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Central-Verein-Zeitung · 1926-04-23 · 17 (23.4.1926) · p. Seite 229

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
17 (23.4.1926)
Date
1926-04-23
Page
Seite 229 (sequence 5)
Language
German
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229 Opfer fürs Volk? Skarrdalprozesie und kein Enve! BestechuugLtt imb Korruption fimt> an der Tagesordnung, und wochenlange Verhandlungen vor den Gerichten und den parlamentarischen Untersuchungsausschüssen entrollen das Bild einer Zeit, die „aus den Zargen" ging.' Je schneller den skrupellosen Gestalten die Maske des Ehrenmannes vom Gesicht gerissen wird, desto eher dürfte die Reinigung des geschäftlichen und politischen Lebens sich vollziehen. Sind es die „j ü d i s ch e n N u tz n i e ß e r" der Inflation, die wir allein auf der Anklagebank erblicken? Waren es außer den Juden Barmat und Kutisker, die man als typische Erscheinungen uns stets vorzuhalten Pflegt, keine „a r i s ch e n" Deut s ch e n, über die man zu Gericht sitzen mußte? Gerade in diesen Tagen verhandelte mcm gegen den urchristlichen Sprit- Weber und seine Helfershelfer: noch läßt sich ein Ende dieses Prozesses nicht absehen, aber so viel scheint festzustehen, daß die Bestechungen, mit denen hier Zoll,- Finanz-, Kriminal- und MonopolverwalLungsbeancke gefügig gemacht wurden, alles i u d e n Schatten stellen, was in den monatelangen Untersuchungen gegen die Barmats zutage kam. In diesen Blättern ist unsere Stellungnahme zu all diesen höchst unerfreulichen Erscheinungen so oft präzisiert worden, daß es sich erübrigt, sie noch einmal zu erörtern. Wir verlangen die schärfst e Ü nterdr ü ck u n g j e d w e d e r Korruption! Gegen Christen und Juden! ' Aber gerade deshalb erscheint itng von den zuletzt verhandelten Prozessen der Volkso p s e r - P r o z e ß, den man vor kurzen: in Dresden schloß, besonders charakteristisch. Hier in Dresden standen nämlich jene Kreise v o r d e nt N ichter , die das N a t i o n a l b e \v u ß tsei n i n E r b Pacht genommen zu haben glauben, und von denen jene Hetze ausgeht, die alle durch die Umwälzungen bedingten K r a u k h e i t s - e r s ch e i n u n g c n dem neuen Staat und vor altern d e n I u b c u a n z uhänge n versucht. Der Boltsvpfer-Prozeß hat das Bild der schlimmsten Korruption gezeigt: Gelder, b e st i nt ut t für d i c A e r m st e n, besonders auch den proletarischen Mittelstand und die verschämten Unterstützungsbedürftigen, wurden zu Tausenden von skrupellosen Gesellen unterschlagen, verpraßt und vergeudet, besonders aber völkis ch e n I n stitution e n, wie dem W e h r - wolf, Wikingbund, S t a h l h e l nt, z rr g e f ü h r t, die sie verwandten, um ihre unterirdische Wühlarbeit weitersühren zu körmen. Denn um was handelte es sich bei diesem Prozeß: int Oktober 1623 hatte der als „Befreier" in Sachsen einrückende General Müller gerade zu jener Zeit des Uebergangs zur neuen Währung das „Sächsische A olksopfer" gegründet, das besonders an die wohlhabenden Kreise des Handels mrd der Industrie Sachsens — auch die jüdischen — wegen Spenden appellierte. Ehrenamtlicher Geschäftsführer wurde Dr. jur. et rer. pol. M c i ß n e r, Mitglied des Korps Rhenania (Heidelberg), ehemaliger Attache und zuletzt S y n d i k -u s im Verbände Sä ch sischer I n düst x ic 1 IC c x; von Gesinnung st reng n a t i o n a l, und zwar so sehr, daß er gemeinsam mit"dem früheren Neichsjustizminister Dr. Heinze in Dresden den Nationalen K l u b gründete, der die Aufnahme altangesehener Mitglieder des Dresdener Adels ablehnte, weil wohl die A h n e n probe j ü d i s ch e B l n L s t r o p f e n Vermuten ließ. Während Meißner, der nur einige Tage im