: T a g d e r E r stl i n g s f r ü ch t e. Der Festestag eröfsnete für das Heilige Land die Zeit der Ernte für die irdische Hauptarbeit des Volkes, für die Landbebauung. Es begann mit der Hauptfrucht, dem Weizen, und es folgten die anderen Früchte der Felder, Weinberge und Gärten. Das Beste dieser Früchte sollte der Jude'seinem Gott bringen, den Ertrag feiner Lebensarbeit dem Höchsten weihen. Erfüllung der Thora und damit Wesen des Judentums ist es. alle Lebenstätigkeit in den Dienst des Ewigen, in den Dienst einer erhabenen Idee zu stellen. Das, was man gewöhnlich Sittengesetz, Erfüllung der Pflichten der Menschenliebe nennt, macht aber nur einen Teil, wenn auch gewiß einen sehr wichtigen und bedeutsamen Teil, dieser Ausgabe aus. Die Thora will aber den Menschen nicht nur in seinem Verhältnis zum Nebenmenschen erfasseu. Sie will den ganzen Menschen, seinen Körper und ferne Seele, sein Gesellschaftsleben und sein Eigenleben. Das Ziel der Religion ist nicht bloß, die Menschen zu guten Menschen zu machen, die ihre Brüder lieben und im Frieden mit ihnen leben, sondern sie zu möglichst vollkommenen Wesen zu machen, die dem göttlichen Urbilde möglichst nahekommen. Ein vollkommener Mensch muh gewitz auch gut sein, aber einguter Mensch ist noch nicht vollkommen. So erklären sich die Forderungen, welche die offenbarte Lehre auch neben den rein sittlichen in so großem Amfange an uns stellt. Sie erstreben die stete, reine und vollkommene Verbindung des Menschlichen mit dem Göttlichen. So'können wir den Sinn unseres Judentums in den kurzen Sätzen zusammenfnssen: Es ringt der M e u s ch ü n d s u ch t d e n W e g. D c r g ü t i g e Gott z e i-g t ihm den Pf^a d. Dankb a r wandte er d i e Bahn, die ihm vom Schöpfer gewiesen. Hoffnmnn.

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