Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 19 (7.5.1926)
- Date
- 1926-05-07
- Page
- Seite 254 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2277379-2277622-2277641--02904-2283360- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
254 Da es ihm aber natürlich „nicht möglich ist, Wassermann als Deutschen anzuerkennen", so hat er herausgefunden, „daß seine jüdische Wesenheit in der eigentümlich schweren, überladenen, so wenig unmittelbaren Sprache, ebenso wie in der Geistigkeit seiner Gestalten immer wieder Zum Durchbruch kommt und seinen Werken den bestimmenden Gehalt gibt, wenn ihm auch immer wieder einzelne Gestalten gelingen, die man als gut deutsch empfinden kann". Wenn eine schwere, überladene, wenig unmittelbare Sprache ein Beweis für jüdische Wesenheit ist, dann müssen wir z. B. Kant Zu den Juden rechnen. Nach den Grundsätzen Härtners steht dem ja nichts im Wege, da eine urkundlich rein germanische Abstammung auch auch nicht mehr maßgebend ist; warum sollte man den Verfasser der unbequemen Schrift „Zum Ewigen Frieden", die man zwar vielleicht nicht könnt, aber gleich dem übrigen „schwächlichen Pazifismus" verurteilt, — nicht einfach zu den Juden rechnen?! ... Sehr ungerecht beurteilt der Verfasser Arthur Schnitzler, den er „'in deutschen Kreisen als Ziemlich abgetan" betrachtet. Er muß Zwar zugeben, daß Schnitzler die deutschen Mädchen „stets mit besonderer Liebe und Sorgfalt zeichnet". Aber er behauptet, man finde nie wirkliche Leidenschaft bei ihm, die Liebe sinke zur „Liebelei" herab. Daß das Stück dieses Titels eine B e r u r t e i l u n g jener Auffassung von seiten des Mannes bedeutet, und daß Christinens Liebe wahrlich keine Liebelei ist, sie ohne sie nicht weiter zu leben vermag, — das hat die antisemitische Brille Herrn Härtner leider nicht zu sehen erlaubt! Für die Größe und Selbstlosigkeit der Liebe Christinens, die sich in den Worten äußert: „Du bist ja frei — du kannst mich ja sitzen lassen, wann du willst ... Du hast mir nichts versprochen — und ich Hab' nichts von dir verlangt . . . Was aus mir wird — es ist ganz einerlei — ich bin doch einmal glücklich gewesen, mehr will ich ja vom Leben nicht" — hat der völkische Kritiker kein Verständnis. Die prachtvolle Gestalt des alten Vaters, der eine Tochter nicht gegen ihren Willen verheiraten will, ondern ihr Verhältnis duldet, damit sein Kind einmal glückich ist („Ob's nur dafür steht, seine jungen Jahre so einfach ipitn Fenster hinauszuwerfen!"), stellt nach des Verfassers Meinung „nur einen ins Wienerische übersetzten oder wenerisch ausgeputzten, jüd isch-sreisinnigen V orkämpfer dar"! ... In „Professor Bernhardt" sieht Härtner einzig die Gegenüberstellung von Juden und Deutschen, während für uns du unbestreitbare Bedeutung dieses Stückes in dem Gegensatz zwischen dem Arzt, der seiner Patientin jede ihr Leben gefährdende Erregung unter allen Umständen fernhalten will, und dem G e i st l i ch e n, der nur an das Seelenheil der Sterbenden denkt, besteht. „Mochte auch der einzelne Jude vielfach wertvolle Arbeit leisten, mochte vielleicht die Mehrzahl der eingebürgerten deutschen Juden überzeugt auf dem Boden des deutschen Staates und der deutschen Kultur stehen," so muß Härtner doch Zu dem Urteil gelangen: „Die uns fremde, ja vielfach vollständig entgegengesetzte jüdische Wesenheit mußte notwendigerweise die unsrige zersetzen und die ganze Entwicklung unseres Volkstums in verhängnisvoller Weise beeinflussen." Dabei meint der Autor, die Juden seien „meist begeisterte Patrioten", ja, sie zeigten „oft übertriebene patriotische Gesinnung"! Für Härtner gibt es nun eine spezifisch jüdische Geschlechtlichkeit. Auch die Freudsche Psychoanalyse „ist eine Sexualpsychologie des jüdischen Menschen, nicht viel mehr!" „Eine auf das Ganze gehende Abrechnung vom Standpunkte unserer völkischen Notwendigkeiten ist bisher nicht erfolgt", so klagt der Autor; ,chie Kraft der inneren geistigen Anschauung scheint uns verloren gegangen zu sein". Wenn Härtner davon spricht, daß der Nassengedanke „als ein Vorurteil Eingestellt wird, das aus der tiefsten geistigen Beschränktheit stammt", so tonnen wir uns dieser Auffassung nur anschließen! Diese Beschränktheit Zeigt sich in dem Buche leider allenthalben bei der Beurteilung sozialer und s i t t l i ch e r Fragen. So wird das „gesellschastliche Mitleid" verworfen in einem Grade, der mit christlicher Gesinnung wenig mehr gemein hat. Und nun komme ich Zur heikelsten Frage, Zum Kernproblem des Buches: der „e r o t i s ch e n R e v o l u tion" und der ans ihr entstandenen Literatur: auch hierüber will ich offen und vorurteilslos zu sprechen versuchen. Härtner zwar verwirft „Vorurteilslosigkeit": er bezeichnet das Streben nach ihr als eine „Vernichtung der Persönlichkeit"! Uns scheint, er verwechselt Vorurteilslosigkeit, die eine der erstrebenswertesten Eigenschaften und