Felde, sonst nie Soldat war, s i ch s e l b st z u m Ritt m e i st c r befördert hatte, war neben ihm als besoldeter Geschäftsführer der Haupt m a n n a. D. Löffle r tätig. Er ließ sich ans eigenen Gnaden zum Major avancieren. Diese beiden- Männer, die sich Alarich und Roland nannten, waren in den Dresdener nationalen Kreisen eine Zeitlang tonangebend; ihre vaterländische Gesinnung dokumentierte sich ja dttrch die Bekundung der „einzig wahren" politischen Ueberzeugnng nnb durch das Opfer, das mit ihrer Arbeit sie dem Wohl des Volkes zu bringen schienen. Aber sie führten die Spenden der christlichen und jüdischen Wohltäter zunächst in die eigene Tasche: .Kostspielige Reisen, Unterhaltung zweier Autos, häufiger Besuch von Bordellen, in denen Löffler infolge seines Auftretens sogar zum „Fürst" aufrückte, und andere opservolle Dinge verschlangen Tausende. Andere Summ c n gingen, wie oben erwähnt, an die völkischen Verbände, war doch Meißner auch Zweiter Vorsitzender des Verbandes vaterländischer Vereine. Aehnlich wie auf merkwürdigen Wegen Gelder vonder Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbünde zu den Fememördern gingen, bestand hier zwischen dem Verband Sächsischer Industrieller und den völkischen Geheimverbiiti>itngen eilte eigenartige Versippung: Meißner und Löffler waren die Verbindungsoffiziere. Die nationalen K reise hatten kein Interesse aneinerKon - trolle, und als ein Zweifel an den Unterschlagungen nicht wehr möglich war, suchten sie alles zu vertuschen, um den Skandal zu vermeiden. Jetzt erst versucht man. Meißner äbzuschütteln. Was hätten wohl jene reinrassigen Herren für ein Geschrei erhoben, wenn ein jüdischer Politiker ähnlicher Dincze bezichtigt worden wäre? Das Urteil, das Meißner zu vier Jahren Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust, Löffler zu zwei Jahren Gefängnis und drei Jahren Ehrverlust verurteilte, wird deshalb als gerecht angesehen werden. Ist doch das Vertrauen der Spender aufs schlimmste mißbraucht worden. Fast 130 000 Mark sind dem Volksopser entzogen worden. Wird dieser Prozeß endlich dazu beitragen, Vorurteile zu beseitigen und alle Volksk reise zu gemeinsa m e nt K a iu p f g e g e n d i e K o r r u p t i o n z u einen? Das wäre ein w i x 11 i ch e s Opfer s ü r das V o l k. Dr. Kurt Zrelenziger. Aufhebung eines Fehlurteils. Das Revisionsurteil iu Sachen Marburg—Fritsch. Das O b e r l a n d e s g e r i ch t in Ha m bürg beschäftigte sich am 15. April d. I. mit der Nevision der Herren Max Warb u r g u n b D r. Melchior (H a m bur gf gegen das befremdliche Urteil des Landgerichts Hamburg in Sachen gegen Fritsch vom 25. Januar d. I. Es kam zu folgendem Urteil: „Die Revisionen des Angeklagten Fritsch und des Privatklägors Dr. Melchior Werder; auf deren Kosten Zurückgewiesen. Der Nevision des Herrn Marburg wird bezüglich der beiden Artikel „Der heimliche Kaiser" und „Wer ist an der Niederlage schuld" st a t t> g e g e b e n. Das llrteil wird iu diesen Abschnitten mit seiner: tatsächlichen Feststellungen aufgehoben rmd zur erneuten Verhandlung an das Landgericht zurückgewiesen." Damit endet der vierte A k t e i n e s politischen S ch a u - sp i els , in dem die eine Partei, Herr Fritsch, wahrlich keine Heldenrötte spielt. Es verlohnt sich, ehe die Begründung des Urteils mitgeteilt wird, ganz kurz diese vier Akte zu skizzieren. 1. Akt: Theodor Fritsch, der berüchtigte Herausgeber des ,,H a m nt c r", veröffentlicht im Jahre 1921 den gefälschten Brief eines russischen Revolutionärs, in dem die Persönlichkeit Max Marburgs mit der Finanzierung der b o l s ch e w i st i s ch e n B e w e g u n g im Z u s a m nt e n h a n g g e b r a ch t wird. Herr Marburg klagte, fand sich jedoch 1922 zu einem Vergleich mit Theodor Fritsch Bereit, in dem dieser seine Beh a u p t un geu m i t dem A u s druck des B ed a lt e r n s S u r ü ck n a h m , Veröffentlichung des Vergeichs in mehreren Blättern versprach und die Kosten trug. Der Fall Marburg— Fritsch schien abgeschlossen. 