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Central-Verein-Zeitung · 1926-04-30 · 18 (30.4.1926) · p. Seite 247

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
18 (30.4.1926)
Date
1926-04-30
Page
Seite 247 (sequence 7)
Language
German
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247 §Herr Zettwanst/ Vom Ostjuden rum Amerikaner. Im Kampf der Meinungen entreißen die Parteien das soziologische Problem seiner geistigen Sphäre, prägen es mit dem Werturteil des Gut oder Böse, machen es zum politischen Schlagwort und werfen es einander zu wie einen Fangball. Doch seine Leichtigfeit ist nur scheinbar, im Grunde behält es die Schwere feiner Ungelöstheit, und es ist gut, wenn zuweilen wissenschaftliche oder dichterische Besinnung es auf fein eigentliches Niveau zurücksührt. So ist es dem P r stb l e m der A f s i mi i a t i o ri ergangen, das in der jüdischen und antijüdischen politischen Diskussion als Schlagwort vielfach mißbraucht wird und in dieser Eigenschaft viel Verwirrung anstistet. Daß es in den klaren Bezirk wissenschaftlicher Erforschung gehoben werden kaun^.— ja, im Grunde nur dorthin gehört —, beweist ein Aufsatz von Uobert Michels (Basel): „Materialien zu einer Soziologie des'Fremden" („Jahrbuch für Soziologie", 1. Bd.), der viel beizutragen vermag zum Verständnis eines soziologischen Prozesses, der sich zwangläusig tausendfach und in verschiedensten Formen in der Welt vollzieht. Einen dichterischen und zugleich ersahrungsmüßigen Beitrag zum Assimilationsproblem gibt das Buch des Änierikaners Samuel O r n i tz : „H e r r F e t t w a n st" (Amerika-Bücher", Kurt Wolfs Verlag, München). Es ist der überaus nüchterne, für eine Autobiographie, als die das Buch gekennzeichnet ist, erstaunlich sachliche Bericht über den Lebenslaus eines Amerikaners ostjüdischer Abstammung — oder vielmehr über die Umwandlung eines Ostjuden in einen Amerikaner. Man tut gut, das Buch mit dem Bewußtsein zu lesen, daß eine Autobiographie zwar stets mehr gibt als ein individuelles Bild, daß sie aber auch nie als schlechthin allgemeingültig angesehen werden darf. Und weiter muß man sich klar sein, daß die Vorgänge, die sich bei dem Einrücken der Ostjuden in die amerikanische Wirtschaft und Kultur vollziehen, sich im großen und ganzen in dem großen Prozeß der Amerikanisteruug verschiedenster Nationalitäten wiederholen. Das Buch ist, abgesehen von diesem zentralen Problem, lesenswert wegen seiner zahlreichen Aufschlüsse über amerikanische Wirtschaft, Politik und soziale Struktur. Die Problematik des Kapitalismus, wie Europa sie kennt, ballt sich hier grausamer und drohender zusammen. Und zu dem Klassenkamps tritt der Nassenkamps hinzu. Die Ein gewanderten haben zwei Ziele: den materiellen Ausstieg und die Amerikanisieruug, und beide bedingen sich gegenseitig. Zunächst ist dem O st j u d e n aber der bloße, harte Existenzkampf ausgebürdet. Es ist bezeichnend, daß die ältere Generation, die den Mut zur Auswanderung besaß, damit zum großen Teil ihre Aktivität erschöpft hat. Sie nimmt mit dem proletarischen Los des Nadelnrbeiters sürlieb und begnügt sich in dem Bewußtsein der Lebenssicherheit nach erlittenen Verfolgungen. Aber die junge Generation hat den Ehrgeiz, aufzusteigen aus der sozialen Leiter und damit zugleich instinktiv das Streben, sich von der Tradition und von der jiddischen Mundart zu befreien, um amerikanisch zu werden. Denn diese Kinder, die zum Teil schon auf amerikanischem Boden geboren sind, fühlen in sich nicht mehr d-en Halt einer alten Heimat, nichts hindert sie, mit Begeisterung in das amerikanische Leben einzntreten, und — das merken sie instinktiv —: Erfolg i st nur beim Amerikaner, nicht beim O st j u d e n. Es ist also hier ein ganz bewußter Wille zur Assimilation vorhanden. Der äußere Erfolg bleibt tatsächlich in vielen Fälleen nicht aus. Aber trotz äußerer Erfolge ist das Ergebnis, am Kult n r m aßstab gemessen, fragwürdig. Aeußerlich betrachtet