Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 18 (30.4.1926)
- Date
- 1926-04-30
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Segen die Verzerrung des jüdischen Wesens. Bes Jüäetit in den Mnretts. — GrnnäsätzHihe Steilungmüme. - Zwei ü&ertiinie pretesinersamminngen in iertfn. - Bis enisätfiessmsg. - eine Znsäinft äes Sierra ZoYnstiek. - 3ns emo Her presse. ]L. H. Wer Humor und Komik bekämpft, wird mit Recht als Philister angesehen. Wer unser privates und öffentliches Leben der Heiterkleit entkleiden wollte, würde zu den Verderbern des Volkes gehören. Aber allem sind Grenzen gesetzt. Es gibt einen Pseudohumor und eine Pseudokomik, die, indem sie vorhandene Tatsachen entstellen und verzerren, zur Volksverderbnis führen müssen. Aehnlich geht es mit der Satire. Sie hat die Aufgabe, Widersprüche zwischen Ideal und Wirklichkeit aufzudecken und somit die Nichtigkeiten vieler im Leben herrschender Ansichten aufzuzeigen. Was wir in der letzten Zeit auf vielen sogenannten „Kleinkunstbühnen" beobachtet haben, ist nichts anderes als ein schwerer Mißbrauch dieser an sich durchaus berechtigten Darstellungsweise von Lebens-Erscheinungen. Wer jüdische Typen kennzeichnet und sie zum Gegenstand einer humoristischen, komischen oder satirischen Betrachtung macht, wird von niemandem getadelt werden. Denn wie jede Menschengruppe, so hat auch die Judenheit ihre komischen Seiten. Ueberspannungen und Uebertreibungen aller Art lassen sich von ihr ebensowenig fortdenken, wie von irgendeiner Klasse unserer Mitbürger. Alles das darf aber nicht dazu sichren, von einem entstellten Bild ausgehend, die Entstellung gewissermaßen zur Regel zu machen und dadurch einem ganzen Volksteil ein Stigma aufzudrücken, das nun einmal vorhandene Vorurteile vergrößern und vertiefen muß, besonders wenn sie aus jüdischem Munde bestätigt werden. Die Verhöhnung jüdisch - religiöser Einrichtungen in derartigen Vorstellungen kann nicht genug verdammt werden. Auch derjenige, der in religiöser Hinsicht auf der äußersten Linken steht, auch der nichtreligiöse, selbst der religionsgegnerische Mensch wird die Behandlung ernster Gläubigkeit in Kabarettvorstellungen mißbilligen. Denn es ist Roheit, das, was irgendeiner Religion heilig ist, lächerlich Zu machen und niedrige Instinkte einer unkundigen Menge auf Kosten tiefer Glaubensinnigkeit Zu wecken. Ebensosehr ist es zu verurteilen, wenn man jüdische Typen schafft, die es g a r n i ch t gibt, nur um in jüdischen Kreisen zum Lachen zu reizen. Die jüdischen Zuhörer wissen zwar meistens ganz genau, daß es den berühmten „kleinen Moritz" gar nicht gibt. Sie wissen auch, daß die mauschelnde Bewegung und der betonte Jargon vieler nichtjüdischer Komiker glatte Erfindung ist. Aber sie lachen harmlos, weil sie an die Harmlosigkeit der Darsteller und der Darstellung glauben. Sie sind sich nicht bewußt, daß die unkundigen jüdischen und alle nichtjüdischen Kreise in diesen Darstellungen Typen d e s I u d e n t u m s sehen, und zwar Typen, die ihrer Ansicht nach bei einer großen Anzahl von jüdischen Deutschen lediglich durch eine Zivilisationsschminke, die beim ersten Hauch wegsällt, verdeckt sind. Wenn früher über das Couplet „Haben Sie nicht den kleinen Cohn geseh'n?" gelacht wurde, so lag hier immerhin eine Komik vor. Die Darstellung eines