2. Akt: Im Mai 1923 erscheinen im „Hammer" zwei Anfsaße, , D e r h e i m l i ch e K a i s e r" und „W e r i st a n d c r 91 jederl a g e s ch nld?" In diesen Artikeln stellte Fritsch Behauptungen auf, die durch den Bergleich als erledigt zu betrachten waren, llud führte aus, daß Max Marburg als Exponent des jüdischen Weltkapitals sein Verhalten eingerichtet habe. Dieses — und .damit mrcfj Marburg — regiere Deutschland mib die Welt. Herr Max Marburg erhob deswegen für sich, und wegen eines Handzettels, der ähnliche Gedankenzüge enthält, dabei aber ' angebliche Tatsachen behauptet, die auch für den Mitinhaber ' des Hauses M. M. Marburg n. Co., Dr. Melchior, beleidigend sein mußtet!, gemeinsam Privat klage. Am 4. und 5. Dezember 1924 kommt es zur H a u p t v e r h a n d l tt n g v o r dem Ein zel richtet: iu Hamburg. Das Urteil lautet dahin, daß Theodor Fritsch wegen der beiden erwähnten Artikel eine Strafe von zwei Monaten Gefängnis, wegen des Handzettels, bei dem die Frage der Verjährung zu verneinen sei, gleichfalls zu zwei Monaten Gefängnis, zusammengezogen zu drei Monaten Gefängnis verurteilt wird. 3. Akt: Fritsch legt B e r u f u n g ein. Marburg und Melchior gleichfalls. Ueber ein Jahr dauert es, ehe es vom 15. bis 18. Januar zur B e r u s u n g s v e r h a n d l u u g kommt. Das mit Spannung erwartete Urteil ergeht aut 25. Januar und tautet — daß in zrvei Punkten der Angeklagte s r e i z u s p r e ch e n sei, nämlich wegen der Beleidigungen im Handzettel, da hier Verjährung vorliege, ttnd wegen des Aufsatzes „Der heimliche Kaiser", da dem Angeklagten der Schutz des §19 3 StGB., d. h. Wahrnehmung berechtigter Interessen, znznbilligen sei! Lediglich wegen des Aussatzes „Wer ist schuld an der Niederlage?" war eine Strafe zu verhängen. -IHon glaubte, mit 10 00 Mark Geldstrafe den Ausgleich Zwischen Schuld und Sühne gesunden zu haben.—Die Privatkläger legten Nevision ein. Eine Kritik dieses Urteils haben zahllose Zeitungen, auch die „C. V.-Zeitung" iu Nr. 5 und 6, veröffentlicht. Vernichtende r als alle diese'Darlegungen sind jedoch die Ausführungen des Seit a t s p r ü s i d e n i e n "D r. Griese b a ch v o m Strafsenat des H a tu b u r g e r Oberlaudesger i ch t s b e i d e r B e - gründung des Revisionsurteils. Wir sind im 4. Akt: "Dr. Griesebach stellt fest, daß eine Revision der beiden Privatkläger betreffs Beleidigung durch die Handzettel wegen Verjährung zutückzuweiien ist, und führte aus, das Urteil iu dieser Sache sei zwar kurz und mager: doch zur Aufhebung dieses Urteils liege kein Grund vor. Anders liege es bei den Artikeln „Ter heimliche Kaiser" und „Wer ist schuld an der Niederlage". „In dem Urteil der Strafkammer 1 wurde sestgestellt, pah Beleidigungen aus Grund der §§ 185 und 186 erfolgt sind. Doch ist nicht m ersehen, wie nun die Beleidigungen auf die beiden Gesetzesvorfchriften zu verteilen sind. Die Strafkammer 1 bejaht die Anwendung des § 193: das Oberlandesgericht kann hier nicht mitmachen. Auffällig ist zunächst, daß in den: Urteil Wahrung berechtigter Interessen überhaupt nicht vorkommt. Es fehlt hier an scharfer Definition. Bei der Auslegung dieses Urteils ( ko nun t jeder bedeutende Mensch, der im öffcnttidien Leben steht, iu die Gefahr, verächtlich gemacht und in der öffentlichen Meinung herabgesetzt zu werden. Darin bestehen für die Allgemeinheit große Gefahren; denn

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