Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 17 (23.4.1926)
- Date
- 1926-04-23
- Page
- Seite 230 (sequence 6)
- Language
- German
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man mutz mit der Möglichkeit rechnen, daß bedeutende und wertvolle Menschen die Oeffentlichkeit scheuen und sich nicht mehr herbeilassen werden, für die Allgemeinheit zu wirken. Die Straskannner I hat eine etwas „graue" Ausführung gebracht über den V'egrifs „Zeitgeschichte", die nichts anderes darstelle, als eine Erörterung über das Recht der Kritik, über vermeintliche Ausstände. Was nun „Wahrung berechtigter Interessen" anlangt, so ist sie in der heutigen Rechtsprechung strittig, denn es gibt verschiedene Auffassungen darüber. Die Strafkammer I hat sich im Urteil der laxesten Auffassung, die es gibt, angefchlofsen. Ter Strafsenat lehnt infolgedessen hier die Anwendung des § 193 ab. Es bleibt die Frage übrig: Was ist in den beiden Artikeln beleidigend? Beleidigend ist die Behauptung, datz Max Marburg während des Krieges zwei Verbindungen unterhalten habe; eine nach New Fort, die andere nach dem Großen Hauptquartier, und daß ihm vorgeworsen wird, er habe die Verbindungen in gewinnsüchtiger Absicht ausg-enntzt. Beleidigend ist ferner die Behauptung, daß Max Marburg dahin gearbeitet habe, die Vesetzungsfrist der Rheinlande zu verlängern. Im „Dailp Erpreß", dein diese Behauptungen entnonnncn sind, befindet sich der Nachsatz, daß Marburg im Interesse seines Vaterlandes die Verlängerung anstrebe, und daß er auf die Veruneinigung der Engländer und Franzosen hinarbeite. Weiter besteht die Vermutung, daß eine fälschliche Heranziehung des § 193 aus das Strafmaß einen Einfluß ansgeübt hat." So hatte das Gericht, wie eingangs bereits mitgeteilt, zu erkennen. Der fünfte Akt wird sich also in nicht zu ferner Zeit vor dem Landgericht Hamburg abspielen. Hg. Wer ist „Professor Gregors Aus der Aufklärungsschrift der Nationalsozialisten. Neber kein Land der Erde werden noch immer so widersprechende Nachrichten verbreitet wie über Sowjetrußland; bei dem starken Interesse, wirklich Zutreffendes über die dort -herrschenden Zustände zu erfahren, noch dazu von einem „Kenner und Augenzeugen", konnte man mit der Ankündigung „Wahrheit über Rußland" leicht eine große Zahl erwartungsvoller Zuhörer in den Versammlnngssaal bringen. Das wußten und nutzten die Münchener Nationalsozialisten. Freilich durfte inan dieser Ankündigung mit bangen Gefühlen entgegensehen, nachdem wenige Tage vorher eine ähnlich angekündigte Versammlung in Leipzig zu schweren Kämpfen geführt hatte. Die Münchener Polizei glaubte aber offenbar, in-München ähnliche Ansschreitimgen nicht befürchten zu müssen oder ihnen mit ihren Machtmitteln begegnen zu können, And ließ deshalb die Versammlung in München zu. Als Redner hatte man sich den seit Jahren in Deutschland als Wanderredner gegen die Kommunisten tätigen angeblich r u s s i * scher: Hochschulprofessor D r. Gregor verschrieben. Und die Veranstalter liehen seinem Auftreten noch eine besondere Weihe dadurch, daß sich A d o l f H i t l e r h ö ch ft s e I b st a l s Z u h ö r e r einfand, um den Berichten des Redners zu lauschen. Hütte sich der Redner auf eine tatsächliche Schilderung der russischen Zustände und auf eine Widerlegung der kommunistischen Ideen beschränkt, so bestünde für uns keine Veranlassung, uns an dieser Stelle mit seinem Auftreten zu befassen. Aber dem Redner und seinen Hintermännern kam es offensichtlich darauf an, unter dem Vorwand der Bekämpfung der Bolschewisten wieder einmal k r ä f t i g d i e M a s