Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 17 (23.4.1926)
- Date
- 1926-04-23
- Page
- Seite 228 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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228 deutschen Juden. Das zeigen auch die Eh eschl i eßungszahten in Hessen im Verlauf der Jahre 1911 bis 1924. Es fanden Eheschließungen statt: In den Bei der Bei den Jahren Gesamtbevölkerung Juden 1911—1914 37 861 626 1915—1918 22 689 169 1919—1922 66 897 1140 1923—1924 23 005 293 Tie drei ersten Zeiträume umfassen je vier Jahre, der letzte Zwei Jahre; vergleicht inan die Zahlen der ersten beiden Abschnitte von 1911 bis 1914 und 1915 bis 1918, so sind die Ehen bei der ganzen Bevölkerung Hessens um rund 40 v. H. zu rück ge gangen, in doppelt so starkem Umfange dagegen bei den jüdischen Hessen, eine Erscheinung, die auch für das ganze Deutsche Reich zutrifst und bei allen Betrachtungen über jüdische Bevölterungsvorgänge in Deutschland nicht unbeachtet gelassen werden darf. Zahl der Juden in H e s s e tt (Tabelle zu S. 227.) Abnahme —, Städte n. Provinzen am Geburtenam Zunahme + 1.12.10 geboren gestorb. Überschuß 16.6.25 gegen 1910 Stadt Darmstadt . . 1 998 424 363 61 1 646 — 352 „ Offenbach . . 1 361 515 260 255 1 682 — 079 Aebrig. Starkenburg 5 381 929 1113 — 184 4 666 715 Stadt Gießen ... I 1 035 362 353 9 1 017 18 Aebrig. Obcrhesscn . 5 519 928 1 241 - 313 4 715 — 804 Stadt Mainz .... 2 931 591 705 — 114 2 738 193 „ Worms . . . 1 281 265 253 12 1194 87 Ilebr. Rheinhessen . 3 557 1 265 1672 — 305 2 743 — 812 Zusammen Hessen . 24 063 4 423 5 00,2 — 579 20 401 — 3 662 Evangelische .... 848 004 250 689 190 958 59 731 885 370 -i- 37 266 Katholische ..... 397 549 131190 91 262 39 928 415 685 1 8036 Sonstige ....... 12 435 2 922 2 681 241 25 823 ff- 13 388 Ebenso verössentlichi das badische statistische Landesamt, daß die dortigen Israeliten im Zeitraum der letzten 15 Jahre von 1910 aus 1925 um rund 2000, das sind 7,7 v. H., abgenommen haben, während 31t gleicher Zeit sich die Evangelischen Um 74 000, das sind 9 v. H., und die Katholiken um rund 79 000 oder 6,2 v. H. vermehrt haben. Die größte Abnahme der jüdischen Einwohner ist bisher in dem kleinen ^chaumburg-LiPPe festzustellen, wo sie sich auf 21,7 v. H. gegenüber 1910 stellt, 1925 wurden 50 Israeliten weniger gezählt als 1910. Für diesen auffallend starken Rückgang der jüdischen Bevölkerung in den genannten Gebieten läßt sich eine Anzahl möglicher Gründe angebeu, aber bevor nicht die allgemeinen Zahlen für Deutschland vorliegen, sehen nur von ihrer Erörterung ab. Nur das eine sei hervorgehoben, daß von einer B e^r nt ehr u n g der Jude n i n Deutschland, wie sie in den spalten der völkischen Presse seit Jahren verkündigt wurde, nach beit amLlichen Zahlen wirk-! i ch n i ch t d i e R ed e s e i n k a n n. Dr. Julius Rothholz. Der firme unö öer Zremöling. Wochenbetrachtnng. Gottes ist die Erde und was sie erfüllt, das Erdenrund und seine Bewohner. Er hat dieses Eigentumsrecht seinen Kindern, den Menschensöhnen, abgetreten. So hat jeder Mensch nach Gottesrecht einen Anspruch an dem Boden und an den Gütern dieser Welt. Aber Gott hat den Bleu scheu gerade geschaffen, sie selbst schufen sich alle Krummheiten des Daseins. Die Menschen spalteten sich in Gruppen von Völkern und Staaten. Jede Gruppe nahm ein Stück der Erde für sich. Nur die Eingeborenen hatten ein Recht an dem Lande. Wer Diner anderen Gruppe angehörte, galt als Fremder, war heimatlos, rechtlos, vogelfrei. Aber auch innerhalb