Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1926-04-30 · 18 (30.4.1926) · p. Seite 242

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
18 (30.4.1926)
Date
1926-04-30
Page
Seite 242 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2277379-2277622-2277640--02891-2283346
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

242 will Harnack auf das ganze Alle Testament ausgedehnt wissen. Ja, er glaubt, dieses Buch werde erst dann seine volle Würdigung in der christlichen Welt erfahren, wenn ihm einmal die kanonische Autorität entzogen ist. Die Richtigkeit dieser Prophezeiung darf man schon aus psychologischen Gründen bezweifeln. Das Wahrscheinlichere ist, das; bei Befolgungder Harnackschen Parole das Alte Testament eine Angelegenheit der gelehrten Forschung sein, aber die führende Rolle, die es bisher als Volksbuch auch für die Erziehung des christlichen Menschen gehabt hat, einbüßen wird. Ob das wünschenswert und durchführbar ist, muß die christliche Welt der Gegenwart in einer Auseinandersetzung mit Harnack entscheiden. * ' Die Antworten, die bisher in dieser Frage vorliegen, bedeuten in ihrer Mehrzahl eine Absage an Harnack. Daß sein Vorschlag beim Katholizismus wenig Gegenliebe finden werde, hat er selbst vorausgesehen. Der katholischen Kirche gilt ja das Alte Testament als eine genau so göttlich inspirierte Schrift wie das Neue. Der Bibelkritik, die für den Autoritätsglauben leicht ein Fallstrick werden kann, ist zwar die Entscheidung der päpstlichen Bibelkommission vom Jahre 1905 insoweit entgegengekommen, als sie die Auffassung -gelten läßt, daß die formale Einkleidung der Heiligen Schrift zeitgeschichtlich bedingt sein kann und deshalb nur relativ vollkommen ist. Der religiöse Gehalt d>er Bibel aber ist absolut wahr und für den Katholiken verpflichtend, wie 'das in der Enzyklika „Providentissimus" vom Jahre 1893 ausdrücklich festgestellt wird. Mit einer erfreulichen Offenheit zeigt denn auch der Freiburger Universirätsprofessor Engelbert Krebs in einem Aufsatz: „Urkirche und Judentum" (im 5. Heft des „Morgen", 1925) die Uebereinstimmungen, die bei aller Verschiedenheit des Standpunktes heute noch zwischen katholischer Gläubigkeit und der Frömmigkeit des Alten Testaments bestehen. Weil die katholische Kirche bewußt aus dem religiösen Gut des Wien Bundes ihr Heilswerk aufbaut, deshalb kann für sie die Abtrennung des Alten Testaments als Heilige Schrift nicht in Betracht kommen. ^Da Harnack selbst sehr deutlich von den antisemitischen Befürwortern' seiner These abrückt, so ist sein Aufruf vor allem an das Protestantische Christentum gerichtet. Es muß aber festgestellt werden, daß sein Vorschlag auch bei ausschlaggebenden Führern der evangelischen Theologie auf wenig Gegenliebe gestoßen ist. Als erster hat der Berliner Professor Ernst S e l l i n in einer Broschüre „D a s A l t e T e st a m e n t umb feie evangelische Kirche der Gegenwart" (Leipzig 1921) zu den Anregungen Harnacks das Wort ergriffen. In sorgfältiger Untersuchung zeigt er, wie Jesus und die Apostel aus der jüdischen Bibel die Stimme des Gottes vernahmen, den sie selbst als ihren Vater bekannten und an* beteten. Diese Stimme müsse daher auch immer für den Protestantismus verbindlich bleiben. Mit ihrer Ausschaltung wäre dem Christentum eine feiner besten Kräftequellen entzogen. Die christliche Frömmigkeit kann auch Zu leicht zu einseitiger Askese führen, wenn sie sich nur auf die Worte des Neuen. Testaments stützt. Die sittlich*religiöfen Anweisungen des Alten Bundes müssen daher auch dem Christen den Weg anweisen, wie er im Aufblick zur Ewigkeit den Forderungen des Tages genügen kann. Sellin stellt deshalb folgende Gegenthefe aus: „Das Alte Testament im 20. Jahrhundert als kanonische Urkunde abzuschaffen, würde dem Zeugnis Jesu und der Apostel direkt widersprechen, es würde verhängnisvolle religiöse Folgen haben und vor allem einfach ein Anachronismus sein und die größte Dummheit, die die evangelische Kirche begehen könnte." 