ist die Laufbahn des Antobiographen ein erstaunlich steiler Aufstieg, nach unserer Vorstellung ein ganz amerikanischer Weg. Aus dem Proletarierkind wird ein vielbeschäftigter Anwalt, Politiker, schließlich sogar Richter. Don der Last Zicke zieht er als wohlhabender Mann nach dem Riverside Drive — vom Prvletarierquartier in das Wohnviertel der Kapitalisten, aus dem modernen ostjüdischen Ghetto heraus in die Nachbarschaft der deutschen Inden. Doch es bleibt bei der Nachbarschaft. Dem erfolgreichen Mann gelingt es nicht, die gesellschaftliche Schranke zu durchbrechen, die hier Juden gegen Juden aufrichten. ,/So^ unbegreiflich dieser Gegensatz für uns scheinen mag, er erklärt sich einmal aus der wirtschaftlichen Struktur: Juden und' Ostjuden stehen sich in New Port von vornherein als Kapital i st e n und Proletarier gegenüber, ein Gegensatz, der sich auch durch materiellen Ausstieg nicht verwischen läßt, und zweitens aus der Idee der nationalen A b st n f u n g : der mehrprozentige Amerikaner, als der sich der deutsche Jude betrachtet, will keine gesellschaftliche Berührung mit dem minderprozentigen. Die Assimilation gelingt also nicht eimnal vollständig hinsichtlich des äußeren Ziels. Nvch weit ungünstiger ist ihr menschliches Resultat. Nceyer Hirsch entwickelt sich zum Amerikaner durch Ablösung vom jüdischen Nitus— das ist begreiflich, da der Zwang der. Kindheit diese Reaktion bedingt —, durch Abkehr von der jiddischen Sprache —^ denn er kann nur mit der Landessprache im Existenz, kampf bestehen —, aber auch durch Abwendung vom jüdischen Ethos. An seine Stelle tritt nichts als der rücksichtsloseste Egoismus. Es wäre sinnlos, diese Entwicklung moralisch zu verurteilen oder sie etwa dem speziellen Charakter des Autobiographen zur Last zu legen. Noch falscher wäre es, sie dem ostjüdischen Charakter insgesamt zur Schuld anzurechnen. Es ist der Vorgang der An gleichung des schw ächer en an das stärkere, im Besitze der M>acht befindliche E l e m e n t. Bedauerlich ist dabei nur dies: daß hier alte ideelle Werte ausgegeben werden, ohne daß neue dagegen eingetauscht würden. Das Amerrkanertum, zu dem sich der Ostjude entwickelt, ist nichts als Form ohne Inhalt, als Zivilisation ohne Kultur. Daher ist der „Held" des Buches zum Ende nichts als ein Spießer, dem Ruhe und gutes Essen unveräußerliche Notwendigkeiten bedeuten. Es ist interessant, dieser Biographie eine andere gegenüberzustellen: L u d w i g L e w i s o h n s „Gegen den Strom" (Eine amett* kanische Chronik, 1924, Frankfurter Sozietätsdruckerei, Frankfurt a. M.). Da ist es der eingewanderte deutsche Jude, der um jeden Preis die Amerikanisieruug erstrebt. Er versucht es auf anderem Wege: durch gründliche wissenschaftliche Arbeit, durch Eindringen in den Geist der Sprache, die ihm die Muttersprache ersetzen soll. Jedoch letzten Endes ist auch er nicht am Ziel. „Der Ameri- HAG Der Wohlgeschmack sowie die Bekömmlichkeit ihres Kaffees ist in jeder Hinsicht lobend zu erwähnen. Or. med. Palzow. Stromberg Alleinige Anzeigen-Annahme Rudolf Mosse, Anzeigen-Annahme für sämtl. Zeitungen Deutschlands und des Auslands Berlin LN 19, Jerusalemer Strebe -16-49 / Breslau / Chemnitz /Dresden / Düsfeldorf I Erfurt j Frankfurt a.M. / Halle(Saale) / Hamburg / Hannover I Karlsruhe / Kölna. Rh. Leipzig /Magdeburg / Mannheim / München / Nürnberg / Stettin / Stutigart / Amsterdam / Barcelona / Botel / Budapest J Bukarest / Prag / Warschau / Wien / Zürich. Dr. Wigger’s Kurheim wieder unter Vorkriegsleitung bei Vorkriegspreisen! Dr. Wigger’s Kurheim PARTEN KIRCHEN (Bayerisches Hochgebirge) Sanatorium für innere, Stoffwechsel-, Nervenkranke und Erholungsbedürftige Vollkommenste Einrichtungen Alle Bequemlichkeiten Eigenes grosses Kurmittelhaus Aussichtsreichste und geschützteste Sonnenlage Eigene diätetische Abteilung / 4 Aerzte Näheres durch den Besitzer Dr. Florenz Wigger, Geh. Hofrat.

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