der Gruppen bildeten sich Gegensätze von Starken und schwachen, von Neichen und Armen. Gewiß mag diese Entwicklung notwendig gewesen sein, tun im Ringen der Gewalten emporzusteigen, im Kampfe den Fortschritt der Kultur zu fördern. Innerhalb der Völker mußten zuerst einzelne steigen, um die anderen damt mit sich fortzureißen. Das gleiche mußte im Wettstreit der Völker geschehen. Aber die Formen dieses Wettstreites sind bisher roh und niedrig gewesen. Der Fortschritt ist bisher immer über Leichen erfolgt, das Glück der einen wirkte sich aus im Leide der anderen. Die Gruppen der Armen und Fremden seufzten beim Jubel der Reichen und Einheimischen. Wie kann dem abgeholfen werden, wie kann man einen Fortschritt ohne Opfer organisieren, wenn er doch aus den genannten Gegensätzen sich ergibt? Es kann nurmuf dem Wege geschehen, daß man die schwächeren Gruppen nicht nur duldet, ihnen nicht nur aus Liebe und Barmherzigkeit hilft, sondern ihnen Rechte gibt. Es muß ein unbestreitbares Recht der Armen und der Fremden geschaffen werden. Das hatte die jüdische Lehre schon vor Jahrtausenden erkannt. In einem kleinen Ausschnitte zeigt sich uns dies in dem Schriftabschnitt dieser Woche. Der Arme hat ein Recht -am Boden und seinem Ertrag. Dem armen Volksgenossen wird der Fremde gleichgestellt. Der Garant dieses Rechtes ist Gott, der Allmächtige, selbst. Führt uns dieser Gedanke nicht hierin in das schwere Ringen unserer Zeit? Die Unterdrücker der Armen und der Fremden sind die Gleichen, die Verehrer der Macht und Gewalt. Wer für Frieden und Recht kämpft, streitet für den Armen lind Fremden. Mit ihm äst Gott. Hoffmamr. Herr Regierungsrat Haöt, öie Steiger-Affäre unö anderes. Die „Jüdische. Rundschau", das Organ der Zionisten, sieht sich veranlaßt, auf die Taktik, die der Centralverein in der Angelegenheit Steiger aus meine Veranlassung verfolgt hat, nochmals zurück-» Zukommen, und Herr Negierungsrat Badt stellt ihr für ihren Angriff ans mich und auf ben C. B. einen Privatbrief zur Verfügung den er an mich geschrieben hat. Die Briefe, die ich an Herrn Badt geschrieben habe, und die meinen Standpunkt klarstellen, kämmen bemerkenswerterweise nicht zur Veröffentlichung; das entspricht augenscheinlich den Anstandsbegrissen der Herren auf der anderen Seite, die nicht ans dem sonst üblichen Standpunkt stehen: Eines Mannes Rede ist keines Mannes Rede, Man soll sie billig hören alle beede. So nehme denn auch ich nochmals das Wort. Herr Negierungsrat Badt wünscht, mir in der Oefsentlichkeit Feigheit in politischen Angelegenheiten, vielleicht auch nur angeborene Leisetreterei vorzuwerfen. Vor 44 Jahren, als ich noch recht jung war, ging ich nach Tisza- Eszlür in Ungarn, mit an Ort und Stelle den „Blutmordprozeß" zu studieren, der sich an den Tod des Esther Solymosi geknüpft hatte. Ich kann wohl sagen, daß es bei dem Fanatismus der antisemitischen Ungarn in der Redaktion der „Jüdischen Rundschau" und im Preußischen Minsterium des Innern behaglicher sein dürfte als in gottverlassenen ungarischen Nestern mit einer antisemitisch aufgereizten Bevölkerung, und von dort aus rief ich die öffentliche Meinung der großen europäischen Presse gegen die damalige Vergewaltigung der Gerechtigkeit auf. Nicht ohne Erfolg. Und int Jahre 1913 veröffentlichte ich im Falle Justschinski, der sich in Kiew abgespielt hat, „offizielle Dokumente und private Gutachten", um auch dieses sich vorbereitende Justizverbrechen zu ersticken. Natürlich war weder das eine eine Heldentat, noch war das andere