'Zu einem ähnlichen Ergebnis hinsichtlich der Kanonsrage kommt auch der Führer der religionspsychologischen Schule, Professor Georg Wobbermin, in seinem neuesten Werk: „W e s e n und Wahrheit des C h r i st e n t u m s" (Leipzig 1925, Seite 128 fs.). Er legt besonderes Gewicht auf den Nachweis, daß Luther keineswegs, wie oft behauptet wird, Anhänger Marions gewesen ist. Heißt es doch in seinem großen Katechismus ausdrücklich: „Das ist mein Gott, zum ersten der Vater, der Himmel und Erde geschaffen hat, außer diesem einen halte ich nichts für Gott, denn sonst keiner ist, der Himmel und Erde schaffen könnte." Für Luther ist also, im Gegensatz zu Marcion, der Schöpfergott mit dem Erlösergott identisch. Deshalb find für ihn beide Testamente nur Teilhälften, die, für sich genommen, nicht verständlich sind, sondern erst aufeinander bezogen den Sinngehalt der christlichen Religion ergeben. Gerade mit Bezug auf Luther müsse der Protestantismus dcrs Alte Testament weiterhin als kanonische Quelle beibehaltell, wenn auch darauf zu achten sei, daß das Alte Testament nur unter dem Blickpunkt des Neuen für den christlichen Menschen Bedeutung gewinnen könne. Als eine Ergänzung dieser Aufsassungsweise darf der Aufsatz von Professor H a-ns Schmid t: „Das Alte Testament als kanonische Urkunde des Protestantismus" (im 4. Heft des „Morgen", 1925) angesehen werden. Für Marcion und seine Anhänger ist nämlich das Neue Testament schon deshalb das Wertvollere, weil es die Frömmigkeit „aus dem Glauben" will, während das Alte nur das „Buch des Gesetzes" sei. Schmidt weist nach, wie der Glaube an den helfenden Gott bereits einen integrierenden Bestandteil der altjüdischen Frömmigkeit bildet. Dem Alten Testament könne darum der Platz unter den Glaubensschriften des Protestantismus nicht streitig gemacht werden. Eine allgemein-verständliche Zusammenstellung der wichtigsten Argumente, die für die Beibehaltung des Alten Testaments im christlichen Kanon sprechen, bietet das soeben vom evangelischen Preßverband herausgegebene Büchlein: „Fort mit dem Alten Testament?" In Dialogform wird das Absurde der Marcionitischen Lehre von den zwei Göttern scharf gegeißelt und ein Zurückgehen hinter Luther, für den die Verwerfung des Alten Testaments ein gänzlich unmöglicher Gedanke gewesen wäre, abgelehnt. Nicht abbauen soll man das Alte Testament, sondern seine Kräfte müßten dazu benutzt werden, den Neubau der heutigen Welt sicherzustellen. # So erfreulich diese Verteidigungsschriften auch für uns Juden sein mögen, so muß doch gesagt werden, daß sie stark ergänzungsbedürftig sind. Unsere Bibel ist eben kein V o r - werk, sondern sie ist ein monumentales Werk von eigener Geschlossenheit. Solange man sie unter dem Blickpunkt betrachtet, „was Christum treibt", wird man vieles Bedeutsame und Charakteristische in ihr übersehen und verkennen müssen. Ihr ganzes Wesen kann, sich nur dem erschließen, der sie unvoreingenommen als Ausdruck einer selbständigen Religionsauffassung auf sich wirken läßt. Ansätze einer solchen Betrachtungsweise sind seit neuestem auch in der christlichen Theologie bemerkbar. Zeugnis davon legt u. a. ein Büchlein ab, das der Heidelberger Privatdozent Artur Wies er vor kurzem unter dem Titel: „Die Bedeutung des Alten T e st a m e n t s für den Religionsunterricht" (Töpelmann 1925) hat erscheinen lassen. Obgleich auch hier noch einige typisch christliche Bewertungsmaßstäbe anzutresfen sind, wird doch in den entscheidenden Fragen die Forderung ausgestellt, den Eigenw er t des Alten Testaments, abgelöst von feinen Beziehungen zu den Evangelien und zur Kirche, an die Jugend heranzubringen. Wenn es der Sinn des modernen Religionsunterrichts ist, die Schüler zu einer selbständigen religiösen Urteilsfähigkeit in den Lebensfragen der Gegenwart heranzubilden, dann sei es nicht Zweifelhaft, daß „die geradezu typische Geschichte des Volkes der Religion einen wertvollen Beitrag Zu dieser Arbeit zu liefern vermag". So ist die Hoffnung nicht unbegründet, baß unsere Bibel auch den im Namen Akarcions heute wieder erössneten Krieg überdauern und ihre Vormachtstellung in der Welt behaupten wird. Wir begrüßen jede sachliche Auseinandersetzung mit unserem Schrifttum, weil auf diese Weise immer mehr Menschen mit unserer Heiligen Schrift in Berührung kommen' und sie auf diese Weise kennen und in Wahrheit schätzen lernen. Nachbemerkung. Nach Abschluß obigen Artikels geht mir die „von der Berliner Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den Juden" herausgegebene Broschüre: „Das Alte Testament — ein christliches Buch?" (Bertelsmann, Gütersloh 1926) Zu, in der sich Generalsuperintendent i. R. Hans Keßler gegen Harnack wendet und für die Beibehaltung des Alten Testaments innerhalb der evangelischen Kirche eintritt. Seine Beweisführung entbehrt allerdings nicht der Komik. Er will der Welt glaubhaft machen, daß das Alte Testament zwar in Israel entstanden, vom Judentum, dem „Bastard des alten Israel", aber verworfen, indes vom Christentum in Anerkennung seiner Güte für die Menschheit gerettet worden sei. Was sonst noch an schiefen Urteilen über Juden und Judentum in diesem „frommen" Büchlein zu lesen ist, liegt auf der Grenzlinie zwischen Widersinn und Gemeinheit. Hofft man in Berlin, das Christentum auf diese Weise zu „befördern"? Der Verfasser.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.