kleinen, sich schnell in der Menge bewegenden und schnell Geschäfte ^treibenden jüdischen Kaufmannes, der eben wegen seiner Figur, wegen seiner Hast ausfallend wirkte, zwang zum Lächeln. Wenn aber der „kleine Moritz" in der Schule sich als betrügerischer, vorlauter, unkindlicher, von jeder Hemmung befreiter, moralisch niedrigstehender junger jüdischer Mensch entpuppt, wenn das Wesen dieses Witzes darin liegt, daß die gebotene moralische kindliche Zurückhaltung. Anständigkeit und Naivität in einen Gegensatz zum jüdischen Frechling gestellt und so die Witzwirkung erzielt wird, so handelt es sich hier nicht um Humor, Witz oder Komik, sondern um rohe Verzerrung jüdischer Typen, die es weder in Osteuropa noch bei uns gibt. Vielfach machen sich nun jüdische Komiker dadurch viel schlimmeren Vergehens schuldig, daß sie, an die Instinkte ihrer jüdischen Zuhörer appellierend, den kulturellen Gegensatz zwischen Ost- und Westjuden zum Gegenstand übler Witze machen. Man hat meiner Auffassung nach den Gebrüdern Herrnseld vielfach unrecht getan, wenn man die Art ihrer Komik so sehr scharf getadelt hat. Hier war im wesentlichen keine Entstellung der charakterlichen Eigenschaften von Persönlichkeiten. Hier ist der Jude niemals zum Lumpen gestempelt worden. Es war meist eine harmlose Darstellung beruflicher und menschlicher Schwächen, die nicht ohne innere Komik vorgetragen wurden. Aber auch dort hat das Gemauschel mit Recht vielfach gestört. Weit schlimmer ist es aber jetzt, wo Juden die schlechten Typen der Menschheit in jubelnder Weise dem Publikum zum Vortrag bringen und. um des bloßen Erwerbes willen, sich über sich selbst und ihresgleichen lustig machen. Der ist kein Schalk mehr, der solches tut. Er hak keinen Humor, er ist zügellos und frech. Wir haben Böses in der letzten Zeit erlebt. Wir haben uns mit Erstaunen gefragt, wie jüdische Männer, die aus dem Osten Europas kommen, es fertig bringen, ein entstelltes Bild ihrer Heimat und der jüdischen Menschen ihrer Heimat zu geben. Wir haben bereits im Herbst vorigen Jahres in der „C.V.-Zeitung" (vergl. Nr. 46 ff., Jahrgang 1925) gegen die Schamlosigkeiten, die hier begangen werden, Protest erhoben. Da dieser keine dauernde Wirkung erzielt hat, haben wir es für notwendig gehalten, jetzt in zwei öffentlichen Versammlungen zu diesen Dingen Stellung zu nehmen. Wir nehmen für uns das Recht in Anspruch, uns gegen die Verletzung aller Religionen und aller religiösen Weltanschauungen im öffentlichen Leben zur Wehr zu setzen. Die Entstellungen, Darstellungen von Menschen, die es nicht gibt, und die keiner kennt, in Kreisen der Bevölkerung, die sich über die Berechtigung dieser Darstellungen kein Urteil machen können, sind zu bekämpfen, und unter allen 1t nt - stünden jüdische Würde von jüdischen Kü n stle r n zu verlangen. Die jüdischen Künstler sind in der Gilde der Künstler gewiß nicht die schlechtesten. Wir wissen, was vielen nicht bekannt ist, daß gerade in Künstlerkreisen eine besonders anständige, hilfsbereite und ehrenhafte Gesinnung herrscht, und wir kennen viele Künstler, ans die wir Juden ganz besonders stolz sein können. Um so mehr muß man von denen abrücken, denen jedes vornehme und anständige Empfinden abhanden gekommen ist. Wir hoffen, daß die gesamte Oeffentlichkeit, die jüdische und die