s e n g e g e i: d i e I u d e n a u f z u p e i t s che n. Das zeigte sich gleich bei Beginn, als der Redner auf die Leipziger Zwischenfälle einging und den Kommunisten den Rat gab, mit ihren Gönnern nach Palästina auszuwandern, das setzte sich fort, als er die Sowjetrepublik als Werkzeug der „jüdischen Weltfinanz" hinstellte, kurzum, das ganze, wohlbekannte Register der Antisemiten zog, die ihre geistige Nahrung aus den „Geheimnissen der Weiser: von Zion" und ähnlichen trüben Quellen beziehen. Die von ihm mit angeblicher Genauigkeit zahlenmäßig ausgeführten Opfer der bolschewistischen Schreckensherrschaft wurden als Opfer jüdischen Hasses hingestellt, und ungehindert durfte der Redner den aufreizenden Satz in den Saal schleudern: „Es wird noch ein arischer Tag der Vergeltung nach der jüdischen Versklavung auchin Rußland kornmen." Wer ist nun dieser Redner Professor Gregor? Die Nationalsozialisten behaupten, daß Gregor selbst ein Opfer bolschewistischer Verfolgung sei und erst 1920 mit den letzten weißen Truppen Rußland verlassen habe. Die „Münchener Post" aber behauptet, Gregor habe sich schon 1917 auf deutschem Boden befunden, könne also gar nicht aus eigener Anschauung über die Zustände in Sowjetruhland berichten, er habe ferner vor 14 Monaten in einer als nicht politisch ausgemachten Versammlung in München genau die gleiche Rede gehalten, sich aber damals als Rechtsanwalt ausgegeben; in Wahrheit sei er weder Rechtsanwalt nach Hochschulprofessor, ja nicht einmal Doktor, und habe früher auch andere Namen geführt. Von anderer Seite wird bestätigt, daß der Presseabteilung der russischen Botschaft in Berlin dieser angebliche russische Ho ch s ch u l p r o f e s s o r völlig u n b e - kannt ist. Es darf wohl bezweifelt werden, ob ein Ausländer von so dunkler Herkunft und so wandlungsfähiger Gestalt gerade die berufene Persönlichkeit ist, um das deutsche Volk zuverlässig über die russischen Zustände auszuklären. Es wird sich empfehlen, wenn „Professor Gregor" an anderen Orten seine Tätigkeit fortsetzen sollte, der Sache auf den Grund zu gehen. Politische Abenteurer aus dem Ausland haben in Deutschland schon genug Unheil angerichtet. W. K. Ainöee als Zrieöhofsschän-er. Verwüstungen auf dem israelischen Friedhof Pflaumloch. Rabbiner Dr. Kroner (Oberdorf-Bopfingen) schreibt uns: Der behördlich aufgestellte christliche Hüter des Friedhofes der erngegangerien israelitischen Gemeinde Pflaumloch (Rabbinal Oberdorf, Württemberg) berichtete mir am 27. März, daß auf derp dortigen Friedhofe in den letzten Tagen starke Verwüstungen vorgekommen feien, hie scheinbar von ruchloser Hand herrühren. Ich gab sofort Auftrag, das Landjägeramt in Pflaumloch davon zu unterrichten und die Untersuchung aufzunehmen. Die Sache selbst ließ mich aber nicht ruhen, und so fuhr ich am Vorabend des Pefsachsestes noch nach Pflaumloch, um mich selbst von dem Vor* gefallenen zu überzeugen. Da zeigte sich nun auf dem Friedhofe ein grauenhaftes Bild. A ch t z e h n n m geworfene Grabsteine, da r unke % mehrfa ch g e b röche n e, also ein Vierte! des Friede h o f e s d e tu oliert! Der Landjäger hatte bereits die Spur auf.