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Central-Verein-Zeitung · 1926-05-07 · 19 (7.5.1926) · p. Seite 255

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
19 (7.5.1926)
Date
1926-05-07
Page
Seite 255 (sequence 3)
Language
German
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255 hastig adelige Führerschicht — die „au? reinsten arischen Quellen geschöpfte Weltanschauung" der „geistig befähigten Oberschickst" — nicht gerade ungeduldig herbeisehnen! Das „christlich-teutonische Sanierungsprogramm", wie Härtner sich ausdrückt, soll nun darin bestehen, daß wir „alles abstoßen, was in unsere Geistigkeit, in unseren ganzen Kulturbesitz aus sremden, nichtarischen Quellen eingeströmt ist"! Die Unsinnigkeit dieser Forderung brauchen wir uns nur an einem Beispiele zu vergegenwärtigen: an Spinoza und seinem Einfluß auf Goethe! Wir können gar nicht ermessen, einen wie starken Anteil der große jüdische Philosoph an der geistigen Persönlichkeit unseres größten Dichters und an seinem künstlerischen Schassen beanspruchen darf! Der Vorschlag, alles abzustoßen, was in unseren Kulturbesitz aus nichtarischen Quellen eingeströmt ist, ist nur mehr als borniert zu bezeichnen. Es scheint dem Autor nicht einmal zum Bewußtsein zu kommen, daß wir nach diesem empfehlenswerten Rezept das C r i st e n t u m, das bekanntlich nicht arischen, sondern semitischen Ursprunges ist, aus unserer Geistigkeit und unserem Kulturbesitz ausmerzen müßten! Damit würden wir nicht nur unsere Religion verneinen, sondern auch unsere gesamte deutsche Kultur — Dichtung, Musik, bildende Kunst —; denn selbst ein Gegner des Christentums, wie Nietzsche, ist in seiner Entwicklung ohne das Christentum nicht denkbar. Die Erfüllung des völkischen Programms des Verfassers von „Erotik und Rasse" würde tatsächlich bedeuten: „Finia Germaniae", wie die letzten Worte des Buches lauten. Sie sind zugleich der Titel des Schlußbildes, das Christum am Hakenkreuz darstellt. Aber wer steht dieses Mal im Begriff, Jesum von Nazareth zu kreuzigen: Juden oder — „artbewußte Arier" . . .? Dfttriersvoltttt. Von Or. h. c. Freiherr von Schoenaich, Generalmajor a. O. Vom Reichsvertretertag des N. D. O. — „Unverhüllt mal für die Gefallenen. — Beschimpfung jüdischer Die Vorgänge, die sich augenblicklich in den Vaterländischen Verbänden und irn Nationalverband deutscher Offiziere abspielen, scheinen uns sn bedeutungsvoll, daß wir den Verfasser des Aufsehen erregenden Buches „Mein Damaskus" gebeten haben, zu ihnen Stellung zu nehmen. Es ist selbstverständlich, datz wir oamit keineswegs in parteipolitische Fragen eiugreifen wollen. Die Schriftleitung. Der Nationalverband deutscher Offiziere, eine, im wohltuenden Gegensatz zum Deutschen Offizier bunde, offen und ehrlich radikal rechtspolitische Vereinigung, hat vor einigen Tagen in Berlin feine Reichsvertretertagung abgehalten. Bei der fast völligen Ratlosigkeit, die innerhalb der Negierung und des Parlaments angesichts der verfahrenen außen- und innenpolitischen und wirtschaftlichen Lage zu herrschen scheint, ist diese Tagung von größtem Interesse, weil es nicht das erstemal wäre, daß eine kleine Gruppe entschlossener Männer in solchen Zeiten der Ratlosigkeit durch einen Handstreich die politische Macht erringt. Bon bekannten Persönlichkeiten haben auf der Tagung gesprochen: der erste Vorsitzende Admiral v. Schröder, der zweite Vorsitzende General Graf Waldersee und der Vorsitzende der Vaterländischen Verbände General Graf von der Goltz. Das politische Hauptreferat hielt der bekannte Politiker und Zeitungsredakteur Dr. S t a d t l e r. Die „Deutsche Zeitung", die dem Verbände uahesteht, gab ihrem Bericht die Ueberschrift: „Unverhüllt monarchisch — ausgesprochen völkisch." Und das war in der Tat die bezeichnende Note der ganzen Tagung. . Daß diese Kreise dieses ihr monarchisches und völkisches Programm gewaltsam erzwingen wollen, geht aus der Rede Stadtlers zweifelsfrei hervor. Daß dieses Gewaltprogramm aber nicht nur für die Erringung der innenpolitischen Macht, sondern auch für die A u ß e n P o l i t i k gelten soll, zeigt die Rede des Grasen Goltz, aus der die „Deutsche Zeitung" folgende Worte in Fettdruck bringt: „Unsere Aufgabe ist es, im Volke die Lügenpropaganda vom ewigen Frieden und die deshalb nötige moralische Abrüstung schärsstens zu bekämpfen!" Irgendwelches Herumdrücken um den Ernst der Lage halte ich für verhängnisvoll, denn darüber können auch die an anderer Stelle der Rede des Grafen Goltz gebrauchten Worte nicht hinwegtüuschcn, daß das Ziel mit Kriegshetze und Militarismus nichts zu tun hätte. Das alles heißt doch mit dürren Worten, daß, wenn diese Herren — wovor der Himmel uns in Gnaden bewahre — wirklich die politische Macht erringen sollten, wir zunächst einem frisch-fröhlichen Bürgerkrieg und demnächst einem sicher nicht minder fröhlichen außenpolitischen Giftgaskrieg entgegengehen. Gras Waldersee fordert