nichtjüdische, mit uns in dieser Tendenz auch praktisch übereinstimmt. Bis Versammlungen. Zwei gewaltige Protestkundgebungen veranstaltete der Landesverband Groß-Berlin des Centralvereins am 22. April im Westen und Osten Berlins. Etwa 700 Freunde des Centralvereins versammelten sich in der Aula der Fürstin-Bismarck-Schule, Charlottenburg, um gegen „das mauschelnde Kabarett" Stellung zu nehmen. Mehr als 800 suchten vergeblich Einlaß, sie konnten leider keinen Platz mehr finden. Dr. Eugen P i n n e r, Artur S ch w e r i n e r, Syndikus des Landesverbandes Groß-Berlin, Dr. med. Friedrich Brodnitz, Dr. Margarete E d e l h e i m und Arnold t e i n legten von "verschiedenen Gesichtspunkten aus die herrschenden Uebelstande dar. Ministerialrat Dr. Fritz Cohn leitete die stürmische Versammlung. In den „Unionsfestsälen", Greifswakder Straße, hörten etwa 500 Männer und Frauen die Reden von Landgerichtsrat Dr. Joachim S e l i g s o h n, Dr. London, Margarete Fried, Diplom-Handelslehrer Berger und Martin S o b o t k e r an. Die ruhig verlaufene Versammlung wurde von Justizrat Max Chodziesner geleitet. Zum Schluß nahmen die beiden Bersanimlungen — in den Üniousststsälen einstimmig — folgende Entschließung an: „Die am 22. April 1Ü26 zu vielen Hunderten versammelten Mitglieder und Freunde des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens legen Ver- Wahrung ein gegen die grobe Verhöhnung und geistlose Verzerrung jüdischen Wesens und jüdischer Einrichtungen in einer grotzen Reihe von Theatern und Kabaretts Grotz- Berlins. Kein an? Ehre und Anstand haltender Jude sollte derartige Scheinkunst unterstützen. Die Versammlung ersucht den Centralverein, den Kampf gegen die Auswüchse im Kabarett und Theater mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitcln dnrchznführen. Die Mithilfe aller rechtlich Denkenden ohne Unterschied des Standes und der Religion ist dem Centralverein sicher." Da mir das Bestreben haben, auch den anderen Teil zu Worte kommen zu lassen, geben wir einer Zusendung des Herrn Dir^^s Kurt Robitschek in folgendem Raum: Brr Simäßimki Her Sfamtier. Mündlich festgelegter Standpunkt nochmals präzisiert: geschmackvoller Künstler und Kabarettleiter wird jede Entgleisung, die von der Bühne herab religiöses Gefühl eines Mitbürgers verletzt, auf das strengste verurteilen. Im Wirkungskreise führender Kabaretts Berlins wird besondere Sorgfalt ans Vermeidung aller Reden und Taten gelegt werden, die Anlaß 311 Protesten geben können. Aber — um Gottes willen! — keine kleinliche Zensur! Witz und Satire müssen erlaubt sein, wenn auch hie und da einzelner hart getroffen wird. Normen, wo erlaubte Satire aushört ltnb Geschmacklosigkeit beginnt, gibt es nicht. Können im Einzelfalle nur durch Besprechung festgesetzt werden. Also: erst verhandeln und dann handeln! Lasset ruhig im Kabarett Lieder und Vorträge zu Worte kommen, die ernste — auch religiöse — Themen des Judentums behandeln. Vielumstrittenes Lied „Kaddisch" gehört dazu. Kabarett entwickelt sich langsam — aber doch! — in künstlerischer Linie! Noch vor wenigen Monaten Angelegenheit niedrigsten Amüsierbedürfnisses: Nackttünze, Hehpatriotismus, dumme Clownkomik — heute Betätigungsfeld prominenter Schauspieler: kleine Operetten, Singspiele, soziale Dichtungen, würdige Behandlung ernster Probleme,