« genommen und festgestellt, daß es sich um einen jugendlichen Anstifter handle, einen noch nicht vierzehnjährigen Schüler der dortigen evangelischen Volksschule. Die sofort weitergeführts Untersuchung, der ich selbst beiwohnen durfte, ergab, daß ungefähr elf Kinder, alle Schüler dieser Schule, Knaben und M ä d ch e n in: A l t e r von elf bis v i e x $ zehn I ah ren, sich an diesen: frevelhaften Werke beteiligt hatten! Die Kinder hatten die Mauer des Friedhofes überstiegen, :nn auf dem Judenfriedhofe, „wie alljährlich", Immergrün für die Konfirmationskränze zu sammeln. Bei dieser Gelegenheit hatte der Hauptmatador bemerkt, daß einige Grabsteins nicht mehr ganz fest stehen. Kurzerhand war er entschlossen, gründliche Arbeit zu leisten, und warf vier Grabsteine um. Das reizte und weckte die Lust zu weiteren Kraftleistnngen, und so waren in kurzer Zeit von Knaben und Mädchen im leichtsinnigsten Uebermul und zur Befriedigung der augeregten Laune bald achtzehn Steins umgeworfen! Der Landjäger hat sofort der S t a a t s a n w a l t; s ch a f t in Gllwa u g e n eingehenden Bericht erstattet. Der Beschluß der Staatsanwaltschaft von: 1. April lautet: „Die Beschuldigter: sind straftmmündig. Wegen des entstandenen Schadens wird ans den Weg des Zivilprvzesses verwiesen. Die Akten werden den: Jugendcnnt r:nd Borruundschastsgericht übermittelt zwecks Erwägung eventueller Erziehungsmaßnahmen." Der Oberrat der Israeliten Württembergs hat null auch seinerseits Schritte getan, um die evangelische Ortsschulbehörds zu einer bestimmten Stellungnahme zu veranlassen. Wie leicht d:6 Kinder das ganze Zerstörungswerk genommen haben, geht auch daraus hervor, daß die betreffenden Eltern erst aus der später er^ schieneneu Zeitungsnotiz, welche diese Freveltat übrigens mit allet Schürfe verurteilte, von der traurigen Arbeit ihrer Kinder ver-« nommen haben! Es muß zu Ehren der Eltern und der Bevölkerung gesagt werden, daß sie mit E n t r ü st it u g von diesem jugendlichen Bandalismus Kenntnis nahmen, und daß einzelne Mütter beim Rabbinat ihr großes Bedauern und ihre starte Erregung ausdrückte!: und — um eine Berücksichtigung ihrer wirtschaftlichen Notlage bei Ansetzung des Schadenersatzes baten. Wird man nun der Sache gerecht, wenn man wie die genannte Zeitungsnotiz das traurige Vorkommnis betitelt: „Jugend von heute", oder sind dabei noch andere Imponderabilien wirksam, die in den Herzen der Kinder auch schon schlummernd vorhanden finb? Nieönger hängen! In einer Stadt des Freistaates Lippe erscheint ein Nachrichtenblatt der Bruderschaft des Jungdeutschen Ordens. Als Schriftleiter zeichnet der Bolksschullehrer Fr. Herbst. Der Schriftleiter selbst füllt zwei Spalten des in der Druckerei von Heinrich 1t c cf c x m a n n hergestelltm Blättleins vom 28. März 1926 mit einem Aussatz über die Judenfrage, der das Unerhörteste und Widerlichste an Verleumdungen darstellt, was wir in den letzten Monaten in der übelsten völkischen Hetz^ Presse gelesen haben. U. a. findet sich int Anschluß an die Lobpreisung der „G e h e i m n i s s e der Weisen von Z i o n" als Offenbarung in diesem Aufsatz folgender Absatz: „Das auserwählte Volk", dem nach seiner Meinung aus Grund angeblich göttlicher Verheißungen die Herrschaft über die' Welt zu steht, und das kräftig bemüht ist, das tausendjährige Reich auszurichten, unterstützt zu diesem Zwecke die „Ernsten Bibelforscher". Diese klären die geistig Armen der gesamten Christenheit über Gottes Willen aus, damit religiöse Widerstände gegen den Antritt besagter Herrschaft nach Möglichkeit ausgeschaltet werden. Wer über das nötige Geld verfügt, kann sich großzügige P r o - p a ig a n d a gestatte n." Wir erklären hiermit die Angaben, „die Juden unterstützen die „Ernsten Bibelforscher", für unwahr" und fordern den Verfasser' des Aussatzes, Herrn VoWschullehrer Herbst, auf, diese Angaben zu berichtigen. Sollte innerhalb eines Monats keine derartige Berichtigung erfolgen, so müßten wir ihn in aller Oeffentlichkeit als Verleumder brandmarken.