eine Heldentat, und ich führe beide Tatsachen nur an, um darzutun, daß ich Scheu vor der Oessentlichkeit nicht gerade empfinde. Freilich bekenne ich mich auch nicht zu den Methoden des Doktor Eisenbart, und ich bin nicht der Ansicht, daß öffentliche Agitation und nochmals Agitation unter allen U nt st ä n den das richtige ist; in dem einen Falle: wohl; in dem anderen: nein. Nun sind die Polen in ihrer Gesamtheit in öffentlichen Angelegenheiten immer äußerst reizb-ar gewesen, und heute doppelt reizbar gegen Deutschland, gegen jede Einwirkung, die von Deutschland aus versucht werden könnte. Eine stärkere Einflußnahme auf den Steiger-Prozeß von Deutschland aus durch Kritik, hätte also nur eine Wirkung haben können: die polnischen Antisemiten Hütten über den Versuch deutscher Einmischung in polnische Justizvorgänge zu donnern begonnen, und dantit wären zweifellos auch jene polnischen Kreise eingeschüchtert worden, die sich vom Antisemitismus sernhalten, und die Wert darauf legen, die Tadellosigkeit Polnischer Rechtspflege vor den Augen der zivilisierten Welt leuchten zu lassen. Peinliche Zurückhaltung war also durchaus geboten; das war auch der Standpunkt, den führende Persönlichkeiten in London und Paris entnahmen, und zu dem sich auch der Centralverein bekannte, mit dent Ergebnis, daß ein Justizmord nicht in Polen verübt wurde, und daß Steiger sreigesprochen worden ist. Herr Regierungsrat Badt und seine zionistischen Freunde sind der Ansicht, daß trotzdeut diese Taktik eine falsche gewesen, und daß. es angebracht ist, wegen Politischen Leisetretens den Eeutralverein und den Schreiber dieser Zeilen öffentlich an den Pranger zu stellen: nicht einmal, sondern immer wieder. Ich empfinde diese Anprangerung keineswegs als beschämend, und es ist doch nicht ganz unmöglich, daß schließlich Herr Regie» rungsrat Badt und die „Jüdische Rundschau" selbst erkennen, wer bei dieser Gelegenheit eigentlich blvßgestellt worden ist: Sie oder der Ccntralverein und ich dazu. Ju ihrer Bescheidenheit fügt dieser Auseinandersetzung die „Jüdische Rundschau" sogleich noch einen Gruß zum 50. Geburtstag für Herrn Dr. Bernhard Kahn hinzu. Dieser Geburtstagsgruß ist durchaus angebracht, tmb der Hilssvereiu der deutschen Juden hat auch seinerseits Dr. Kahn, seinem langjährigen Generalsekretär, eine Adresse voll gerechter und freundlicher Worte gewidmet. Bezeichnend für die „Rundschau" aber ist es, die natürlich auch Dr. Kahn für ihre Bestrebungen mit Beschlag belegt, daß sie folgendes schreibt: „Dr. Bernhard Kahn, einer der ersten im Zionismus, wandtesich, dann später mehr der Gegenwartsarbeit Zn und war lange Jahre him durch Generalsekretär des Hilfsvereins der deutschen Juden. Bis dahin war das Werk des Hilfsvereins ziemlich in der Philanthropie stecken geblieben. Von den großen Zusammenhängen der jüdischen Wanderung mit der Judenfrage überhaupt wußte man nichts und wollte nt an nichts wißen. Es war nicht leicht, in dies Shstem Bresche zu schlagen. Es bleibt das Verdienst von Tr. Bernhard Kahn-, daß ihin diese schwierige Aufgabe gelungen ist." - - Ich bin überzeugt, daß Dr. Kahn diese unwahrhastige Form der Anerkennung recht widerwärtig erscheinen wird; denn er ist ein vornehmer und taktvoller Mensch, tmd wenn leidenschaftliche Betriebsamkeit bei einer Agitationspartei wohl begreiflich ist, so sollte sie doch nicht geübt werden nach dem allzu geschmacklosen Programm: Kaufen Sie nur bei uns; denn nur in unserem Laden ist die echte Ware zu haben. . Dr.-'Paul- Nathan.-..