stets die Aeußerung eines freien und gerechten Geistes ist, mit Mangel an inneren Bindungen und sittlichem Halt. „Die erotische Revolution" von Hugo Bettauer bezeichnet Härtner mit Reckt als eine Art „sozial-erotischen Manifestes", das er nicht besser ächten zu können glaubt, als indem er es „ein würdiges Seitenstück zum kommunistischen Manifeste" nennt. Wenn man diese Schrift mit Vorurteilslosigkeit prüft, so muß man zugeben, daß Bettauer in der Kernfrage recht hat, nämlich darin, daß der Frauen Zustand noch immer beklagenswert ist. Ein Mädchen, das nicht heiratet, muß entweder auf das Glück der Liebe und der Mutterschaft — das ureigenste Recht und die heiligste Pflicht der Frau — verzichten, oder es wird, wenn es sich sein Recht außerhalb der Ehe holt, mit Verachtung von seiten der „Gesellschaft" bestraft; erlaubt ist höchstens, was heimlich geschieht und kein öffentliches Aergernis erregt. Daß Bettauer — als Mann — für das Recht der Frauen eingetreten ist und diese sogenannte „Moral" bekämpft hat, kann man keineswegs verurteilen. Die Schwierigkeit beginnt aber sofort, wenn man aus der Theorie in die Praxis übergehen will. Denn die Proklamierung der „Freien Liebe" für die Allgemeinheit würde die Lockerung der Moral und die Untergrabung der Familie, der Keimzelle des Staates, bedeuten. Di e Wege, die.nun aber Bettauer und Dichter wie Bronnen 3itr Befreiung der Frauen weisen, bedeuten nur mehr ein Zügelloses geschlechtliches Ausleben, ohne alle geistigen und sittlichen Bindungen oder Pflichten. Daß wir in der Ablehnung dieser frivolen Richtung mit Härtner völlig üb ereinstimmen b edarf wohl keiner Erwähnung. Wir unterscheiden uns in dieser Frage aber in zweierlei von dem Verfasser von „Erotik und Rasse" — und diese beiden Punkte hängen eng zusammen und führen uns wieder an das Grundproblem des Buches: Einmal glauben wir, daß diese Ablehnung von allen sittlich und verantwortlich empfindenden deutschen Staatsbürgern, seien es Arier oder Juden, geteilt werden wirb; vornehmlich von allen „edlen Frauen", die stets ein unfehlbares Urteil über das behalten werden, was „sich ziemt". EZ hieße, die segensreiche Tätigkeit vieler hervorragender jüdischer Frauen, besonders auf dem Gebiete der sozialen Arbeit — speziell der Sittlichkeitsfragen! —, nicht kennen, wollte man nicht überzeugt sein, daß gerade die Leserinnen der „C. V.-Zeitung" hierin mit uns eines Sinnes sein werden. Und wir weisen — und das ist das Zweite — die Unterstellung Härtners zurück, zu deren Beweisführung er fein Buch geschrieben hat: Daß die ganze „erotisch-revolutionäre Bewegung" von den Juden nur entfacht worden ist, um die deutsche Rasse zu vernichten! . . . Von der Ermordung Bettauers sprechend, meint der Autor: „Ob man nun den Mord vom sittlichen Standpunkte aus bedauert oder bejaht. . .!" Und obgleich er schreibt: Den Gegner einfach gewaltsam ans der Welt zu schaffen, fei nicht der geeignete Weg, zu einem wirklichen geistigen Fortschritte und einer inneren Gesundung zu gelangen — so erklärt er doch gleich darauf, daß, wenn der geistige Behauptungswille behindert werden soll, dann gegen diese Gewalt — auch die Gewalt sich erheben müsse! Das bedeutet die Sanktionierung des politischen Mordes. Uns will scheinen, daß der Verfasser in diesem Punkte ein reichliches Maß von „Vorurteilslosigkeit" aufbringt!! Im übrigen aber treibt er einen wahren Kultus mit Vorurteilen. Im Augenblick des Eintritts Deutschlands in den Völkerbund, während wir der Geburtsstunde Paneuropas entgegenharren, zu einem Zeitpunkte, da die künstlichen Paß- und Zollschranken beginnen sollen, zwischen den Ländern und Völkern zu fallen, — in d i e sie m Augenblicke erklärt Herwig Härtner: f „Daß wir gar keine vorurteilslosen Menschen sein wollen, daß wir darin keine Ehre, sondern nur Beschränktheit und Inhaltslosigkeit erblicken können. Wir wollen vieünehr aas der besseren Einsicht in die Notwendigkeiten des Lebens bestrebt sein, neue Vorurteile in uns aufzurichten, vor allem das Gefühl unserer rassischen nnd geistigen Besonderheit. Wir wollen nicht ein allgemeines Menschentum zum Ziele unserer Bestrebungen machen und die Mauern wischen den Nassen niederreißen, sondern wir wollen neue Mauern ausrichten, die uns rassisch, geistig und sittlich schützen, um aus diesem gesichertem Boden unseres Volkstumes mit Hilfe unserer stetig sich mehrenden geistigen Einsichten d-en Weg zur Erneuerung zu beschreiten. Bon diesem Standpunkte aus müssen wir eine bewußte völkische Nassen pflege treiben." So wenig traut mansich als Deutscher zu, -daß man dieser „schützenden Mauern" bedarf?... Herr Härtner möge verzeihen, wenn dieses völkische Ideal nicht das unsere isst und wenn wir die Führung durch die „geistig gereinigte, bewußte und gefestigte und durch ihre gemeinsame 'Anschauung in ihrem Willen geeinigte Oberschicht, eine wirkliche geistige'Oberschicht, eine wahr-