als Hauptprogrammpunkte das „unverhüllt" monarchische Bekenntnis und die „ausgesprochen" völkische Weltanschauung. Die Worte „unverhüllt" und „ausgesprochen" stellen scheinbar einen Seitenhieb auf einige Freunde des Nationalverbandes dar, die in diesen Fragen nach Ansicht des Grafen nicht mutig genug Farbe bekennen. Dabei hat das Bekenntnis des Grafen selbst bei näherer Betrachtung auch noch eine nicht ganz durchsichtige Hütte. Zu einem monarchischen Bekenntnis gehört doch in erster Linie ein Monarch. Leider drückt sich die ganze Aussprache aber um diese wichtige Frage herum. Ebenso wie man hiernach das monarchische Bekenntnis dieser Tagung nicht als „unverhüllt" bezeichnen kann, so ist auch über die völkische Weltanschauung nichts Wesentliches „ausgesprochen" worden. Was gesagt wurde, waren die üblichen Redensarten völkischer Radauversammlungen. Nun Zweimal konnte man einigen Einblick in die geistigen Grundlagen der Herren bekommen. Bei der Frage der Errichtung eines Ehrenmales für die Gefallenen sagte Admiral v. Schröder wörtlich: „Wir können nicht nnttun, wenn dieses Ehrenmal zu einem Wahrzeichen der roten oder gelben Internationale gemacht werden soll." monarchisch — ausgesprochen völkisch." — Das Ehren- Flieger. — Enthüllungen über die Wehrverbände. Mit rot sind natürlich die Sozialisten, mit gelb die Juden gemeint. Diese Worte sollten sich alle die gut merken, die solch einem Ehrenmal unter gemeinsamer Mitwirkung aller politischen Parteien das Wort reden. Im übrigen sagt er uns nichts Neues. Daß Ehrung der Gefallenen von den Offizier- und Militärvereinen leider allzuoft durch nationalistischen Rummel entweiht worden ist, das ist eines der trübsten Kapitel der Nachkriegszeit. Wenn der Herr Admiral von der Einweihungsfeier dieses Ehrenmales die Sozialdemokraten und Juden, deren Angehörige im Kriege den Heldentod gestorben sind, ausschließen will, dann werden die Herren vom Nationalverband mit ihren Freunden in recht kleinem Kreise feiern müssen. Die völkischen Flegeleien bei der Einweihung deS Flicgerdenkrnalcs in Nürnberg, wobei sie die Schamlostgkeil besahen, zu fordern, dah -er mit dem Orden Pour Se nierile ausgezeichnete jüdische Kampfflieger Leutnant Frankl nicht erwähnt werden dürfte, geben einen sanften Vorgeschmack, wie solche Feiern sich nach dem Wunsch des Nationalverbandes abspielen sotten. Am hübschsten war aber das Bekenntnis des Grafen Waldersee, daß die Völkischen das Rüstzeug 'ihres Kampfes in der Hauptsache aus dem „Hammer" des Herrn Fritsch bezögen. Die wissenschaftliche Minderwertigkeit der Werke dieses Herrn ist so oft und auch von evangelischen Theologen nachgewiesen worden, daß jedes Wort darüber verlorene Liebesmühe wäre. Ich verweise nur auf Pastor Kunert (Köln), Professor Dr. Strack (Berlin) und neuerdings Pastor Paul F i e b i g in Leipzig. Herr Fritsch ist im Zitieren falscher Talmudübersetzungen allerdings so gerissen, daß harmlose Menschen wie die meisten alten Offiziere wohl darauf reinfallen können. Eine Vereinigung wie der Nationalverband, der immerhin über einen großen Beamtenstab mit Bücherei verfügt, sollte seine Wissenschaft aber aus weniger trüben Quellen schöpfen. Leider verrät der Admiral uns nicht, ob auch seine eigenen internationalen Freunde von der Feier ausgeschlossen sein sollen. Oder weiß er es überhaupt gar nicht, daß es solche gibt? Man redet dort viel und gern von dem internationalen Börsenkapital, schweigt aber ganz davon, daß am allerinternationalsten die Herren Kohlen- und Eisenbarone sind. Herr Hugenberg, der dem Nationalverband doch recht nahe steht, könnte dabei allerlei aus der Schule Plaudern, er tut es nur nicht, weil diese.Internationale gewöhnlich hinter verschlossenen Türen arbeitet, was die dummen Verbraucher, auch wenn sie dem Nationalverband angehören, immer erst merken, wenn die Kohlen- und Ersenpreise anziehen. Die „Deutsche Zeitung" hatte nach alledem besser die Ueberschrift „Erkläre mir, Graf Oerindur, diesen Zwiespalt der Natur" über ihren Artikel setzen sollen. Das eigentliche Rätsel der Tagung fand aber erst einige Tage später in einem Artikel der „Vossischen Zeitung" seine Lösung. Herr Dr. Stabiler hatte von der neuen Reichswehr gesprochen, die sich als Fremdkörper im neuen Staate in dessen Dienst gestellt hätte. Jener Artikel verriet, daß dieser unfreundlichen Beurteilung ein heißes Liebeswerben vorausgegangen, aber kühl abgewiesen worden wäre. Man kann hoffen, daß das nicht der letzte Korb ist, den die „Vaterländischen" von Herrn v. S e e ck t bekommen, denn mit einer Werbung werden sie sich kaum zusriedengeben. Es ist tief zu bedauern, daß die ehrliche Vaterlandsliebe, die der überwiegenden Zahl der alten Offiziere kein verständiger Mensch absprechen wird, so wirre Wege geht und dadurch den Gesundungs- Prozeß unseres Volkes nicht nur nicht fördert, sondern immer weiter hinausschiebt.

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